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Das rosa Schaf und die schwarze Familie


Halina Bendkowski:

Das rosa Schaf und die schwarze Familie

Zur Verteidigung des Feminismus – geordnete Erinnerung an einen Vortrag über den "Familienbegriff im Wandel", der im September 2001 vor lesbischen Müttern und schwulen Vätern gehalten wurde

Liebe Kinder, liebe Mütter, liebe Väter, meine sehr verehrten Lesben und Schwule, sehr geehrtes Publikum!

Wir alle kennen die Geschichte des schwarzen Schafs in der Familie?

Nun – das waren meistens wir. Die Lesben und Schwulen jener Zeit, wir, die in der sexualwissenschaftlichen Literatur, wenn überhaupt als "sexuell deviant"= sexuell abweichend erwähnt und katalogisiert wurden.

Für unsere Elterngeneration, die in der Nazizeit sozialisiert wurde, waren und blieben wir die Perversen.

Das perverse Stigma war vor allem eine Liebesherausforderung für und an unsere Eltern und Geschwister. Allerdings war deren Liebe für uns meistens überfordert - wenn ich an die vielen ‚verlorenen Schafe’ zurückdenke, denen ich im Laufe meines Lebens begegnet bin.

Viele, die sich in der Folge von ’68 öffentlich outeten, wurden von ihren Familien verstoßen, denn die Familie als Normvorstellung fühlte sich von der Normabweichung der Homosexualität bedroht, behauptete die Familiensoziologie, die sich in ihrer vermeintlichen Objektivität für die von ihr präferierte Familienpolitik nicht verantwortlich fühlte.

Die Universalität der Kernfamilie, wenn auch in der westlichen Welt im Zerfall begriffen, wurde und wird noch immer als Familienideal behauptet: Vater, Mutter, Kind.

Vater verdient genug, damit Mutter zuhause bleibt und gut genug ist, das Kind oder die Kinder ordentlich zu erziehen.

Wenn dieses Ideal wohl schon immer mehr eine Idylle war, allerdings wie alle kollektiven Idyllen wirkungsmächtig, hat es in Deutschland noch keine Kritik geschafft, dass die Familienpolitik sich an der Wirklichkeit der Familien orientiert. Die Kritik der Frauenbewegungen am patriarchalischen Familienoberhauptmodell zeigte in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts zumindest den Effekt, dass dem Familienoberhaupt rein rechtlich die Frau gleichgestellt wurde. Im Konfliktfall hatten beide Elternteile nun einen Ausgleich zu erreichen, anstatt der herkömmlichen Einfachheit halber dem Mann, den Stichentscheid zu überlassen. Da aber, anders als in anderen europäischen Ländern, für die Kinderfürsorge (Ganztagskindergärten und -schulen) gesellschaftlich keine Verantwortung übernommen wurde, blieb in Deutschland fast alles beim alten. Die Frauen blieben in der Mütterfalle, und manche erzogen ihre Töchter mit dem geheimen Auftrag (Lising Pagenstecher), sich soviel Schmach nicht mehr bieten zu lassen. (Vortrag wurde aus westdeutscher Sicht geschrieben!) Die Bundeszentrale für politische Bildung in Deutschland hatte sich in ihrer Westgeschichte absolut nicht verdient gemacht, frauen- und lesbenpolitisch die Geschlechterdemokratie in der BRD zu befördern, was nicht bedeutet, dass in ihrer aktuellen Ausgabe:

Kleines Lexikon der Politik (2001) zum Stichwort Feminismus (F.) und Frauenpolitik forsch unbeteiligte Résumés gezogen werden. Eine Tanja Zinterer schlussfolgert:
"Im Zuge der Erfolge des F. im Abbau rechtl. Diskriminierungen von Frauen und ihrer weitgehenden Integration im öffentlichen Leben verlor die Frauenbewegung zunehmend an Stoßkraft. Lediglich der radikale F. blieb erhalten und setzt sich auch in Form der Lesbenbewegung fort." Und was sie als radikalen Feminismus ausweist, ist der Wunsch nach "Veränderung der Geschlechterbeziehungen im privaten Bereich, da er in der patriarchalisch dominierten Familie und der geschlechtsspezifischen Sozialisation die eigentlichen Wurzeln weiblicher Unterdrückung verortete."

Jawohl, genau das war und ist auch noch so.

