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Vatikan und Homophobie

Unheilige Allianzen

Vortrag von LSVD Geschäftsführer Klaus Jetz zur Finissage der polnischen Fotoausstellung "Sollen sie uns doch sehen" im Rahmen des Programms der Kölner Lesben- und Schwulengruppen zum Weltjugendtag 2005

20.08.2005, Gemeindesaal der Antoniterkirche, Schildergasse 57, Köln

Unheilige Allianzen

Ich möchte kurz referieren, welch unrühmliche Rolle der Vatikan auf internationalem Parkett immer dann spielt, wenn es um Lesben und Schwule, Frauenrechte oder die Sexualmoral und AIDS-Prävention geht. Die UNO Menschenrechtskommission tagt jedes Jahr im März/April in Genf im alten Völkerbundspalais. Ihre Aufgabe ist die Weiterentwicklung der Menschenrechtsstandards auf UN-Ebene. Vertreten sind dort alle Staaten, aber nur 53 Staaten haben Stimmrecht, auch der Heilige Stuhl ist vertreten mit Rederecht, ebenso Interessenvertreter, Nichtregierungsorganisationen oder Gewerkschaften, die als Beobachter auch Rederecht haben.

UN-Menschenrechtskommission und die Brasilianische Resolution

Im Jahr 2003 brachte die brasilianische Regierung einen Resolutionsentwurf "Sexuelle Orientierung und Menschenrechte" in die MRK ein. Es ging bei dieser Resolution um das Prinzip der Universalität der Menschenrechte und um Rechte, die jedem Menschen durch Geburt zustehen, um ein Verbot jeglicher Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und um das Prinzip, dass sexuelle Vielfalt integraler Bestandteil der Menschenrechte ist.

Christlicher und islamischer Fundamentalismus Hand in Hand

Diese Prinzipien sind eigentlich nicht verhandelbar, sondern eine Selbstverständlichkeit. Der Vatikan aber hat zusammen mit der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC), hier insbesondere Pakistan und christlich-fundamentalistischen, evangelikalen Gruppen aus den USA unisono gegen die brasilianische Resolution Stimmung gemacht. Dabei hat der Vatikan massiv Druck ausgeübt auf die lateinamerikanischen Staaten. Schließlich kam es nicht zur Abstimmung der Resolution. Denn die Folge der Intrige dieser Unheiligen Allianz war, dass die Resolution auf 2004 vertagt wurde.

Genf, 2004

Im Frühjahr 2004 geschah in Genf das gleiche Spiel. Die brasilianische Resolution wurde auf 2005 vertagt. In einer Note des vatikanischen Botschafters hieß es: "Die sexuelle Orientierung eines Menschen ist kein Recht. Zudem kann ein Mensch an der Ausübung seines Rechts gehindert werden, ohne dass dies eine Diskriminierung ist. Ein Rückzug (der Resolution) würde nicht nur viel Zeit sparen, sondern auch eine weitere Vertiefung des Zwistes verhindern zwischen westlichen Ländern und solchen Staaten, die einem anderen Kulturkreis angehören und andere religiöse und gesetzgeberische Traditionen haben."

Und in einem Schreiben des pakistanischen Vertreters bei der OIC hieß es: "Nach unserer Auffassung ist sexuelle Orientierung kein Menschenrechtsthema. Wir meinen, dass die Annahme einer solchen Resolution eine schwerwiegende Beleidigung der religiösen Werte von 1,2 Milliarden Moslems und der Gläubigen anderer Weltreligionen wäre."

Genf, 2005

2005 machte Brasilien also einen Rückzieher und setzte das Thema nicht mehr auf die Tagesordnung, da das lateinamerikanische Land sich wiederum einem massiven Druck der Unheiligen Allianz ausgesetzt sah. Eine Rolle spielte sicherlich auch, dass es in Brasilien immer mehr Einfluss von christlich-fundamentalistischen Sekten gibt, die sich mit massiver Unterstützung aus den USA überall in Lateinamerika ausbreiten. Ihr Ziel ist wohl eine Unterwanderung der römisch-katholischen Basiskirche und die Bekämpfung der Theologie der Befreiung.

Unterstützerstaaten

Trotz alledem: Die Zahl der Unterstützer der brasilianischen Resolution ist stetig gewachsen, von zunächst 27 auf 48 Staaten in 2005 (darunter auch das konservativ regierte Mexiko). Unterstützerstaaten gab es auf allen Kontinenten, außer Afrika. Das ansonsten in schwullesbischen Belangen vorbildliche Südafrika zeigte sich um der afrikanischen Solidarität willen in dieser Menschenrechtsfrage zurückhaltend.

Europa

Eine wichtige Folge der brasilianischen Resolution war, dass das Thema Lesben und Schwule und deren Menschenrechte innerhalb der UN endlich thematisiert und verankert wurde. Nicht zuletzt auch dank der Unterstützung des schwedischen Außenministeriums und des Auswärtigen Amtes, die es Vertreterinnen und Vertretern von schwullesbischen Gruppen aus Afrika, Asien und Lateinamerika finanziell ermöglicht hatten, in Genf anwesend zu sein, um für die brasilianische Resolution vor Ort im alten Palais des Völkerbundes Lobbyarbeit zu betreiben.

Kampf gegen Frauenrechte

Der Vatikan und die römisch-katholische Kirche mobilisieren auch gegen Frauenrechte: Im Sommer 2004 hat der Vatikan den weltweiten Feminismus scharf verurteilt. Die Frauenrechtsbewegung wolle die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau abschaffen, kritisierte der Vatikan in einem Dokument der päpstlichen Glaubenskongregation, die von dem heutigen Papst geleitet wurde. In dem Papier wurde auch an die Regierungen appelliert, "Bedingungen zu schaffen, die dazu führen, dass Frauen ihre Pflichten in der Familie nicht vernachlässigen müssen, wenn sie einem Job nachgehen".

