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Frankfurter Rundschau vom 06. März 2002

Papa und Mama sind zwei Männer

Eine familienwissenschaftliche Erhebung über Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften

Von Bernd Eggen

Wie wachsen Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften auf? Wie wirkt sich diese Konstellation auf die soziale Identitätsentwicklung aus? Bernd Eggen von der familienwissenschaftlichen Forschungsstelle des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg hat erstmals für Deutschland Material darüber zusammengetragen: Demnach leben mindestens 8300 Kinder mit homosexuellen Elternpaaren zusammen. Und zwar unspektakulär traditionell, wenn es um Werthaltungen in Erziehung, Haushalt und Berufsrollen geht. Die FR dokumentiert leicht gekürzt den Beitrag, der in der Zeitschrift des Statistisches Landesamtes "Wort und Zahl", Heft 2/2002, erscheint.

Über gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit Kindern gehen die Meinungen in der Öffentlichkeit sehr auseinander. Gleichzeitig weiß man in Deutschland sehr wenig über die Situation der Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Es fehlt bereits an grundlegenden statistischen Informationen. Der Mikrozensus weist zwar für 2000 rund 8300 Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften aus, aber ansonsten bleibt die Datenlage äußerst dürftig. Die wenigen Statistiken deuten dennoch darauf hin, dass die Kinder in vielfältigen sozialstrukturellen Verhältnissen leben und sich darin nicht von Kindern aus heterosexuellen nichtehelichen und ehelichen Lebensgemeinschaften unterscheiden.
 

I. Zwei Mamas, zwei Papas - gute Eltern?

Kinder mit zwei Mamas oder zwei Papas, ja manchmal sogar und zwei Papas sind Familien, die sich wohl viele in unserer Gesellschaft noch immer kaum vorstellen können. Zu ihnen gehören selbst diejenigen, die ansonsten gegenüber der Homosexualität und rechtlichen Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften offen sind, zu ihnen gehörten bislang sogar die meisten Homosexuellen. Andererseits löst vermutlich keine andere private Lebensform solche heftigen Emotionen und ideologisch begründeten Diskussionen aus wie gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit Kindern. (. . .) Immerhin stehen tief sitzende Überzeugungen unserer Kultur zur Diskussion und damit zur Disposition; es sind kulturelle Gewissheiten über Geschlecht, Sexualität, Ehe und Elternschaft. Im Kern des Streites stehen die persönlichen Entwicklungen des Kindes und die Eigenschaften der Eltern.

Die einen wehren sich gegen die rechtliche Angleichung bei Heirat, elterlicher Sorge, Adoption und Pflegschaft, weil sie vor allem um das Wohl der Kinder fürchten. In ihren Augen brauchen Kinder für ihre Entwicklung eine Mutter und einen Vater, die miteinander verheiratet sind. Bereits die "Vaterlosigkeit" der Kinder, die von ihren Müttern allein erzogen werden, betrachten sie als problematisch für die Entwicklung des Kindes. Erst recht stellten homosexuell orientierte Eltern eine unverhältnismäßig hohe Gefahr für das Kind dar. Homosexualität wird dabei häufig als Krankheit oder Sünde begriffen. Kinder von homosexuell orientierten Eltern hätten deshalb zum einen Schwierigkeiten mit der Entwicklung ihrer sexuellen Identität, welche Aspekte wie Geschlechtsidentität, Geschlechtsrollenverhalten sowie sexuelle Orientierung umfasst. Es sei daher auch wahrscheinlicher, dass die Kinder selbst homosexuell werden. Zum anderen bestünde die erhöhte Gefahr psychischer Instabilität mit entsprechenden Verhaltens- und Entwicklungsstörungen. Darüber hinaus hätten sie Probleme in sozialen Beziehungen; besonders wären sie der Stigmatisierung durch gleichaltrige Freunde ausgesetzt. Die Eigenschaften der Eltern werden ebenso skeptisch beurteilt. Sie gelten als grundsätzlich unfähig, Eltern sein zu können. Sie wären eher psychisch labil als heterosexuell orientierte Eltern, und ihr Erziehungs- und Partnerschaftsverhalten wäre alles andere als vorteilhaft für die Entwicklung des Kindes. Man unterstellt Promiskuität der Eltern und befürchtet, dass vor allem homosexuelle Väter ihre Kinder sexuell belästigen und missbrauchen.

