Zum Inhalt - Zur Navigation

Inhalt

Fachtagung: Gay & Gray I: "Schwule und Alter"

am 21./22. Oktober 1995 in Köln

 

Aufbruchstimmung beim ersten Fachkongress zum Thema Schwule im Alter

Gay and Gray - Unter diesem Motto kamen am Wochenende 130 schwule Männer zwischen 28 und 75 ins Kölner Schwulen- und Lesben-Zentrum Schulz, um über ihre Bedürfnisse, Torheiten oder ihr zweites Coming out zu diskutieren. Hinter so spaßigen Workshop-Titeln wie "Alter schützt vor Torheit nicht!", "Wie bitte - Schwule Butterfahrt?" oder "Wenn Du alt bist, siehst Du alt aus!" verbargen sich ernste Themen. Wie gehen wir mit dem alles bestimmenden Gespenst des Jugendkultes um, wie können wir dem Negativ-Image des alten, geilen Lüstlings ein positives Gegenbild entgegensetzen und vor allem welches? Wie sehen sinnvolle Freizeitaktivitäten älterer Schwuler aus? Welches Angebot gibt es in der von der stetig nachrückenden "new generation" beherrschten Szene? Und warum schließlich werden vor allem alte Schwule wie Freiwild behandelt und immer wieder Opfer homophober Gewalt?

Über diese Themen und noch viel mehr wurde auf dem längst überfälligen Kongress in einer wahren Aufbruchstimmung begeistert debattiert. Viele alte Teilnehmer machten ihrem Ärger darüber Luft, dass diese Probleme erst jetzt, mehr als 25 Jahre nach der Streichung der NS-Fassung des § 175, ernsthaft thematisiert werden. Der Hamburger Historiker Hans-Georg Stümke hatte auch nur die Antwort parat, die heute 30 bis 40jährigen sei nach 1969 die erste Generation schwuler Männer gewesen, die sich ganz bewusst mit ihrem Coming out auseinandersetzen und somit eine schwule Identität entwickeln konnten, während die älteren Generationen in ihrer Jugend vom Damoklesschwert einer Verurteilung geprägt wurden, was eine Akzeptanz der eigenen sexuellen Orientierung verhindert habe.

Genau diese Probleme, die jahrzehntelange Verdrängung der eigenen Homosexualität, das internalisierte Negativbild von der alten Tunte und, im Gegensatz zu alten Heterosexuellen, das Fehlen tradierter positiver Vorbilder, sind nach Meinung vieler Teilnehmer auch der Grund dafür, dass ältere Schwule häufiger Opfer von (Raub)Überfällen werden. Viele Opfer gäben sich eine Mitschuld an der Gewalttat und sähen von einer Anzeige ab. Der Lesben- und Schwulenverband, andere Gruppen und nicht zuletzt die schwulen Zeitschriften wurden aufgefordert, in ihren Publikationen und Materialien am Jugendkult zu kratzen und ihm ein anderes Ideal entgegenzusetzen. Es gehe nicht an, dass der Schwule ab 30 zum alten Eisen abgestempelt werde, was Rückzug und Vereinsamung zur Folge habe.

Spannend war das Thema Kultur und Freizeit im Alter. Zwar gebe es in den Großstädten für alte Schwule eine halbwegs vorhandene Infrastruktur (also: Szene), deren Angebot von der Lederkneipe über schwule Stammtische bis hin zum schwulen Erzählcafé reiche. Dennoch würde z.B. der verheiratete schwule Vater, der sein Coming out noch nicht durchlaufen habe, kaum erreicht. Es gebe Männer, die sich unzählige Male um eine Lederkneipe herumdrückten, bis sie endlich beim zehnten Anlauf hineingingen. Für die hohe Dunkelziffer dieser schier unerreichbaren Männer sei die Bejahung der eigenen sexuellen Identität (notfalls durch ein zweites Coming out) eine unabdingbare Voraussetzung für eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung und mithin ein befriedigendes Leben überhaupt. Schwule Gruppen und AIDS-Hilfen hingegen wurden aufgefordert, das Thema "Gay and Gray" aktiver zu gestalten und vor allem Patenschaften für Gruppen in der Provinz zu übernehmen.