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Die Katholische Kirche und die menschliche Sexualität

Ratzinger hat als Präfekt der Glaubenskongregation und später als Papst Benedikt XVI immer wieder Dekrete zum Thema "Homosexualität" veröffentlicht. Ziel der Schreiben war es zu verhindern, dass "homosexuelles Tun … als gut akzeptiert wird oder eine staatliche Gesetzgebung eingeführt wird, welche ein Verhalten schützt, für das niemand ein irgendwie geartetes Recht in Anspruch nehmen kann". Wenn das geschieht, "sollten weder die Kirche noch die Gesellschaft als ganze überrascht sein, wenn andere verkehrte Vorstellungen und Praktiken an Boden gewinnen sowie irrationale und gewaltsame Verhaltensweisen zunehmen“, weil „die Praxis der Homosexualität Leben und Wohlfahrt einer großen Zahl von Menschen ernsthaft bedroht“ (so das Schreiben von 1986).

Der jetzige Papst Franziskus hat zwar geäußert „Wenn jemand schwul ist und guten Glaubens den Herrn sucht - wer bin ich, über ihn zu urteilen?" Aber tatsächlich hat er die homosexuellenfeindliche Haltung seiner Kirche nicht verändert. Der einzige Unterschied ist, dass er Homosexuelle nicht mehr wie sein Vorgänger Ratzinger verurteilt, sondern sich darauf beschränkt, die bisherige Haltung der Katholischen Kirche durch Zitate früherer Verurteilungen zu bekräftigen (so in dem nachsynodalen Schreiben "Amoris Laetitia" von 2016). Er hat auch das Schreiben der "Kongregation für den Klerus" von 2016 "approbiert und seine Veröffentlichung angeordnet", in dem das von seinem Vorgänger Ratzinger formulierte Verbot, Homosexuelle zum Priester zu weihen, noch einmal bestätigt wird.

Die Kardinäle und Bischöfe der Katholischen Kirche sind durchweg von demselben Geist beseelt. Sie bekämpfen alle Bestrebungen und Versuche, Homosexualität zu legalisieren und homosexuellen Menschen dieselben Bürgerrechte wie Heterosexuellen zu gewähren. Sobald irgendwo versucht wird, die Strafvorschriften gegen Homosexualität aufzuheben oder die Lage der Homosexuellen zu verbessern, setzen die Kardinäle und Bischöfe die politischen Entscheidungsträger unter Druck. Sie versuchen, das katholische Volk gegen solche Vorhaben zu mobilisieren und behaupten, die Gleichstellung der Homosexuellen bedeute das Ende von Ehe und Familie und führe zum Untergang der bürgerlichen Ordnung. 

Die Katholische Kirche verurteilt aber nicht nur die Homosexualität, sondern alle sexuelle Handlung außerhalb der Ehe einschließlich der Masturbation. Innerhalb der Ehe ist der Sexualverkehr der Eheleute nur erlaubt, wenn bei ihm zumindest theoretisch die Möglichkeit besteht, dass der Samen des Ehemannes, falls vorhanden, in die Scheide der Ehefrau gelangen könnte. Das gilt auch für HIV-infizierte Ehegatten. Wenn die Eheleute in einem solchen Fall - vernünftiger Weise - ein Kondom benutzen, stellt ein solcher Geschlechtsverkehr eine „schwere Sünde“ dar, die von Gott trennt. 

Die katholische Sexualmoral ist eine Aktmoral. Die sittliche Bewertung von sexuellen Handlungen hängt nach katholischer Auffassung nicht allein von der guten Absicht und Bewertung der Motive ab, sondern auch von objektiven Kriterien, die sich aus dem Wesen der menschlichen Person und ihrer Akte ergeben (Persona Humana Abschnitt 5). Das wird beim Problem der Empfängnisverhütung besonders deutlich. Nach katholischer Auffassung sind für ihre moralische Bewertung letztlich nicht die Motive der Beteiligten, sondern ist die von ihnen angewandte "Methode" ausschlaggebend. Einen solchen Rigorismus vertritt die katholische Kirche sonst nur noch bei der Abtreibung. Dagegen hat sie keine Schwierigkeiten, die Tötung von Menschen moralisch zu rechtfertigen, wenn die Motive der Tötenden gut sind, weil sie etwa in Notwehr handeln oder ihre Heimat verteidigen wollen. 

Zwar hat Papst Franziskus in seinem nachsynodalen Schreiben "Amoris Laetitia diese bloße Aktmoral aufzulockern versucht und gefordert, dass neben der objektiven Abweichung von den Geboten der Kirche auch die Gewissensentscheidung der Handelnden berücksichtigt werden müsse. Aber das wird von vielen Kardinälen und katholischen Funktionsträgern als Abweichung von der katholischen Lehre heftig kritisiert. Einige Kardinäle haben das Papst Franziskus in einem offenen Brief vorgeworfen.

Viele fragen sich deshalb: „Warum ist die Sexualmoral für die Katholische Kirche so wichtig, dass sie sich dazu ständig äußert und sie immer neue verteidigt? Gibt es nicht drängendere Fragen, denen sich die Katholische Kirche zuwenden sollte?"