Ausgenommen der möglichen Stigmatisierung durch die soziale Umwelt der Eltern und Kinder fehlt jedoch allen diesen Behauptungen und Befürchtungen jegliche wissenschaftliche Grundlage. Sowohl die American Psychological Association als auch die American Sociological Association werfen vorliegenden Studien aus diesem ideologischen Kontext unlauteres Arbeiten vor.

Allerdings bewegen sich nicht nur die Gegner einer rechtlichen Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften und Verfechter scheinbar traditionaler Familienwerte auf ideologischem Glatteis. Auch bei den Befürwortern der rechtlichen Gleichstellung trüben persönliche Weltanschauungen die wissenschaftliche Argumentation. Bis auf wenige Ausnahmen nehmen die Studien eine defensive Haltung ein. Sie akzeptieren heterosexuelle Elternschaft als goldene Latte und untersuchen, ob homosexuell orientierte Eltern und ihre Kinder diese reißen oder toppen, und Letzteres ja möglichst deutlich. Deshalb kommen die meisten Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass es keine Unterschiede gäbe, und wenn es Unterschiede gibt, dann stets in der Ausprägung: homosexuelle Mütter und Väter wären die besseren Eltern. Dieses hierarchische Forschungsdesign impliziert nach Stacey und Biblarz, dass Unterschiede grundsätzlich auf Defizite verweisen und nicht auf eine familiale Vielfalt moderner Gesellschaften. (. . .)

Neben den ideologischen Überzeugungen, die in Design, Durchführung und Interpretation der Studien einfließen können, weisen fast alle Studien weitere methodische und theoretische Schwächen auf. So ist der Ursprung einzelner Statistiken über die Verbreitung homosexueller Lebensformen mit und ohne Kinder unbekannt, oder die oft nicht zufällige Auswahl und der meist geringe Umfang der Stichproben schränken die Zuverlässigkeit der Ergebnisse ein. Ein grundsätzliches theoretisches Problem vieler Studien ist ihre unzureichende Operationalisierung dessen, was sexuelle Orientierung in ihrer Vieldeutigkeit, Veränderlichkeit und Vielfältigkeit bezeichnet. Zudem vernachlässigen nach Stacey und Biblarz die meisten Studien die besonderen historischen Bedingungen, unter denen Kinder bei gleichgeschlechtlich orientierten Eltern leben. Denn die Eltern gehören zumeist einer Übergangsgeneration von homosexuell orientierten Frauen und Männern an. Sie wurden Eltern in einer heterosexuellen ehelichen oder nichtehelichen Beziehung, die aufgelöst wurde, bevor oder nachdem sie sich zu einer homosexuellen Identität bekannten. Die einzigartigen historischen Bedingungen verhindern es, dass nicht eindeutig unterschieden werden kann zwischen dem Einfluss der sexuellen Orientierung der Eltern auf das Kind und dem Einfluss solcher Faktoren wie Trennung, Scheidung, neuer Partner, das Verleugnen und der lange, oft konfliktbeladene Weg des Coming-out oder soziale Folgen der Stigmatisierung. Denn im Zuge einer weiteren sozialen Gleichstellung dürften künftig seltener Kinder homosexueller Eltern aus heterosexuellen ehelichen Partnerschaften stammen, die vornehmlich auf Grund sozialer Erwünschtheit zu Stande kamen.

Stacey und Biblarz haben unter Beachtung dieser ideologischen, methodischen und theoretischen Einschränkungen 21 Studien über Auswirkungen homosexueller Lebensweisen der Eltern auf Kinder reanalysiert. Sie kommen im Wesentlichen zu folgenden Ergebnissen:
 

1.Hinsichtlich möglicher Verhaltens- und Entwicklungsstörungen auf Grund der sexuellen Orientierung der Eltern gibt es keine Unterschiede zwischen Kindern in gleichgeschlechtlichen und verschiedengeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Beispielsweise sind Kinder und Jugendliche homosexueller Eltern genauso oft heterosexuell orientiert wie Kinder heterosexueller Eltern. Homosexuelle Eltern zeigen in keiner Weise häufiger Verhaltensstörungen als heterosexuelle Eltern.

2.Nicht die sexuelle Orientierung, sondern das Geschlecht homosexueller Eltern scheint auf Einstellungen und Verhalten von Kindern zu wirken. So weisen wohl vor allem Kinder, die in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften von zwei Frauen heranwachsen, seltener ein geschlechtstypisches Rollenverhalten auf als Kinder heterosexueller Eltern.

