Stellungnahme des LSVD zum Streit um Q-rage

Die Schülerzeitung Q-rage

Die Schülerzeitung "Q-rage" erscheint einmal im Jahr in Millionenauflage und wird an alle Schulen verbreitet.

Sie wird herausgegeben von "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage". Das ist ein Netzwerk von 500 Schulen, die sich selbst verpflichtet haben, gegen Rassismus und Mobbing vorzugehen.

Das Redaktionsteam besteht aus rund 20 Schülern. Es wird von Profi-Journalisten betreut, die bei der Recherche und beim Schreiben der Texte helfen. Aber den Hauptteil der Arbeit machen die Schüler. Finanziell unterstützt wird die Initiative aus dem EU-Sozialfonds, vom Bundesarbeitsministerium, Bundespresseamt und der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB).

Das Q-rage Heft "Schuljahr 2008-2009“ erschien Ende des vergangenen Jahres mit dem Schwerpunkt "Islam". Es enthält auf Seite 11 den Artikel: "Die evangelikalen Missionare". Der Untertitel des Artikels lautete "In Bremen fand ein Festival junger Christen statt. Unter den feiernden mischten sich Leute, die Homosexualität heilen und Abtreibung verteufeln."

Jedem Zeitungspack lag ein Empfehlungsschreiben des Präsidenten der Bpb Thomas Küger an die Schulen bei. Dort steht unter anderem: "In der Zeitung finden sich interessante Informationen, wie islamistische und evangelikale Gruppen, die wichtige Freiheitsrechte in Frage stellen, Jugendliche umwerben."

Daraus konstruieren evangelikale Funktionäre den Vorwurf, mit Steuergeldern werde Hetze gegen Christen betrieben. Thomas Krüger hat sich inzwischen von dem Text distanziert.



Brief des LSVD an die Mitglieder des Kuratoriums der BpB

Das Kuratorium der BpB wird am 29.01.2009 über den Konflikt um die Schülerzeitung Q-rage beraten. Der LSVD hat allen Kuratoiumsmitgliedren am 26.01.2009 folgenden Brief geschrieben:

Religiöser Fundamentalismus und Homosexuellenfeindlichkeit
Stellungnahme des LSVD zum Streit um Q-rage

Die Kritik am Artikel "Die evangelikalen Missionare“ in der Schülerzeitung  Q-rage“ ist nicht nachvollziehbar. Den beiden jungen Autoren gebührt Lob, denn es ist ihnen gelungen, für die Zielgruppe Schülerinnen und Schüler den Themenkomplex religiöser Fundamentalismus und Homosexuellenfeindlichkeit sowie die daraus für Betroffene und Gesellschaft resultierenden Gefahren anschaulich darzustellen.

Beitrag zur Meinungsbildung

Zudem hat der Artikel hohen Nachrichtenwert, basiert auf umfangreichen Recherchen und Vorarbeiten. Die Sprache ist konzis, ohne schmückendes Beiwerk, die Autoren kommen direkt zur Sache, ohne Umwege. Zwar ergreifen sie Partei, doch es findet kein Missbrauch der Leser oder Protagonisten statt. Es gibt kein gutes oder schlechtes Thema, sondern einen guten oder schlechten Umgang mit einem Thema. Das Thema Machenschaften missionarischer Eiferer wurde hier in sympathischer, angemessener Weise aufgegriffen, entwickelt und zu Ende gebracht. Kurz, ein klassischer Beitrag zur Meinungsbildung. Nicht mehr und nicht weniger.

Umso unverständlicher sind die Reaktionen darauf, die Welle von Protesten, die der Beitrag ausgelöst hat. Spiegel online sprach von einem „Kulturkampf“, einem „Kreuzzug Evangelikaler“ gegen Schüler-Autoren. Und anstatt sich hinter die Autoren zu stellen, bescheinigte die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) ihnen, einseitig und undifferenziert zu schreiben. Wir hätten uns ein ausdrückliches Lob der BpB gewünscht, ein Urteil, in dem es heißt, dass die beiden Schüler ihr Thema mutig und engagiert angepackt haben, dass sie gegen Intoleranz und Diskriminierung Stellung bezogen haben, dass sie in vorbildlicher Weise Probleme aufgezeigt und auf Gefahren für unser demokratisches Gemeinwesen aufmerksam gemacht haben. Stattdessen rudert die BpB zurück und lässt die beiden Schüler im Regen stehen. Nicht Zivilcourage scheint gefragt, sondern Duckmäusertum.

Ursachen von Homophobie erforschen

Die Humanwissenschaften können nicht erklären, auf welche Weise und wodurch es zur Ausprägung der verschiedenen sexuellen Orientierungen kommt. Das wird auch nicht eindeutig geklärt werden können. Das muss es auch nicht, denn Homosexualität ist eine Facette der menschlichen Sexualität und sollte als Natur gegeben akzeptiert werden. Untersucht werden kann hingegen die Homosexuellenfeindlichkeit. Es macht weitaus mehr Sinn, die Ursachen der Homophobie zu erforschen, damit ihnen nachhaltig entgegen gewirkt werden kann.

Die Humanwissenschaftler stimmen darin überein, dass die sexuelle Prägung schon in frühester Kindheit festgelegt wird und dass sie für die Betroffenen unabänderlich ist. Die Betroffenen können zwar ihre sexuelle Orientierung zeitweise unterdrücken, aber dauerhaft ändern können sie sie nicht, eine Änderung kann nicht willentlich herbeigeführt werden. Umpolungsversuche sind schädlich, machen krank und können in den Selbstmord münden.

Warum diskriminieren Evangelikale Lesben und Schwule?