Ich zitiere diesen lexikalischen Verweis der Bundeszentrale für politische Bildung so korrekt, um folgendes für kommende Generationen zu klären:
Es sollte kein Geheimnis bleiben, dass die Lesben in der feministischen Frauenbewegung nach ’68 einen bedeutenden Anteil hatten. Und ich will es besonders in dieser Runde, vor einem von uns damaligen Aktivistinnen, historisch nicht erwarteten Publikum, was Sie repräsentieren, bestätigen: Wir hatten eine Befreiung im privaten Bereich verdammt bitter nötig. Deswegen machte besonders die Losung ’Das Private ist politisch’ für uns Lesben und Schwule Sinn. Die Familienideologie schloß uns nicht nur aus, sie behauptete, wir wollten durch unsere dekadente Devianz die Familie zerstören.

Bevölkerungspolitisch gesehen waren wir irrelevante ‚Blindgänger’ (Naziterminologie) und moralisch als Abschaum abgelehnt.

Bitte entschuldigen Sie die Vulgarität der Erinnerung, die aber so fern nicht ist, wenn ich an manche Auseinandersetzungen mit politischen VertreterInnen aus Parteien und Kirchen im Rahmen unserer LSVD Bemühungen um rechtliche Gleichheit denke. Doch mehr als 30 Jahre zurück entstand dank des STONEWALL-Aufruhrs in New York eine internationale Befreiungsbewegung der Lesben, Schwulen und vor allem angeführt durch Transsexuelle, die sich zum ersten Mal mit Gewalt gegen die Gewalt der polizeilichen Einschüchterung wehrten und unser aller Selbstrespekt beförderten. Danach wusste die Polizei, dass die ‚gays’ sich nicht mehr als Schafe behandeln ließen. Wie es der Zufall an historischer Gerechtigkeit wollte, war der Bruder des damaligen republikanischen Bürgermeisters von New York schwul, und diesmal war die Entscheidung für die Bruderliebe von weitreichender Bedeutung für alle. Der Bürgermeister verbot nach Stonewall die Razzien in den Bars der Gays, was einer ersten Entkriminalisierung zumindest im Privaten gleichkam.

Nicht alle wissen mehr, wie ich auch von Tischgeprächen aus diesem Kreis weiß, dass die alljährlichen CSD-Paraden weltweit, sich genau auf die Stonewall-Proteste von 1969 beziehen. Wenn man sich die Geschichte der CSD-Paraden vergegenwärtigt, erfährt man auch etwas über unser aller Geschichte. Zuerst trieb die AktivistInnen eine revolutionäre Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderung auf die Straßen. Es sollte eine grundsätzliche Veränderung werden, die der Repression in der Kleinfamilie die Grundlage entzog.
 

Wir ließen uns mit der Verachtung für die Familie von Karl Kraus trösten, denn auch für viele von uns waren die von ihm zu Bewusstsein gebrachten ‚Familienbande’ ("Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit.") tatsächlich die korrektere Beschreibung unserer Erfahrung; unseres Ausschlusses aus der Familienidylle. Wir wurden als schwarze Schafe behandelt, obwohl wir eigentlich nur rosa waren. Viele Eltern meiner Generation wollten mit den rosa Schafen noch weniger zu tun haben als mit den wirklich schwarzen, die sie sich als verlorene Söhne meistens biblisch zurücksehnten und auch wieder in die heilige Familie reintegrieren wollten. Wir waren eine Schande für die Familie und für viele besser tot. Wir sahen rot. Aus der familiären Ablehnung entstand auch unsere gegen sie, und wir konnten sie sogar soziologisch inszenieren.

Fast nirgendwo wurde die Familie ihrem Anspruch auf Liebe und Sicherheit gerecht. Ganz im Gegenteil, die Männergewalt gegen Frauen und Kinder schien den repräsentativen Männern im politischen Establishment kein Problem zu sein, welches sie adressieren wollten.

Das kam in den besten Familien vor. Wir Feministinnen skandalisierten die Normalität der Gewalt in der Familie. Ihr Zerfall war unaufhaltsam und wir wollten dabei nicht stören. Wenn die Familie die Zelle des Staates war, mussten wir uns über den Zustand der Gesellschaft andere Gedanken machen. Und das taten wir auch. Welch gute Aufklärungsarbeit dabei die Feministinnen geleistet haben, ist vielleicht auch schon in diesem Kreis relativ junger Mütter und Väter vergessen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als als Familien anerkannt zu werden.

Die feministische Kritik galt zu ihrer Ehrenrettung einer Familienideologie, die die harte Kernfamilie zum Modell machte und eben Entwicklungen, wie Sie sie heute repräsentieren niemals im Sinn hatte.

