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Positionspapier zur Schwulen Gesundheit

Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) fordert eine neue Offensive in der AIDS-Prävention. Die AIDS-Prävention unter schwulen Männern hat große Erfolge gebracht und ist auch heute noch erfolgreich. Nach 20 Jahren AIDS ist aber eine gewisse Erosion im Praktizieren von Safer Sex nicht zu übersehen. Diese Situation erfordert neue Anstrengungen in der Prävention, eine Neujustierung von Botschaften und Vermittlungsmethoden. Prävention muss die Vielfalt schwuler Lebensweisen im Blick haben. Es geht darum, realistische Wege aufzuzeigen, Verantwortung für sich und andere zu leben. Das wird umso erfolgreicher gelingen, je offener die Gesellschaft mit Homosexualität umgeht und je weniger Diskriminierung Homosexuelle zu befürchten haben.

Der LSVD beobachtet mit Sorge das derzeitige Ansteigen der Erstdiagnosen von HIV-Infektionen, die verstärkt zu beobachtende Ausbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten (STD) unter Männern, die Sex mit Männern haben  (MSM), sowie die daraus zur Zeit resultierenden Diskussionen sowohl in den Medien und der Politik, als auch in der Community selbst.

Der LSVD will die Gesundheit schwuler Männer in ihren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen betrachten und diskutieren. Schwule Gesundheit sei hier im Folgenden definiert als das physische und psychische Wohlbefinden von Schwulen und MSM.

Prävention ist nicht nur eine Angelegenheit der individuellen Verantwortung. Sicherlich – jeder schwule Mann hat es in der Hand, seinen Beitrag gegen die Weiterverbreitung von HIV/AIDS und STD zu leisten. Eine große Anstrengung in der Prävention kann aber nur gelingen, wenn Akteure aus der Politik und der Wirtschaft mit den Vertretern der lesbisch-schwulen Community zusammen arbeiten.

Derzeitige Situation

Das Robert Koch Institut in Berlin schätzt für das Jahr 2005 den Anteil an HIV-Neuinfektionen, die auf ungeschützten Sex unter Männern zurückzuführen sind auf 70% von insgesamt 2600 Infektionen.

Parallel dazu steigt auch die Anzahl von Syphilis und Tripper-Diagnosen unter Männern die Sex mit Männern haben, deutlich an.

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig und reichen von dem blinden Vertrauen in die Antiretroviralen Therapien, die verharmlosend mit bunten Anzeigen beworben werden, bis hin zu der Kondommüdigkeit nach 20 Jahren Safer Sex.

Es gibt erfreulicherweise eine große Zahl HIV-Positiver Männer, denen es unter einer HAART (HochAktiven AntiRetroviralen Therapie) gut geht. Daraus allerdings  abzuleiten, dass HIV-Positive unter einer HAART generell kaum Nebenwirkungen zu ertragen haben, ist ein fataler Fehler: Viele HIV-Positive vertragen die verabreichten chemischen Substanzen nur schlecht. Es braucht sicherlich auch heute noch eine Menge Mut z.B. mit einer ausgeprägten Lipodistrophie in die Szene zu gehen. Vielen fehlt dieser Mut aufgrund der leider immer noch zu beobachtenden Ausgrenzung. Andere bleiben fern, weil sie sich zu schwach fühlen, oder durch Durchfälle ans Haus gefesselt werden. Sie werden unsichtbar.

So verfestigt sich in der Szene das zu rosige Bild, das die Pharmaindustie zeichnet.

Höhere Partnerzahlen sprechen genau wie die gestiegene Bereitschaft mit wechselnden Partnern ungeschützten Verkehr zu haben, für ein Nachlassen der Angst vor einer HIV-Infektion. Die Risikovermeidung wird durch Risikomanagement ersetzt, das allerdings oftmals eher auf irrationalen Hypothesen und Grundlagen basiert.

Vor diesem Hintergrund werden Stimmen laut, die verschärft Restriktionen fordern und relativ einseitige, unreflektierte und wenig hilfreiche Schuldzuschreibungen vornehmen.

