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Claudia von Zglinicki:

Kinder haben – oder allein leben
Elisabeth und Andrea

Die beiden Frauen lachen viel, miteinander und mit ihrem Sohn David, der zweieinhalb ist. Im Gespräch ergänzen sie sich gut, gerade, was den Humor angeht. Elisabeth und Andrea leben in einer süddeutschen Kleinstadt, sie sind beide 33, beide von Beruf Wirtschaftsinformatikerin und EDV-Ausbilderin. Sie kennen einander schon seit der Schulzeit. Elisabeth ist Schnellsprecherin von hohen Graden. Offenbar hat sie so viel zu sagen, dass sie sich damit immer besonders beeilen muss. Lesen kann man das Gespräch mit dem Paar aber auch langsamer, zum Glück.

Seid ihr verheiratet oder korrekt: eine eingetragene Lebenspartnerschaft?

Elisabeth: Nein, aber in den nächsten Jahren haben wir das vor. Es ist eine rechtliche Frage für uns – und eine Frage des Namens, auf den wir uns einigen wollen. Wir leben seit 1993 zusammen.

Warum habt ihr euch für ein Kind entschieden?

Andrea: Kinder gehörten schon lange, seit ich zwölf oder dreizehn war, in meinen Lebensplan. Nachdem ich mit 21 festgestellt hatte, dass es für mich mit den Jungen ein Schuss nach hinten war, wusste ich: Es wird für mich wohl ein bisschen aufwändiger, ein Kind zu bekommen.

Elisabeth: Ich wollte immer allein leben. Ein Freund meiner Eltern machte das so und das wollte ich auch: Kontakte zu anderen – ja, aber nicht zusammen leben. Mit Jungen bin ich zwar viel rumgezogen, aber Sexualität war nicht mein Thema. Das habe ich ausgeblendet. Wie das ging, weiß ich heute eigentlich selbst nicht mehr. Bücher waren mein Thema, aber in Fantasy-Romanen kommt Sex nun mal nicht vor.

Wie kam es, dass ihr ein Paar geworden seid?

Andrea: Ich dachte zuerst: Ich guck jetzt mal rum, ob ich eine Frau kennenlerne. Aber wie mach` ich das bei uns, wo du in einen Frauentreff nur nach dem Klingeln reinkommst und die Gruppe eine eingeschworene Gemeinschaft ist? Schwierig. Schließlich meldete ich mich auf Annoncen und verabredete diverse Treffen mit Frauen. Komisch war, dass ich auch von denen, die ich unsympathisch fand, körperlich angezogen wurde. Nach einem kurzen Intermezzo mit einer anderen Frau kam dann die Richtige: Elisabeth, die ich schon so lange kannte.

Elisabeth: Andreas Antworten auf die Anzeigen habe ich mit formuliert und keine Probleme damit gehabt. Erst als eine Beziehung zwischen ihr und dieser anderen entstand, merkte ich: Das wollte ich nicht. Das war mir zu eng zwischen den beiden. Ich war eifersüchtig und versuchte es dann mit langsamer Annäherung an Andrea.

Andrea: Als wir vor dem Fernseher saßen, war da plötzlich ein Arm bei mir, so fing das an. Und ich war interessiert, schon früher, es war nur kein Echo von Elisabeth gekommen. Jetzt ging es ziemlich zügig. Anfang 1993 waren wir zusammen.

Andrea, hast du dann die Frage nach einem Kind gestellt?

Andrea: Erst kam das Jahr unserer Wochenendbeziehung. Ich hatte ein interessantes Jobangebot in Villingen-Schwenningen erhalten und sagte es Elisabeth. Natürlich wollte ich von ihr hören: "Bleib doch hier." Der Satz fiel leider nicht, also musste ich wegfliegen. In meiner Heimatstadt hatte ich aber immer noch eine Wohnung und musste regelmäßig hinfahren, schon zur Kehrwoche. Oh ja, so ist es bei uns! Ich fand dann dort eine neue Arbeit, kehrte zurück und wir zogen zusammen. Ein Kind wollte ich, wie gesagt, immer, aber nicht allein. Ich wollte Familie haben.

Elisabeth: Also leistete sie erfolgreiche Überzeugungsarbeit.

Andrea: Ich schleppte Bücher an, das schwul-lesbische Babybuch und Literatur aus den USA. In den Studien konnte man lesen, dass Kinder aus lesbischen Familien besser mit ihren Gefühlen umgehen können, vorausgesetzt, die Familie lebt offen, nicht in der Lüge. Das fand ich gut und inzwischen weiß ich, dass es stimmt. Wir haben uns intensiv mit allem beschäftigt, was uns passieren kann mit einem Kind zwischen null und 18. Welche Konfession soll es haben – das war eine der Fragen, die wir klären mussten.

Welche Konfession ist es geworden?

Andrea: Evangelisch. Ich bin für David konvertiert.

Elisabeth: Wäre ich ein Mann, hätte sie nicht konvertieren müssen. Dann hätte das Kind ohne Schwierigkeiten in meiner Konfession getauft werden können.

Für welchen Weg zur Schwangerschaft habt ihr euch entschieden?