3.Gleichwohl unterliegen Kinder homosexueller Mütter und Väter Diskriminierungen und Stigmatisierungen durch ihre soziale Umwelt, die Einstellungen und Verhalten der Kinder beeinflussen können. Hierzu gehören die familienrechtlichen und politisch-rhetorischen Diskriminierungen ebenso wie die Stigmatisierungen etwa durch Peergroups. Es gibt empirische Hinweise darauf, dass Kinder homosexueller Eltern unter diesen Diskriminierungen und Stigmatisierungen leiden. Um deshalb nicht selbst als homosexuell zu gelten, scheinen besonders Kinder in der Pubertät die Homosexualität ihrer Eltern gegenüber Gleichaltrigen zu verbergen oder es zu missbilligen, wenn die Eltern ihre sexuelle Orientierung in der Öffentlichkeit zeigen. (. . .)

4.Bemerkenswert ist zudem, dass Kinder, die von gleichgeschlechtlich orientierten Eltern erzogen werden, wohl eher offener sind gegenüber Homosexualität und möglichen eigenen homosexuellen Erfahrungen als andere Kinder, ohne deshalb selbst homosexuell zu sein. Grundsätzlich scheinen sie ihre sexuelle Orientierung reflektierter zu erleben. Gleichwohl schränken die Autoren ihre These insofern ein, als sich in dieser Einstellung zum Teil auch Kontexteffekte zeigen könnten. Homosexuelle Eltern in den USA leben überdurchschnittlich oft in Großstädten oder Universitätsstädten, ihre Kinder wachsen in einem vergleichsweise toleranten Milieu auf, welches seltener homophobische Einstellungen hegt.

Was bleibt nun nach dem derzeitigen Forschungsstand über Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften?

1.Die Betonung der Unterschiedslosigkeit von Kindern aus homo- und heterosexuellen Familien dürfte auf lange Sicht an der Realität vorbeigehen und auch politisch in die Irre führen. Denn Kinder, die in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften heranwachsen, können sich anders entwickeln und anders verhalten als Kinder heterosexuell orientierter Eltern.

2.Diese möglichen Unterschiede in der Entwicklung und im Verhalten sind zunächst schlichtweg nur Unterschiede und keine Defizite. Es sind Unterschiede etwa auf Grund sozialer Vorurteile, politischer Unterlassungen oder nur solche Unterschiede, die nach Stacey und Biblarz eine moderne, demokratische Gesellschaft auch bei anderen respektiert und schützt.

3.Die Datenlage über Kinder und Elternschaft im Zusammenhang mit gleichgeschlechtlichen Lebensweisen ist sehr dürftig. Es fehlt bereits an grundlegenden statistischen Informationen, und das nicht nur in den USA, aus denen die meisten Studien zu diesem Thema kommen, sondern erst recht in Deutschland. So weiß man auch hier nicht, wie viele Kinder homosexuelle Eltern haben, wie viele von den Kindern bei ihnen leben und in welchen Familienformen.

Das Folgende will versuchen, mit den Möglichkeiten des Mikrozensus zum ersten Mal für Deutschland sozialstrukturelle Lagen von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften zu beschreiben und - soweit wie sinnvoll - sie mit jenen von Kindern aus heterosexuellen nichtehelichen und ehelichen Lebensgemeinschaften zu vergleichen.
 

II. Seltene Familienform für Kinder, aber ähnliche sozialstrukturelle Vielfalt wie andere Familienformen

Laut Mikrozensus, der europaweit größten repräsentativen Bevölkerungsstichprobe, bezeichneten sich in Deutschland 2000 rund 47 000 zusammenwohnende Paare als gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften. Dies sind etwas mehr als in den vorangegangenen Jahren, als die Zahl zwischen 38 000 (1996) und 44 000 (1998) schwankte, 1999 waren es 41 400. Demgegenüber stehen 19,5 Millionen eheliche Lebensgemeinschaften und 2,1 Millionen nichteheliche Lebensgemeinschaften mit verschiedengeschlechtlichen Partnern. Damit sind 0,2 Prozent der Paargemeinschaften bzw. 2 von 1000 Paargemeinschaften homosexuell. Die Zahl der gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften dürfte mit Blick auf ihre mögliche Verbreitung eine Untergrenze darstellen. Nach Schätzungen der amtlichen Statistik müsste es in Deutschland etwa 146 000 gleichgeschlechtlich orientierte zusammenwohnende Partnerschaften geben, also fast dreimal so viele, wie sich in der Befragung offen bekannten.