Die evangelikalen Christen sind der Auffassung, dass es nur eine heterosexuelle Orientierung gibt. Alle anderen sexuellen Verhaltensweisen seien Störungen und Fehlentwicklungen, die die Betroffenen mit gutem Willen und Gottes Hilfe überwinden könnten. Diese Auffassung erlaubt es den Evangelikalen, homosexuelle Menschen, die nicht in der Lage sind, ihre "abweichende“ sexuelle Orientierung dauerhaft zu unterdrücken, guten Gewissens zu diskriminieren und aus ihren Gemeinden auszuschließen.

Vor diesem Hintergrund ist auch der Streit um das Seminar des "Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft (DIJG)“ der "Offensive junger Christen“ zu sehen, das auf dem "Christival“ angeboten werden sollte. Nichts anderes ist der Gegenstand des Artikels der beiden Schüler. In der Seminarankündigung hieß es: „Viele Menschen leiden unter ihren homosexuellen Neigungen. Im Seminar geht es um Ursachen und konstruktive Wege heraus aus homosexuellen Empfindungen.“ Solche Seminare bieten auch andere evangelikale Gruppen wie z. B. „Wüstenstrom“ an. Sie zielen darauf ab, den Betroffenen dabei zu helfen, sich in Zukunft nur noch heterosexuell zu verhalten. Wenn das die Betroffenen nicht können oder wollen, wird die „Therapie“ abgebrochen und die Betroffenen werden sich selbst überlassen, selbst wenn sie suizidgefährdet sind.

Problematischer Fundamentalismus

Q-Rage wurde auch vorgeworfen, in der inkriminierten Ausgabe würden Evangelikale und Islamisten gleichgesetzt. Wir meinen, problematisch sind religiöse Fundamentalisten in allen monotheistischen Religionen. Wir beobachten seit Jahren, dass sie immer dann zusammenfinden, wenn es um den Kampf gegen Homosexualität geht. So finden Eiferer gegen Homosexualität auch in internationalen Gremien zusammen, etwa in UN-Gremien, wenn es um die Entkriminalisierung von Homosexualität geht. Dann ist z.B. der Vatikan sich nicht zu schade, mit den ärgsten Verfolgerstaaten der islamischen Welt an einem Strang zu ziehen, um in einer unheiligen Allianz Erklärungen für die Menschenrechte von sexuellen Minderheiten zu Fall zu bringen.

Bundesregierung: Konversionstherapien sind Pseudo-Wissenschaft

Die Bundesregierung hat klar gestellt, dass Homosexualität weder einer Therapie bedarf, noch dass Homosexualität einer Therapie zugänglich ist. „(…) Homosexualität wird seit über 20 Jahren von der überwiegenden Mehrheit der Wissenschaftler aus Psychiatrie, Psychotherapie und Psychologie nicht als psychische Erkrankung angesehen. Dementsprechend wurde die Homosexualität bereits im Jahre 1974 von der amerikanischen Psychiatervereinigung (APA) aus ihrem Diagnoseklassifikationssystem „Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen“ (DSM) und im Jahre 1992 aus dem Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation (Internationale Klassifikation der Krankheiten, ICD) gestrichen. In der psychiatrisch-psychotherapeutischen Fachwelt hat sich seither die Position durchgesetzt, dass die früher weit verbreitete psychoanalytische Auffassung von Homosexualität als pathologisch zu beurteilender Störung der psychosexuellen Entwicklung durch empirische Daten nicht gestützt wird.

Die vor allem in den 60er und 70er Jahren häufig angebotenen so genannten „Konversions“- oder „Reparations“-Therapien, die auf eine Änderung von gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten oder der homosexuellen Orientierung abzielten, werden heute in der Fachwelt weitestgehend abgelehnt. Dies gründet sich auf die Ergebnisse neuerer wissenschaftlicher Untersuchungen, nach denen bei der Mehrzahl der so therapierten Personen negative und schädliche Effekte (z. B. Ängste, soziale Isolation, Depressionen bis hin zu Suizidalität) auftraten und die versprochenen Aussichten auf „Heilung“ enttäuscht wurden.

Für therapeutische Hilfen aus dem Bereich der so genannten affirmativen Therapien konnte dagegen ein Nutzen im Sinne einer geringeren Anfälligkeit bezüglich psychischer Erkrankungen nachgewiesen werden. Bei diesem Ansatz geht es um die unterstützende therapeutische Begleitung der Entwicklung der sexuellen Identität, die Integration der sexuellen Orientierung in das Selbstbild und die Stärkung des Selbstwertgefühls des Klienten. Wenn so genannte Konversionstherapien durch Organisationen oder Gruppierungen angeboten und beworben werden, so können hier unterschiedliche, meist religiöse oder weltanschauliche Motive eine Rolle spielen, die sich einem empirisch-wissenschaftlichen Ansatz entziehen.“ (Bundestags-Drucksache 16/8022 vom 12.02.2008)

Gesellschaftliche Debatte anstoßen

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Die BpB sollte den Streit um den Artikel „Die evangelikalen Missionare“ in „Q-rage“ zum Anlass nehmen, eine gesellschaftliche Debatte anzustoßen über Hetero- und Homosexualität, über die unterschiedlichen Auffassungen der Humanwissenschaften und religiöser Gruppen, über Ursachen und Bekämpfung von Homophobie. Bei der Antihomophobiearbeit geht es wie beim Eintreten gegen Rassismus und Antisemitismus um das Thema Respekt gegenüber Minderheiten. Und wie mit Minderheiten in einer Gesellschaft umgegangen wird, das ist für alle Mitglieder des Gemeinwesens von Belang.

Klaus Jetz, Geschäftsführer

 

 

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