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Claudia von Zglinicki:

Wer ist eigentlich die andere Frau?
Moni und Lisa

Worüber sie vor allem reden möchte, sagt Moni, ist etwas ganz Einfaches: wie schön es ist, als Lesbenpaar Kinder zu haben. Das ist das Wichtigste.

Moni Herrmann-Green ist 38 Jahre alt, Lisa Herrmann-Green 32. Beide sind Psychologinnen und leben in Konstanz – Konschtanz, wie sie sagen, vor allem die Stuttgarterin Moni schwäbelt so, aber auch Lisa, die Amerikanerin aus New Jersey. Sie haben zwei Kinder, Lena und Dylan Herrmann-Green. Und jetzt ist Lisa wieder schwanger, wie die beiden mit Wonne erzählen. Aber Lisa fügt gleich hinzu, man müsse auch davon sprechen, wie viele Hürden zu nehmen sind, wenn zwei Frauen als Paar Kinder wollen.

1989 kam Lisa im Austausch für ein Jahr nach Konstanz. Moni und Lisa verbrachten viel Zeit gemeinsam und verliebten sich schließlich ineinander, sechs Wochen vor Lisas Rückkehr in die USA. Für Lisa war Moni die erste Frau, mit der sie eine Beziehung einging. Und ausgerechnet jetzt musste sie nach sechs Wochen wieder abreisen. Ein Jahr der Telefonkontakte und Briefe begann. Noch länger konnte das so nicht weitergehen; Lisa reiste nach Deutschland, um sich zu entscheiden. Mit einem Koffer und 300 Dollar zog sie in Monis Wohngemeinschaft ein - und stand da "mit nix", wie sie erzählt. Ihr Undergraduate Studium aus Amerika galt in Deutschland nur als Hochschulreife. Eine Berufsausbildung durfte sie nicht anfangen, weil sie angeblich noch nicht gut genug Deutsch konnte, die Schriftsprache jedenfalls nicht perfekt beherrschte. Nur an der Universität sah man da kein Problem. So begann Lisa, Psychologie zu studieren, damit war sie zugleich versichert und das Problem der Aufenthaltsgenehmigung hatte sich auch erst mal geregelt. Ein Schritt ins "normale" Leben in Deutschland. Gelebt hat Lisa dann von Jobs, mit denen sie 15 Mark in der Stunde verdiente; Küchenarbeit, putzen, Briefe sortieren. Sie nahm an, was sich bot, aber sie fühlte sich in dieser Zeit nicht als ganzer Mensch. Irgendwie musste es trotzdem gehen.

Für Moni war Psychologie das zweite Studium. Sie war schon Diplombetriebswirtin in der Fachrichtung Steuern, eine sichere Sache, mit der sie im Notfall Geld verdienen konnte, aber mehr bedeutete ihr der Beruf nicht. Nie wollte sie dabei bleiben. Nach dem ersten Diplom wandte sie sich deshalb ihrem seit Jahren schon gehegten Interesse zu, der Psychologie.

Im Januar 1992 zogen die beiden Frauen in eine gemeinsame Wohnung. Keine WG mehr, nur noch sie beide. Und dann begann Lisa, von ihrem Kinderwunsch zu sprechen. Moni fand die Idee schön, konnte sich aber noch nicht vorstellen, wie der Wunsch in die Wirklichkeit umzusetzen wäre. Außerdem sprach vieles dagegen. Würde das Kind nicht diskriminiert werden? Die finanzielle Lage der Frauen war ungewiss, und ob Lisa in Deutschland bleiben konnte, wussten sie auch noch nicht genau. Die Zeit, in der beide sich allmählich darüber klar wurden, ob sie ein Baby wollten oder nicht, empfand Lisa noch einmal wie ein Coming out. Nicht nur Lesbe sein, sondern Lesbe mit Kind. Schwierig. Sehr schwierig.

Warum eigentlich? Lisa sagt: "Wenn man sich überlegt, ob man Kinder möchte, wird einem deutlich, dass ein gesellschaftliches Vorurteil existiert, das sagt: Lesben und Schwule sind nicht in der Lage, Kinder gut zu erziehen. Als ich darüber nachgedacht habe, bin ich auf dieses Vorurteil in mir selbst gestoßen. Diese internalisierte Homophobie muss man für sich erkennen und sich davon lösen, um sich für ein Kind entscheiden zu können." Schließlich hatten sie sich entschlossen. Lisa sollte das Baby austragen. Aber war das Risiko für Lisa nicht zu groß, wenn sie an die Aufenthaltsgenehmigung dachten? Das schien ihnen zu unsicher. Also konnte es doch Moni sein, die das Baby bekommt. Eigentlich einfach. Aber Moni musste sich erst mit dem Gedanken anfreunden. Ein Umdenken war wohl bei beiden nötig. Lisa stellte schließlich fest, dass es ihr eigentlich egal war, woher das Kind kommt. Hauptsache, ein Kind. Und bald. Also sollte Moni das erste kriegen. Dass es das erste – und nicht das einzige – Baby sein würde, wünschten sich die beiden zu der Zeit schon.