Derartige Reaktionen sind jedoch bestenfalls dafür geeignet die Eigenverantwortlichkeit eines jeden Einzelnen zu vernebeln, die aber ein zentraler Baustein wirksamer HIV- und STD-Präventionsarbeit ist.

Barebacking

Die Diskussion zum Thema Barebacking bedarf zunächst einer Versachlichung. Das liegt vor allem daran, dass das Wort mittlerweile nicht mehr in seinem ursprünglichen Zusammenhang – dem ungeschützten Sex zwischen positiven Partnern, die sich über ihren eigenen HIV-Serostatus, den ihres Partners und weiteren Faktoren wie Virustyp, Viruslast und Resistenzen im klaren sind – benutzt wird, sondern als trend- und fetischbesetztes Label  für ungeschützten Sex gilt.

Der Unterschied liegt hier ganz klar im Grad der Information der Partner sowie der Bereitschaft, für seine eigene Gesundheit und die des Partners Verantwortung zu tragen:

Der Wegfall der Angst, sich mit HIV infizieren zu können, ist vielleicht der einzige positive Aspekt des Positiv-Seins. Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass HIV-positive Männer im Hinblick auf ihre Lebensqualität zu der Entscheidung kommen, untereinander auf das Kondom verzichten zu wollen. Verantwortliche Entscheidungen können jedoch nur gefällt werden, wenn Klarheit über die Infektion sowie andere Risiken wie etwa sexuell übertragbare Krankheiten besteht. In vielen soziosexuellen Situationen ist ein Besprechen der Grenzen und Risiken unwahrscheinlich, insbesondere wenn auch Drogen im Spiel sind. Hier muss jeder sein Risiko selbst einschätzen und seine Grenzen selbst bestimmen und durchsetzen.  Gegenseitige Rücksichtnahme heißt auch, die Grenzen der anderen zu respektieren und nicht zu überschreiten.

Wird hingegen ungeschützter Sex unter dem Deckmantel Barebacking zum Fetisch erklärt – als coolerer oder gar männlicherer Sex – bleibt von dieser Verantwortung nichts übrig. Gegenseitige Annahmen ersetzen das Wissen: „Er würde auf Schutz bestehen, wenn er negativ wäre…“ steht gegen „Er würde schon nichts ungeschütztes machen, wenn er es hätte..“ Kommt es zu solchen Projektionen, wird die Eigenverantwortung dem Partner übertragen, solidarisches Verhalten durch egoistisches ersetzt. Dies gilt für alle Beteiligten in jeder Situation, egal ob sie positiv, negativ oder ungetestet sind. Verantwortung ist nicht teilbar.

Unsafen Sex als fetischbesetztes Barebacking zu verkaufen ist und bleibt unethisch und ist auch nicht damit zu rechtfertigen, dass das Kondom an sich oder das bewusste Einhalten der Safer Sex-Regeln lustmindernde Faktoren darstellen, da ausgerechnet beim Sex der Kopf eingeschaltet bleiben muss. Dies mag als Begründung dafür taugen, dass es in einer konkreten Begegnung zu unsafem Sex kam, es taugt nicht als Begründung zum Vorsatz.

  • Der LSVD wirbt für Safer Sex als eigenverantwortlicher Notwendigkeit. Solidarisches Verhalten gegenüber den Partnern heißt die Grenzen anderer zu respektieren und nicht zu versuchen, sie aktiv zu überschreiten.
  • Der LSVD empfiehlt Männern, die Sex mit wechselnden Partnern haben, sich regelmäßig auf STDs untersuchen zu lassen, selbst wenn sie Safer Sex praktiziert haben.

Die Verantwortung der Community

Die Community beginnt auf die neuen Herausforderungen zu reagieren. Inzwischen gibt es in einigen Städten Erfolg versprechende Konzepte, die mit einem Gütesiegel jene Cruising-Bars und Saunen auszeichnen, die im Rahmen von Selbstverpflichtungen für ihre Gäste kostenlose Kondome und Gleitgel sowie Safer-Sex-Informationen bereithalten und ihre Räumlichkeiten nicht für fälschlicherweise so genannte „Bareback-Parties“ zur Verfügung stellen. Derartige Selbstverpflichtungs-erklärungen sollten auch die Vorbildfunktion des Personals und den Verzicht auf „Unsafe-Sex“-Pornos auf den Monitoren thematisieren. Mancherorts stoßen diese Modelle der Präventionsarbeit aber auf Widerstand unter den Betreibern, die die Mehrausgaben für Kondome und Gleitgel fürchten oder sich einem verstärkten Konkurrenzdruck ausgesetzt sehen.

