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Es war ein guter Tag für Polen!

Gleichberechtigungsmarsch verlief friedlich, Polizei schützte vor faschistischen Störern.

 

Bericht von Konferenz und Parade in Warschau

 

Menschenmassen auf dem Theaterplatz

Die größte politische Demonstration Polens seit 25 Jahren fand am 10. Juni 2006 in Warschau statt: Als der Zug auf dem Theaterplatz mit einer Kundgebung endete, war der Platz gedrängt voll mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Vielleicht waren es 15.000, vielleicht 20.000, die sich hier versammelt hatten. Dennoch ist es ein zartes Pflänzchen, das in Warschau ans Sonnenlicht gekommen ist. Die Entschlossenheit der schwul-lesbischen Bürgerrechtsorganisationen in Polen, internationale Beteiligung und Aufmerksamkeit und die polnische Justiz hatten die Voraussetzung geschaffen.

Probehalten des LSVD-Transparents vor dem Sejm

Am Sejm hatten ca. 3.000 Personen die Demonstration begonnen. Viele hatten sich spontan entschieden, mitzugehen. Zahlreiche Familien liefen mit, viele Engagierte aus bürgerschaftlichen Interessengruppen. Die polnische Opposition war mit ranghohen Mitgliedern vertreten. Das Publikum auf den Straßen war überwiegend positiv eingestellt, winkte und grüßte die Demonstrantinnen und Demonstranten. Aus Fenstern und von Balkons klatschten Menschen Beifall und ermutigten die Parade. Es war ein Fest der Zivilgesellschaft geworden.

Dabei hatte es im Vorfeld große Befürchtungen gegeben. Die Demonstration könnte vielleicht im letzten Moment doch wieder verboten werden. Die erst angekündigte, dann abgesagte Gegendemonstration der rechtsradikalen „Allpolnischen Jugend“ könnte in wilder Gewalt gegen die friedlichen Demonstranten enden. Dass diese Befürchtungen wohlbegründet waren, zeigte sich im Auftreten der Neonazis von der „NOP“, der „Nationalen Wiedergeburt Polens“: Wiederholt standen kleine Grüppchen dieser Neonazis am Straßenrand und verschiedentlich versuchten sie in die Demonstration einzudringen. Doch die polnische Polizei verhielt sich vorbildlich. Sie schützte die Demonstration, verstand es, gefährliche Situationen nicht eskalieren zu lassen, und sie war schnell und erfolgreich zur Stelle, als aus einem Park heraus Neonazis die Demonstration überfallen wollten. „Homophobie tötet“ stand auf dem ersten Wagen der Parade, ein berechtigter Satz.

 

Volker Beck, Robert Biedron (Chef der Kampagne gegen Homophobie) und Claudia Roth

Politische und diplomatische Repräsentanten sorgen für intensiven Polizeischutz

 

Der gute Schutz der Parade ist der großen internationalen Beachtung zu danken. Zahlreiche politische Prominenz aus ganz Europa, große Gruppen aus USA und Kanada waren gekommen. Verschiedene Botschafter in Warschau, voran der Schweizer Repräsentant in Polen, waren dabei und trugen ihrerseits zum Schutz der Demonstration bei. Mehrere hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren eigens aus Deutschland angereist, ebenso Gruppen aus vielen anderen EU-Staaten. Zahlreiche nationale und Europaabgeordnete aus unterschiedlichen Fraktionen und vielen Ländern: Deutschland, Schweden, Niederlande, Großbritannien, Frankreich nahmen teil. Eine Information über die uns bekannten Politiker auf dem Gleichheitsmarsch findet sich unten. Über ergänzende Hinweise per e-Mail freuen wir uns.

 

Die Stimmung in der Parade war gelöst, heiter und gelassen.

 

Polnische Lesben und Schwule, die all ihren Mut zusammengenommen hatten, um am Marsch teilzunehmen, waren überwältigt von der offenen Stimmung. Es flossen Tränen der Rührung und der Freude. Eine alte Dame klatschte aus ihrem Fenster Beifall, hatte ihre Krücken an die Fensterbrüstung gelehnt und wollte damit offensichtlich zeigen, dass sie gern mitgegangen wäre, wenn sie denn besser auf den Beinen wäre. Die Gesichter der Polizisten waren freundlich. Berichtet wurde, einige hätten abschließend erkärt, „nächstes Jahr schützen wir Euch wieder.“

 

Kleine Gruppen von Neonazis am Straßenrand

Die Hasstiraden der Koalitionspolitiker verfingen nur bei wenigen Bürgern

 

Natürlich gab es auch Stimmen, wie sie erwartet worden waren. Passanten, die Abscheu und Ablehnung artikulierten, waren jedoch deutlich in der Minderheit. Und neben den Neonazis demonstrierten auch klerikale Gruppen ihren Hass: „Gott schuf Adam und Eva, nicht Adam und Stephan“ hielten sie auf Schildern der Parade entgegen. Auf beiden Seiten des Demonstrationszuges standen die Klerikalen an der Marszalkowska, der großen Geschäftsstraße Warschaus. Ganz Europa galt ihnen als „Sodom“ und als nächstes Verhängnis befürchteten sie die Propagierung von „Zoophilie“. Während die kleine Gruppe der Klerikalen mit handgemalten Schildern und Transparenten auftrat, hatten die Neonazis offensichtlich das professionellere Equipment: gedruckte Plakate und Transparente mit dem schon aus dem vergangenen Jahr bekannten Antianalverkehrs-Piktogramm.

