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1995 - Ein Jahr starker Impulse aus den Ländern

AUFBRUCH INS ALTER

„Gay and Gray“- unter diesem Motto kommen am 21./22. Oktober 1995 über 130 schwule Männer zwischen 28 und 75 zu einem großen Kongress über „Schwule im Alter“ im Kölner Schwulen- und Lesbenzentrum (Schulz) zusammen. Eingeladen hatte der SVD-Landesverband NRW in Zusammenarbeit mit dem Schwulen Netzwerk NRW und der Initiative „Herzenslust“.

Es gibt ein absolut vielfältiges Themenspektrum. Das reicht von der Aufarbeitung der Verfolgungsgeschichte, die vielen älteren Schwulen noch in den Knochen steckt, über homophobe Gewalt, selbstbestimmte Wohnformen, die kritische Auseinandersetzung mit „Jugendkult“ in der Szene bis hin zu Überlegungen für spezifische Freizeitangebote für Ältere („schwule Butterfahrt“).

Auf dem Kongress herrscht eine große Aufbruchsstimmung. Es werden Grundlagen für die spätere intergenerative Arbeit im LSVD bereitet. Unser Ziel ist, dass ältere und alte Menschen selbstverständlich und offen lesbisch oder schwul leben können. Dazu gehört, Angebote für Lesben und Schwule in der dritten und vierten Lebensphase, insbesondere im Hinblick auf Wohn- und Betreuungsformen, weiter zu entwickeln und institutionell zu verankern. Wir stehen für eine intergenerative Politik und wollen den Dialog zwischen älteren und jüngeren Lesben und Schwulen fördern. Es geht um Begegnung, Kommunikationsangebote und darum, Altersdiskriminierung entgegenzuwirken.

Die traditionelle Altenarbeit ignoriert die Bedürfnisse alter schwuler Männer und lesbischer Frauen noch weitgehend. Weder im Freizeit- noch im Bildungsbereich gibt es zielgruppenorientierte Angebote. Notwendig sind daher Konzepte für die kultursensible Versorgung, Pflege und Begleitung von lesbischen Frauen und schwulen Männern, eingebettet in die bestehenden institutionellen Systeme. Wir arbeiten daran, dass Wissenschaft, Wohlfahrtsverbände, Verwaltung und Politik anerkennen, dass ältere und alte Menschen verschiedene sexuellen Identitäten, Biographien und Lebensweisen haben. Die Interessen und Bedürfnisse von älteren Lesben und Schwulen müssen in allen Bereichen der Seniorenpolitik und der Altenhilfe berücksichtigt werden.


SACHSEN-ANHALT VORN

Im Landtag in Magdeburg findet am 14. September 1995 unter dem Titel „Abbau von Diskriminierungen und Benachteiligung gleichgeschlechtlicher Lebender“ erstmals in einem deutschen Landesparlament eine umfassende Anhörung zur Lebenssituation von Lesben und Schwulen statt. Als Sachverständiger trägt SVD-Sprecher Günter Dworek die Forderungen für die Landes- wie Bundespolitik vor. Eine der vielen positiven Folgen der Veranstaltung ist das schließlich 1997 in Kraft getretene „Gesetz zum Abbau von Benachteiligungen von Lesben und Schwulen“ für Sachsen-Anhalt.


DAS VOLK VON BERLIN FÜR GLEICHE RECHTE

75 % der Berlinerinnen und Berliner sprechen sich in einer Volksabstimmung am 22. Oktober 1995 für die neue Landesverfassung aus. Das bedeutet auch einen großen Erfolg für den SVD Berlin-Brandenburg. Die neue Berliner Landesverfassung enthält nämlich ein Verbot der Diskriminierung wegen der sexuellen Identität und erkennt neben der Ehe andere, auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaften an. Dafür hatte sich der SVD-Landesverband intensiv stark gemacht.

 

WAS SONST NOCH GESCHAH:

+++ 1995 kommen neue Landesverbände hinzu. Am 11. Februar gründet sich der SVD Hamburg, am 13. März der SVD-Saar. +++ Die schwulen Anti-Gewaltprojekte aus Berlin, Köln und München präsentieren in der Bundespressekonferenz zusammen mit dem SVD einen gemeinsamen Jahresbericht. +++ Der SVD reicht eine Petition beim Bundestag ein mit dem Ziel, dass auch der Hinterbliebene einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft in den Mietvertrag des Verstorbenen eintreten kann. +++ In der ARD-Sendung „Pro und Contra“ zum Thema „Homo-Ehe“ kann SVD-Sprecher Volker Beck am 2. Juni 1995 die Studio-Jury überzeugen. Die votiert mit großer Mehrheit mit JA. +++ Die SVD-Sprecher Volker Beck und Günter Dworek werden in den Beirat des Arbeitskreises der Opferhilfen in Deutschland (ado) gewählt. +++ Am 21. Juni befürwortet der Petitionsausschuss des Bundestages rechtliche Verbesserungen für homosexuelle Paare. Der SVD fordert von Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: schnelle Konsequenzen ziehen! +++