Es sollte selbstverständlich und ein Ausdruck von Verantwortungsbereitschaft sein, dass Männer auf der Suche nach sexuellen Begegnungen das Nötige zur Risikominimierung bei sich tragen. Sich darauf zu verlassen, dass die Gastronomen oder Saunabesitzer grundsätzlich für die kostenlose Bereitstellung von Kondomen sorgen, stellt wieder eine einseitige Verschiebung der Verantwortung dar. Zu verantwortlichen Verhalten gehört auch, sich bei kostenlos von Wirten und Saunenbetreibern ausgegebenen Präventionsmittel nicht für den Hausgebrauch einzudecken.

In der Community wird die Frage diskutiert, ob „Unsafe-Sex“-Parties verboten werden sollten. Aus den Erfahrungen von über 20 Jahren AIDS-Prävention ist klar ersichtlich, dass ordnungspolizeiliche Maßnahmen kein produktiver Weg sind: Die Grenze zwischen Parties im öffentlichen und privaten Raum sind in den Zeiten des Internets fließend. Es würde schnell eine Verlagerung ins Private stattfinden. Private Parties sind für Präventions-Aktivisten nicht mehr erreichbar, die ansonsten am Eingang zu einer solchen Party im öffentlichen Raum auf die entsprechenden Risiken hinweisen und so den Mythos „Bareback“ mit der Realität kontrastieren könnten.

Umstritten ist im Rahmen der Chat-Portale die Schaffung von technischen Voraussetzungen zur gezielten Suche nach unsafem Sex durch Filterfunktionen oder Gruppenbildung. Ähnlich wie beim diskutierten Verbot organisierter Parties steckt die Prävention auch hier in einem Dilemma, das nicht auflösbar scheint: Der Klarheit in der Aussage „ich will unsafen Sex machen“ kann schließlich jeder User, der das nicht will, durch einfaches weiterklicken begegnen, ebenso wie jeder User frei entscheiden kann ein klares Statement abzugeben, dass er konsequent safe bleiben will.

Entscheidend kann auch hier also nur das Vorhalten von Informationen und Entscheidungshilfen sein, die klar die Risiken von unsafem Sex thematisieren. Dies könnte zum Beispiel durch ein PopUp-Fenster geschehen, das gestartet wird, wenn ein User in seinem Profil die Auswahl Safer Sex „Nach Absprache“ oder „Niemals“ trifft.

Die Betreiber von Internet-Plattformen sollten ihrer Verantwortung gerecht werden, indem sie im Rahmen ihrer Chat-Portale zum einen Informationen zu HIV/AIDS und STDs anbieten und zum anderen Präventionsarbeitern die Möglichkeit geben, Beraterprofile einzurichten, die ein virtuelles Abbild der klassischen Streetworker in der Community darstellen.

Andere viel versprechende Konzepte wie z.B. das „Dark Angel“-Projekt  in Berlin, aber auch virtuell in dem Chatportal Gayromeo, setzen auf die Bereitschaft verantwortungsbewusster schwuler Männer, die Prävention im Rahmen von Peer-Group-Education selbst in die Hand zu nehmen und als Vorbild als Role-Modell zu fungieren.

Die Prävention der AIDS-Hilfen sollte sich an ihre Stärke der 80er Jahre erinnern. Sie waren an den Orten institutionalisierter schwuler Promiskuität präsent. Vieles hat sich heute ins Internet verlagert. Die Provider sollten sich für die AIDS-Hilfen öffnen, der Staat sollte auch personalkommunikative Prävention im Internet unterstützen.

