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Ida Schillen:

Das Familienbuch
Eine Aufklärung über negierte Familienrealitäten

Inhalt:


Das erste Familienbuch des Lesben- und Schwulenverbandes präsentiert Lebenswirklichkeiten gleichgeschlechtlicher Eltern mit Kindern. Das Buch klärt über Familienrealitäten auf, die bisher von der Mehrheit der verantwortlichen Politiker und Politikerinnen und auch von Gerichten hartnäckig negiert werden. Das Buch räumt auf mit dem Vorurteil, Lesben und Schwule würden keinen generativen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Das Buch zeigt den notwendigen rechtlichen Reformbedarf, um soziale Elternschaft anzuerkennen und die Gleichberechtigung für Kinder und ihre lesbischen oder schwulen Eltern herzustellen. Abgesehen davon, dass Lesben und Schwule wie alle anderen Menschen auch in familiäre Zusammenhänge hineingeboren werden, sie als Kinder und Enkelkinder, als Geschwister, Onkel und Tanten familiäre Beiträge leisten, Verantwortung für andere bis hin zur Pflege von Angehörigen übernehmen, sind sie auch selbst originäre Mütter und Väter von leiblichen Kindern, von Pflegekindern, von Adoptivkindern, von nichtehelichen Kindern und von ehelichen Kindern. Unter der programmatischen Definition "Familie ist, wo Kinder sind" sind sie bisher allerdings nicht mitgemeint und werden rechtlich, materiell und sozial weitgehend ausgegrenzt.

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Familienschutz garantieren

Die Diskussion um das neue Lebenspartnerschaftsgesetz, das seit August 2001 in Kraft ist, offenbarte nicht nur eine erhebliche Unkenntnis über die Lebenslage von Schwulen und Lesben, sondern gipfelte in offensiv zur Schau getragener Wirklichkeitsverweigerung, was das Zusammenleben mit Kindern betrifft. Irrigerweise wurde von hochrangigen politischen Persönlichkeiten behauptet, Lesben und Schwule könnten keine Familie gründen, daher seien sie auch nicht mit heterosexuellen Ehepaaren gleichzustellen und erst recht könne der in Artikel 6 des Grundgesetzes formulierte Schutz von Ehe und Familie nicht von ihnen in Anspruch genommen werden. 1993 rechtfertigte auch das Bundesverfassungsgericht die Ungleichbehandlung gleichgeschlechtlicher Paare mit deren Kinderlosigkeit. Was für die einen angeblich ein Ausschlussgrund ist, ist für die anderen recht und billig. Obwohl nachweislich viele heterosexuelle Paare kinderlos sind, ob gewollt oder ungewollt, nutzen sie dennoch ungehindert das Ehe- und Familienrecht bis hin zu erheblichen Steuervorteilen beim Ehegattensplitting. Diese Vorteile werden gleichgeschlechtlichen Paaren verweigert.

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Steuergerechtigkeit herstellen

Besonders eklatant wird die Ungerechtigkeit dort, wo tatsächlich und faktisch Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften aufwachsen, wo zwei Mütter oder zwei Väter real und gemeinsam Verantwortung für Kinder übernehmen. Eine Co-Mutter, also die nichtleibliche Mutter von beispielsweise vier Kindern – wie in diesem Buch vorgestellt –, ist nicht selten die alleinige oder hauptsächliche Familienernährerin, jedoch zur Steuerklasse I verdammt. Ferner kann sie alle sonstigen Kinderfreibeträge steuerlich nicht geltend machen. Der Vergleich mit einem verheirateten männlichen Familienernährer und nichtleiblichen Vater von vier Kindern bringt in diesem Beispiel einen Unterschied von ca. 500 e monatlich zutage. Die Zwei-Mütter-und-Kinder-Familie hat also 500 e weniger in der monatlichen Haushaltskasse. Dies ist Ausdruck extremer steuerlicher Ungerechtigkeit. Die vielbeschworene Kinderfreundlichkeit hat ihre Grenzen dort, wo die Eltern homosexuell sind. Die Regenbogenfamilie sei eine Herausforderung für das deutsche Rechtsystem, konstatiert der Anwalt Dirk Siegfried in seinem Beitrag für dieses Buch und legt die rechtlichen Defizite und Widersprüche offen. Mit Spannung kann verfolgt werden, wie die politische und rechtliche Auseinandersetzung über die Ansprüche lesbischer und schwuler Co-Eltern geführt wird, auch hinsichtlich einer zweiten Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts 2001, die beinhaltet, dass Kinderbetreuung und Erziehung zur Senkung der Beiträge in der sozialen Pflegeversicherung führen.

