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Claudia von Zglinicki:

Wir sind immer am Schwätze
Sonja und Antje

Es heißt, über Sonja Springer und Antje Ferchau sollte vor allem deshalb ein Porträt geschrieben werden, weil Sonja ein so spätes Coming out erlebt hat. Sie habe übrigens auch schon Enkel. Nach diesen spärlichen Hinweisen kann man versuchen, sich ein Bild zu machen. Die Realität ist dann ganz anders. Sonja hatte ihr Coming out mit 27. Spät? Sie ist erst 44, eine junge Großmutter, keine klassische wie aus alten Märchen. Und es gibt noch viel mehr Interessantes an diesem Paar: Sonja und Antje. Die Lebensgeschichten der beiden – aus Ost und West, noch dazu mit einem Altersunterschied von neun Jahren – könnten unterschiedlicher nicht sein. Hier die traditionelle Familie, die Sonja adoptiert hatte, mit der strikten Unterordnung unter die engherzigen Glaubenssätze einer Freikirche, dort die Selbstständigkeit einer Frau, die mit der DDR-eigenen Selbstverständlichkeit Studium und Beruf für sich in Anspruch nahm. Gemeinsam sind beiden ihre Aktivität, ihre Offenheit und die oft betonte Besonderheit, die diese Partnerschaft so lebendig hält: "Wir sind immer am Schwätze."

Für Sonja gab es in Worms, dem Ort ihrer Kindheit, in der Familie und der Gemeinde keine Alternative zu Ehemann und Familie. Sie brach die Ausbildung zur Kinderkrankenschwester ab und heiratete. Zwei kleine Söhne hatte sie schon. Die Hochzeit war der einzige Weg, aus dem streng religiösen Elternhaus zu entkommen, Liebe spielte dabei keine große Rolle. Die Ehe dauerte dann nur ein Jahr. Sonja wurde so schnell geschieden, weil die Beziehung als Härtefall galt. Der Mann hatte Sonja immer wieder misshandelt. "Ihr wisst gar nicht, wie viel Gewalt unter dem Deckmantel von Kirche und Glauben herrscht", sagt Sonja heute. Sie denkt dabei auch an die Familie ihrer Eltern, in der es mehr Gewalt gab als Brot, in der sie zu "anders" war, schon als Kind. Sie war burschikos. Mädchen trugen Röcke; sie liebte Hosen. Prügel setzte es für – für alles eigentlich, so erinnert sie sich. Wenn sie die Hosen ihres kleinen Freundes anzog, wenn sie sich auf dem Spielplatz dreckig gemacht hatte. Als sie einmal einen Handwagen ziehen sollte und nur leise "Och" dazu sagte, folgten Schläge. In ihrer ersten Ehe ging es dann so weiter. Wäre sie nicht aus der Bindung herausgekommen, hätte sie nicht überlebt.
Sonjas Erlebnisse klingen wie aus einem fernen Jahrhundert. Dabei ist das alles noch nicht lange her. Die Adoptivmutter hatte vor allem eins gewollt: diese eigensinnige Tochter, die sich schon mit 14 mal in eine Diakonisse verguckt hatte, in einer ordentlichen Familie unterbringen. Vater – Mutter – Kind. So gehörte es sich. Nur so. Was Homosexualität ist, erfuhr Sonja zu Hause nicht. Sie kannte nicht einmal das Wort.

Die Mutter war es, die Sonja mit den kleinen Jungen wieder nach Hause zurückholte. Sonja war schwer verletzt. Die Scheidung ging dann ganz schnell. Sonjas Mutter hatte bald den zweiten Ehemann für die Tochter parat. Die neue Ehe lief gut. "Mein Mann war herzensgut, er kochte sogar," erzählt Sonja. "Die beiden Mädchen wurden geboren. Wir kauften uns ein Haus, ich bin nebenbei schaffe gegange, im Krankenhaus." Die herkömmliche Rollenverteilung war vertauscht. Er stand in der Küche, Sonja reparierte das Auto. Irgendwann wusste er wohl mehr über Sonja als sie selbst. Er schlug vor, zu einer Eheberatung zu gehen und fragte sie, ob sie vielleicht eigentlich Frauen liebte. Aber für sie galt immer noch, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Eine solche Sünde schon gar nicht. Als aus dem Kontakt zu ihrer besten Freundin dann doch mehr wurde als Freundschaft, sah sie, dass das eigentlich ihr Leben war, die Beziehung zu einer Frau. Sie verdrängte das lange und kam nicht mehr mit sich selbst zurecht. So wollte sie nicht sein. Sonjas Mann wollte die Ehe weiterführen. Nach außen hin sollte sich nichts ändern. Aber bei der Taufe der jüngsten Tochter zeigte sich, dass nichts lange geheim bleiben kann, schon gar nicht in einem kleinen Ort. Sonjas Mutter beobachtete, wie Sonja und ihre Freundin sich küssten, stürzte zu den Gästen und kreischte. Alle flüchteten, die Kaffeetafel fiel aus. In der kommenden Zeit griffen die Leute vor allem Sonjas Mann an. Er sei Schuld, er habe sie sich "nicht ordentlich vorgenommen". Manche drückten es noch deutlicher aus. Schwer vorstellbar, diese Reaktion. Und für ihn offenbar nicht zu ertragen. Er ging eines Tages, er verschwand einfach so, wie im Film. Fuhr zur Nachtschicht und kehrte nicht zurück. 17 Jahre ist das jetzt her. Es kann sein, meint Sonja, dass er sie geliebt hat. Jedenfalls stand sie nun mit den vier Kindern ganz allein da.