In jeder achten der 47 000 Paare lebten Kinder, in jeder zehnten minderjährige Kinder. Lebensgemeinschaften mit zwei Frauen und Kindern sind wahrscheinlicher als Lebensgemeinschaften mit zwei Männern und Kindern. Insgesamt sind es rund 8300 Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Seit 1996 schwankt diese Zahl zwischen 7000 und 10 000 Kindern. In Deutschland dürften jedoch wesentlich mehr Kinder bei gleichgeschlechtlich orientierten Eltern leben. Bei der vorliegenden Statistik bleiben die Kinder unberücksichtigt, deren Eltern sich dem Interviewer gegenüber nicht als gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft zu erkennen gaben. Es fehlen zudem die Kinder, die mit ihrer homosexuellen Mutter oder ihrem homosexuellen Vater allein wohnen, also die Kinder von allein Erziehenden. Und es fehlen die Kinder von homosexuell orientierten Eltern, die weiterhin in einer heterosexuellen ehelichen oder nichtehelichen Lebensgemeinschaft leben. Wer diese Sachverhalte und die obige Schätzung berücksichtigt, dürfte auf eine Zahl kommen von schätzungsweise 25 000 Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften.

Ungeachtet der tatsächlichen Zahl gibt es vergleichsweise nur sehr wenige Kinder, die in einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft heranwachsen. Von den rund 21 Millionen Kindern in Deutschland sind es deutlich weniger als ein halbes Prozent. Die häufigste Familienform der Kinder bleibt die, in der die Eltern verschiedenen Geschlechts und miteinander verheiratet sind.

Acht von zehn Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften sind unter 18 Jahre, drei von vier sind 14 Jahre und jünger. Damit ähnelt die Altersstruktur der Kinder der von Kindern aus heterosexuellen nichtehelichen Lebensgemeinschaften. Dagegen sind Kinder mit ehelich zusammenlebenden Eltern im Schnitt älter und häufiger bereits volljährig. Mehr als die Hälfte der Kinder homosexueller Paare hat ein oder mehr Geschwister, die auch in der Lebensgemeinschaft leben. Sie haben etwas häufiger Geschwister als Kinder heterosexueller nichtehelicher Paare und etwas seltener als Kinder heterosexueller ehelicher Paare.

Die relativ junge Altersstruktur der Kinder gleichgeschlechtlicher Paare zeigt sich auch am Schulbesuch. Rund zwei Drittel von ihnen gehen zur Schule. Sie sind somit etwas häufiger Schüler als Kinder heterosexueller Paare und sie besuchen eher noch die Grundschule, also die 1. bis 4. Klasse.
 

III. Die meisten Eltern lebten in einer Ehe

Woher kommen die Kinder? Aus den Daten des Mikrozensus lässt sich nicht lesen, wodurch die Elternschaft der Kinder begründet worden ist - durch Insemination, Adoption, Pflegschaft oder eine heterosexuelle Beziehung des einen Elternteils. Ebenso bleibt im Unklaren das Ausmaß biologischer und sozialer Elternschaft. Alle verfügbaren Studien berichten, dass die meisten Kinder aus vorangegangenen heterosexuellen und zumeist ehelichen Beziehungen stammen. Auch in Deutschland haben fast zwei Drittel der Kinder bei homosexuellen Paaren einen nichtledigen Elternteil. Die Mutter oder der Vater des Kindes ist geschieden, verwitwet oder verheiratet, aber wohnt nicht mehr bei seinem einstigen Ehepartner. So lebt nur eine Minderheit der Kinder in Lebensgemeinschaften, in denen beide Partner ledig sind. Kinder aus heterosexuellen nichtehelichen Lebensgemeinschaften leben hingegen häufiger mit ledigen Eltern zusammen; es ist jedes zweite Kind. Dies bedeutet auch, dass viele der Kinder homosexueller Eltern Trennungen und Scheidungen ihrer Eltern miterlebt haben dürften. Und anders als bei Kindern heterosexueller Partner kommt neben diesen bereits oft problematischen Erfahrungen noch das nicht selten mit Krisen und Konflikten beladene Coming-out des einen Elternteils hinzu, bei dem das Kind jetzt heranwächst. Ist beispielsweise die sexuelle Orientierung der Eltern während der Scheidung bekannt, so besteht die Gefahr, dass homosexuellen Müttern und erst recht homosexuellen Vätern das Sorgerecht nicht zuerkannt wird. In Deutschland leben Kinder sowohl bei homosexuellen Müttern als auch bei homosexuellen Vätern. Allerdings wachsen sechs von zehn Kindern in Lebensgemeinschaften mit zwei Frauen heran.
 