Andrea: Wir suchten zuerst nach einem Samenspender in unserem Bekanntenkreis, fragten drei oder vier verantwortungsbewusste und sensible Männer, Heteros übrigens, Schwule kannten wir kaum und die Aidsgefahr bei einem unbekannten Mann war uns zu groß. Aber alle entschieden sich dagegen, denn sie hätten sich dann auch als Vater gefühlt. Das wollten wir aber nicht. Wir wollten, dass der Samenspender Kontakt zum Kind hat, aber nicht als Vater.

Wir überlegten dann, ob wir uns einen Yes- oder No-Spender wünschen und entschlossen uns gegen die anonyme Spende, damit unser Kind später die Chance hat, seine Wurzeln kennen zu lernen. Die Samenbank in Leiden antwortete als Erste auf unsere Anfragen, also fuhren wir dorthin und die Leidensgeschichte begann: neun Versuche einer Insemination in einem reichlichen Jahr. Du lebst nur noch für den Zyklus. Alle vier Wochen brauchst du zwei, drei Tage Urlaub und hoffst immer, dass das keinem im Betrieb auffällt. Denn wir hatten zwar offen gesagt, ich wohne bei ihr, aber darüber hatte sich kaum jemand Gedanken gemacht. Nach den neun Versuchen wussten wir, dass wir auf diese Weise keinen weiteren mehr schaffen. Wir wollten das Sperma mit nach Hause nehmen, dafür mussten wir die Samenbank wechseln und dann – hatten wir ein Aufbewahrungsproblem.

Offensichtlich habt ihr aber nicht aufgegeben. Wer hat euch geholfen?

Elisabeth: Zum Glück tut sich in dieser Zeit der Versuche ein tolles Netzwerk auf. Du kommst dir zwar manchmal ganz allein vor, aber dann helfen auf einmal viele und es geht immer wieder weiter.

Andrea: Wir fanden zwei Frauen, mit denen wir uns eine Kanne zur Aufbewahrung von Sperma teilen konnten. Das war turbo-gut, aber dann hörten die anderen auf und wir hatten die Kanne an der Backe. Wir mussten sie immer wieder mit Flüssigstickstoff auffüllen. So ging es auch nicht weiter.

Elisabeth: Es baut sich mit der Zeit so ein Leidensdruck auf, dass man schließlich Sachen wagt, die man sich vorher nie getraut hätte. Wir suchten eine Lagerungsmöglichkeit in einer Arztpraxis. Frag das mal am Telefon: Lagern Sie Sperma für uns? Im Frauenladen in München wollten wir ein Spekulum kaufen, ausgerechnet die kamen damit gar nicht klar. In einem Sanitätshaus ging es besser, aber der Mann dort fragte erst: Welches Modell? Und dann noch: Wie viele? Bei 100 Stück hätten wir sicher Rabatt gekriegt.

Andrea: Mittlerweile waren zwei Jahre vergangen, es wurde allmählich eine ewige Geschichte. Ich bekam auch noch eine Gallenblasenentzündung, danach fuhren wir dann erst mal in Urlaub, zum ersten Mal nach all` dem Planungsstress und dem Hoffen und Enttäuscht werden und wieder Hoffen.

Elisabeth: Wir wollten nur noch ins Warme und flogen nach Florida. Und dann wurde Andrea schwanger.

Wie habt ihr die Schwangerschaft erlebt?

Andrea: Prima, ohne Komplikationen. Ich habe aber immer wieder nachgelesen, ab wann das Kind überleben kann, wenn es zu früh auf die Welt kommt, um mich zu beruhigen. Aber es kam drei Wochen zu spät und die Geburt im Krankenhaus war wunderschön.

Elisabeth: Während der Schwangerschaft haben wir die Umwelt aufgeklärt: Wir erwarten ein Kind. Die meisten begriffen es nicht: Wer – wir? Dann haben uns viele unterstützt.

Andrea: Meinem Chef haben wir alles auf einmal gesagt, dass wir als Paar zusammen leben und ein Kind kriegen. Seine Reaktion war: Tja, wir in der EDV sind halt modern!

Wie ist das Leben mit dem Kind für euch?

Andrea: Der Erziehungsurlaub ist ein ganz anderer Lebensabschnitt als alles zuvor, der ist so schön, das kannst du nie wieder kriegen: zu sehen, wie ein Kind aufwächst. Wir hätten gern noch ein zweites Kind. Ja, es ist ein harter Weg bis dahin, aber mit einem Kind zu leben – das ist gigantisch.

Elisabeth: Ich leide darunter, dass ich als Co-Mutter keine Rechte habe. Du versorgst als Alleinverdienerin mit Steuerklasse I eine Familie. Und wenn Andrea etwas zustößt, hänge ich von der Gnade des zuständigen Sachbearbeiters vom Jugendamt ab, der entscheidet, ob der Kleine bei mir bleiben darf oder nicht. Trotzdem ist mein Fazit: Ich würde mich immer wieder auf die Co-Mutterschaft einlassen, denn das Leben als Familie mit Kind ist einfach schön.
 
 


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