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1993 - Gemeinsam gegen Nazis und Gewalt

MAßNAHMENPROGRAMM GEGEN HOMOPHOBE GEWALT

Gemeinsam mit den Schwulen Überfalltelefonen aus Berlin, München und Köln legt der SVD vor der Bundespressekonferenz in Bonn einen Bericht über Ausmaß und Hintergründe antischwuler Gewalt vor. Die Projekte berichten über zahlreiche Gewalttaten einschließlich von Anschlägen auf schwule Einrichtungen. Eine Untersuchung des Soziologen Michael Bochow ergibt zudem, dass 5 % der über 3000 befragten Schwulen in den vorausgegangenen 12 Monaten wegen ihrer Homosexualität gewalttätige Übergriffe erlebt hatten.

Der SVD fordert deshalb ein Maßnahmenprogramm des Bundes zur Bekämpfung antischwuler Gewalt. Die einschlägigen Gewalttaten sollen jährlich erfasst und veröffentlicht werden. Ein Modellprogramm zur Prävention und Opferhilfe wird vorgeschlagen sowie der Ausbau der Kooperation von Schwulenorganisationen und Polizei. Eine solche Zusammenarbeit ist heute in einer Reihe von Städten Realität, in anderen noch nicht. Auf Bundesebene haben wir immer noch mit einer großen Ignoranz der Innenpolitik im Bereich homophober Gewalt zu kämpfen. Und auch heute ist ein weiteres Problem noch nicht längst nicht überwunden, das der SVD 1993 vor der Bundespressekonferenz anspricht: Angesichts der Gewalt gegen die schwule Minderheit „empfinden wir das öffentliche Schweigen von staatlichen Stellen, gesellschaftlichen Organisationen und Prominenten beklemmend. Der Gewalt gegen Minderheiten muss gemeinsam begegnet werden.“


GEFAHR VON RECHTS

Rechtsradikale und nazistische Organisationen haben Anfang der 90er Jahre Zulauf. Ende Dezember 1992 veranstaltet der SVD in Frankfurt am Main ein Seminar zum Thema Neonazis und Jugendgewalt. Die Ergebnisse werden 1993 vom SVD-Landesverband NRW in Form einer Broschüre „Gefahr von Rechts – Gibt es eine antischwule Trendwende?“ veröffentlicht, die große Beachtung findet.


PROTEST AN DER "NEUEN WACHE"

Mit einer Kranzniederlegung an der „Neuen Wache“ in Berlin protestieren die Teilnehmer des SVD-Verbandstages am 17. Oktober 1993 gegen die Regierungspläne zur Ausgestaltung dieses Bauwerks zur Nationalen Gedenkstätte. Die Kritik des SVD lautet: Mit den geplanten Inschrift „Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“ werde angesichts der bekannten Verbrechen der Wehrmacht Opfern wie Tätern unterschiedslos gemeinsam gedacht. Man müsse die Opfer beim Namen nennen. Die Proteste vieler Verfolgtenverbände führen bei der Regierung Kohl schließlich zu einem Sinneswandel. An der Außenwand der Neuen Wache wird eine zusätzliche Gedenktafel angebracht, deren Text sich eng an die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 8. Mai 1985 anlehnt. Damit finden auch die homosexuellen NS-Opfer an der Neuen Wache ausdrücklich Erwähnung. 

 

WAS SONST NOCH GESCHAH:

+++ Der SVD stellt am 26. März die Prominenteninitiative zur Ergänzung des Grundgesetzes vor der Bundespressekonferenz vor. Für die Initiative zeigen der Maler Gottfried Helnwein und die niedersächsische Frauenministerin Waltraud Schoppe (Grüne) Flagge. +++ Der SVD protestiert gegen den CDU-Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten, Steffen Heitmann. Der hatte verkündet, „daß die Anlage des Menschen heterosexuell ist und Homosexuelle immer in der Minderheit bleiben werden und somit auch die damit verbundenen Nachteile tragen müssen.“ Wegen zahlreicher weiterer Ausflüge in Fettnäpfchen wird der Kandidat schließlich zurückgezogen. +++ Am 20. Oktober hält der Rechtsausschuss des Bundestags eine Anhörung zum § 175 ab. Mit SVD-Sprecher Volker Beck wird erstmals in der Geschichte des § 175 offiziell ein Vertreter einer Schwulenorganisation als Sachverständiger zum Homosexuellen-Strafrecht im Bundestag angehört. +++