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Für ein besseres Leben von Lesben und Schwulen im Alter

Angesichts der deutlich gestiegenen Lebenserwartung umfasst die Lebensphase des Alters heute einen wesentlich größeren Teil der durchschnittlichen Lebenszeit als noch vor einer Generation. Gleichzeitig erleben viele Schwule und Lesben Altwerden überwiegend als Verlust oder Bedrohung. So konzentrieren sich die persönliche, politische und wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Alter häufig auf die befürchteten negativen Begleiterscheinungen wie Krankheiten und Gebrechlichkeit, Einschränkungen von Leistungsfähigkeit und Autonomie sowie den vermeintlichen Verlust an Attraktivität.

Eine altersgerechte Politik für Lesben und Schwule begleitet und unterstützt den individuell herausfordernden Prozess des Alterns durch die Schaffung von Rahmenbedingungen dafür, dass ‚alt werden’ und ‚alt sein’ in der Lebensplanung und Identität von Lesben und Schwulen einen selbstverständlichen und akzeptierten Platz finden.

  • Intergenerative Politik: Anforderungen an eine altersgerechte Politik sollten nicht allein auf eine spezifische Lebensphase gerichtet, sondern als intergenerative Politik begriffen werden. Projekte für das Alter sind auch Orte und Angebote, die den Dialog zwischen älteren und jüngeren Lesben und Schwulen fördern.
  • Gesamtgesellschaftliche Verantwortung: Verbesserungen in den institutionellen Angeboten für ältere und alte Lesben und Schwule werden ohne weitere Fortschritte in der Akzeptanz  in allen gesellschaftlichen Bereichen nicht möglich sein. Die Förderung des homosexuellen Selbstbewusstseins und der Abbau von Diskriminierung tragen langfristig dazu bei, umfassenden Respekt und Achtung für unterschiedliche schwul-lesbische Lebensformen zu erreichen. Ältere und Alte sollen selbstverständlich und offen lesbisch oder schwul leben können. Gleichzeitig sollten Lebensstrategien von Frauen und Männern respektiert werden, die sich in ihrem Leben, das von Ausgrenzung, Ignoranz, Pathologisierung und Stigmatisierung geprägt war, dafür entschieden haben, ihr gleichgeschlechtliches Leben zu verheimlichen.
  • Stärkung von Selbsthilfepotenzialen: Das Ziel einer emanzipativen Altersförderung ist es, Aufklärungs- und Selbsthilfepotenziale zu stützen. Dazu braucht es lesben- und schwulenspezifische Angebote, die Respekt vor Besonderheiten zeigen, die sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten zwischen Lesben und Schwulen thematisieren und die Netzwerkstrukturen stärken.
  • Wissenschaftliche Expertise: Nach wie vor gibt es kaum wissenschaftliche Expertisen über die Lebenssituation von älteren Lesben und Schwulen. Forschung und Lehre haben sich diesem Themengebiet bislang weitgehend verschlossen. Die Wissens- und Erkenntnislücken über das Selbstverständnis, die Lebenssituation und die Möglichkeiten eines bürgerschaftlichen Engagements müssen geschlossen werden. Gefragt sind hier vor allem auch die Jüngeren, die Akteure der Wissenschaft.
  • Kultur und Kreativität: Jedes Leben ist einzigartig, je älter die Menschen werden, desto unvergleichbarer sind ihre Biographien. Wer Lesben und Schwulen jenseits der 60 zuhört, wird aus dem Staunen nicht herauskommen. Dennoch widmet sich das kreative Potenzial viel zu selten dem homosexuellen Alter. Gebraucht werden vielfältige Bilder für die Medien und die Öffentlichkeit.


Vor diesem Hintergrund fordert der LSVD die Verantwortlichen in Politik, Verwaltung und Wissenschaft auf, zum einen entsprechende Selbsthilfeaktivitäten der schwul-lesbischen Community zu unterstützen und zum anderen für eine Berücksichtigung der Interessen und Bedürfnisse von älteren Lesben und Schwulen in allen Bereichen der Seniorenpolitik und der Altenhilfe zu sorgen.

Im Einzelnen fordert der LSVD dazu auf,

  • spezifische Kommunikationsangebote zu schaffen, in denen Lesben und Schwule unterschiedlicher Generationen sich gemeinsam für mehr Akzeptanz in der Gesellschaft engagieren können. Hier sollten beispielsweise auch die Möglichkeiten der virtuellen Kommunikation besser ausgeschöpft werden,
  • Untersuchungen über das Selbstverständnis und die Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe von Leben und Schwulen zu fördern und in Auftrag zu geben,
  • Angebote für Lesben und Schwule in der dritten und vierten Lebensphase, insbesondere im Hinblick auf Wohn- und Betreuungsformen, weiter zu entwickeln und institutionell zu verankern,
  • Konzepte für die kultursensible Versorgung, Pflege und Begleitung von homosexuellen Frauen und Männern in das bestehende institutionelle System einzubetten und
  • die besonderen Bedürfnisse von Menschen, die zum Teil einen langen Zeitraum ihres Lebens unter Kriminalisierung und massiver Diskriminierung gelitten haben, wie andere Aspekte einer sich immer weiter differenzierenden Gesellschaft (z.B. Senioren und Seniorinnen mit Migrationshintergrund) in die Aus- und Weiterbildung sowie in die Organisations- und Personalentwicklung zu integrieren.
  • bei der Grundsicherung wie bei gesundheitspolitischen Entscheidungen darauf zu achten, dass auch heute noch nicht wenige ältere Menschen, insbesondere Frauen, unzureichend materiell abgesichert sind, und ihnen keine zusätzlichen Belastungen aufgebürdet werden dürfen.


Von der eigenen Community fordern wir, dass sie Signale setzt für eine intergenerative Lesben- und Schwulenpolitik. Im Einzelnen heißt das, Risse zu kitten, Klischees abzubauen, Isolierungen und Ignoranz zu überwinden sowie Alterdiskriminierungen zu beseitigen. Lasst uns neue Netzwerke knüpfen und den Dialog weiter führen! Lasst uns den Austausch zwischen den Generationen in unserer Community aktiv suchen und fördern! Lasst uns miteinander lesbisch-schwule ALTER-NATIVEN finden! Lasst uns gemeinsam das TROTZ-ALTER leben!

[beschlossen auf dem 20. LSVD Verbandstag am 13.04.2008 in Berlin]

Antragsteller: LSVD-Bundesvorstand