Die Verkaufszahlen von sogenannter „Bareback“-Pornografie sprechen für einen bestehenden Wunsch nach Regellosigkeit zumindest im Bereich der Phantasie. Zumindest hier sollen die Schranken fallen, die sich viele auferlegen. Während dies im heterosexuellen Pornosegment weitgehend unkommentiert bleibt, fokussieren insbesondere die Medien auch diesen Bereich immer wieder scharf.

Darsteller solcher Pornos riskieren ihre Gesundheit. Möglicherweise selbstbestimmtes Handeln kann hier an Grenzen stoßen, wenn finanzielle Abhängigkeit mancher Darsteller bei der Annahme solcher Rollen ins Spiel kommt. 

Es muss Darstellern freigestellt werden, safe bleiben zu dürfen. Verträge, die unsafen Sex zum Gegenstand haben, sind als sittenwidrig einzustufen.

Wie schon bei den Chat-Portalen gefordert, sollten auch in Pornographiemedien etwa im Rahmen des Vorspannes klar die Safer-Sex-Regeln erläutert werden und die Eigenverantwortung der Konsumenten für ihre Gesundheit betont werden.

Der LSVD ruft in diesem Zusammenhang alle Beteiligten dazu auf:

  • die Präventionsanstrengungen zu verstärken und neue Konzepte wie zum Beispiel Gütesiegel oder das „Dark Angel“-Projekt zu unterstützen.
  • die Eigenverantwortung als Gäste dabei genauso wahrzunehmen wie die der Betreiber.
  • unsafen Sex nicht als „Barebacking“ zum Fetisch zu machen
  • die Teilnehmer entsprechender Parties klar über die Risiken zu informieren, die sie tragen
  • in Chat-Portalen Infotheken zu HIV und STDs bereitzuhalten und Beraterprofile für Online-Streetworker zu ermöglichen
  • die Verträge von Sexarbeitern in der Pornoindustrie so zu fassen, dass ihnen die Entscheidung für Safer Sex jederzeit ohne finanzielle Einbußen möglich ist.
  • Unsafe-Sex-Pornos mit klaren und deutlichen Warnhinweisen über die gesundheitlichen Gefahren zu versehen.

Die Verantwortung der Medien

Reißerische Berichterstattung in einigen Medien, die positiven Männern einseitig die Verantwortung für den Anstieg der Erstdiagnosen zuschreibt, blendet aus, dass sich unter MSM nach wie vor das Level von Safer-Sex-Verhalten auf einem hohen Niveau befindet, dass weite Teile der heterosexuellen Bevölkerung noch nie erreicht haben. Und sie blendet die Tatsache aus, dass insbesondere die Gruppe der Männer ab 40 dieses Level schon seit über 20 Jahren kontinuierlich hält.

Die unkritische Heranziehung von Infektionsraten anderer STDs als Beweis für die Zunahme unsafen Verhaltens ist untauglich, denn sie ignoriert, dass diese STDs andere Übertragungswege als HIV haben und somit auch mit klassischem Safer-Sex – einer Verhaltensregel zur HIV-Prävention – nicht verhindert werden können. „Raus, bevor es kommt“ taugt nicht zur Syphilis-Prävention.

Der LSVD fordert vor diesem Hintergund:

  • Eine verstärkte Aufklärung in den Medien über sexuell übertragbare Krankheiten.
  • Die klare Unterscheidung der Begriffe „Barebacking“ und „Unsafe Sex“.
  • Eine differenzierte Berichterstattung, die die jeweiligen Gefahren von Barebacking und unsafem Sex beleuchtet, ohne einseitig HIV-Positiven Menschen die Verantwortung aufzulasten.

Die Verantwortung der Pharmaindustie

Eine besondere Rolle in der Prävention kommt auch der Pharma-Industrie zu. Hier wird aber bisher allzu oft eine Strategie gefahren, die doppelte Botschaften sendet. So beteiligen sich Pharmaunternehmen zwar an der Prävention, in dem sie Spenden an präventiv arbeitende Organisationen leisten – sie sehen offensichtlich aber zugleich gezwungen, Anzeigen in den schwulen Printmedien zu schalten, die ein zu rosiges Bild dessen zeichnen,  was eine HIV-Infektion auch heute noch bedeutet

