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Claudia von Zglinicki:

Die Regenbogenfamilie - Michael

Nein, leicht zu verstehen ist diese Familie nicht: Michael wohnt allein, ist aber verheiratet, die beiden Töchter leben bei seiner Frau, sie sind oft mit ihm zusammen. Seine Frau hat einen Freund, er hat einen Partner, der auch zwei Töchter hat, die leben bei ihm, also bei Michaels Partner. Auch die Schwiegereltern wissen Bescheid und akzeptieren das schwule Paar. Alles klar? Jedenfalls ist es eine richtige Regenbogenfamilie, sagt Michael, eine Familie, in der sich alle mit allen gut verstehen, na, fast alle vielleicht. Diejenigen, denen er das erzählt, staunen. Das Ideal der bunten und liebevollen Familie scheint hier verwirklicht zu sein. Leiser Zweifel kommt auf. Gibt es das wirklich? In einem Dorf am Niederrhein? In einer Veröffentlichung möchte Michael keine Nachnamen nennen, auch die Vornamen sind verändert, um die verschiedenen Menschen seiner Familie zu schützen. Das muss respektiert werden.

Die Biografie des 37-jährigen beginnt glatt: Er ist am Niederrhein groß geworden, er liebt die Gegend, ist dort zur Schule gegangen, hat Zivildienst geleistet, in Köln Betriebswirtschaft studiert und 1990 sein Studium abgeschlossen. Im selben Jahr hat er geheiratet – die erste Frau, zu der er eine Beziehung hatte. Das Ehepaar hat ein Haus gebaut, zwei Töchter bekommen, Lisa und Jana. Natürlich fand Michael nach dem Diplom gleich eine Stelle, in dem Betrieb arbeitet er immer noch. Michaels Frau ist Beamtin. Wie solide und berechenbar, wie treu und zuverlässig, dieser verwirklichte Lebensentwurf. Und kein Bruch, keine offenen Fragen? Doch.

"Schon während des Studiums in Köln", erzählt Michael, "hab ich immer mal geguckt, Schwulsein, was bedeutet das eigentlich? Ins Lesben- und Schwulenzentrum hab ich mich aber nicht reingetraut. Als ich es doch einmal wagte, parkte ich mein Fahrrad vorsichtshalber um die Ecke und lief dann gleich wieder raus. Wenn dich hier einer sieht ..."

Nach der Geburt des ersten Kindes dachte er über die Beziehung zu seiner Frau: Es ist nicht das, was du dir vorstellst. Nach der Geburt der zweiten Tochter spürte er, dass er in eine Sackgasse gelaufen war. Wie er da wieder herauskommen sollte, wusste er nicht. Der Satz, der Michael klar machte, was mit ihm los war, klang dann eigentlich ganz alltäglich. Bei einem Treffen der Grünen fragte einer der anderen Männer ihn: "Gehst du auch zu dem Realo-Treffen?" Danach wusste Michael, dass er schwul ist, aber er hat, so erinnert er sich, noch zwei Jahre lang mit sich gerungen, wie er es beschreibt. "Ich ahnte nicht, wie ich es anstellen sollte, mein Leben zu verändern. Erst im Herbst 1999 kam dann alles Hals über Kopf. Ich sagte meiner Frau, dass ich schwul bin. Sie war völlig aus der Bahn geworfen."

Die erste Anlaufstelle für Michael war das Sozialwerk für Schwule und Lesben. Seine erste Beziehung zu einem Mann dauerte damals nur ein paar Monate. Er fand den anderen "nicht solide genug".

Vor einem Jahr zog Michael nach Köln, richtete sich dort eine Wohnung ein, die zu seinem Bedauern nicht mal einen Balkon hat. Er war so an seinen Garten gewöhnt. In Köln erlebte er das, was er "eine Beziehung zu einem richtigen Schwulen" nennt – "hedonistisch, großstädtisch, mit viel Geld, das auch gern ausgegeben wird". Aber er merkte, dass das nicht seine Welt ist. Er ist nicht so sehr auf das großstädtische Leben versessen; er mag, wie gesagt, kleinere Orte, Landschaften, seinen Garten. Seinen Freund Mathias kennt Michael jetzt seit einem halben Jahr. Mathias lebt mit seinen Kindern im Siegerland, betreut die Kinder in enger Abstimmung und gemeinsam mit seiner Frau.

Michaels Frau macht ihm Mut. Sie sagt: "Es läuft doch alles gut mit uns und für die Kinder." Aber der Alltag ist nicht einfach. Die Entfernung vom Niederrhein ins Siegerland beträgt mehr als 100 Kilometer. Köln liegt dazwischen. Köln, wo Michael das Landei ist, nicht der schicke Schwule in der angesagten Großstadt. Er fragt sich, wie er seine verschiedenen Welten verbinden kann. Sein Freund ist zu weit weg. Michael hat aber auch ein Problem damit, dass seine Frau eine Beziehung zu einem anderen Mann hat. So ganz will er sie vielleicht doch nicht verlieren. Natürlich weiß er, dass er nicht alles haben kann - und nicht alle.

In seinem Betrieb ist Michael gegen seinen Willen von einigen Kollegen geoutet worden, auf eine Weise, die er als Mobbing empfand. Mit der Geschäftsleitung war zum Glück alles gut zu klären, weil Michael ganz offen war und auf Toleranz traf. Trotzdem, der Prozess des Öffentlichmachens, der Mitteilung "Ich bin schwul", hat für ihn zwei Jahre gedauert. Er hat oft auf seine Frau Rücksicht genommen; sicher liegt es ihm auch nicht, sich überall hinzustellen und laut auf sich und die Veränderungen in seinem Leben aufmerksam zu machen. Er möchte jetzt in Ruhe entscheiden, wie es weitergehen soll mit seinem Leben, mit Mathias und allen anderen. Sich in die Anonymität der Großstadt zurückzuziehen, einer Großstadt noch dazu, die neben Berlin wohl die attraktivste für Schwule ist, war möglicherweise nicht das Richtige für Michael. Er spürt in sich eine Stimmung gegen Köln, die wächst. Vielleicht zieht er aufs Land zurück? Er verbringt ohnehin die Hälfte der Zeit auf dem Dorf, schon wegen seiner beiden Töchter, auf die er stolz ist, weil sie so selbstbewusst sind. "Forsch sind sie", sagt er lächelnd. Und fügt hinzu: "Aber man muss sich ständig beweisen, dass die Kinder völlig normal sind, dass es ihnen gut geht; dass sie nicht anders werden, weil ich schwul bin."
 
 


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