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Claudia von Zglinicki:

Wenn man lesbisch ist, kann man keine Kinder haben
Jeannette

Genau das hat Jeannette früher gedacht. Es ist nicht zu ändern. Schicksal, damit finde ich mich ab. Aber dann erfuhr sie: Es geht doch.

Als sie sich auf der Wochenendtagung des Lesben- und Schwulenverbandes den anderen Frauen und wenigen Männern vorstellt, lehnt Jeannette sich entspannt zurück und lächelt: "Seit zwei Jahren ist dies meine erste Nacht außer Haus." Und auch die erste Nacht fern von den Zwillingen, die im Oktober 1999 geboren wurden, Laura und Nils. Zwei Kinder mit zwei Müttern. Für jede Mutter eins, könnte man sagen. Die andere Frau, Karoline, Jeannettes Partnerin, hat es so ähnlich empfunden, damals, als sich herausstellte, dass Jeannette gleich zwei Kinder erwartete. Jeannette selbst war zuerst nur geschockt. Würde sie das schaffen? Würde ihr Körper diese Last tragen können? Oder würde sie jetzt 30 Kilo zunehmen und nie wieder attraktiv werden? Aber Karoline war froh. Es würde immer ein Baby da sein, das sie brauchte, die Co-Mutter. Nie wäre sie überflüssig. Wunderbar.

Wenn Jeannette heute darüber spricht, versteht sie das alles sehr gut. Ihre Sorgen und Karolines Erleichterung. Dabei war wohl beides überflüssig. Die Panik über das Aussehen und der Gedanke, als Co-Mutter überflüssig zu sein. Die Kinder brauchen beide Mütter. So einfach ist das. Und so schwierig.

Jeannette Howe ist Sozialarbeiterin, 38 Jahre alt, sie lebt mit ihrer Familie in Karlsruhe. Sie arbeitet in der Jugendhilfe mit Familien, Kindern und Jugendlichen. Dabei trifft sie auch Menschen, die nicht zurechtkommen mit ihren Kindern; die dieses Kind nun ganz bestimmt nicht gewollt haben, aber dann war es eben doch da; die sich nicht viele Gedanken über ein Baby gemacht haben. Sie dagegen – welche Mühe ist es gewesen, die Zwillinge zu bekommen. Wie sicher mussten sie und ihre Freundin sein, dass sie unbedingt ein Kind wollten, sonst hätten sie irgendwann auf dem Weg dahin aufgegeben. Wie groß war die Gefahr des Aufgebens. Aber so geht es vielen lesbischen Müttern. Vielleicht sind sie deshalb die besseren Mütter; in Studien wird man das kaum feststellen können. Und was sind überhaupt die besseren Mütter? Die bewussteren Mütter sind sie bestimmt.

Jeannette war 19, als sie auf einem Schulfest ihre Freundin küsste. Wirklich küsste, wie sie sich gut erinnert. Die andere war unglücklich in einen Jungen verliebt und Jeannette war verliebt in dieses Mädchen, aber sie wusste es nicht. "Wir liefen alle hintereinander her", so beschreibt sie es heute. Mit 24 war ihr dann klar, dass die Versuche, mit Männern eine Beziehung zu leben, nicht das Richtige für sie waren. Sie fand ihre erste Partnerin, aber die wollte kein Kind. Da dachte Jeannette, als Lesbe müsse sie eben darauf verzichten.

Dann lernte sie Karoline kennen, zehn Jahre ist das jetzt her. Karoline ist auch Sozialarbeiterin. Für sie beendete Jeannette ihre erste Beziehung. Schon nach ein paar Wochen war der Wunsch nach einem Kind Thema zwischen Jeannette und Karoline. Die Eine sagte, sie sei mit den Männern noch nicht fertig. Die Andere, Jeannette, war sehr verletzt. Diskussionen und Auseinandersetzungen folgten. Schließlich war klar: Es ging ihnen beiden um ein Kind, auch der scheinbar harte Satz über die Männer war so zu verstehen und nicht als Ausdruck der Sehnsucht nach einem Partner. Das "Problem Kind" war von da an nicht mehr zu verdrängen, es bekam Raum in der Beziehung, immer mehr Raum.

Zuerst wollte jede von ihnen ein Baby austragen. Sie suchten nach einem privaten Spender, der später auch den Kontakt zum Kind halten sollte, in vereinbartem Rahmen. Eine Vermittlungsagentur in Frankfurt am Main, die eigentlich Partnerschaften knüpft, ließ sich auf die ungewöhnliche Aufgabe ein und fand einen Mann, der schließlich zustimmte, nach fast endlosen Debatten über alle Vereinbarungen. Nur: Jeannettes Partnerin wurde nicht schwanger. Sie verabschiedete sich daraufhin von ihrem Wunsch, ein Baby auszutragen. Der Satz schreibt sich viel zu schnell hin. Es war ein schwerer Abschied.