Angesichts der immer noch beträchtlichen Nebenwirkungen von Medikamenten zur antiretroviralen Therapie von HIV erscheinen diese Anzeigen wie ein Schlag ins Gesicht der Betroffenen. Das Versprechen des Erhaltes von Attraktivität und Leistungsfähigkeit wird zwar nicht direkt, aber – durch die Auswahl der durchweg attraktiven Modelle und durch Texte, die suggerieren, eine Wiederaufnahme der Berufstätigkeit, Reisen und andere Ziele seien auch langfristig greifbar – zumindest indirekt gemacht. Es finden sich nirgendwo deutliche Hinweise auf die Nebenwirkungen einer HAART.

Derartige Anzeigen konterkarieren damit deutlich die Präventionsanstrengungen.

Der LSVD fordert deshalb:

  • Selbstverpflichtungserklärungen der Pharmaindustrie zum Verzicht auf Anzeigen, die die Nebenwirkungen der Therapien verharmlosen oder ein geschöntes Bild von den Folgen einer HIV-Infektion vermitteln.

Zusammenarbeit für eine verstärkte Prävention

Noch einmal sei betont, dass eine große Anstrengung in der Prävention nur dann gelingen kann, wenn Akteure aus der Politik und der Wirtschaft mit den Vertretern der lesbisch-schwulen Community zusammen arbeiten.

Hier gibt es Handlungsbedarf. Auch öffentliche Stellen wie Ordnungsämter versuchen teilweise, die kostenlose Ausgabe von Kondomen und Gleitmitteln in Saunen und Bars zu untersagen. Dies unterläuft alle Anstrengungen zur Prävention und ist inakzeptabel.

Der LSVD fordert daher:

  • die Einrichtung eines Runden Tisches „HIV/AIDS – Herausforderungen für die Unternehmensethik“ auf Bundesebene, in der Vertreter  und Vertreterinnen der Wirtschaft, der Politik und der schwul-lesbischen Community tragfähige Lösungen entwickeln.

Deutlichkeit der Prävention

Die Übernahme von Verantwortung setzt Wissen voraus.

Nur derjenige, der sich über die Risiken beim Sex im Klaren ist, kann für sich und seinen Partner die Verantwortung übernehmen.

Dies bedeutet, dass angesichts steigender Erstdiagnosen von HIV-Infektionen und anderen STDs die Bemühungen verstärkt werden müssen, MSM über die jeweiligen Übertragungswege und Symptome zu informieren und zwar zielgruppenspezifisch, klar und deutlich.

Konkret: In Infomaterialien oder im Internet muss es möglich sein, explizit über Sexualpraktiken, damit verbundene Risiken und Risikominderungsstrategien zu reden. Der LSVD sieht mit Sorge die Schwierigkeiten, denen die Deutsche Aids-Hilfe (DAH) als freier Träger der HIV-Prävention für schwule Männer immer wieder ausgesetzt ist.

Es kann nicht angehen, dass beispielsweise die Informationen, die in der Broschüre „Schwuler Sex: Lust und Risiken“ enthalten sind, aus dem Internetauftritt der DAH herausgenommen werden mussten und damit der Jugendschutz gegen sinnvolle HIV-Prävention, die sich ja gerade auch an schwule Jugendliche richten muss, ausgespielt wird.

In der Präventions-Arbeit müssen neue, auf die veränderte Wahrnehmung der HIV-Bedrohung ausgerichtete Konzepte erarbeitet werden. Diese Konzepte müssen als Zielgruppe auch Jene erreichen, die auf der Ebene des fetischbesetzten unsafen Sex trotz Kenntnis des Risikos eine „Jetzt-erst Recht-“ oder „Trotzdem-“ Haltung einnehmen.

Völlig unverständlich sind ferner die fortwährenden Kürzungen im Präventionsbereich auf vielen Ebenen bis hin zu den Kommunen. Mittel, die heute in der Prävention gespart werden, müssen morgen, um ein Vielfaches erhöht, für die Versorgung von HIV-Patienten ausgegeben werden.