Sie war 27 und fing an zu leben. Ein spätes Coming out? Ja, wenn man bedenkt, dass sie vier Kinder hatte und schon zwei Ehen hinter ihr lagen. Jetzt erst fand sie heraus, wie wenig sie bisher vom Leben wusste. Was in der Kirchengemeinde gesagt wurde, hatte für sie gegolten. Was die Mutter bestimmte, geschah. Sonja kannte kein Kino, keinen Jahrmarkt, schon gar kein Frauencafé. Das Café entdeckte sie während ihres Coming out in Ludwigshafen, es wurde für viele Jahre Familienersatz für sie, sie gründete dort eine Selbsthilfegruppe und blieb fast 15 Jahr lang im Café aktiv. Aber das war später. Jetzt sagte sie sich erst mal von der Gemeinde los, was unendlich schwer war. Die Mutter versuchte, das Sorgerecht für die Kinder zu bekommen. Erst in der dritten Instanz konnte Sonja sich mit Hilfe der Jugendamtsleiterin in Worms durchsetzen und ihre Kinder behalten. Da lagen vier Jahre Rechtsstreit hinter ihr, vier Jahre Angst, die Kinder zu verlieren. 1989 hatte sie es geschafft. Die innere Unabhängigkeit von der Mutter erreichte sie erst viel später.

Sonja hatte begonnen, offen als Lesbe zu leben. Etwas anderes kam für sie nicht in Betracht. Sie hatte nichts mehr zu verlieren. Auch wegen der Kinder gab es keine Wahl. Sie wollte ihnen nichts vormachen. Sie sollten aufrichtige Menschen werden und das ging nur, wenn sie die Mutter ebenso ehrlich erlebten. Wenn Sonja und Antje heute über ihr Coming out und das Leben von Lesben mit Kindern sprechen, wenn sie andere Frauen beraten, reden sie immer darüber, wie wichtig es ist, mit den Töchtern und Söhnen ehrlich zu sein. Dass ein Leben in Lüge mit Kindern nicht möglich ist.

Es kam Sonjas härteste Zeit. Der Mann weg, gegen die Mutter Prozesse zu führen. Das Haus verloren, weil es noch nicht schuldenfrei war. Das Sozialamt wies ihr und den Kindern eine Wohnung in einer Gegend zu, die ein sozialer Brennpunkt war. Sie wusste nach der ersten Nacht, wo sie gelandet war. Sie lernte schnell, was das hieß; notfalls ging sie mit einem Schlagring in der Tasche aus, nachdem drei Frauen sie verprügelt hatten. Sie ging erhobenen Hauptes herum und hatte von da an ihre Ruhe, aber sie begriff auch, dass es fast unmöglich war, diese Gegend wieder zu verlassen. Eigentlich ging es nur mit den Füßen zuerst – oder auf dem Weg in den Knast. Die Adresse stigmatisierte alle, die hier wohnten. Zuerst beschloss sie: "Niemals bleib ich hier, nicht ein Weihnachtsfest!" Fünf Weihnachten feierte sie dann dort, mit den Kindern und einer Partnerin. Krach über die Sozialhilfe wegen angeblicher Schwarzarbeit und Auseinandersetzungen mit Verwandten gehörten zu den fünf Jahren dazu. Dass Sonja die verrufene Gegend endlich doch verlassen konnte, verdankt sie auch ihrem Bruder, der ihr von einem leeren Häuschen in seiner Nachbarschaft erzählte. Sie schaffte es und zog aufs Land, was sich leicht liest, aber noch mal lange dauerte, denn das Sozialamt, "das dich besitzt", wie sie es treffend ausdrückt, muss mit dem Umzug einverstanden sein. Das Amt in Worms – konkret ein Onkel von Sonja – stimmte nicht zu. Über ihn hatte die alte Kirchengemeinde plötzlich wieder mitzureden. Endlich ging Sonja einfach, zog ohne Erlaubnis aufs Dorf und verzichtete auf ein oder zwei Monate Sozialhilfe. Die neuen Nachbarn akzeptierten sie, die Leute auf dem neuen Amt kannten sie nicht und verhielten sich normal, normal freundlich. Auf dem Dorf war am wichtigsten, dass die Frauen ordentlich grüßten und die Straße fegten. "Wenn du die Gass' nicht kehrst, das ist schlimmer, als wenn du lesbisch bischt!"

