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Muslim*innen sind alle homophob?

Neue Studie zeigt mehrheitliche Zustimmung zur Ehe für Alle

(11.07.2019) Muslim*innen sind alle homophob? Eine neue Studie widerlegt dieses Vorurteil. Unter dem Titel „Weltanschauliche Vielfalt und Demokratie. Wie sich religiöse Pluralität auf die politische Kultur auswirkt“ ist eine neue Auswertung des Religionsmonitors 2017 der Bertelsmann Stiftung erschienen. Autor ist der Religionssoziologe Gerd Pickel von der Universität Leipzig.

Darin finden sich auch Ergebnisse zu den Zustimmungsraten zur gleichgeschlechtlichen Ehe, differenziert nach der Religionszugehörigkeit und Herkunft der Befragten. So gibt es Unterschiede zwischen den Mitgliedern unterschiedlicher weltanschaulicher Gruppen sowie innerhalb der Angehörigen der unterschiedlichen muslimischen Glaubensrichtungen. Bei allen gibt es jedoch eine mitunter sehr deutliche Mehrheit, die sich für die rechtliche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren ausspricht.

92% der religiös Ungebundenen befürworten danach die Ehe für Alle. Unter den Katholik*innen und Protestant*innen gibt es mit jeweils 81% ebenfalls eine deutliche Mehrheit. „Diese hohen Zustimmungswerte werden unter den Muslimen in Deutschland zwar nicht erreicht. Bei keiner der untersuchten muslimischen Glaubensrichtungen fällt die Zustimmung jedoch unter die 50-Prozent-Marke.“, so Pickel.

Während die sunnitischen Befragten zu 58% für die Öffnung der Ehe sind, sind es unter den schiitischen und alevitischen Befragten 69% bzw. 70%. Bei den muslimischen Befragten ohne Glaubensrichtung sind es 65%. Auffällig ist der deutliche Unterschied zwischen zugezogenen und in Deutschland geborenen Muslim*innen. Danach sind 70% der in hier geborenen Muslim*innen für die Ehe für Alle gegenüber 53% der Zugezogenen. Deutlich ist auch der Unterschied zu Muslim*innen in der Türkei. Dort drücken lediglich 22% ihre Zustimmung für die Eheöffnung aus. Daher kommt Pickel auch zu dem Schluss: „Der Ländervergleich lässt erkennen, dass das plurale gesellschaftliche Umfeld als Einflussfaktor offenbar entscheidender ist als die Religion.“

Weitere Unterscheidungen etwa nach Geschlechtszugehörigkeit, Alter oder Bildungsstand wurden nicht getroffen.

Die Studie liefert auch Antworten auf die Frage der Anerkennung religiöser Vielfalt in Deutschland und differenziert nach Vorbehalten und Feindlichkeit gegenüber den einzelnen Weltanschauungen. Knapp jeder Zweite in Deutschland meint, dass religiöse Pluralität die Gesellschaft bereichert. Mit Blick auf den Islam sinkt dieser Anteil noch einmal. Während eine Mehrheit Christentum, Judentum, Hinduismus und Buddhismus als bereichernd bewertet, sehen das nur ein Drittel der Bevölkerung in Bezug auf den Islam. Stattdessen empfindet ihn rund die Hälfte der Befragten als Bedrohung. In den neuen Bundesländern ist dieser Anteil mit 57% höher als in den alten Bundesländern.

Dr. Yasemin El-Menouar, Senior Expertin für das Projekt „Lebendige Werte“ der Bertelsmann Stiftung und Ansprechpartnerin für den Religionsmonitor macht deutlich: „Der Anteil von Menschen mit einer islamfeindlichen Einstellung ist im Verlauf der vergangenen Jahre laut Religionsmonitor insgesamt gesunken: Betrug er 2017 in Deutschland noch 20 Prozent, liegt er 2019 bei nur noch 13 Prozent. Die Analysen zeigen außerdem, dass Personen mit eindeutig islamfeindlichen Positionen häufig nicht nur Muslime, sondern auch andere Minderheiten ablehnen und ein insgesamt gegen Vielfalt gerichtetes Weltbild vertreten.“

In Deutschland gibt es eine religiöse und weltanschauliche Pluralität. 28% sind Mitglied in der katholischen Kirche, 26% in der evangelischen Kirche. 37% sind konfessionslos. 10% der Bevölkerung gehören einer der zahlreichen religiösen Minderheiten in Deutschland an. Rund 5% der Bevölkerung sind muslimisch, davon gehören drei Viertel der sunnitischen Glaubensrichtung an.

Für den Religionsmonitor 2017 der Bertelsmann Stiftung wurden Menschen aus mehreren europäischen Ländern zum dritten Mal nach 2007 und 2013 unter anderem über ihren Glauben und das Zusammenleben mit anderen Religionen, aber auch etwa zu Bildungsstand und Erwerbsbeteiligung befragt. Insgesamt haben sich über 10.000 Menschen an der von Juli 2016 bis März 2017 durch das Sozialforschungsinstitut infas durchgeführten Befragung beteiligt. In Deutschland wurden jeweils rund 1.500 Personen – repräsentativ für die Bevölkerung in Deutschland – befragt. Erstmalig enthält der Religionsmonitor 2017 eine Sonderstichproben für Muslim*innen in den jeweiligen Ländern enthält, um Aussagen über die interne Heterogenität treffen zu können. www.religionsmonitor.de

Markus Ulrich
LSVD-Pressesprecher