IV. Leben in der Kleinstadt mit jüngeren Eltern mit höherem Bildungsniveau

Nach den verschiedenen Studien leben die Kinder eher in größeren Städten, sind die Eltern eher schon älter und besitzen vergleichsweise oft einen höheren Bildungsabschluss. Für diese Ergebnisse können jedoch sowohl Stichproben- als auch kumulative Kontexteffekte ausschlaggebend sein, etwa, dass Personen mit höherer Bildung eher in großstädtischen Milieus wohnen, sich wahrscheinlicher zu ihrer sexuellen Identität offen bekennen und in Lebensgemeinschaften leben, in denen die Verantwortung für die Erziehung von Kindern nicht nur übernommen wird, sondern auch im "Schutz" dieser Milieus übernommen werden kann.

In Deutschland wohnen Kinder homosexueller Paare überwiegend in Gemeinden bis 50 000 Einwohnern, also in kleineren Gemeinden. Sie unterscheiden sich in dieser Hinsicht kaum von Kindern heterosexueller Paare. Die Kinder verheirateter Eltern leben etwas häufiger in kleineren Gemeinden und etwas seltener in größeren Städten.

Die Kinder gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften haben Eltern, die im Schnitt Mitte dreißig sind. Durchschnittlich Mitte dreißig sind auch die Eltern von Kindern in heterosexuellen nichtehelichen Lebensgemeinschaften. Deutlich älter sind jedoch verheiratete und zusammenlebende Eltern. Sie sind im Schnitt 42 Jahre alt.

Das Bildungsniveau der homosexuellen Eltern gleicht dem heterosexueller Eltern in nichtehelichen Lebensgemeinschaften. Kinder in diesen Lebensgemeinschaften haben damit eher Eltern, die im Mittel über einen höheren Schulabschluss verfügen als Kinder verheirateter Eltern.
 

V. Kindererziehung, Haushalt, Beruf - unterschiedliche Aufgabenverteilung?

Gleichgeschlechtliche Partner mit Kindern scheinen die Organisation von Beruf und Haushalt zeitlich und sachlich gleicher zu verteilen als verschiedengeschlechtliche Partner. Die Partner nehmen die Aufgaben flexibler entlang persönlicher Präferenzen als starr nach geschlechtsspezifischen Mustern wahr. Dies gilt wohl auch weitgehend für die Erziehung der Kinder. Allerdings gibt es auch empirische Hinweise auf mehr "traditionale" Muster der Art, dass in Lebensgemeinschaften mit minderjährigen Kindern der zumeist biologische Elternteil überwiegend die Erziehung des Kindes und Aufgaben im Haushalt übernimmt und der andere Partner vor allem erwerbstätig ist.

Wie weit geht die Selbstdefinition als soziale Mutter oder sozialer Vater, wie verbreitet ist eine gemeinsame und gleichermaßen verteilte Erziehungsverantwortung bei homosexuellen Paaren mit Kindern? Was die amtliche Statistik zur Beantwortung dieser Fragen bislang beitragen kann, sind allenfalls gewisse Vorarbeiten. So fällt auf, dass neun von zehn Kindern eindeutig einem der Partner oder Partnerinnen zugeschrieben werden, und damit genauso oft wie in heterosexuellen nichtehelichen Lebensgemeinschaften. Nur in Lebensgemeinschaften mit zwei Frauen gibt es eine nennenswerte Zahl von Kindern, die nicht eindeutig einer Partnerin zugeschrieben werden können. Mit anderen Worten: In den meisten gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften dürfte die Erziehung unterschiedlich auf die Partner verteilt sein. So dürfte der biologische Elternteil auch wesentlich die Erziehung des Kindes verantworten.

