Strong! Erste bayerische LGBTIQ*-Fachstelle

Im Gespräch mit Landesvorstand Markus Apel, spricht der Ansprechpartner der Fachstelle, Dr. Michael Plaß, über die Arbeit und die Ziele des Projekts.

In München gibt es seit wenigen Wochen die erste bayerische LGBTIQ*-Fachstelle mit Beratungs- und Hilfsangeboten für Opfer von queerfeindlicher Gewalt und Diskriminierung. Sie soll bayernweit zuständig sein.

Seit November 2019 hat das Sub eine Stelle für die Beratung von schwulen, bisexuellen und queeren Männern*. Nun wird die Hotline des Anti-Gewalt-Projekts zur LGBTI Fachstelle gegen Diskriminierung und Gewalt „Strong!“. Wie kam es dazu?

Wir hatten einen Initiativantrag beim bayrischen Familienministerium im Rahmen des Finanzierungspaketes für ein Hilfenetzwerk zur Unterstützung gewaltbetroffener Männer* „https://bayern-gegen-gewalt.de/“ für die Zielgruppe des Sub e.V. gestellt. Außerdem hat das Sub schon seit den 90er Jahren eine halbe Stelle von der Stadt München für Anti-Diskriminierungs- und Anti-Gewaltarbeit. In Absprache mit der Stadt München, der Lesbenberatungsstelle LeTRa und der Trans*Inter*Beratungsstelle München haben wir die Zielgruppe nun zu LGBTI* erweitert.

Wie läuft eine Kontaktaufnahme zur Fachstelle in etwa ab?

Interessierte können sich über die Hotline melden, oder einfach per Mail oder über den Chat auf www.subonline.org/Beratung/strong Kontakt aufnehmen. Wir haben feste Telefon- und Chatzeiten (Mo 15-18, Die 10-12 und Fr 10-12). Nach Terminvereinbarung bieten wir auch Termine im Sub an.

Wie wurden die Hotline und nun die Fachstelle bisher von der Community angenommen und genutzt?

Die Nachfrage an der Hotline ist noch ausbaufähig! Wir arbeiten gerade verstärkt daran, das Angebot in der Community und darüber hinaus bekannt zu machen. Einige Leute rufen aber bereits an, um ihren Fall zu schildern und sich Informationen und Unterstützung geben zu lassen. Häufig läuft es dann auf eine persönliche Beratung vor Ort hinaus. Wenn die anrufende Person nicht in München wohnt, verweisen wir auf Beratungsstellen in der Nähe.

Welche Art von Fälle queerfeindlicher Diskriminierung und Gewalt werden an die Fachstelle herangetragen? Gibt es auch intersektional problematische gemeldete Fälle, bspw. von queeren People of Color?

Das Spektrum ist sehr breit. Von der alltäglichen Beleidigung bis hin zu Mobbing am Arbeitsplatz oder Angriffen auf der Straße ist alles mit dabei. Nach wie vor werden auch Fälle bei uns bekannt, bei denen Jugendliche nach dem Coming-out so große Probleme mit der Familie haben, dass sie es zu Hause nicht mehr aushalten, aber noch längst nicht genügend Geld haben, um sich eine eigene Bleibe zu suchen.
Und in der Tat suchen uns immer wieder Menschen aus der LGBTI*-Community auf, die aber gar nicht wegen homosexuellen-, trans*- oder inter*feindlichen Vorfällen kommen, sondern weil Sie Rassismus erlebt haben. Deren Motivation die Angebote von Strong! in Anspruch zu nehmen ist dann aber oft dieselbe: Weil sie sich bei uns eben keine Sorgen wegen ihrem Coming-outs machen müssen. Und natürlich erleben viele queere People of Color Homosexuellenfeindlichkeit UND Rassismus – und das nahezu täglich.

Wer meldet queerfeindliche Vorfälle an die Fachstelle? Gibt es Gruppen, deren Fälle bisher überhaupt nicht in Erscheinung getreten sind?

