Suche:  
  
|   Sitemap   |   Newsletter  |   Kontakt  |   Impressum
zur Startseite  
 

Offener Brief zum 6. Internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge

26. März 2009

An

- Oberbürgermeister der Stadt Marburg
- Präsident der Philipps-Universität Marburg
- Dekan des Fachbereichs Psychologie der Philipps-Universität Marburg

 

Sehr geehrter Herr .…......,

der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) hat mit großer Besorgnis erfahren, dass auf dem „6. Internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge“ vom 20.-24.05.2009 in der „Stadthalle und Universität“ von Marburg Referenten auftreten werden, die Homosexuelle zu Heterosexuellen „verändern“ wollen.

Die Kongressbezeichnung suggeriert, dass es sich um einen wissenschaftlichen Kongress handelt, der in den Räumen der Universität Marburg stattfindet und dass die Referenten über wissenschaftlich anerkannte Therapiekonzepte referieren werden. Die Einladung richtet sich an Personen, die „psychotherapeutisch oder seelsorgerlich tätig sind, ebenso Studierende entsprechender Fachrichtungen“.

Diesem Anspruch werden die auf dem Kongress angebotenen Seminare von Markus Hoffmann von der Organisation „Wüstenstrom e.V“. und von Christl Ruth Vonholdt vom „Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG)“ nicht gerecht: Die Seminare tragen den Titel: „Reifung in der Identität als Frau und als Mann“ bzw. „Weibliche Identitätsentwicklung und mögliche Probleme“. Die Veranstalterin des Kongresses, die „Akademie für Psychotherapie und Seelsorge e.V.“ in Frankenberg unterstützt solche Angebote auch sonst. So bewirbt sie zum Beispiel auf Ihrer Webseite ein „gemeinsames Angebot“ von Weißes Kreuz und Wüstenstrom: „Dreijährige Fortbildung im Bereich Sexualität-Identität-Beziehung“.

Organisationen wie „Wüstenstrom“ oder das „Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft“ wenden sich mit Nachdruck gegen alle Thesen "vom homosexuellen Menschen als Gattung" mit einer angeborenen „sexuellen Natur“ bzw. von einer unveränderbaren sexuellen Identität. Sie vertreten die Auffassung, dass jede Form der Sexualität etwas Gewordenes, hoch Flexibles und Veränderbares sei, also etwas, das Motiven folgt und der zwischenmenschlichen Aushandlung unterliegt. Sie bieten demgemäß „Menschen, die ihre (homo-) sexuellen Phantasien und Handlungen zur Ich-Stabilisierung verwenden, Hilfen an zur Veränderung ihres Beziehungs- und Selbsterlebens, mit dem Ziel, dass die sexuelle Inszenierung zur Ich-Stabilisierung überflüssig werden könnte."

Die Organisationen betonen zwar, dass ratsuchende Menschen von ihrer Organisation ergebnisoffen beraten werden, und verwahren sich dagegen, "dass der christliche Hintergrund unserer Mitarbeiter und persönliche ethische Entscheidungen in deren Lebensentwürfen automatisch zur Unterdrückung und Diskriminierung von homosexuellen Gefühlen bei Ratsuchenden führen müssen". Andererseits polemisieren sie aber gegen "Fachpersonen", die sich für affirmative (sexuelle Orientierung bestätigende) Therapien einsetzen und die der Meinung sind, dass jede sexuelle Orientierung „gleich natürlich“ und damit per se „gut“ ist.

