LSVD

Religion, Kirche und Rechtspopulismus.

Wie können Kirchen und Religionsgemeinschaften menschenfeindlichen Einstellungen von rechts entgegenwirken?

Wie Kirchen und Religionsgemeinschaften menschenfeindlichen Einstellungen von rechts entgegenwirken können diskutierten wir auf der LSVD-Regionalkonferenz „Gegensteuern - Rechtspopulismus und Gleichstellungsgegner*innen die Stirn bieten.“

miteinanderstaerken.doku.pngAuf der LSVD-Regionalkonferenz „Gegensteuern - Rechtspopulismus und Gleichstellungsgegner*innen die Stirn bieten.“ diskutierten als Expert*innen Kathrin Wallrabe (Gleichstellungsbeauftragte der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen); Levi Salomon (Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus); Studierendenpfarrer Frank Martin (Forum für Gemeinschaft und Theologie) beim Fachforum "Wie können Kirchen und Religionsgemeinschaften menschenfeindlichen Einstellungen von rechts entgegenwirken?". LSVD-Bundesvorstand Henny Engels leitete das Fachforum.

Erkenntnisse aus dem Expert*innengespräch

(1) Religion und Menschenfeindlichkeit passen nicht zusammen
Vom Evangelium her passen Religion und Menschenfeindlichkeit überhaupt nicht zusammen. Das Christentum basiert nicht auf Abwehr, sondern auf Zusammenhalt. Gott geht auf Menschen zu. Ideologien der Ungleichwertigkeit passen nicht zu dieser Idee. Das Christentum ist die Entgrenzung aller Nationen. Eine Ideologie, die ausgrenzend und menschenfeindlich ist, lässt sich mit dieser Idee des Christentums nicht vereinbaren. Religionen wie das Christentum wollen stabilisieren und nicht spalten.

Beim Thema „Ehe“ müssen sich die Kirchen bewegen. Aus einer modern-protestantischen Perspektive wird heute nicht mehr nach der äußeren Form einer Partnerschaft, sondern nach den dort gelebten Werten gefragt. Auch müssen sich die Kirchen stärker zum Thema der noch bestehenden gesetzlichen Ungleichbehandlung positionieren. In der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Sachsen sind beispielsweise gleichgeschlechtliche Partnerschaften im Pfarrhaus grundsätzlich möglich. Auch die Abstandsregelung zur heterosexuellen Ehe für Segnungen der homosexuellen Partnerschaften wird geringer. Dennoch sind nicht alle Gegenden in Sachsen LSBTI*-freundlich.

(2) Wir dürfen die Bibel nicht eins zu eins auslegen
Jüdische Gemeinschaften sind direkt vom Rechtspopulismus und antisemitischen Anfeindungen betroffen. Hinter den Anfeindungen steht eine völkisch-nationalistische Ideologie. Hingegen schließen die Grundlagen des Judentums ebenso wie die Grundlagen des Christentums menschenfeindliche Einstellungen bzw. völkisch-nationalistische Ideologien aus. Wir dürfen die Bibel nicht eins zu eins auslegen, sondern müssen diese im zeitgeschichtlichen Kontext sehen.

Als eine Grundlage für den Antisemitismus kann die sogenannte Entmenschlichung der Juden*Jüdinnen dienen. Denn wer davon ausgeht, dass „die Juden“ Christus ermordet haben, der oder die mag auch davon ausgehen, dass es sich dabei um einen Gottesmord gehandelt hat. Infolgedessen kann die Frage gestellt werden, wer Gott gefährlich werden kann. Wenn nur der Teufel Gott gefährlich werden kann, so ist in der Schlussfolgerung „der Jude“ die Verkörperung „des Bösen“.

(3) Rückbindung auf liberale Werte
Die Sehnsucht der Menschen nach Religion ist groß, doch Religionen werden leider oft mit konservativen oder traditionellen Familienbildern verbunden.

Religion ist nicht gleich Glaubensgemeinschaft, Religion bedeutet Rückbindung auf Werte. In diesem Sinne sind die Kirchen Glaubensgemeinschaften und keine monolithischen Blöcke. Bei den Themen „Familienbild“ oder „Geschlechterrollen“ bieten die Kirchen aber sehr wohl Anknüpfungspunkte für rechte Einstellungen. Denn auch der rechte Diskurs ist durchaus religiös, indem er sich auf traditionelle Werte beruft. Aber das hat mit dem, was gemeinhin unter Religion verstanden wird, nichts zu tun. Dabei ist der Rechtspopulismus nicht einfach vom Himmel gefallen. Das Christentum hatte lange einen Machtanspruch, der die heutige Situation begünstigt hat.

Wir brauchen dringend eine sozial-liberale Deutung von Religionen. Hier ist besonders der innerkirchliche Dialog von Bedeutung. Der innerkirchliche Wandel ist ein langer Kampf. Die EKD leistet hier schon lange eine progressi-ve Arbeit, aber das auch an die Basis zu bringen ist schwer und man benötigt einen langen Atem. Die Kirchen tun sich mit der Aufarbeitung der eigenen Geschichte schwer. Oft erfolgt der diesbezügliche Dialog hinter verschlossenen Türen und wird nicht öffentlich. Diese Aufarbeitung ist aber eine Voraussetzung für eine Öffnung.