Über Sonjas Lebensgeschichte kann man nächtelang reden. Viele Leute sagen, sie könnten aus ihrem Leben einen Roman machen; Sonja gehört möglicherweise zu denen, die tatsächlich genug Stoff dafür hätten. Die Erfahrungen mit Männern und Glaubensgemeinschaften. Das Leben mit Söhnen und Töchtern. Das vor allem für sie selbst unerwartete Herausfinden dessen, was sie wirklich will, nämlich Hosen anziehen (siehe frühe Kindheit), Autos reparieren (siehe zweite Ehe), mit Holz arbeiten, unabhängig sein und eine Frau lieben. Die innere Abhängigkeit von der Mutter, auf andere Weise wiederholt in der Beziehung zu einer Freundin. Die Erfahrung, wie es ist, wenn eine Partnerin mit Selbstmord droht und nicht nur droht. Und Sonja hat noch viel mehr zu erzählen. Für alles ist hier nicht Platz. Aber es wird Zeit, dass Antje ins Spiel kommt, die neun Jahre Jüngere aus Sachsen-Anhalt, die in Weimar Bauwesen studierte, nebenbei in einem Kabarett mitwirkte und Stadtplanerin ist. Für die Sonjas Kinder und Enkel wichtig geworden sind.

Eine Freundin hatte Antje von Sonja erzählt. Wie stark die sei und wie wunderbar die Familie mit Sonjas Kindern und ihrer Partnerin. Natürlich – was ging jemals glatt in Sonjas Leben? – gab es Verwicklungen. Sonjas Partnerin war an Antje interessiert, die komplizierte Situation wurde dramatisch, Sonja wurde schließlich von der Ex-Frau heftig gegen die gläserne Haustür geschleudert und Antje war da, um zu helfen. Fast fühlte sie sich schuldig an dem Schlamassel, obwohl sie eigentlich nichts getan hatte, aber auf jeden Fall wollte sie dem zitternden Bündel, das Sonja plötzlich war, beistehen. Sie schaffte das auch. Sonja zog aus, weg von der früheren Partnerin, in eine kleine Wohnung im Nachbardorf, damit keine Frau mehr auf die Idee kommen könnte, bei ihr und den Kindern einzuziehen, damit endlich Ruhe herrschen würde. Sie wollte allein mit den Kindern leben. Trotzdem spürten beide, Sonja und Antje, ein Gefühl für die andere. Sie wehrten sich beide dagegen, aber es half ihnen nichts. Kitschig klingende Sätze können Realität werden: Die Liebe war stärker als irgendwelche Vernunftgründe. Die neue Wohnung war doch nicht klein genug und vielleicht hätte auch eine Kammer gereicht. Seit 1994 besteht die Beziehung inzwischen, seit 1995 wohnen die beiden Frauen zusammen. Sonjas Söhne leben seitdem nicht mehr bei der Mutter, die Töchter Rebecka und Phöbe, 19 und 17, leben bei den Frauen. Sonja hat eine Ausbildung zur Schreinerin absolviert, obwohl sie immer gedacht hatte, so ein Beruf wäre für eine Frau nicht möglich, und zusammen hat das Paar vieles von dem erlebt und nachgeholt, was die Ältere noch nicht kannte. Mit Antje war Sonja zum ersten Mal im Theater und in einer Bibliothek. Die Lebenserfahrungen der Frauen unterschieden sich sehr. Dadurch begann die Sache mit dem ewigen "Schwätzen". Antje geht in die Bibliothek? Ja, kann man das denn einfach so? Fragen über Fragen. Wie hast du gelebt, wie ich? Was galt bei dir zu Hause, was bei mir? Antje ist atheistisch erzogen worden und hatte eine glückliche Kindheit. Mit 17, 18 spürte sie, dass sie anders war als andere Frauen. Lange Zeit lebte sie ihre erste Beziehung verdeckt. Die Frage, ob sie ein Ost-West-Problem hätten, versteht Sonja zuerst gar nicht. Nein, sie haben keins. Sie hatten und haben immer viel zu erzählen und zu besprechen, fast ununterbrochen. Im ersten halben Jahr ihrer Beziehung wurde "eigentlich nur geredet", so haben sie sich wirklich kennen gelernt.

