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Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

Geschlechtervorstellungen und antifeministische Kampagnen der „Neuen Rechten“

Keynote von Quint Czymmek, Sozialwissenschaftler

Antifeminismus ist eine zentrale ideologische Klammer zwischen Konservativen, christlicher Rechter und extremer Rechter. Der Feminismus werde in rechten Diskursen als zentrale Gefahr für die heteronormative Familie stilisiert.

Auf der LSVD-Regionalkonferenz „Gegensteuern - Rechtspopulismus und Gleichstellungsgegner*innen die Stirn bieten.“ informierte der Sozialwissenschaftler Quint Czymmek über die Geschlechterkonstruktionen der sogenannten „Neuen Rechten“ (1) in Deutschland.

Er stellte anfangs heraus, dass Männlichkeit und Weiblichkeit im extrem rechten Denken nicht als sich immer verändernde und vor allem veränderbare kulturelle Tatbestände gelten, sondern als starre und überhistorisch vorhandene Essenzen. Extrem rechtes Denken sei durch eine Ideologie der Ungleichheit und daraus resultierender Ungleichwertigkeit gekennzeichnet, Geschlecht gelte als erster grundlegender Menschheitsunterschied.

Soldatische und heroische Männlichkeit

Der angeblichen Krise der Männlichkeit, für die insbesondere der Feminismus verantwortlich gemacht werde und deren Resultat eine Verweiblichung der Männlichkeit sei, stelle die extreme Rechte eine soldatische und heroische Männlichkeit gegenüber. Diese sei durch Aggressivität, Opfer- und Kampfbereitschaft sowie absolute Loyalität zum eigenen völkischen Kollektiv gekennzeichnet. Männliche Gewalt werde im rechten Denken nicht nur als natürlich erachtet, sondern als wünschenswerte Eigenschaft. Diese Männlichkeitskonzeption sei Rechtfertigungsgrundlage für Gewalttaten von Männern gegen Frauen und andere Männer.

Weiblichkeit sei in rechten Diskursen auf die sorgende Tätigkeit in der Familie und das Muttersein beschränkt. Czymmek stellte fest, dass Frauen und Männer in der rechtsextremen Ideologie unterschiedliche Aufgaben in der völkischen Gemeinschaft innehätten und die einzig legitime Weise des Zusammenlebens zwischen den Geschlechtern die Ehe zwischen Mann und Frau sowie die aus dieser Verbindung resultierenden Kinder seien.

Antifeminismus als ideologische Klammer

Anschließend ging Czymmek auf den Antifeminismus ein - für ihn eine zentrale ideologische Klammer zwischen Konservativen, christlicher Rechter und extremer Rechter. Der Feminismus werde in rechten Diskursen als zentrale Gefahr für die heteronormative Familie stilisiert. Antifeministische Kampagnen bauen auf einer Verschwörungstheorie auf, die Feminist*innen für eine Umerziehung der Menschen mittels Gender Mainstreaming und der sogenannten „Gender-Ideologie“ verantwortlich mache.

Die Existenz eines sozialen Geschlechts, welches nicht mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmen müsse, beziehungsweise sich nicht aus diesem ableite, werde von der extremen Rechten bestritten. Feminist*innen werde eine unglaubliche Machtfülle im öffentlichen Diskurs zugesprochen, mittels derer sie angebliche „Gender-Programme“ und Sprechverbote im öffentlichen Diskurs durchsetzen könnten. Das Feindbild Feminismus sei auch bei den Kampagnen des antifeministischen Bündnisses „Demo für Alle“ gegen eine „Sexualpädagogik der Vielfalt“ maßgeblicher Bestandteil.

Das Bündnis „Demo für Alle“ bildete sich 2014 nach einer Petition gegen einen Bildungsplan in Baden-Württemberg, der die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Unterricht berücksichtigte. An den Demonstrationen gegen den Bildungsplan in Stuttgart beteiligten sich anfangs mehrere hundert, auf ihrem Höhepunkt Ende 2015 und Anfang 2016 sogar um die 5.000 Menschen. Das Bündnis sei, so Czymmek, ein kampagnenfähiger Akteur, dessen Protagonist*innen meist aus dem Spektrum der christlichen Rechten bzw. christlichen Fundamentalist*innen kämen.

Verabsolutierung der heterosexuellen Norm

Grundlegende Annahme aus dem Spektrum der „Demo für Alle“ sei die Absolutsetzung der heterosexuellen Norm. Andere sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten würden pathologisiert und nicht als gleichwertig anerkannt. Dass Kinder und Jugendliche an Schulen andere sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten kennenlernen, werde von Protagonist*innen der „Demo für Alle“ als gezielte Verwirrung der Kinder in ihrer sexuellen Orientierung umgedeutet. Von den Organisator*innen werde zwar immer wieder betont, nichts gegen LSBTI* zu haben, wenn diese ihre sexuelle Orientierung privat leben, aber Sichtbarkeit oder Akzeptanz könnten LSBTI* nicht beanspruchen. Ihnen wird allenfalls ein Schattendasein zugestanden und eine Duldung angeboten, die natürlich jederzeit wieder entzogen werden können.

Emanzipation als „Niedergang und Verfall“?

Zusammenfassend machte Czymmek deutlich, dass für die extreme Rechte Emanzipationsbestrebungen hin zu mehr geschlechtlicher und sexueller Vielfalt sowie das Streben nach Gleichheit aller Menschen nichts weiter als Anzeichen des Niedergangs und des Verfalls westlicher Kulturen seien. Die extreme Rechte stelle der Pluralisierung der Geschlechterrollen in den letzten Jahrzehnten determinierte Geschlechtsidentitäten entgegen.

Es gelte, so Quint Czymmek in seinem Schlusswort, den rigiden Ordnungs- und Normvorstellungen, vertreten durch die Akteur*innen der extremen Rechten, eine demokratische Perspektive einer „Gesellschaft der Vielen“ entgegenzustellen.

Anmerkung

(1) Da der Begriff „Neue Rechte“ schon seit nunmehr 50 Jahren in Gebrauch ist und das Denken dieser vermeintlich neuen Rechten nichtbesonders neu, sondern in der faschistischen Theorietradition der sogenannten „Konservativen Revolution“ der 1920er und 1930er Jahre steht, wird der Begriff hier in Anführungszeichen benutzt.

miteinanderstaerken.doku.pngDas LSVD-Projekt „Miteinander stärken. Rechtspopulismus entgegenwirken“ fördert die Akzeptanz von Lesben, Schwulen, bisexuellen, trans* und intergeschlechtliche Menschen (LSBTI*). Die Stärkung von LSBTI*, ihren Verbündeten und Fachkräften steht dabei ebenso im Vordergrund wie die Entwicklung nachhaltiger Strategien und der Aufbau zivilgesellschaftlicher Allianzen gegen Homosexuellen- und Trans*Feindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus sowie gegen jede weitere Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Der Bericht ist ein Auszug aus der Dokumentation der Regionalkonferenz „Gegensteuern - Rechtspopulismus und Gleichstellungsgegner*innen die Stirn bieten.“, die das Projekt im Oktober 2018 in Leipzig veranstaltet hat.