Benedikt XVI.

Gott habe eine Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gewollt, die sich ergänzen sollen, heißt es weiter. Dies ist natürlich auch eine Absage an Ehen gleichgeschlechtlicher Partner. Benedikt XVI. diffamierte die Eingetragene Lebenspartnerschaft als "Legalisierung des Bösen" und verlangte von Politikern weltweit, sich gegen gleiche Rechte für Homo-Paare stark zu machen. Und vor zwei Monaten bezeichnete der Papst die Homo-Ehe als "Ausdruck anarchischer Freiheit". Auch ließ er in Madrid Hunderttausende auf den Straßen zusammentrommeln, um gegen die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu demonstrieren. Wir meinen, der Vatikan darf keinen Einfluss haben, auf die Gesetzgebung in den einzelnen Nationen. Das wäre ultramontan, eine Rückkehr ins 19. Jahrhundert.

Kreuzzug gegen Kondome

Der Vatikan befindet sich auch in anderen gesellschaftspolitischen Fragen in einer unheiligen Allianz mit einigen islamischen Staaten und fundamentalistischen Gruppierungen. In anderen UN-Foren wie z. B. Weltfrauenkonferenz oder Weltbevölkerungskonferenz wurde heftig über Frauenrechte und Sexualität allgemein gestritten. Der Vatikan führt hier einen Kreuzzug gegen Frauenrechte und gegen Kondome.

Im Herbst 2003 ließ der Vatikan verlauten, Kondome schützten nicht vor HIV und AIDS. Auch der Papst und seine Kardinäle wissen ganz genau, dass Aids weiter auf dem Vormarsch ist, dass die Infektionsraten weiter steigen und dass auch weiterhin sehr viele Menschen an Aids sterben. Der Vatikan propagiert seine dogmatische Sexualmoral und torpediert die wichtige Aids-Präventionsarbeit. Damit nimmt er bewusst weitere Opfer in Kauf. Diese Haltung ist weltfremd und menschenverachtend.

Weitere Beispiele für das unholde Verhalten des Vatikans oder der römisch-katholischen Amtskirche gegenüber Lesben und Schwulen:

Jamaika

In Jamaika, wo schwule Männer häufig Übergriffen durch Polizisten ausgesetzt sind und Opfer von Hassverbrechen werden, warnte diesen Sommer ein hoher Vertreter der römisch-katholischen Kirche junge High School Aspiranten: "Nehmt Euch vor den Schwulen in Acht. Sie sind überall, auch an der High School." Solche Kirchenvertreter tragen mit Ihren Äußerungen zur Schwulenhatz auf Jamaika bei.

Libanon

Schwule Männer sind im Libanon auch Opfer der katholischen Kirche, die sich dort Maronitisches Patriarchat nennt. Beim CSD in Köln berichtete Ghassan Makarem von der libanesischen Organisation Helem, dass das maronitisch-katholische Patriarchat intervenierte, um zu verhindern, dass mehrere Männer aus dem Gefängnis der nordlibanesischen Stadt Tripoli entlassen werden. Und das, obwohl bekannt war, dass sie von der Polizei gefoltert wurden. Das Maronitische Patriarchat ermuntert auch Eltern, ihre lesbischen Töchter oder schwulen Söhne zu einem Psychiater in Therapie zu schicken, um sie zu "heilen".

Jerusalem

Wer hat versucht zu verhindern, dass in Jerusalem der diesjährige World Pride stattfinden konnte? Es war eine unheilige Allianz von Fundamentalisten, bestehend aus dem katholischen Patriarchen, islamischen und jüdischen religiösen Würdenträgern.

Kündigungsandrohung in Deutschland

Und Deutschland? Die Kündigungsandrohung für schwule und lesbische Angestellte in katholischen Krankenhäusern oder Kindergärten oder sonstigen Einrichtungen wurde nie zurückgenommen. Wollen Lesben und Schwule, deren Arbeitgeber die römisch-katholische Kirche ist, von ihrem Bürgerrecht Gebrauch machen und ihre Lebenspartnerschaft am Standesamt eintragen lassen, werden sie gefeuert. Und das obwohl diese sozialen Einrichtungen übrigens größtenteils mit Steuergeldern finanziert werden.

Polen

Noch ein Wort zu Polen: Es ist ja kein Geheimnis, dass Lesben und Schwulen das Leben durch den starken Einfluss der römisch-katholischen Kirche in Polen nicht gerade leicht gemacht wird. Ein freies Leben ist für Lesben und Schwule in unserem Nachbarland oft undenkbar, da sie von der Gesellschaft, der Kirche und auch der Politik oft als unmoralisch, pervers etc. vorverurteilt werden. Deutlich wurde dies ja im letzten Jahr und in diesem Jahr bei den verbotenen CSDs in Warschau oder den Gewalttaten beim CSD in Krakau.

Umso wichtiger ist diese Ausstellung "Lasst sie uns doch sehen", umso wichtiger ist die Arbeit unserer Freundinnen und Freunde von der Kampania przeciw Homofobii KPH (Kampagne gegen Homophobie). Wer übrigens spenden will für die Freundinnen und Freunde in Polen, kann dies ganz unkompliziert über die LSVD Homepage tun!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit

Klaus Jetz, Geschäftsführer des LSVD