Für die Katholische Kirche geht es um den Fortbestand der jahrhundertelang tradierten und verteidigten katholischen Sexualmoral. Für diese Lehre ist nicht der Gegensatz zwischen homo- und heterosexuell grundlegend, sondern ob ein Sexualakt natürlich oder unnatürlich ist, das heißt im Klartext, ob ein Akt auf Zeugung gerichtet ist oder nicht. Deshalb trifft das Verdammungsurteil nicht nur die Homosexualität, sondern auch die Masturbation und die sogenannte künstliche Empfängnisverhütung. Infolgedessen würde das ganze Lehrgebäude zusammenbrechen, wenn die Katholische auch nur in einem dieser Punkte einlenken würde.

Die Päpste und die Katholische Kirche sind sich darüber im Klaren, dass es für ihre aktbezogene Sexualmoral in der Bibel keinen Beleg gibt. Sie berufen sich deshalb darauf, dass Christus seine Kirche als die Säule und das Fundament der Wahrheit gegründet hat und dass diese unter dem Beistand des Heiligen Geistes nicht nur das geoffenbarte positive Gesetz, sondern auch die Prinzipien der sittlichen Ordnung, die aus dem Wesen des Menschen bzw. "der menschlichen Natur“ selbst hervorgehen  ohne Irrtum authentisch interpretiert (Persona Humana, Abschnitt 4). Die Verbindlichkeit der katholischen Sexualmoral wird damit letztlich auf den hl. Geist zurückgeführt, der die katholische Kirche angeblich zuverlässig vor jeglichen Irrtümern bewahrt. Das macht die katholische Hierarchie gleichzeitig unfähig, die über Jahrhunderte hinweg verteidigte Sexualmoral zu korrigieren. Denn damit würde sie Zweifel an ihrer Unfehlbarkeit herausfordern.

Wenn sich die Päpste und die Katholische Kirche auf "die menschliche Natur" berufen, meinen sie damit nicht die heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Natur des Menschen, sondern die Deutung der menschlichen Sexualität durch die mittelalterlichen Scholastiker und deren Verständnis von der Natur des Menschen

Die mittelalterlichen Scholastiker haben an das Naturverständnis der antiken Philosophen angeknüpft, das auf einer - verständlicherweise - lückenhaften Naturbeobachtung beruhte. Für die Scholastiker war für die sittliche Bewertung sexueller Akte entscheidend, ob sie naturgemäß erfolgen oder nicht. Ausgehend von der Anatomie der Genitalien und ihrem bei den Tieren beobachteten "richtigen Gebrauch" vertraten sie die Auffassung, dass nur derjenige geschlechtliche Akt "in naturam", also naturgemäß, erfolge, bei dem die Zeugung nicht ausgeschlossen sei, sondern nur durch Zufall ausfalle. Strittig blieb lediglich, ob der Wille zum Kind bei jedem einzelnen Akt vorhanden sein müsse, oder ob es genüge, diese Intention für die Ehe als ganze zu verlangen. Für einige Scholastiker war deshalb die Vergewaltigung der eigenen Mutter  moralisch weniger verwerflich als die Masturbation; denn die Vergewaltigung der eigenen Mutter sei anders als die Masturbation auf Zeugung angelegt und somit "in naturam".

Wir wissen heute, dass die "Natur des Menschen" anders beschaffen ist. Sexualität ist mehr als Zeugung von Kindern. Außerdem gehören zur Natur des Menschen auch Homosexualität und Transsexualität. Aber die Katholische Kirche weigert sich, das zur Kenntnis zu nehmen. Krzysztof Charamsa, der jahrelang in der vatikanischen Glaubenskongregation tätig war, berichtet in seinem jetzt erschienen Buch1, dass die Mitarbeiter der Glaubenskongregation wissenschaftliche Untersuchungen zur Sexualität des Menschen nicht im Original, sondern nur in redigierten Zusammenfassungen lesen.

Das katholische Lehramt postuliert eine vorgegebene "natürliche" menschliche Sexualität, die es so nicht gibt. Die menschliche Sexualität ist ganz und gar kulturgeprägt. Sie ist zudem nicht auf Brunftzeiten beschränkt. Der Mensch ist von früher Jugend bis ins hohe Alter durchgängig sexuell aktiv. Innerhalb dieser lebenslangen sexuellen Aktivität können nur ganz wenige sexuelle Akte tatsächlich der Zeugung dienen. Wer gleichwohl nur die auf die Zeugung neuen Lebens angelegte Sexualität als natürlich gelten lassen will, stuft damit entweder die Menschen als weitgehend pervers ein oder muss zu solchen sophistischen Denkfiguren seine Zuflucht nehmen wie die, dass der Beischlaf zwischen älteren Ehegatten zwar weder tatsächlich noch nach der Vorstellung der Ehegaten, wohl aber seiner äußeren Form nach auf Zeugung angelegt und deshalb "naturgemäß" sei.

Manfred Bruns

E-Mail: Bruns-Karlsruhe@email.de                                                                              Stand: Mai 2017

1) Charamsa, Krzysztof: Der Erste Stein. Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche - C. Bertelsmann, München, 2017