Vor diesem Hintergrund fordert der LSVD:

  • Verstärkte Präventionsbemühungen im Schwulenbereich einschließlich einer Aufstockung der finanziellen Mittel.
  • Jede Zeit und jede Generation muss immer wieder neu für Prävention gewonnen werden. Präventionsbotschaften und Vermittlungsmethoden müssen auf die veränderte Wahrnehmung hin überprüft und justiert werden, um gezielt gegen Trends wie „Unsafe ist cool“ Stellung zu beziehen.
  • Prävention muss Botschaften entwickeln, die schwulen Männern, insbesondere auch der jüngeren Generation schwuler Männer aufzeigt, dass ein schwules Leben über vierzig lebenswert und erfüllt sein und Spaß machen kann.
  • Prävention muss die ganze Vielfalt schwuler Lebensformen und Begegnungen im Auge haben, auch schwule Paarbeziehungen. Sie muss passgenaue und realistische Wege für verantwortliches Verhalten aufzeigen.
  • Größere Freiräume für die DAH und andere Träger der HIV-Prävention bei der Gestaltung von Infomaterialien oder im Rahmen ihres Internetportales.  Sexuelle Praktiken und die jeweiligen Verhaltensmaßregeln zur Prävention müssen klar und deutlich beschrieben werden können.
  • Pharmakonzerne sollen, anstatt HIV-Infektionen durch ihre Werbekampagnen in den schwulen Medien zu verharmlosen, zu Trägern der HIV-Prävention werden, indem sie bestehende Projekte fördern und neue Initiativen unterstützen.
  • Private und gesetzliche Krankenkassen sollten in die Finanzierung der HIV-Prävention eingebunden werden.

Verbesserte Untersuchungsangebote und ärztliche Fortbildungen

Noch immer scheuen sich insbesondere im ländlichen Bereich viele schwule Männer, bei den sie behandelnden Hausärzt(inn)en, Hautärzt(inn)en, Urolog(inn)en und Internist(inn)en, aber auch in den Gesundheitsämtern offen mit ihrer Homosexualität umzugehen oder darüber zu reden, wenn es um das Risiko geht, sich beim Sex unter Männern mit HIV oder einer STD zu infizieren.

Dies führt nicht selten dazu, dass HIV-Diagnosen erst zu einem Zeitpunkt erkannt werden, wenn sie sich klinisch zu manifestieren beginnen, immer noch Fälle von Neuro-Lues (dem dritten Stadium der Syphilis, in dem die Krankheit zu schweren Schäden im Nervensystem bis hin zum Tode führt) auftreten oder andere STDs insbesondere im Analbereich überhaupt nicht erkannt werden.

Deshalb fordert der LSVD:

  • Analog zum HIV-AK-Test sollte in den Gesundheitsämtern die Möglichkeit eröffnet werden, auch Untersuchungen auf andere STDs anonym vornehmen zu lassen. Im Rahmen der HIV-AK-Testberatung sollte eine Gesundheitsberatung erfolgen, die die anderen STDs sowie Schutzmöglichkeiten und mögliche Impfungen berücksichtigt. Entsprechende BeraterInnenschulungen sind durchzuführen.
  • Die Ärzteschaft wird aufgefordert, ihre Beratungskompetenz für schwule Patienten zu verbessern und Fortbildungen insbesondere von Hautärzt(inn)en, Proktolog(inn)en, Internist(inn)en sowie Hausärzt(inn)en zu organisieren, in denen die Übertragungswege und Präventionsmöglichkeiten von STDs beim Sex unter Männern erläutert und Vorurteile abgebaut werden.
  • Nach einer Erstdiagnose sollte dem Infizierten/Erkrankten die Vorstellung  oder Anbindung an eine HIV-Schwerpunktpraxis oder –ambulanz angeboten werden.

Soziale Absicherung

Menschen mit HIV, in besonderem Maße aber schon an AIDS erkrankte Menschen, haben aufgrund der verbesserten Therapien eine deutlich gestiegene Lebenserwartung. Durch diese erfreuliche Entwicklung verschärft sich aber das Problem der mittel- bzw. langfristigen sozialen Absicherung.