Moni erinnert sich, wie es weiterging: "Das war ein langer Prozess, das kannscht du net nur g`schwind überlege. Was wär jetzt das Beste – auch fürs Kind?" Die Freunde, die sie gefragt hatten, ob sie möglicherweise Vater werden wollten, lehnten ab, als es "hart auf hart kam". So drückt Lisa es aus und fügt lachend hinzu: "Gekniffen haben sie alle!" Sie dachten dann lange über die Vor- und Nachteile von anonymen und nicht-anonymen Spendern nach und entschieden sich für einen anonymen Samenspender, dessen Identität dem Kind nie eröffnet werden kann. Durch die Anonymität war das Baby für sie von Anfang an ihr gemeinsames Kind. Sie versprachen sich davon auch einen gewissen Schutz für die nicht leibliche Mutter, für die Frau, die das Baby nicht in ihrem Bauch getragen hatte, für Lisa. Für das Kind stand eines damit unabänderlich fest: Es wird den Samenspender (Soll man ihn überhaupt Vater nennen?) nicht kennen lernen. Nichts könnte irgendwann von der Bereitschaft des Mannes abhängen, sich mit dem Kind zu treffen. Kein Traumbild wird über die Jahre zu entwickeln sein, immer mit dem Gedanken: Eines Tages treffe ich ihn und er ist toll. Alles ist von Anfang an klar, ein eindeutiger Rahmen ist festgelegt: Die Familie - das sind zwei Mütter und ihre Kinder.

Und dann hatten sie Glück, unglaubliches Glück. Moni wurde nach der ersten Insemination schwanger. Trotzdem war es Stress. Der größte in Monis Leben, neben der Geburt, meint sie heute. Aber das Glück setzte sich fort. Die Schwangerschaft, eine Zeit wie die zweiten Flitterwochen. Alle Bekannten reagierten positiv. Das Kind existierte ja schon, da verflogen die Bedenken. Nur eine Reaktion störte Moni: Manche Leute fragten, warum gerade sie das Baby bekam und nicht Lisa. Aber so wichtig war das auch wieder nicht. Moni war fast fertig mit dem Studium, als sie schwanger wurde. Sie schrieb an ihrer Diplomarbeit, das Baby wuchs in ihr, das Leben war schön. Im Dezember 1995 wurde Lena geboren. Am Heiligabend war die Familie komplett zu Hause. Die Mütter hatten Zeit für ihr Kind. Lisa erzählt: "Wir saßen vier Wochen lang um unsere Tochter herum und warteten immer darauf, dass sie wieder wach wurde."
 

Was eine leibliche Mutter zu tun hat, meinen alle genau zu wissen. Wie aber, wenn da zwei Mütter sind? Moni und Lisa versuchten, Aufgaben für die Co-Mutter festzulegen und die Rollen zwischen sich zu verteilen. Wer ist sie, diese zweite Frau? Für sie beide war das kein Problem, aber für die Außenwelt war es oft schwierig, ist es manchmal noch. Viele Menschen spüren offenbar den Drang, eine Frau zu bestimmen, die die Mutter sein soll. Moni erlebte es so: "Als ich gestillt habe, war ich die Mutter, nur ich. Die andere Frau war irgendwer. Als ich nicht mehr stillte, war nicht mehr auf Anhieb sichtbar, wer wer ist. Manche Leute wussten schon gar nicht mehr, wer das Kind ausgetragen hat. Wir haben dann bewusst immer nur von unserem Kind gesprochen und alles andere, was so gesagt wurde, das Kind von der Moni, zum Beispiel, jedes Mal korrigiert."

Die Korrekturen haben viel Energie gekostet, gibt Lisa zu. Es hat sie gekränkt, wenn jemand Lena aufforderte, zu Lisa zu gehen, nicht "zur Mami". Wieder fühlte Lisa sich in einer Position der Unsichtbarkeit, am Rande stehend. Co-Mutter zu sein ist vor allem in den ersten Monaten nach der Geburt des Kindes schwierig, meint sie. Manche Frauen weigern sich, die Schwierigkeiten überhaupt zuzugeben. Andere spüren sie, fühlen sich dadurch verletzbar und sind es auch.