Brüche, Zeiten der Ungewissheit hat auch Antje erlebt. Sie schrieb ihre Diplomarbeit über Vietnam, sollte 1990 dorthin gehen. Durch das Ende der DDR war das nicht mehr möglich, sie ging erst einmal nach Darmstadt, zog dann nach Worms. Ihre erste Beziehung zerbrach, weil die Freundin sich in einen Mann verliebte. Anderthalb Jahre hat Antje gebraucht, um das zu verstehen und eigene Versuche, auch selbst wieder "umzudrehen" als gescheitert abzuschließen. Das "Experiment Mann" war für sie nicht erfolgreich gewesen, weniger wegen der Sexualität, mehr wegen der Probleme, die sie mit dem gemeinsamen Leben hatte, wegen der üblichen Rollenverteilung, die sie ablehnt. So erlebte sie ein zweites Coming out in dem Wissen, dass diese festen Kategorien hetero-, homo- und bisexuell nicht ihre sind. Dass sie aber im Zusammenleben von jeder der klassischen Rollen etwas übernehmen möchte. Nur nicht eingezwängt sein in ein Klischee, welches auch immer. Denn sie passt in keines. Mit Sonja kann Antje diesen Anspruch umsetzen und von außen gesetzte Grenzen sprengen. "Bei uns hat jede von jeder Rolle etwas", sagt Antje. "Ich verdiene mehr, ich bin der Ernährer der Familie. Ich habe andererseits den größeren Anteil an femininen Eigenschaften. Ich koche und gärtnere, ich bin die Mütterliche, Umsorgende, aber ich habe auch einen Berufsabschluss als Maurer, zwischen Abitur und Studium hab ich den Beruf erlernt." Maurerin – die deutsche Sprache oder ihre Nutzerinnen und Nutzer weigern sich, dieses Wort in den Alltagsgebrauch aufzunehmen. Aber Antje ist kein Maurer; wer sie sieht, wird das sofort bestätigen. So viele Widersprüche scheinen in einer Person zu liegen, wenn man von traditionellen Bildern ausgeht, wie eine Frau zu sein hat. Aber warum sollte man, warum sollte frau das tun?

Sonja und Antje haben sich gemeinsam ein mehr als 300 Jahre altes Haus gekauft, in dem sie nun umbauen, was nötig ist. Sonja, die Schreinerin, tischlert Möbel für die Familie. Sie ergänzen sich gut. Sonjas große Tochter Rebecka wird Tierarzthelferin, Phöbe absolviert das Vorpraktikum als Erzieherin. Es könnte sein, dass Rebecka Frauen lieben wird. Phöbe will, sagt sie, eine klassische Familie haben: Frau, Mann, Kind. Wie ihre Brüder empfindet sie Sonja, die Mutter, eher als Vater - härter als Antje, männlicher eben. Sonja sagt über sich selbst, ihr fehle die mütterliche – ja, wie soll sie das nennen? Phöbe weiß es: mütterliche Sorgfalt. So beendet sie den Satz der Mutter. Über Mütterlichkeit, über Frauen und Männer sprechen sie offen. Sonja meint, dass sie keine Kinder bekommen hätte, wenn sie damals geahnt hätte, "dass man so leben kann, wie man fühlt". Aber sie wusste es nicht und niemand verriet es ihr. So sind die Kinder da, es sind inzwischen junge Erwachsene, und es ist ein Glück, dass sie da sind. Auch für Antje, die Schwangerschaft und Geburt für sich ablehnt und erklärt, ihr Egoismus sei außerdem zu groß für ein Baby. Gegen diese Selbsteinschätzung spricht, wie Antje von Sonjas Enkeln spricht, den kleinen Jungen von Sonjas älterem Sohn: "Ich überspringe eine Generation, ich habe keine Kinder, aber auf einmal Enkel!" Sicher, Antje ist zu jung, um für Sonjas ältere Kinder noch eine Art Co-Mutter zu sein, aber kommt es darauf an? In dieser Familie wohl nicht.
 
 


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