Besonders problematisch ist, dass Probanden, die nicht in der Lage oder nicht bereit sind, ihre homosexuelle Orientierung zu unterdrücken, fallen gelassen werden und keinerlei Unterstützung mehr erfahren. 2008 berichtete der SWR (Videos und Hintergründe auf www.gaynial.net) über ehemalige Klienten von Wüstenstrom, die nach fragwürdigen jahrelangen sowie kostenintensiven „Beratungen“, diese suizidgefährdet abbrechen mussten. Betroffene wurde nach den SWR-Beiträgen hinterher gezielt bedroht, um sie mundtot zu machen. Die Bundesregierung hat zu diesen Organisationen festgestellt (Bundestags-Drucksache 16/8022 vom 12.02.2008):

„Die vor allem in den 60er und 70er Jahren häufig angebotenen so genannten „Konversions“- oder „Reparations“-Therapien, die auf eine Änderung von gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten oder der homosexuellen Orientierung abzielten, werden heute in der Fachwelt weitestgehend abgelehnt. Dies gründet sich auf die Ergebnisse neuerer wissenschaftlicher Untersuchungen, nach denen bei der Mehrzahl der so therapierten Personen negative und schädliche Effekte (z. B. Ängste, soziale Isolation, Depressionen bis hin zu Suizidalität) auftraten und die versprochenen Aussichten auf „Heilung“ enttäuscht wurden.

Für therapeutische Hilfen aus dem Bereich der so genannten affirmativen Therapien konnte dagegen ein Nutzen im Sinne einer geringeren Anfälligkeit bezüglich psychischer Erkrankungen nachgewiesen werden. Bei diesem Ansatz geht es um die unterstützende therapeutische Begleitung der Entwicklung der sexuellen Identität, die Integration der sexuellen Orientierung in das Selbstbild und die Stärkung des Selbstwertgefühls des Klienten.

Wenn so genannte Konversionstherapien durch Organisationen oder Gruppierungen angeboten und beworben werden, so können hier unterschiedliche, meist religiöse oder weltanschauliche Motive eine Rolle spielen, die sich einem empirisch-wissenschaftlichen Ansatz entziehen.“

Die „Akademie für Psychotherapie und Seelsorge e.V.“  hat auch den internationalen Kongress „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ im Oktober 2007 in Graz als „Kooperationspartner “ mit organisiert. Dort wollte Markus Hoffmann ebenfalls ein „Umpolungsseminar“ anbieten. Die Ankündigung hat so viele Proteste ausgelöst, dass die Veranstalter sich gezwungen sahen, das Seminar abzusetzen (siehe dazu den anliegenden Beitrag der österreichischen Wochenzeitung Profil vom 10.09.2007, S. 26 ff.). Genauso erging es Frau Vonholdt mit dem Versuch, auf dem Christival 2008 in Bremen ein „Umpolungsseminar“ anzubieten:

Auch die katholische Kirche distanziert sich von diskriminierenden Homoheilungsangeboten. Der Vatikan hat vor Kurzem die Ernennung eines Weihbischofs rückgängig gemacht, weil dessen Äußerung, Homosexualität sei eine Krankheit und können geheilt werden, weltweit Proteste ausgelöst hatte. Ein österreichischer Bischof, der sich zustimmend zu der Äußerung des designierten Weihbischofs geäußert hatte, hat eingeräumt, er sei von einem offenkundig nicht mehr letztaktuellen wissenschaftlichen Stand der Literatur ausgegangen.

Man kann dem Programm des Kongresses zwar ablesen, dass dort divergierende Meinungen und Positionen zu Wort kommen sollen. Wir sind aber der Meinung, dass es verfehlt ist, zu dem Kongress auch Vertreter von Ansichten und Therapieformen einzuladen, die für die Probanden höchst problematisch und schädlich sind. Das beschädigt den guten Ruf der Universität und der Stadt Marburg sowie der fachärztlichen Organisatoren. Die Universität und die Stadt Marburg sollten wie die Universität Graz deutlich machen, dass sie solche pseudowissenschaftlichen Angebote nicht unterstützen.

Mit freundlichen Grüßen

 

Anlage: Artikel aus der Zeitschrift „Profil“ vom 10.09.2007



Siehe auch:

 
 

Mitglied werden             eMail an Webmaster             Druckversion dieser Seite                Seite weiterempfehlen

 
  © Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) e.V.