… die sind alle verbrannt worden

Erinnern an die Ermordung der letzten Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau 1944

Am 2. August 2020 jährte sich die »Liquidation des Zigeunerfamilienlagers« in Auschwitz-Birkenau zum 76. Mal. SS-Angehörige ermordeten in der Nacht auf den 3. August 1944 die über 4.000 verbliebenen Sinti und Roma in Gaskammern – zumeist als arbeitsunfähig eingestufte Frauen, Kinder und ältere Menschen.

Am 2. August 2020 jährte sich die »Liquidation des Zigeunerfamilienlagers« in Auschwitz-Birkenau zum 76. Mal. SS-Angehörige ermordeten in der Nacht auf den 3. August 1944 die über 4.000 verbliebenen Sinti und Roma in Gaskammern – zumeist als arbeitsunfähig eingestufte Frauen, Kinder und ältere Menschen.

Zu einer gemeinsamen Gedenkstunde »… die sind alle verbrannt worden. Erinnern an die Ermordung der letzten Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau 1944« luden die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas gemeinsam mit RomnoKher, der Hildegard Lagrenne Stiftung und RomaTrial am Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin-Tiergarten.

Nach einer Begrüßung von Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, und Andre Raatzsch, Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, wurden Erinnerungssplitter, sieben Passagen aus Zeitzeugenberichten zum 2. August 1944, gelesen. Gegenwartssplitter, drei Passagen aus aktuellen Meldungen zur Situation von Sinti und Roma in Europa, waren ebenfalls Teil des Programms. Musikalisch wurde die Gedenkstunde von Yasin Kiran, Serkan Kaynarcali und Bekir Karaoglan umrahmt. Philipp Geist begleitete das Erinnern mit einer Lichtinstallation.

Der LSVD ist seit 2015 Mitglied im Bündnis für Solidarität mit den Sinti und Roma Europas. Zwei der Erinnerungssplitter wurden von Mitgliedern des LSVD-Bundesvorstandes vorgetragen. Henny Engels las die Erinnerung von Zilli Schmidt, Helmut Metzner die Erinnerung von Franz Wirbel. Die beiden sehr eindrücklichen Zeitzeug*innenberichte möchten wir hier dokumentieren.

Gegenwärtig ist Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas durch die Baupläne der Deutschen Bahn für eine neue S-Bahntrasse in Gefahr. Dagegen protestiert der LSVD entschieden und unterstützt das Aktionsbündnis "Unser Denkmal ist unantastbar".

Erinnerungssplitter von Zilli Schmidt

 

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Ich bin eingestiegen in den Waggon, dann sind wir nach Ravensbrück gefahren, an diesem 2. August. Die, die dageblieben sind, haben sie umgebracht. Alle.

Mein Vater hat gedacht, er rettet mein Mädchen, wenn er es dabehält. Wenn ich mich durchgesetzt hätte … wenn ich mein Kind mitgenommen hätte … Aber mein Vater hat gesagt – ich hatte ihn noch nie weinen sehen – er hat geweint, mein Kind festgehalten, und gesagt: »Zilli, ich weiß nicht, wo Du hinkommst. Vielleicht kommst Du um mit der Gretel, lass mir mein Kind da.« »Mein Kind«, sagte er … Ja, das war sie. Er hatte sie ja großgezogen, weil ich so furchtbar jung und mir das alles zu viel war, als sie zur Welt kam. Ich habe sie dagelassen. Ich frage mich wieder und wieder, wann meinem Vater wohl klar wurde, dass das ein Fehler war. Wie dieser 2. August dann weiterging, in den Stunden nach unserer Abfahrt, ab wann er dachte: »Hätte ich der Zilli das Mädchen nur mitgegeben …« Aber da war es zu spät, die sind alle verbrannt worden.

Zilli Schmidt, heute 96 Jahre alt, stammt aus einer Familie deutscher Sinti. In der Nacht des 2. August 1944 wurden ihre vierjährige Tochter Gretel, ihre Eltern, die Schwester mit ihren sechs Kindern und zahlreiche weitere Verwandte ermordet.

Erinnerungssplitter von Franz Wirbel

 

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In den letzten Tagen des Juli 1944 wurden wir vor der Auflösung des »Zigeunerlagers Auschwitz-Birkenau« in Arbeitsfähige und ehemalige Wehrmachtsangehörige selektiert. Die Wehrmachstangehörigen durften ihre Frauen und Kinder mitnehmen, ich wurde zu den Arbeitsfähigen eingestuft. Am 2. August 1944 wurden 1.400 Personen, Männer, Frauen und Kinder in einen auf der Verladerampe in Birkenau stehenden Zug mit Viehwaggons eingeladen, mit dem Trick der SS, dass die im Zigeunerlager 2.897 Zurückgebliebenen sehen konnten, dass wir noch am Leben sind. Ihnen hatten die SS-Leute nämlich gesagt: »Da könnt ihr jetzt eure Angehörigen sehen, die fahren jetzt nach Hindenburg und bauen für euch ein neues Lager mit besseren Baracken und sanitären Einrichtungen.« Um vier Uhr hat unser Transport Birkenau verlassen, und um sieben Uhr, also drei Stunden später, wurden sie barackenweise und mit viel Widerstand auf die Lastwagen, ja sogar mit Flammenwerfern in die Gaskammern getrieben. Damit war das »Zigeunerlager« innerhalb weniger Stunden aufgelöst. (…)

Von den 39 Personen meiner Familie haben nur ich und einige Kinder meiner im September 1943 verstorbenen Schwester das Dritte Reich überlebt. Meine andere Schwester, zwei Schwägerinnen mit Kindern und meine Mutter haben den Tod in den Gaskammern von Birkenau gefunden.

Franz Wirbel stammte aus Westpreußen. Im Januar 1942 wurden seine und zehn weitere Sinti-Familien bei eisiger Kälte von der Gestapo früh morgens aus den Betten geholt und in Viehwaggons zunächst in ein Zuchthaus nach Białystok, dann in das geräumte Ghetto von Brest-Litowsk und im April 1944 nach Auschwitz verschleppt.