LSVD

Regenbogenkompetenz in der Kultur- und Sprachpolitik

Ergebnisse des Fachforums auf dem ersten Regenbogenparlament „Akzeptanz für LSBTI“ am 17.02.2018 in Berlin

Im Rahmen des bundesweit ersten Regenbogenparlaments diskutierten wir darüber, wie „Regenbogenkompetenz“ in der Sozialen Arbeit, im Sport, in Religionsgemeinschaften, bei der Versorgung und Integration von Geflüchteten, in den Medien und auch in der auswärtigen Kultur-und Sprachpolitik erhöht werden kann. Hier dokumentieren wir die Ergebnisse des Fachforums "Regenbogenkompetenz in der Kultur- und Sprachpolitik" mit Terry Reintke (Fraktion der Grünen / Freie Europäische Allianz, MdEP), Tim Hülquist (Institut für Auslandsbeziehungen), Susanne Niemann (Goethe-Institut), moderiert von Axel Hochrein (Vorstand der Hirschfeld-Eddy-Stiftung), Klaus Jetz (LSVD-Geschäftsführer). Die Broschüre mit den Ergebnissen und Handlungsempfehlungen des 1. Regenbogenparlaments "Akzeptanz von LSBTI* - Miteinander stärken" kann hier heruntergeladen werden oder aber so lange der Vorrat reicht per Mail an presse@lsvd.de kostenfrei bestellt werden.

Das Fachforum thematisierte die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen und kulturellen Aufbruchs, um dem Rechtsruck in der Gesellschaft wirkungsvoll entgegenzuwirken.

Terry Reintke (Fraktion der Grünen/Freie Europäische Allianz, MdEP) richtete in ihrem Inputreferat den Blick auf jüngste Entwicklungen in Europa. Ein Kulturkampf sei entbrannt, gerade auch im Europaparlament, wo Angriffe auf Gender Equality wieder salonfähig sind. Die Gegner*innen ziehen die Agenda an sich, um die Debatte nicht mehr führen zu müssen. Konkrete Gesetzesvorhaben werden bekämpft. Im Europarat wird die Istanbul-Konvention (Übereinkommen zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt) torpediert. Länder wie Ungarn, Bulgarien oder die Slowakei lehnen eine Ratifizierung der Konvention ab oder leisten Widerstand. Der Begriff „Gender“ wird hier zum neuen Kampfplatz. Auch in Deutschland ist diese Geisteshaltung mit den Rechtspopulist*innen in den Bundestag eingezogen. In der Kulturförderung wird die Unterstützung queerer und feministischer Projekte zurückgefahren. LSBTI*-Organisationen werden attackiert, etwa in Ungarn, wo ein NGO-Gesetz sich gegen ausländische Sponsor*innen richtet, ähnlich wie das Agent*innengesetz in Russland. Die Zivilgesellschaft werde kriminalisiert. Andererseits werden in den Niederlanden LSBTI*-Themen von Rechtsextremist*innen vereinnahmt und instrumentalisiert, um gegen Muslim*innen Stimmung zu machen. 

Fazit Terry Reintke:

  • Wir müssen dringend wieder die Offensive erlangen, denn die Kämpfe der vergangenen Jahre waren Verteidigungskämpfe.
  • LSBTI*-Organisationen und Menschenrechtsorganisationen bei der Verteidigung der Menschen- und Bürgerrechte stärken
  • Es bedarf neuer EU-Fonds für LSBTI*-Projekte und -Initiativen.
  • Botschaften und Konsulate sollten im Rahmen ihrer Möglichkeiten Aktivist*innen in den Gastländern unterstützen. Gute Beispiele gibt es bereits aus Skandinavien / Kanada. Deutschland ist hier eher zurückhaltend.
  • Wir brauchen eine LSBTI*-inklusive Außenpolitik.

Susanne Niemeier vom Goethe-Institut ging in ihrem Input auf die Arbeit des Goethe-Instituts ein. Das weltweit tätige Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland ist in über 150 Ländern vertreten. Die Zentrale ist in München beheimatet. Das Thema „Gender Mainstreaming“ sei erfolgreich umgesetzt worden, auch wenn es dabei Widerstände gab. Beim Thema geschlechtergerechte und diversitätssensible Sprache gibt es ebenfalls erste Fortschritte. Es gehe aber nicht darum zu missionieren, da dies kontraproduktive Auswirkungen habe, sondern Denk- und Freiräume anzubieten. Befremdlich seien manchmal die Ängste auf deutscher Seite vor dem, was alles passieren könnte. Die Partner*innen vor Ort seien aufgeschlossener. Wichtig sei der Austausch auf Augenhöhe. Problematisch sei der Umgang mit LSBTI*-Themen in den arabischen Ländern, doch allgemein könne man sagen, dass die Ära des weißen heterosexuellen Mannes der Vergangenheit angehört. Schwerpunktthemen des Instituts sind Fragen von Partizipation, Urbanität, Krise und Kultur. Daran können LSBTI*-Themen anschließen. In einigen Ländern könne es passieren, dass die Behörden darauf bestehen, bestimmte Fotos/Filme nicht zu zeigen. Dann gelte es zu entscheiden, ob man dem Willen der Zensur folgt und nur Teile der Ausstellung zeigt oder die ganze Ausstellung absagt. 

