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1992 - Das Jahr, in dem wir die Standesämter stürmten

Brief an Dr. Christine Hohmann
Aktion Standesamt

AKTION STANDESAMT

19. August 1992: Aktion Standesamt. Über 250 schwule und lesbische Paare beantragen bundesweit auf Standesämtern das Aufgebot zum Zwecke der Eheschließung, darunter als prominentestes Paar Hella von Sinnen und Cornelia Scheel. Es ist ein Medienrummel ohne gleichen. Noch nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik waren Schwule und Lesben in Presse, Funk und Fernsehen so geballt präsent. Heribert Prantl nennt die Aktion in einem Kommentar in der „Süddeutsche Zeitung“ „eine werbestrategisch geniale Demonstration wider die Diskriminierung“. Mit der Aktion Standesamt können wir einen großen Teil der veröffentlichten Meinung dauerhaft für unser Anliegen gewinnen. Die Aktion gibt der abstrakten Forderung nach Gleichstellung ein Gesicht, beziehungsweise viele sympathische Gesichter. Vielen Menschen wird zum ersten Mal klar, worum es bei der Forderung nach Öffnung der Ehe eben auch geht: Um die Lösung ganz konkreter Rechtsprobleme für Menschen, die vom Recht wie Fremde behandelt werden.

Dieser turbulente Tag im August 1992entfaltet langfristig enorme Wirkung. Die Sympathiewerte für die Rechte von schwulen und lesbischen Paaren schnellen in den Meinungsfragen nach oben. Seitdem kann niemand mehr das Thema von der politischen Tagesordnung boxen.

Vor Gericht gelingt es in den 90er Jahren noch nicht, das Recht auf Eheschließung einzuklagen. Das Bundesverfassungsgericht nimmt 1993 Beschwerden gegen die Verweigerung des Aufgebots nicht zur Entscheidung an. Politisch geht es aber schließlich voran. 2001 kommt das Lebenspartnerschaftsgesetz. Es wird seitdem Stück für Stück nachgebessert. Das finale Ziel der Aktion Standesamt bleibt für den LSVD freilich bestehen: Wir wollen die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare durchsetzen.


PROMINENTEN-INITIATIVE FÜR EINE GRUNDGESETZERGÄNZUNG

In Bonn berät die Gemeinsame Verfassungskommission von Bundestag und Bundesrat, die nach der Wiedervereinigung einberufen wurde. Gemeinsam mit der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) startet der SVD eine Prominenten-Initiative. Zahlreiche Persönlichkeiten aus Kultur und Politik fordern darin, Lesben und Schwule ausdrücklich in den Diskriminierungsschutz des Grundgesetzes einzubeziehen. Zu den Erstunterzeichnerinnen und Erstunterzeichnern gehören Götz George, Günter Grass, Hans Küng, Inge Meysel, Reinhard Mey, Marianne Sägebrecht, Alice Schwarzer und Wim Wenders.

GÖTTLICHES WORT UND LANGHAARSCHÄFERHUNDE

Im Juli erhält der SVD ein Schreiben mit einer eindrucksvollen Phalanx von Rechtsanwältinnen im Briefkopf. Darin wird ultimativ gefordert, unverzüglich die Verwendung des Namenskürzels SVD zu unterlassen. Die katholische Ordensgemeinschaft der „Steyler Missionare“, sieht sich nämlich in ihrem Namensrecht verletzt und droht mit gerichtlichen Schritten. Ihr voller Name lautet „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“, auf lateinisch „Societas Verbi Divini“, abgekürzt SVD. Wir machen dies sofort öffentlich und betonen, Verwechslungsgefahr besteht nicht: „Wir sagen zwar immer die Wahrheit über die rechtliche und gesellschaftliche Situation der Schwulen, das göttliche Wort verkündigen wir aber wirklich nicht.“ Die Presse greift das dankbar auf, die Missionare geben schnell klein bei. 1999, nach der Erweiterung zum LSVD erfahren wir. Auch dieses neue Kürzel wird schon benutzt und zwar vom Deutschen Langhaarschäferhund-Verband. Anders als die Missionare sehen die Tierfreunde vom anderen LSVD die Sache aber entspannt. Im freundlichen Gespräch wird man sich schnell einig, dass auch hier keinerlei Verwechslungsgefahr besteht.

 

WAS SONST NOCH GESCHAH:

+++ Im April beschließt die Mitgliederversammlung des „Verbandes von 1974“ (Vv’74) die Fusion mit dem SVD. Der Vv’74 war 1974 aus der „Internationalen homophilen Weltorganisation (IHWO)“ heraus entstanden. Er bringt u.a. die Mitgliederzeitschrift „Das Rundgespräch“ in den SVD mit ein. +++ Im April verabschiedet der Brandenburger Landtag eine Landesverfassung. Brandenburg ist das erste Bundesland, dass darin gleiche Rechte für Lesben und Schwule verankert: Die Verfassung enthält ein Verbot der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität und erkennt neben der Ehe die „Schutzbedürftigkeit anderer auf Dauer angelegter Lebensgemeinschaften“ an. +++ Im Mai findet in Kassel ein erstes bundesweites Arbeitstreffen von Schwulen- und Polizeivertretern über antihomosexuelle Gewalt statt. +++ Am 14.11. beteiligt sich der SVD an der Großdemonstration „Farbe bekennen – Grundrechte verteidigen – Rassismus ächten!“ zur Bewahrung des Grundrechts auf Asyl in Bonn. +++ In der Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen wird am 22. November 1992 eine Gedenktafel für die homosexuellen NS-Opfer eingeweiht. Der SVD fordert aus diesem Anlass ein „offizielles Mahnmal der Bundesrepublik Deutschland für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen“ in der Bundeshauptstadt. 16 Jahre später wird das Wirklichkeit. +++ Im Dezember beschließt der „Berliner Schwulen-Verband“ die Fusion mit dem SVD. +++