 

Konferenz zuvor und Party nach der Parade

 

Am Tag vor dem Gleichheitsmarsch traf sich ein international zusammengekommener Kreis von Lesben und Schwulen, um politische und kulturelle Themen zur Emanzipation von Homosexuellen zu beraten. Bemerkenswert war die Beteiligung der Staatssekretärin im Arbeits- und Sozialministerium, Joanna Kluzik-Rostkowska von der Partei Recht und Gerechtigkeit. Für zwei der Podiumsdiskussionen war sie eingeladen, an der zweiten nahm sie auch teil. In ihrem Ministerium gibt es auch eine Abteilung, die sich mit Anti-Diskriminierungs-Arbeit befassen soll.

Beim ersten Podium machte die zuständige Beamtin im Ministerium klar, dass das ein sehr mühseliges Unterfangen in der amtierenden Regierung ist: Es gebe weder Arbeitsrichtlinien noch einen spezifischen Haushaltstitel für diese Arbeit. Immer wieder bat sie darum, doch mit Beschwerdebriefen das Ministerium zum Handeln anzuhalten.

Kluzik-Rostkowska ging auf Distanz zum rechtspopulistischen Koalitionspartner LPR. Doch wurde sie wiederholt gefragt, was sie denn gegen die menschenrechtsfeindliche Politik etwa des Bildungsministers Giertych unternehme. Sie fragte zurück, was man ihr denn rate. Volker Beck, parlamentarischer Geschäftsführer der Bündnisgrünen im Bundestag schlug vor, sie könne doch erst einmal einen Brief an den Minsterpräsidenten schicken und ihn um Beistand bitten. Das wolle sie sich überlegen, lautete ihre Antwort. Nach der Aufnahme der beiden radikalpopulistischen Parteien Leppers und Giertychs in die Regierung traten verschiedene Minister des Kabinetts bereits zurück.

Am Sonnabend Abend dann traf man sich in einem Kino. Es war nicht nur Disco und Live-Musik, was hier abging. Es gab auch ebenfalls noch einige Wort- und Film-Beiträge. Dank sagen war Trumpf – für die internationalen Gäste und Unterstützer und für die polnischen Akteure. Jimi Somerville war unbestrittener Star des Abends und begeisterte die Anwesenden.

 

Die Berichterstattung in den Medien

 

Die ersten Nachrichten hielten sich viel zu lange: 3.000 Demonstrationsbeteiligte meldete mit Berufung auf die Polizei die polnische und auch die deutsche Presse. Zum Teil erst nach Tagen korrigierte man die Zahlen auf 5.000 bis 6.000. Da hatte (nach einem Bericht der taz) die polnische Polizei längst 30.000 offiziell genannt, auch wenn mir das etwas hoch gegriffen scheint, 15- bis 20-Tausend sind es jedoch sicher gewesen. Doch die Kluft zwischen der auf einer polnischen Pressesite genannten Zahl von 3.000 und dem daneben veröffentlichten Bild vom Warschauer Theaterplatz fällt sicher jedem Polen auf.

 

Mechthild Rawert (MdB), Michael Cashman (MdEP) und Lissy Gröner (MdEP)

Mandatsträgerinnen und Mandatsträger

 

Uns bekannt gewordene politische Mandatsträgerinnen und Mandatsträger, die in Warschau anwesend waren:

Bundestagsabgeordnete: Volker Beck (Erster Parlamentarischer Geschäftsführer B’90/Grüne), Barbara Höll (Linkspartei.PDS), Renate Künast (Fraktionsvorsitzende B’90/Grüne), Mechthild Rawert (SPD), Claudia Roth (Parteivorsitzende B’90/Grüne),

Europaabgeordnete: Emine Bozkurt (SPE / PvdA, Niederlande), Michael Cashman (SPE / Labour, Großbritannien), Christopher Fjellner (EVP / Moderaterna, Schweden), Lissy Gröner (SPE / SPD), Sophie in’t Veld (ALDE / D’66, Niederlande), Holger Krahmer (ALDE / FDP),

verschiedene deutsche Landtagsabgeordnete und kommunale Repräsentanten.

Fünf Mitglieder des LSVD-Bundesvorstandes, Vertreter der Landesverbände und zahlreiche Mitglieder des LSVD waren ebenfalls in Warschau.

In Warschau anwesend waren überdies Künstler wie der Sänger Jimi Somerville, dessen Auftritt in Warschau von Thomas Hermanns und Georg Uecker organisiert worden war.

 

Einige ausgewählte Links zu polnischen Sites:

 

Die Route der Demonstration (Stadtplan)

Fotos von der Parade auf innastrona.pl,

auf Wirtualna Polska und auf pl.indymedia.org

 

Einige Videolinks befinden sich auf der Seite der Gazeta Wyborcza, die in ihrem Spezialreport auch eine ganze Reihe von polnischen Berichten versammelt hat.

 

Bildnachweis: Die auf dieser Seite verwendeten Bilder unterliegen dem Urheberrecht. Urheber sind Sabine Gilleßen, Axel Hochrein, Stefan Reck und Eberhard Zastrau.

 

 

Die Tage der Gleichberechtigung in Warschau vom 8. bis zum 15. Juni 2006