Betrachtet man nun das Erwerbsverhalten der Partner und Partnerinnen gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften, so ist wohl auch dort die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sehr unterschiedlich verwirklicht. Die meisten Kinder haben Eltern, die beide erwerbstätig sind. Allerdings wächst auch etwa ein Drittel der Kinder in Familien heran, in denen nur ein Elternteil erwerbstätig ist. Diese unterschiedliche Aufgabenwahrnehmung ist in Familien homosexueller Mütter ebenso zu beobachten wie in Familien homosexueller Väter. Und hier unterscheiden sich doch homosexuell orientierte Eltern von heterosexuell orientierten Eltern. Denn in ehelichen, aber auch in nichtehelichen heterosexuellen Lebensgemeinschaften ist, wenn nur einer erwerbstätig ist, es überwiegend der Vater, also der Mann.
 

VI. Eingetragene Partnerschaften mit Kindern

In Deutschland können sich seit dem 1. August 2001 gleichgeschlechtliche Paare ihre Partnerschaft durch gemeinsame Erklärung vor der "zuständigen Behörde" registrieren lassen. Aussagekräftige Statistiken über die Anzahl eingetragener Partnerschaften ohne und mit Kindern liegen noch nicht vor. So kann etwa noch nicht die Frage beantwortet werden, inwieweit gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern das familienrechtliche Institut "Lebenspartnerschaft" nutzen, um ihre Lebensform gesellschaftlich anzuerkennen und ihre Kinder sozial angemessener abzusichern. Schaut man sich in europäischen Staaten um, wo die Registrierung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften schon länger möglich ist, so liefern allein Norwegen und Dänemark erste Informationen über registrierte Partnerschaften mit Kindern. Was lässt sich aus diesen groben Daten lesen?

Der Anteil registrierter Partnerschaften mit Kindern an allen registrierten Partnerschaften ist in den beiden Staaten unterschiedlich groß. In Norwegen liegt er bei knapp 5 Prozent (1. Januar 2000), in Dänemark bei rund 9 Prozent (1. Januar 2000) bzw. 11 Prozent (1. Januar 2001). Allerdings steigt dieser Anteil in beiden Staaten. Besonders deutlich ist dies für Dänemark zu beobachten: 1990 hatten erst rund 3 Prozent der registrierten Paare Kinder, 2001 waren es bereits 11 Prozent. Von den 220 Paaren mit Kindern im Jahr 2001 hatten 60 Prozent ein Kind, 30 Prozent zwei Kinder und 10 Prozent drei oder vier Kinder.

Die Zahlen für Dänemark belegen, dass immer mehr Kinder in einer Lebensgemeinschaft wie der eingetragenen Partnerschaft aufwachsen: 1990 waren es erst 11 Kinder, 2001 bereits 331 Kinder. Damit einher geht auch, dass immer mehr Kinder mit Geschwistern zusammenleben.

Der Anteil registrierter Partnerschaften mit Kindern und die Zahl der Kinder in diesen Lebensgemeinschaften dürfte wesentlich mit davon abhängen, wie weit vorhandene familienrechtliche Regelungen, besonders im Kindschaftsrecht, sich auf die registrierten Partnerschaften erstrecken. Dies zeigt gerade Dänemark. Der Gesetzgeber hat dort 1999 die Stiefkindadoption für registrierte Partner eingeführt. Seitdem ist ein deutlicher Zuwachs an registrierten Partnerschaften mit Kindern zu verzeichnen.
 

VII. Zur Abwesenheit von Vorurteilen

So dürftig die Datenlage über die Situation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften auch ist, zeigen dennoch die wenigen vorhandenen Daten, dass die Kinder in sozialstrukturell doch sehr unterschiedlichen Verhältnissen leben. In dieser Vielfalt gleichen Kinder homosexuell orientierter Eltern anderen Kindern. Was sie aber unterscheidet und nicht durch die amtliche Statistik beschrieben werden kann, sind die besonderen Bedingungen wie Diskriminierungen und Stigmatisierungen, die das Wohl der Kinder beeinträchtigen können. Auch auf die Gefahr hin, dass einem die Abwesenheit von Vorurteilen bereits als Sympathie für eine bestimmte Lebensform ausgelegt wird, wenn also nicht erkannt wird, dass wissenschaftlich wichtig nicht gleichbedeutend sein muss mit gesellschaftlich wertvoll, gut oder nicht gut, so sei trotzdem auf eine klassische Paradoxie hingewiesen, dass diejenigen, die das Wohl der Kinder besonders im Blick haben, dieses durch ihr Verhalten am ehesten gefährden.

Hinweis: Die Studie von Stacey und Biblarz findet Ihr unter der URL: http://www.asanet.org/pubs/stacey.pdf


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