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Wo kommen die Kinder her?

Zwei Mütter mit vier Kindern, zwei Väter mit vier Kinder – wie kann das gehen? Wo kommen die Kinder her? Die Irritation scheint zuweilen so überwältigend zu sein, dass der banale biologische Sachverhalt über den Zeugungsvorgang in Vergessenheit gerät: Ein Kind entsteht durch die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. An dieser Stelle außen vor bleiben mögliche wissenschaftliche Forschungen und praktische Erkenntnisse über die sog. Jungfernzeugung, also die Entstehung eines Kindes über die Verschmelzung von zwei Eizellen, die utopisch anmutend in Science-Fiction-Romanen beschrieben wird. Wenn eine Frau sich entscheidet, mit einer Frau zusammenzuleben, geht ihr dadurch nicht die Gebärfähigkeit abhanden, genausowenig wie einem Mann die Zeugungsfähigkeit abhanden geht, wenn er mit einem Mann zusammenlebt. Es ist also denkbar und auch gelebte Praxis, dass eine lesbische Frau mit einem schwulen Mann ein Kind zeugt, nach welcher Methode auch immer. Ein völlig legitimer und legaler Vorgang. Viele Lesben und Schwule haben Kinder aus vorigen heterosexuellen Beziehungen, oder sie haben Kinder adoptiert oder zur Pflege aufgenommen. Frauen entscheiden sich zunehmend dafür, sich den Kinderwunsch über Insemination zu realisieren. Insemination bedeutet nichts anderes als das manuelle Einführen von Sperma in die Vagina einer Frau und zwar zum optimalen Fruchtbarkeitszeitpunkt – völlig legitim und legal. Im Familienbuch kommen Mütter zu Wort, die keine Mühen und Kosten gescheut haben, sich auf diese Weise den ersehnten Kinderwunsch zu erfüllen. Die Autorin Silke Burmeister beantwortet praxisnah und offen alle Fragen zum Thema.

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Lobbyarbeit für die Kinder organisieren

Erst seit wenigen Jahren werden die homosexuellen Facetten der Familie von wenigen engagierten Autorinnen, Initiativen und Behörden aufgegriffen. So hat z.B. der Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen im Berliner Senat wegweisende Publikationen veröffentlicht,Tagungen organisiert und den Begriff der Regenbogenfamilie in Deutschland publik gemacht. Die Autorinnen Ulli Streib und Cordula de la Camp sind als Wegbereiterinnen für ein aufgeklärtes Familienverständnis zu nennen. Im Herbst 2000 habe ich gemeinsam mit Elisa Rodé für den Lesben und Schwulenverband das erste LSVD-Familienseminar für lesbisch-schwule Eltern im Sonntagsclub in Berlin-Prenzlauer Berg konzipiert. Die hohe Zahl der Anmeldungen übertraf bei weitem die Kapazitäten. Es bestand ein außerordentlich großes Interesse an Erfahrungsaustausch, Kommunikation und gemeinsamer Lobbyarbeit. Bemerkenswert sind drei Ergebnisse dieses Familientreffens: 1. der klar formulierte Kinderwunsch, vor allem der jungen lesbischen Frauen, 2. die Forderung nach rechtlicher Gleichstellung, 3. die Sichtbarmachung der Regenbogenfamilie. Infolge dieses Seminars wurde ILSE gegründet. Die Abkürzung steht für die Initiative lesbisch schwuler Eltern im LSVD. Seitdem wurde ein funktionierendes ILSE Netzwerk zur Stärkung sozialer Elternschaft und gleichberechtigter Familie aufgebaut. Auf dem Folgeseminar im Herbst 2001 im Bildungshaus in Oberursel stand die konkrete Auseinandersetzung über das noch junge Lebenspartnerschaftsgesetz, über familienrechtliche Defizite und den notwendigen Reformbedarf im Mittelpunkt. Die Tagung in Oberursel wurde auch dazu genutzt, die Grundsteine für die Familienporträts in diesem Buch zu legen.

