Zum Inhalt - Zur Navigation

Inhalt

Die Kampagne gegen Homophobie (Kampania Przeciw Homofobii) wurde 2001 als nichtstaatliche Organisation gegründet. Ihre wichtigsten Ziele sind: die Entwicklung von Toleranz gegenüber Homosexuellen und die Beseitigung von Vorurteilen, die Verstärkung der Selbstachtung bi-, homo- und transsexueller Menschen, die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Beziehungen im polnischen Rechtssystem, die Bekämpfung der Diskriminierung bi-, homo- und transsexueller Menschen und der Erscheinungen von Homophobie in der Gesellschaft.

2003 starte die Kampagne gegen Homophobie die Aktion "Sollen sie uns doch sehen". In Galerien und auf großflächigen Werbebannern in den größten polnischen Städten wurden die Fotos von lesbischen und schwulen Paaren gezeigt. Sie halten sich an den Händen und lächeln mal scheu, mal offen in die Kamera (http://niechnaszobacza.queers.pl).

Diese erste Aufklärungskampagne zum Thema Homosexualität in der Geschichte Polens hat heftige Reaktionen ausgelöst. In Krakau wurden z.B. Reklametafeln mit Farbe übergossen und eine Galerie kurz nach der Eröffnung der Ausstellung geschlossen. Die Bürgermeister von Warschau und Krakau verweigerten die Erlaubnis, die Plakate zu präsentieren. Teilnehmer der Fotoaktion mussten persönliche Anfeindungen erfahren. Dennoch hat die Aktion erstmals Lesben und Schwulen ein Gesicht jenseits von Klischees gegeben und eine landesweite Debatte initiiert.

Mit weiteren Plakataktionen, mit Diskussions- und Kulturveranstaltungen sowie mit Demonstrationen für Toleranz und Gleichberechtigung versuchen die Kampagne gegen Homophobie und die Stiftung für Gleichberechtigung (Fundacja Fównosci) auf die Situation von Lesben und Schwulen in Polen aufmerksam zu machen. Diese Arbeit stößt auf scharfen Widerstand:

Im Mai 2004 organisierte die Kampagne gegen Homophobie in Krakau ein Festival „Kultur für Toleranz“. Kaum waren erste Pläne bekannt, begann in der rechtskonservativen Presse eine regelrechte Hetzkampagne. Die Stadtverwaltung und die Universität zogen Nutzungserlaubnisse zurück. Am 7. Mai 2004 wurden in Krakau 1.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines „Toleranzmarsches“ von Rechtsradikalen der „Allpolnischen Jugend“, dem Jugendverband der „Liga polnischer Familien“, angegriffen und mit Steinen beworfen. Viele Demonstrierende und Polizisten wurden zum Teil schwer verletzt.

Eine für Juni 2004 in Warschau geplante „Parade für Gleichberechtigung“ wurde vom Bürgermeister Lech Kaczynski verboten. Seine Begründung: Die Demonstration stelle eine „Gefahr für die öffentliche Moral“ dar, sei „sexuell obszön“ und verletze die religiösen Gefühle Dritter.

Im Juni 2005 organisierten die Stiftung für Gleichberechtigung und die Kampagne gegen Homophobie einen Kongress "Anders, aber gleich. Schwule und Lesben in Polen und in der EU". In international besetzten Diskussionsforen über rechtliche Gleichstellung, Bekämpfung von Hassverbrechen und Kulturpolitik wurden wichtige inhaltliche Grundlagen für die weitere Arbeit in Polen gelegt.

Die zum Abschluss des Kongresses geplante Gleichheitsparade hatte Warschaus Bürgermeister Lech Kaczynski zum zweiten Mal in Folge verboten. Seine Begründung: Er sei "ein Gegner der Unterstützung schwulorientieren Verhaltens".

Trotz Verbots zogen am 11. Juni 2005 mehrere Tausend Menschen mit der Forderung nach Toleranz und Gleichberechtigung durch die Warschauer Innenstadt. Gegendemonstranten von der rechtsradikalen "Allpolnischen Jugend" und vom Jugendverband der Kaczynski-Partei "Recht und Gerechtigkeit" versuchten den Demonstrationszug aufzuhalten, bewarfen die Teilnehmer mit Eiern und fingen Rangeleien an. Auch einige Steine flogen. Von einem starken Polizeiaufgebot begleitet bahnte sich die Demonstration dennoch den Weg durch die Straßen Warschaus.

Wenige Tage später fand in Krakau ein „Normalitätsmarsch“ von Rechtsradikalen und religiösen Fundamentalisten statt. Diesen hatte der Bürgermeister trotz seiner zu Hassverbrechen aufstachelnden Parolen anstandslos genehmigt.

Im Sommer 2005 wurde in Katowice auf ein Vorstandsmitglied der Kampagne gegen Homophobie gezielt geschossen. Der Schuss traf die 41 Jahre alte Frau in den Oberschenkel. Ein zweiter Schluss traf einen 23 Jahre alten schwulen Mann, der sie begleitete.

Im November 2005 wurde in Poznan erneut eine Demonstration für Toleranz und Gleichberechtigung verboten. Junge Menschen, die sich trotz des Verbots versammelt hatten, wurden von Rechtsradikalen angegriffen. Anstatt die friedlich für Toleranz demonstrierenden Menschen vor den Gewalttätern zu schützen, ging die Polizei ihrerseits gewaltsam gegen die Versammlung vor. Es kam zu zahlreichen vorläufigen Festnahmen.

Die nun in Polen regierende Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) und der neue Präsident Polens Lech Kaczynski gehörten in den vergangenen Jahren zu den treibenden Kräften bei der zunehmenden Bedrückung lesbischer Bürgerinnen und schwuler Bürgern. Unter anderem wird aus der Partei heraus gefordert, dass Homosexuelle nicht Lehrer oder Beamte werden dürfen. Es ist zu befürchten, dass die Repressionen in naher Zukunft eher zunehmen.

Die beschriebenen Ereignisse der vergangenen Jahre führen dazu, dass sich nun langsam Teile der polnischen Zivilgesellschaft aus Sorge um die Demokratie auf die Seite der Lesben und Schwulen stellen. Dies war zuvor wenig der Fall, da es bis weit in das liberale Spektrum der polnischen Gesellschaft hinein religiös aufgeladene Antipathien und Berührungsängste gegenüber Lesben und Schwulen gibt. Neuerdings wächst aber die Erkenntnis, dass es hier – unabhängig von persönlichen Einstellungen - um prinzipielle Fragen der Demokratie geht. Diesen positiven politischen Trend gilt es zu unterstützen.