Es melden sich vor allem diejenigen, die eine besonders schlimme Gewaltsituation hatten, z.B. nach einem Angriff auf der Straße oder Mobbing am Arbeitsplatz. Es melden sich aber auch LGBTI*s, die nicht mehr bereit sind Beleidigungen, homophobe Witze oder böse Blicke einfach so hinzunehmen – die einfach die Schnauze voll haben.
Es kommen immer wieder Bisexuelle zu uns, interessanterweise allerdings fast nie aufgrund von Diskriminierung ihrer sexuellen Identität, dass diese nicht anerkannt wird, wie zum Beispiel „Du willst dich nur nicht zwischen Männern* und Frauen* entscheiden“ oder „Eigentlich bist du doch lesbisch, gib es doch zu!“. Bisexuelle melden sich meistens wegen homosexuellenfeindlichen Vorkommnissen.

Die Fachstelle soll bayernweit tätig und ansprechbar sein. Ist die Fachstelle, die ja sehr in der Münchner Community verwurzelt ist, dieser Aufgabe gewachsen?

Zunächst ist das bayernweite Angebot von Strong! nur auf die Zielgruppe schwuler, bisexueller, trans* und queerer Männer* begrenzt und hat mit mir auch nur einen Mitarbeiter. Meine zukünftige Kollegin wird sich ab September auf LGBTI* in München konzentrieren. Außerdem war es seit dem Start im November 2019 leider auch sehr schwer, die Angebote von Strong! über München hinaus bekannt zu machen. Wenn das bayernweite Modellprojekt auch über 2020 hinaus verlängert werden sollte, bin ich sehr zuversichtlich, dass wir eine gute Entwicklung hinbekommen – vorausgesetzt natürlich, dass die Pandemie es zulässt.

Wie sieht die nahe und langfristige Zukunft der Stelle aus? Gibt es künftige Projekte auf die wir uns freuen können?

Wir wollen die Community sensibilisieren. Zum einen, dass Gewalt eben nicht nur ein blaues Auge ist, sondern auch Mobbing, Beleidigungen, dumme Witze und blöde Sprüche. Und zum anderen, dass es sich bei Homosexuellen- und Trans*feindlichkeit um gesamtgesellschaftliche Probleme handelt – Weil es erstens überall passieren kann und oft auch Heterosexuelle und Cis*Personen unter Homosexuellen- und Trans*feindlichkeit leiden. Denn die meisten Schüler, die auf dem Pausenhof als „schwule Sau“ beleidigt werden, sind ja gar nicht schwul.

Damit diese Ziele erreicht werden, muss die Kooperation mit der Justiz und der Polizei verbessert werden. Homosexuellen- und Trans*feindlichkeit müssen explizit als Hasskriminalität benannt und statistisch auch so erfasst werden. Die Community kann uns dabei helfen, denn die Meldung der Vorfälle sind unsere Argumentationsgrundlage!

Welche Tipps können wir abschließend Menschen geben, die Opfer von Diskriminierung und Gewalt werden?

Jede Person hat einen eigenen Umgang mit Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen. Für manche ist ein dummer Spruch nur ein Spruch, andere sind wirklich verletzt und sehr verunsichert. Oftmals ist es schwer sich einzugestehen, dass Situationen wirklich Spuren hinterlassen haben, da in der Gesellschaft noch viel zu oft das Eingestehen von Verletzung oder Traumatisierung als Schwäche missverstanden wird. Aber genau dieser Umstand ist fundamental falsch, denn es ist stark, sich den eigenen Gefühlen zu stellen und es ist stark auf Missstände, Diskriminierung uns Gewalt aufmerksam zu machen! Ich möchte jede Person, die eine solche Erfahrung machen musste dazu ermutigen, das zu melden. Auch wenn es nicht darum geht, selbst Hilfe in Anspruch zu nehmen, so hilft jede Meldung dabei, Homosexuellen- und Trans*Feindlichkeit als gesamtgesellschaftliches Problem zu verdeutlichen. Denn auch wenn in den letzten Jahren viel erreicht wurde, so sind Diskriminierung und Gewalt gegen LGBTI* Menschen immer noch Alltag in Deutschland.