Als der Mann das erfuhr, zog er sich zurück. Eine Rivalität zwischen ihm und Jeannette, der Co-Mutter, war entstanden. Auf die neue Situation – Jeannette nicht mehr als Zweite, sondern als die Frau, die das Baby austrägt – wollte er sich nicht einstellen. Auch die beiden Frauen wollten diesen Weg nicht noch einmal gehen, zu viel Zeit, zu viel Nerven hatte er schon gekostet. Sie fuhren nach Holland und besorgten sich Sperma in einer Samenbank. Aber auch die Versuche, zu Hause zu inseminieren, blieben ohne das ersehnte Ergebnis. Jeannette erzählt: "Es kann sein, dass mein Körper zuerst gesagt hat: Jetzt geht es nicht. Zu viel Stress, zu viel Aufregung. Und die Trauer von Karoline, weil sie kein Baby bekommen würde. Es lief auch alles ziemlich abenteuerlich mit den Reisen nach Holland. Als ich endlich doch einmal schwanger geworden war, verlor ich das Kind schnell wieder. Währenddessen hatte ich bei meiner Arbeit immerzu mit Kindern und immer mehr Kindern zu tun, die wie die Pilze auf die Welt kamen. Das hat mich gereizt und aggressiv gemacht. Nach ungefähr einem Jahr merkte ich endgültig, dass ich nicht mehr die Energie hatte, so weiter zu leben."

Jeannette und Karoline suchten einen Arzt für die Insemination. Es kostete sie Überwindung, in den Praxen anzurufen, die heterologe Inseminationen ausführen, und dort zu fragen, ganz direkt: "Wir sind ein Frauenpaar, machen Sie es auch für uns?" Als schließlich eine Ärztin Ja sagte, konnte Jeannette der Auskunft kaum trauen. Sie rief wieder an: "Meinen Sie das wirklich?" "Ja, es ist theoretisch denkbar. Wir müssen miteinander reden, kommen Sie her."

Zu der Gynäkologin fand Jeannette gleich guten Kontakt. Trotzdem dauerte es noch einmal lange, bis sie schwanger war. Wieder begann eine harte Zeit. Die beiden Frauen hatten gemeinsam mit Anderen die Gruppe Les Kids gegründet, für Lesben, die sich ein Kind wünschen. Inzwischen gehören sieben lesbische Familien dazu, 14 Frauen und zwölf Kinder. Damals entstand in der Gruppe ein enormer Leistungsdruck, jedenfalls empfand Jeannette es so. Die anderen wurden schwanger, manche sogar beim ersten Versuch. Und sie? Sie ertrug es nicht mehr, wenn bei einem Treffen schon wieder eine glückliche Frau mit dickem Bauch daherkam. Sie traf die anderen ein ganzes Jahr lang nicht mehr, brauchte Abstand. Noch schwerer als die Gruppe war die Krise in der Partnerschaft auszuhalten: "Manchmal wussten wir nicht mehr, ob wir als Paar noch weiter miteinander leben wollten."

Nach acht Zyklen war Jeannette endlich schwanger. Die Ängste kamen. Albträume über Blutungen und Gefahr für das Baby. Panik. Manchmal fuhr Jeannette nachts ins Krankenhaus, um sicher zu sein, dass alles in Ordnung war. In der sechsten Woche sagte man den werdenden Müttern: Es sind Zwillinge. Beide Babys wuchsen und wurden spontan geboren. Beide sind gesund. "Wir fühlen uns beschenkt", sagt Jeannette mehrmals im Gespräch. Beschenkt, dass ein Mädchen dabei ist, was bei Inseminationen relativ selten vorkommt. Aber nicht nur deshalb. Überhaupt: beschenkt.

Die Zeit nach der Entbindung war beides, glücklich und mühselig zugleich. Nach zwei Wochen musste Karoline wieder arbeiten, an Sonderurlaub wie bei Vätern war nicht zu denken. Eineinhalb Jahre lang konnten die Frauen keine Nacht durchschlafen.

Als die Zwillinge zehn Monate alt waren, wurden sie getauft. Ein schwuler Pfarrer vollzog die Zeremonie, die Paten sind zwei Frauen und zwei Männer: eine lesbische Freundin, eine heterosexuelle Freundin und ein schwules Paar.

Wer der Vater der Kinder ist, wissen die Mütter nicht. In Deutschland musste die Samenspende anonym bleiben. Jeannette fordert deshalb eine Gesetzesänderung. Spender, so meint sie, sollte man von Unterhaltszahlungen und Erbschaftsansprüchen freistellen. Dann hätten die Kinder die Chance, später einmal den Vater kennen zu lernen. Laura und Nils werden diese Chance nicht haben.
 
 


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