Insbesondere im Bereich der Alterssicherung stehen HIV-positive Menschen vor dem Problem, dass es ihnen nicht möglich ist, neben der staatlichen Alterssicherung oder der für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer konzipierten Riester-Rente eine private Alterssicherung zu erreichen, da private Versicherungen den Abschluss von Verträgen mit HIV-positiven ablehnen.

Dennoch sind sie von den Rentenkürzungen durch die Rentenreformen seit 8 Jahren in gleichem Maße mitbetroffen. Die Erwerbsunfähigkeitsrenten sind wie die Altersrenten an die gleichen Entwicklungsformel gebunden (Senkung der Rentenformel durch den demographischen Faktor und Anpassung an der Entwicklung der Nettolöhne). Damit wird eine Abwärtsspirale in die Verarmung im Alter eingeleitet.

Aber auch die Sozialhilfe und das ALG II decken den spezifischen Bedarf nur unzureichend ab.

Für Menschen mit HIV/AIDS, die noch mindestens 3 Stunden täglich erwerbsfähig sind, sieht das SGB II außer einem ernährungsbedingten Mehrbedarf keinen weiteren Mehrbedarf vor. Da sich in Zusammenhang mit den AIDS definierenden Erkrankungen oft vielfältige Probleme ergeben, ist dies nicht ausreichend und führt zu verstärkten Antragstellungen bei den AIDS-Stiftungen.

Beantragen Betroffene Leistungen zur Teilnahme am Arbeitsleben, sehen sie sich damit konfrontiert, dass der Kostenträger die Leistung ablehnt, weil aufgrund der HIV/AIDS-Erkrankung eine dauerhafte Eingliederung ins Arbeitsleben angeblich unwahrscheinlich sei. Im Hinblick auf die verbesserten therapeutischen Möglichkeiten ist hier ein Umdenken gefordert.

Der LSVD fordert deshalb:

  • eine Sozialpolitik, die den besonderen Lebensumständen der Menschen mit HIV und AIDS gerecht wird und ihnen ein lebenswürdiges Rentenalter ermöglicht.
  • eine Berechnung der Erwerbsunfähigkeitsrente und Altersrente für Erwerbsunfähige nach einer Rentenformel gemäß der Entwicklung der Lebenshaltungskosten, da Erwerbsunfähigkeitsrentner keine Möglichkeit haben, auf die Rentenreformen durch private Vorsorge zu reagieren.
  • die Anerkennung anderer Mehrbedarfe, um flexibel auf die gesundheitliche Situation von Menschen mit HIV und AIDS reagieren zu können.
  • ein Umdenken bei den Kostenträgern von Rehabilitationsleistungen angesichts der stark verlängerten Lebenserwartung von Menschen mit HIV/AIDS.

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Schwule Gesundheit umfasst auch das psychische Wohlbefinden.

Noch immer müssen schwule Männer und lesbische Frauen an ihren Arbeitsplätzen befürchten, Nachteile zu erleiden oder gar gemobbt zu werden, wenn ihre sexuelle Identität bekannt wird. Unter doppeltem Druck stehen HIV-positive schwule Männer.

Diskriminierungen drohen jedoch nicht nur im Arbeitsalltag, sondern auch im Privatleben.

Noch immer weigern sich einige Anbieter privater Kranken- oder Lebensversicherungen generell, schwule Männer zu versichern, oder lehnen Antragssteller unter fadenscheinigen Begründungen ab. Auf dem Mietwohnungsmarkt haben schwule oder lesbische Paare aufgrund ihrer Homosexualität nicht selten große Schwierigkeiten.

Noch immer gibt es in der Bundesrepublik kein Antidiskriminierungsgesetz, obwohl dies bereits seit Dezember 2003 aufgrund von EU-Richtlinien gefordert wäre.

Dies ist ein unhaltbarer Zustand.

Der LSVD fordert vor diesem Hintergrund:

  • Die Einführung eines Antidiskriminierungsgesetzes, das sowohl im arbeitsrechtlichen als auch im zivilrechtlichen Teil die sexuelle Identität als Diskriminierungsmerkmal enthalten muss.