Forderungen des Fachforums

  • mehr Aufklärung und Bildung
  • Kirchen und Religionsgemeinschaften müssen sich öffnen und vielfältige Lebensweisen und Identitäten akzeptieren
  • Dialoge zur Öffnung von Kirchen und Religionsgemeinschaften müssen öffentlich geführt werden.
  • Ungleichheiten bzw. Ideologien von Ungleichwertigkeiten dürfen nicht von Kirchen und Religionsgemeinschaften legitimiert werden.
  • Kirchenleitungen müssen deutlich machen, dass das Christentum und der Rechtspopulismus keine gemeinsamen Schnittmengen haben

Wie sollten Religionsgemeinschaften in den eigenen Reihen mit menschenfeindlichen Anfeindungen umgehen?

  • Solidität und Parteinahme mit Betroffenen von Anfeindungen
  • menschenfeindliche Einstellungen ansprechen und fundiert kritisieren: Dabei nicht nur reagieren, sondern auch eigene Themen setzen und Debatten und Lernräume zur Verfügung stellen. Gewalt klar benennen und ablehnen. Öffentlich Stellung beziehen und klare Signale nach innen und nach außen setzen.
  • Verhalten kritisieren und nicht Personen. Wertschätzend bleiben und zuhören, auch bei unterschiedlichen Ansichten. In Liebe zur Rede stellen im Gespräch. Ängste erfragen und verstehen wollen
  • mit religiösen Schriften argumentieren: biblische Grundlagen benennen. Klären, was sich hinter dem Begriff „Sünde“ verbirgt. Mit Fakten gegen religiös motivierte Anfeindungen argumentieren
  • Grenzen der Diskussion aufzeigen und klare Regeln benennen
  • Lernen und Fehlbarkeit sichtbar machen
  • Leitbilder basisdemokratisch und partizipativ erarbeiten und umsetzen: als „lernende und lebende Dokumente“, auch in Gemeinden (bottom up)
  • Nächstenliebe als zentrales Merkmal
  • Die Zehn Gebote als Grenzraum für das Leitbild
  • Anerkennung von Vielfalt als Grundlage

Wie können Religionsgemeinschaften Offenheit für vielfältige Lebensentwürfe und Identitäten signalisieren und diese auch einfordern?

Strategien

  • Offenheit zeigen: Sichtbarkeit von vielfältigen Lebensentwürfen/ und Identitäten schaffen. Arbeit für/ und mit Betroffene(n). Offenheit als Chance statt als Gefahr sehen. Glaubwürdig Beziehungen leben
  • rational denken: jedes Jahr verlieren wir viele Gemeindemitglieder, während Vielfalt auch wieder mehr Mitglieder mit sich bringt.

Maßnahmen

  • LSBTI*-Themen Raum geben und diskutieren
  • Erzählungen bereichern
  • auf die Seite derer stellen, die zum Opfer gemacht werden, und dadurch Solidarität zeigen
  • barrierearme Räume /und Kommunikation
  • respektvolles Handeln: nicht stigmatisieren, sich gegen Abwertung von Menschen wenden
  • Aufarbeitung der eigenen Geschichte (Kirchen bzw. Glaubensgemeinschaften): eigene Identität klären, Auseinandersetzung mit Heteronormativität bzw. Klassizismus sowie Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte (der Institution)
  • Politiken an der Basis problematisieren

Öffentlichkeitsarbeit

  • gleichgeschlechtliche Eheschließungen in Gemeinden öffentlich machen
  • Symbole für Vielfalt (Regenbogen) integrieren
  • Veranstaltungen mit von menschenfeindlichen Einstellungen Betroffenen organisieren
  • wertschätzende Repräsentation von Vielfalt sowohl in der Öffentlichkeitsarbeit als auch beim Personal
  • mehrsprachige Öffentlichkeitsarbeit: hierzu zählen besonders auch Dialekte (Sächsisch, Platt, Berlinerisch usw.). Diese sind oft bildhafter und lebensnäher
  • sensible und geschlechtergerechte Sprache
  • Kommunikationsstrukturen mit organisierten LSBTI*-Gruppen etablieren und deren Vorschläge und Impulse ernst nehmen

Das LSVD-Projekt „Miteinander stärken. Rechtspopulismus entgegenwirken“ fördert die Akzeptanz von Lesben, Schwulen, bisexuellen, trans* und intergeschlechtliche Menschen (LSBTI*). Die Stärkung von LSBTI*, ihren Verbündeten und Fachkräften steht dabei ebenso im Vordergrund wie die Entwicklung nachhaltiger Strategien und der Aufbau zivilgesellschaftlicher Allianzen gegen Homosexuellen- und Trans*Feindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus sowie gegen jede weitere Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Der Bericht ist ein Auszug aus der Dokumentation der Regionalkonferenz „Gegensteuern - Rechtspopulismus und Gleichstellungsgegner*innen die Stirn bieten.“, die das Projekt im Oktober 2018 in Leipzig veranstaltet hat.