Der lustbetonte Hedonismus der ‚Perversen’ wurde der erstaunten ‚normalen’ Gesellschaft in den 70ern, besonders von den Schwulen brühwarm vorgehalten. Wir begannen uns auch öffentlich über den Kleinfamilienhorror zu amüsieren.

Da auch die Heterosexuellen an der Repression in der Kleinfamilie litten, hatten viele von ihnen ein offenes Ohr und Auge für die Exzesse der ästhetischen Avantgarde, die von den Medien durchaus begierig und mit Schaudern über die Kanäle versandt wurden. Die CSD-Paraden wurden zum größten PR-Ereignis, sowohl zum Vor- wie auch Nachteil einer sexuellen Minderheit, die auf die Aufklärung der Mehrheitsgesellschaft setzen muss, damit diese die vollen Menschenrechte auch für die Minderheit erreichen will.

Und Demokratie für uns Lesben, Schwule und Transsexuelle war und ist den DemokratInnen unserer Parteien nur ein Randthema, was uns zwang, unsere sexuelle Orientierung zum Hauptthema zu machen.

Einerseits hat die selbstbewusste homosexuelle CSD-Demonstration mehr zur allgemeinen Erleichterung eines Coming out beigetragen als all unsere Bemühungen in unendlichen Debatten zur Befreiung von einer repressiven Sexualmoral, die um die potentielle Bisexualität aller Menschen wusste. Andererseits hat die zwanghafte Zuschaustellung einer Dauererektion auch viele Homosexuelle abgeschreckt und einen enormen Attraktivitätsdruck erzeugt, der so unrealistisch war, wie die massenmediale Reduzierung darauf. Dass Lesben und Schwule auch ganz ‚normale’ Bedürfnisse nach familialem Leben und ihrem Versprechen nach Geborgenheit hatten, blieb zu lange außerhalb des Images einer unbürgerlichen Minderheit. Dabei erfüllten sie häufig mehr das Wunschdenken einer exzessorientierten pornographischen Phantasie, die sich schwer mit dem Alltag verbinden ließ.

Und doch war auch der Alltag für die Homosexuellen, wie für die Heterosexuellen beruflich fordernd und das Leben mit der Herkunftsfamilie noch anstrengender, weil sich nur selten, sogar die heimlich liebevoll unterstützenden Eltern und Geschwister in Gegenwart von Tanten und Onkeln trauten, gegen die Verurteilung und Verachtung durch die Familienbande aufzubegehren.

Erst durch das öffentliche Coming out der US-Initiative P-Flag (Parents, Families and Friends of Lesbians and Gays im Jahre 1973!) und ihre demonstrative Unterstützung für ihre Kinder bei den CSD-Paraden in den 80ern, wurde Homosexualität auch ein familienpolitisches Thema. Ein Elternpaar, Jeanne und Jules Manford, sahen per Zufall, wie ihr Sohn Morton bei einer Schwulendemo vor laufender Kamera zusammengeschlagen wurde, ohne dass die anwesende Polizei eingriff. Die ordentliche TV-Welt war sich der vermuteten Verachtung für Schwule so sicher, dass kein cop sich genötigt sah, einen redneck=Spießer bei seinem hate-crime zu hindern, wie wir es heute nennen würden. Daraufhin wurden zum ersten Mal die Eltern eines Homosexuellen aktiv und zeigten die Polizei an. Zwei Monate später ging wohlgemerkt die Mutter Jeanne alleine mit einem Schild und dem Aufruf, die Eltern und Freunde von gays um Unterstützung bittend, neben ihrem Sohn Morton die 5th Avenue entlang. Die Reaktion anderer Eltern, aber vor allem der Lesben und Schwulen selber war überwältigend dankbar. Seit den frühen 80ern marschieren bei allen CSD-Märschen in den USA die PFLAGS als die meist applaudierten Stars aller Beteiligten mit. Viele der Eltern wollten auch als Großeltern ihre Kinder glücklich werden sehen und das auch zunehmend in Deutschland. Die Aktivitäten von BEFAH – Bundesverband der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen geben ein beredtes Zeugnis hiervon.