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Information und Offenheit sind notwendig

Um den verworrenen Mythen über homosexuelle Familienwelten entgegenzuwirken, sind authentische Bilder und Berichte notwendig, die in diesem Familienbuch von Claudia von Zglinicki und Katharina Mouratidi wirkungsvoll in Szene gesetzt werden. An dieser Stelle möchte ich den beteiligten Familien ausdrücklich danken. Das Outing, die schriftliche und bildhafte Darstellung persönlicher Verhältnisse können zuweilen zu Konflikten führen, die die Porträtierten bewusst in Kauf nehmen, um stellvertretend die gesellschaftliche Anerkennung für alle Regenbogenfamilien durchzusetzen. Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Porträts, dass Offenheit und der selbstbewusste Umgang der Erwachsenen mit Homosexualität die wesentliche Voraussetzung dafür ist, den Kindern innerhalb und außerhalb der Familie ein positives Selbstbild zu vermitteln und sie gegen Angriffe von außen zu stärken. Die Autorin Sonja Springer vermittelt aus eigener Erfahrung, dass selbst in der schwierigen Phase eines späten Coming out in einer bereits bestehenden Familie nur Ehrlichkeit die Basis schafft, damit alle Beteiligten konstruktiv ihre neuen zukünftigen Beziehungen gestalten können.

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Regenbogenfamilien sind Realität

Das normative Bild der Kernfamilie Vater-Mutter-Kind ist längst von der Realität überholt. Wurden in den Siebziger Jahren alleinerziehende Mütter und nichteheliche Kinder quasi wie Aussätzige behandelt, werden sie heute als vollwertige Familien anerkannt. Eheliche und nichteheliche Kinder sind rechtlich gleichgestellt. Die erfreuliche Reform ist dem jahrzehntelangen Wirken der feministischen Frauenbewegung zu verdanken, die auf die Selbstbestimmung und Gleichberechtigung der Frauen, auf gewaltlose Familienverhältnisse fokussierte und die materielle staatliche Unterstützung für die Kinderbetreuung einforderte. Es scheint folgerichtig, dass es vehement auch feministischer Unterstützung bedarf, um nun die letzte Hürde zu beseitigen und die Gleichberechtigung auch für die Regenbogenfamilien zu erreichen, die mehrheitlich von weiblichen Eltern besetzt sind. Welche Reflexionen und Denkprozesse dazu erforderlich waren und sind, zeigt Halina Bendkowski in ihrem Beitrag. Die Anfang 1999 im Vorfeld der Partnerschaftsgesetzgebung erfolgte weibliche Verstärkung des LSVD war notwendig, um diese Reform erfolgreich auf den gesetzgeberischen Weg zu bringen, denn für die öffentliche Wahrnehmung war es wichtig, die Gleichberechtigung nicht nur für Schwule, sondern auch sichtbar für Lesben zu schaffen. Da die Frauen im LSVD die Familienbelange stärker thematisierten, konnte mit dem kleinen Sorgerecht und einigen weiteren Verbesserungen auch der Einstieg in das Familienrecht gelingen. Für die Durchsetzung der vollen gleichen Rechte wird es bedeutend sein, ob und wie es den Feministinnen und FamilienrechtlerInnen im LSVD zukünftig gelingt, die vorhandene Familienlobby zu stärken und Einfluss zu nehmen.

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Regenbogenfamilien als Gradmesser einer emanzipierten Familienpolitik

Die Gleichberechtigung für Kinder und ihre homosexuellen Eltern ist der Gradmesser für eine emanzipierte Familienpolitik, die ernst macht mit der Definition ‚Familie ist, wo Kinder sind‘. Dazu ist die Öffnung der Ehe mit dem vollen Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare erforderlich, wie dies in europäischen Nachbarländern bereits möglich ist. Die ideologischen Barrieren, die es zu überwinden gilt, sind vor allem dem starken Einfluss der Kirchen auf die bundesdeutsche Familienpolitik und Gesetzgebung geschuldet. Der tiefverwurzelte Frauen- und Homosexuellenhass der klerikalen Funktionäre wirkt nach wie vor tief in die Entscheidungssphären der Politik und Gerichte. Einige emanzipierte Ausnahmen aus kirchlichen Kreisen sind jedoch zaghafte Anzeichen einer veränderten Einstellung. Die Familienpolitikerin und Bundestagsabgeordnete Margot von Renesse wurde bei ihrem Besuch des Berliner LSVD-Büros anlässlich einer Feier zur Verabschiedung des Lebenspartnerschaftsgesetzes im Herbst 2000 von einer lesbischen Mutter gefragt, warum das Gesetz die familienrechtliche Gleichstellung außen vor lasse. Darauf antwortete Frau von Renesse: "Die Politik braucht Bilder. Schaffen Sie Bilder!". Bitte sehr! Dieses Familienbuch möge auch dazu dienen, die Vorstellungskraft der Abgeordneten zu bereichern, damit sie ihrem politischen Auftrag zu umfassender Familiengerechtigkeit auch für die Regenbogenfamilie nachkommen.

Ida Schillen
Bundessprecherin des LSVD

Erste stellvertretende Oberbürgermeisterin und Senatorin für Jugend, Kultur, Schule und Sport der Hansestadt Rostock

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