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Fachtagung: Gay & Gray II: "Auf der Suche nach neuen Wohnformen für ältere und alte schwule Männer"

am 27./28. April 1996 in Köln

Am Wochenende des 27./28. April 1996 veranstaltete der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland e.V. (LSVD), Landesverband NRW, in Kooperation mit dem Sozialwerk für Lesben und Schwule e.V., der AIDS-Hilfe NRW e.V. und dem Schwulen Netzwerk NRW e.V. die Fachtagung "Gay & Gray II", unter der Schirmherrschaft von Dr. Michael Vesper (Minister für Bauen und Wohnen des Landes NRW).

Gekommen waren rund 60 Teilnehmer zwischen 25 und 75 Jahren, die sich mit der speziellen Thematik des Wohnens im Alter auseinandersetzen wollten. Eingestimmt wurden die Teilnehmer durch drei Impulsreferate, die durch ihre Bandbreite die Komplexität der Thematik den Teilnehmern vergegenwärtigte. So wurde z.B. die Frage thematisiert, inwieweit eine kollektive Vorstellung über "schwules Erwachsenenalter" in der Gay Community besteht und welche Konsequenzen ein mögliches Fehlen für den Einzelnen mit sich bringt.

Im Anschluss referierte Herr Schmitt vom Zentrum für Senioren und Behinderte der Stadt Köln über das Altenheim in Köln-Riehl und verwies auf die zwischenzeitlich stattgefundenen positiven Veränderungen der Einrichtungen. Die Vorstellung vom Altenheim als Siechenstation muss mittlerweile aufgegeben werden, so Herr Schmitt. Vielmehr würde auch hier der Grundsatz vertreten, dass ältere und alte Menschen möglichst lange und selbstbestimmt in separaten Einrichtungswohnungen leben sollten. Erst eine erhöhte Pflegebedürftigkeit führe zur Aufnahme in die Pflegestationen und der damit einhergehenden eingeschränkten Selbständigkeit.

Herr Otter vom Elisa Wohnstift erläuterte daraufhin die Konzeption und die Möglichkeiten seiner Einrichtung. Dabei stellte er vorab klar, dass die Aufnahme in ein privates Wohnstift mit erheblichen Kosten für die Bewohner verbunden ist. Dafür stünde den Bewohnern jedoch ein nahezu luxuriöses Freizeit- und Leistungsangebot zur Verfügung. Beide Referenten betonten auf Nachfrage aus dem Publikum, dass Homosexuelle von Seiten der Einrichtungsleitung und des Personals mit keinen Nachteilen zu rechnen hätten. Jedoch sei ihnen bis dato kein offen schwul lebender Mann bekannt, so dass über die realen Integrationsmöglichkeiten und -grenzen nur spekuliert werden könne.

Frau Unruh von den Grauen Panthern gab sich gewohnt angriffslustig und kämpferisch. Schwerpunkt ihres Vortrages, der durch die teils witzige, teils bissige Redegewandtheit einen gewissen Unterhaltungswert für die Teilnehmer hatte, lag in der Beschreibung der Widerstände und Hindernisse für die Arbeit der Grauen Panther. Nach Frau Unruh sollte jeder nach seiner Façon glücklich werden, womit die Frage nach der Akzeptanz gegenüber Schwulen schnell vom "Redner-"Tisch weggewischt war. Allerdings ließ sich Frau Unruh nicht in ihre "Projekt-"Karten gucken und enthielt den Teilnehmern nähere Informationen über konkrete Projekte der Grauen Panther und deren Realisierungsstrategien vor. Es liege beim Einzelnen selbst, sich seinen Weg ins wohnliche Glück zu suchen, so das Credo der resoluten Dame der Altenbewegung.

Geradezu umwerfend charmant wirkte dagegen Frau Steiner vom Amt für Wohnungswesen, die anhand eines Diavortrages die Lücken und Tücken bei der altengerechten Wohnungsanpassung den Teilnehmern vor Augen führte. Unzählige Möglichkeiten, welche das Leben in der eigenen Wohnung auch im Alter angenehm oder zumindest erträglich machten, erläuterte sie ebenso fachlich, wie die jeweiligen Finanzierungsmöglichkeiten.

Abschließend referierte Franz Schmitz vom Schwulen Verein für Pflege und Soziales e.V. (SCHWIPS) über die Arbeit der ambulanten Pflegedienste, deren Einsatz vielen Menschen das Verbleiben in den eigenen vier Wänden erst ermöglicht. Seiner Meinung nach gefährde die Gesundheitsreform, explizit der Abrechnungsmodus der Pflegeversicherung, die Gewährleistung einer umfassenden Versorgung der pflegebedürftigen Menschen. Dabei drängte sich den Zuhörern das Bild einer rigorosen Schematisierung individueller Krankheitsverläufe auf, nach denen aus minutiös aufgeführten Leistungskatalogen der Umfang der pflegerischen Hilfe zusammengestellt wird. Für einen Verein wie z.B. SCHWIPS e.V. ist es beinahe unmöglich, einerseits kostendeckend und anderseits bedürfnisorientiert zu arbeiten. Vor allem für an AIDS erkrankte Menschen, deren wechselnde Gesundheitszustände nicht in die Standardvorstellungen von Krankheit/Gesundheit hineinpassen, wirkt sich die Reform negativ aus.

Der zweite Tag der Fachtagung stand ganz im Zeichen der Suche nach neuen Wohnformen. In vier verschiedenen Workshops ging es um konkrete Umsetzungsmöglichkeiten, Wohnen in der generationsübergreifenden Hausgemeinschaft, um ein Konzept der Hilfe auf Gegenseitigkeit sowie um wirtschaftliche und juristische Realisierungsstrategien. Erneut zeigte sich der enorme Ideenreichtum der Tagungsteilnehmer. So wurde denn auch in der Schlussrunde bemängelt, dass man nicht mehr Zeit hatte, in Gruppenarbeit das Thema weiter zu vertiefen. Wie schon bei der ersten Fachtagung war bei den Anwesenden eine Aufbruchsstimmung spürbar. So sollen denn auch die Protokolle über die Ergebnisse der Tagung schnellstmöglich an die Teilnehmer versandt werden, damit vor Ort mit der Umsetzung der erarbeiteten Anregungen bald begonnen werden kann.

Ein konkretes Ergebnis kann jetzt schon festgehalten werden. "Die Zeit des Redens ist vorbei, jetzt wird gehandelt". So kündigte SVD-Sprecher Michael Schmidt im Schlussplenum das Vorhaben des SVD an, in Köln bis zum Herbst diesen Jahres ein Konzept für ein schwules Mehr-Generationen-Hausprojekt vorzulegen. Im Unterschied zu dem Wohnprojekt "Anders leben in Ehrenfeld" soll dieses neue Projekt auch eine spezielle Versorgungs- und Betreuungseinheit enthalten.

Jürgen Klapdor