Ich muss gestehen, zu meiner Verwunderung, gab es viel mehr Lesben und Schwule, die die gleichen Wünsche nach Kindern hatten, wie ihre Eltern. Für mich war die Entscheidung, lesbisch zu leben auch eine, kinderlos zu bleiben. Persönlich war es nicht so ein Problem für mich, wie für manche meiner FreundInnen, aber dank der Lesben im LSVD, allen voran Ida Schillen und Elisa Rodé, den politischen Müttern von ILSE (Initiative lesbisch-schwuler Eltern), ließen wir es unseren notorischen Schlechtmachern aus den bürgerlichen Parteien nicht durchgehen, uns als Kinderverderber (Pädophile) zu denunzieren. Deswegen war es so wichtig für den LSVD, in der Kampagne für die so genannte ‚Homoehe’ auch die Belange der Kinder in und aus lesbisch-schwulen Beziehungen zum Familienthema zu machen. Wie richtig das ist, zeigt auch Ihr zahlreiches Erscheinen hier auf der Familienfachtagung und das überwältigende Interesse von Lesben und Schwulen an Familienratschlägen, die die völlige Gleichstellung auch rechtlich durchsetzen wollen, weil sie sie um ihrer Kinder willen brauchen. Dabei ist es irrelevant, ob die Kinder durch Insemination, Adoption oder Pflegschaft die Familienplanung bestimmt haben.

Wie sehr der "Familienbegriff im Wandel"– so mein Titel – ist, haben Lesben und Schwule, die sich ihren Wunsch nach Wunschkindern nicht haben wegrationalisieren lassen, auf das Wunderlichste subversiv unterlaufen. Und wie sehr sich Ihre vielen Kinder darüber freuen, auf der Welt zu sein- und das ohne aufeinander einzuschlagen, ist für mich hier wirklich die größte Überraschung. Das gibt zu gesellschaftichen Hoffnungen Anlass, die wir durch staatliche Diskriminierung nicht zerstören lassen dürfen.

Sie haben der Vorstellung von: "Love Makes a Family" eine Wahrheit vermittelt, die sie in der Wirklichkeit mancher Zwangsgemeinschaft gar nicht hatte.

Die Pink-Offensive der schwarzen Schafe, die zuvor in destruktiver Einsamkeit lebten und vielerorts noch leben, hat erheblich zur Aufhellung der Lebensstimmung aller beigetragen. Dafür ist den politischen AktivistInnen, ganz unbescheiden uns, bitte auch freundlichst zu danken. Dass Sie uns mit Ihren Kindern einen Regenbogen bescheren, für den es sich lohnt, politisch weiterzumachen, ist unser nächstes Mehrgenerationenprojekt.

Wenn wir später als ganz Alte auf die Fürsorge nicht nur der Gesellschaft angewiesen sind, sondern uns auch an dem breiten Spektrum einer rainbow-Familie erfreuen können, dann haben wir unerwartet doch wieder Anschluss gefunden. Anschluss an eine Tradition der Familiengenealogie, die wir auch im Rückblick alles Recht hatten zu bekämpfen?

Ja, denn die Familienideologie schloss uns aus und negierte unsere Liebes- und Lebenswünsche, jenseits des auch von uns gefeierten Jugendkults.

Wir haben hoffentlich begonnen, mit geschlechterdemokratischer Entschiedenheit das Schwarze der Familie in eine rosa Zukunft ohne Schafe zu entdunkeln.

Ich zumindest gestehe ein, ich hätte gerne eine/n von Ihnen als Mutter oder Vater gehabt, jemand, die oder der sich über mein Glück der Liebe gefreut hätte. Und Sie alle wissen, wie das mit dem Glück ist, man muss viel lieben, um es manchmal zu haben. Und Ihre Kinder haben Glück mit Ihnen!

Dafür ist Ihnen zu danken, danke schön.

PS: Nach meinem Vortrag erhielt ich sehr viel Zustimmung, auch von denjenigen, die sich von den Feministinnen in ihrem Familienstreben schlecht gemacht fühlten und sie deswegen ablehnten. Als aktive Feministin und LSVD-Politikerin, freut es mich deswegen ganz besonders, meiner Idee von Geschlechterdemokratie ganz praktisch gerecht worden zu sein. Meiner Meinung nach, haben die Feministinnen in ihrem enormen theoretischen Aufwand an notwendiger Kritik der Familienideologie noch viel mehr gesellschaftliche Anerkennung verdient als es bedauerlicherweise im Bewusstsein vieler Lesben und Schwulen ist. Umgekehrt waren es aber die Queers (GLBT) von heute, die mit ihrem ‚konservativen’ Wunsch nach Familie, diese wieder zu retten begannen ...

Halina Bendkowski, Bundessprecherin des LSVD
AGENTIN FÜR FEMINISMUS & GESCHLECHTERDEMOKRATIE
halina.bendkowski@gmx.de

Halina Bendkowski engagierte sich stark für das neue LPartG und ließ als eine der ersten Berlinerinnen ihre binationale Partnerschaft mit ihrer amerikanischen Freundin nach dem neuen Lebenspartnerschaftsgesetz eintragen.
 
 


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