LSBTI*-inklusive Projekte der Goethe-Institute

  • Out-Filmfestival in Kenia (2011) / Veröffentlichung eines Buches (Queer Stories) in Kooperation mit dem Goethe-Institut München 
  • Titelsammlungen zu queeren Filmen für die Arbeit in den Gastländern
  • LSBTI*-inklusive Fotoausstellungen (Südafrika)

Tim Hülquist, Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) stellte die Auslandsarbeit des ifa dar. Das ifa baut Brücken, fördert Projekte und schafft Freiräume. Kultur finde im vorpolitischen Raum statt, kulturelle Identitäten sollten daher gestärkt werden. Die Arbeit, die Ausstellungen und Dialogangebote zielen auf die Bedürfnisse der Menschen. So auch die Austauschprogramme. Man hole Menschen nach Deutschland und führe Schulungen mit ihnen durch, beispielsweise zur Selbstorganisation. In Tunesien etwa seien nach dem Arabischen Frühling viele Organisationen entstanden. Das ifa betreibe auch Stipendienförderung und zivile Konfliktbearbeitung durch kulturelle Ausdrucksmöglichkeiten. Man müsse lernen, wie mit dem „shrinking space“ (meint die Einschränkung zivilgesellschaftlicher Handlungsspielräume) umgegangen werden solle. Als Beispiel nannte er Ägypten. Man dürfe Werte und Konzepte den Partner*innen nicht einfach überstülpen. Der „do no harm“-Ansatz sei zu beachten, und internationaler Druck könne auch kontraproduktiv sein. Die LSBTI*-Bewegung werde oft als westlicher Import wahrgenommen. Es müsse verdeutlich werden, dass nicht Homosexualität, sondern Homophobie ein koloniales Erbe sei.

Konkrete Maßnahmen zur Stärkung der Regenbogenkompetenz in der auswärtigen Kulturpolitik

  • Bei der Ausgestaltung von Projektanträgen müssen die Bedürfnisse der Community vor Ort berücksichtigt werden.
  • Wir müssen unsere Themen und Diskurse wieder selbst besetzen und dürfen sie nicht den Gegner*innen überlassen.
  • Kultur kann der Motor für gesellschaftliche Veränderung sein.
  • LSBTI*-inklusive Kulturförderung
  • Verbände/Vereine aus der Zivilgesellschaft müssen stärker bei Projekten eingebunden werden.
  • LSBTI*-inklusive Ausgestaltung der jeweiligen Förderkriterien (erweiterter Inklusionsbegriff)
  • Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt muss in die kulturelle Bildung aufgenommen werden.
  • Entwicklung eines Aktionsplans

Herausforderungen

  • Das Spannungsfeld Religion / Homophobie darf nicht dazu führen, dass LSBTI* sich instrumentalisieren lassen.
  • Homophobie ist kein islamisches Problem (vgl. Agitation von christlichen Kirchen in Russland/Uganda).
  • Soziale Dimension darf nicht ausgeblendet werden (Armut durch globalisierten Welthandel).
  • Wirtschaftliche Reformen und Erfolge sind dringend notwendig.
  • Mit Angriffen auf Lesben und Schwule wird häufig von wirtschaftlichen Problemen abgelenkt (vgl. Tunesien / Ägypten).
  • Um Menschen zu erreichen, müssen Milieus und Kulturen respektiert werden.

Gute Beispiele einer LSBTI*-inklusiven Kulturpolitik

  • queere Filmfestivals in der MENA-Region
  • Künstler*innenförderung
  • Community building
  • Sichtbarkeit in Zeitschriften und Literatur 

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Das LSVD-Projekt „Miteinander stärken. Rechtspopulismus entgegenwirken“ fördert die Akzeptanz von Lesben, Schwulen, bisexuellen, trans* und intergeschlechtliche Menschen (LSBTI*). Die Stärkung von LSBTI*, ihren Verbündeten und Fachkräften steht dabei ebenso im Vordergrund wie die Entwicklung nachhaltiger Strategien und der Aufbau zivilgesellschaftlicher Allianzen gegen Homosexuellen- und Trans*Feindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, sowie gegen jede weitere Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Das Regenbogenparlament in Berlin war eine Veranstaltung des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) in Kooperation mit dem Referent*innenrat der Humboldt-Universität zu Berlin. Moderiert wurde es von Dr. Julia Borggräfe. Die gesamte Dokumentation der Veranstaltung finden Sie hier.