Aufklärung in Schulen

Nach wie vor sind Schulen homophobe Orte. „Schwule Sau“ ist noch immer eines der häufigsten Schimpfworte auf den Schulhöfen, offen schwule Schüler oder lesbische Schülerinnen werden gehänselt oder bedroht und erfahren oft keine Unterstützung von ihren Lehrerinnen und Lehrern. Das Thema Homosexualität wird, wenn es denn überhaupt im Unterricht auftaucht, oft als Nebenaspekt im Aufklärungsunterricht behandelt oder höchstens unter dem Aspekt „Diskriminierung“ als Beispiel benutzt.

Die jetzige nordrhein-westfälische Landesregierung plante, eine EU geförderte  Materialiensammlung für sozialpädagogische und pädagogische Fachkräfte, die mit Jugendlichen arbeiten, nicht mehr durch Lehrkräfte nutzen zu lassen und sich von dieser Broschüre mit der Anmerkung, dass darin eine Bewertung von Lebensweisen stattfände, welche die Landesregierung nicht teile, zu distanzieren.

Dies wurde erst nach großem öffentlichen Druck seitens des LSVD und der Kooperationspartner, die an der Entstehung der Broschüre beteiligt waren, fallengelassen.

Sozialwissenschaftliche Studien belegen, dass neben der Bereitschaft zu Safer Sex auch das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl entscheidend dazu beitragen, dass Safer Sex in einer konkreten Situation auch tatsächlich ausgeübt wird.

Wenn die Schule auch schwule Schüler und lesbische Schülerinnen in ihrer Entwicklung zu Eigenverantwortlichkeit unterstützen will, müssen im Unterricht gleichgeschlechtliche Beziehungsmodelle genauso selbstverständlich präsent sein wie verschiedengeschlechtliche. Anders kann eine Erziehung zu Toleranz, Respekt und Verantwortung nicht gelingen.

Selbstbewusstes lesbisches oder schwules Leben taucht im Unterricht überhaupt nicht – oder nur auf sexuelles Verhalten reduziert – auf. Nur punktuell gelingt es, im Rahmen von Projekttagen junge Schwule und Lesben in den Unterricht einzubinden.

Bisher ist Schwulsein und Lesbischsein kein Thema in der Ausbildung von Lehrkräften.

Viele junge Lehrerinnen und Lehrer haben daher keinerlei Kenntnis, wie sie damit umgehen und dies thematisieren können. Sie wissen auch nicht, wie sie einer Diskriminierung von schwulen und lesbischen Schülern und Schülerinnen  entgegentreten sollen.

Die Aufnahme von schwullesbischen Themen und den Umgang damit und mit Diskriminierung in die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern ist daher ein wichtiges Instrument zu Aufklärung und Toleranz, welches auch ohne zusätzliche Kosten möglich ist.

Der LSVD fordert daher:

  • Über verbindliche Rahmenrichtlinien zum Sexualkundeunterricht hinaus müssen Lehrpläne dafür Sorge tragen, dass in der Schule auch Kenntnis von und Respekt für verschiedene Formen eigenverantwortlichen Lebens – verschiedengeschlechtlichen wie gleichgeschlechtlichen Lebens - vermittelt werden.
  • Schwul-lesbische Schulprojekte und Jugendgruppen sollen nach Möglichkeit in den Unterricht einbezogen werden.
  • Schwul-lesbische Themen müssen in die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern an Universitäten und Fachhochschulen mit aufgenommen werden
  • Fachspezifische Fortbildungen, die zur Erhöhung der didaktischen und pädagogischen Kompetenz der Lehrkräfte beitragen,  insbesondere für Fächer wie Geschichte, Deutsch, Fremdsprachen, Biologie, Werte und Normen, Religion. Für diese Fortbildungen sollten auch die spezifischen Fachkenntnisse schwuler Pädagogen und lesbischer Pädagoginnen herangezogen werden.
  • Die Überarbeitung von Schulbüchern im Hinblick auf die Berücksichtigung aller Lebensweisen. Dies gilt für alle Fächer.
  • Akzeptanzkampagnen (beispielsweise mit Plakaten) zum Thema Homosexualität – Bisexualität – Transgender in den Schulen.

[beschlossen auf dem 18. LSVD Verbandstag am 26.03.2006 in Köln]