Lena sieht kein Problem. Sie fragt manchmal, ob sie wohl später mit einem Mann oder einer Frau leben wird. Für verschiedene Lebenswege ist sie ganz offen. Sie hat eben zwei Mütter, die Mama und die Mami. Mit dieser Version, die sich die beiden Frauen schon während der Schwangerschaft überlegt haben, wollen sie Außenstehenden die Möglichkeit nehmen, eine "richtige" und eine "nicht-richtige" Mutter zu identifizieren. Und das gelingt auch. Beide, Mama und Mami, sprechen Englisch mit Lena. Die Kinder werden bikulturell erzogen. Wenn Moni auch sagt, es gäbe viele Gemeinsamkeiten mit anderen Familien, so ist doch manches anders bei den Herrmann-Greens als in anderen Familien. Ihr Lesbischsein leben Lisa und Moni ganz offen. Die Arbeitsteilung zwischen ihnen basiert nicht auf dem Geschlecht, natürlich nicht, sondern einfach darauf, wer was gerne macht oder besser kann. Arbeit, die keine von beiden mag, wird notfalls ausgelost. Und einen kleinen Bruder hat Lena auch noch. Dylan ist vier Jahre jünger als seine große Schwester. Dieses zweite Kind hat Lisa bekommen. Sie hatte die unbefristete Aufenthaltsgenehmigung durchgesetzt und wusste: Jetzt kann es für mich losgehen. Ich bin endlich dran!

Lisa wurde nicht beim ersten Versuch einer Insemination schwanger, sondern erst nach mehr als einem Jahr. Eine Zeit, die viel Kraft kostete. Immer wieder die Fragen: Wird es noch was? Wann hören wir auf, es zu versuchen? Lisa begann schließlich, ihr Leben umzustellen, so dass ein Baby, das sie geboren hätte, nicht mehr unbedingt sein musste. Allmählich machte ihr das Leben dann wieder Spaß. Sie plante, eine Promotion über lesbische Mütter zu schreiben. Und dann wurde sie schwanger. Alle waren aus dem Häuschen, Lena, Lisa, Moni, die Familien, die Freunde. Die Promotion muss noch warten.

Nach Lenas Geburt blieb Moni zu Hause und Lisa arbeitete. Nachdem das zweite Kind da war, wurde gewechselt. Moni arbeitet jetzt in einem Jugendheim mit verhaltensauffälligen Jugendlichen. Lisa blieb zu Hause. Im Herbst 2001 entschied sie sich, an die Universität zurückzukehren. Aber nun ist sie ja, wie gesagt, schwanger. Wieder war sie die treibende Kraft, ausgehend von dem Gefühl: Ich bin mit der Familienplanung noch nicht fertig. Diesmal, bei ihrem Wunsch nach einem dritten Kind, erfuhren die Frauen weniger Unterstützung als zuvor. Das dritte Kind ist für viele nicht mehr selbstverständlich. Aber im März 2002 wird es geboren werden.

Lisa hat die Erfahrung gemacht: "Die Mutter ist für die Co-Mutter sehr wichtig. Von ihr muss vieles ausgehen. Wenn ich nur dastehe und herumhupfe: Ich bin fei auch Mutter, dann bringt das nichts. Aber wenn Moni sagt: Stopp! Sie ist genauso die Mutter des Kindes, das akzeptieren die Leute." Anderen etwas erklären zu müssen, ihnen deutlich zu machen, wie diese Familie strukturiert ist, das hört für sie sowieso nie auf, meinen die beiden Frauen. Manchmal macht es sie müde, aber Lesben stehen ohnehin immer vor der Frage: Oute ich mich, oute ich mich nicht? Erklärungen sind immer wieder nötig. Für Lisa und Moni ist es offenbar die beste Variante, beides zugleich zu sein, Mutter und Co-Mutter. Zwei Mütter eben. Eine zusätzliche Adoption für die Co-Eltern, nach dem Muster der Second-Parent-Adoption in den USA, würde ihre Situation verbessern, das wünschen sie sich. Heiraten wollen Lisa und Moni auch, aber nicht auf dem Ordnungsamt, wie es zurzeit in Baden-Württemberg noch vorgeschrieben ist. Moni ist empört: "Soll ich da ein Nummerle ziehe?!" Wenn, dann wollen sie ein großes Fest mit vielen Gästen, feierlich und natürlich auf dem Standesamt! Am liebsten hätten sie es schon bald.
 
 


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