Zum Inhalt - Zur Navigation

Inhalt

Wege ins Familienleben: Adoption und Pflegefamilien

von Elke Jansen, erschienen in "respect!", März 2006, der Zeitschrift für Lesben- und Schwulenpolitik des LSVD

   Die zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz der Vielfalt sexueller Orientierungen erleichtert schwulen Männern und lesbischen Frauen ihr Coming Out, bevor sie intime Beziehungen eingehen. Früher sah das häufig anders aus. Erst im Rahmen einer heterosexuellen Beziehung, häufig einer Ehe, wurden sich Frauen oder Männer ihrer homosexuellen Orientierung bewusst oder fanden den Mut, sie zu leben. Dieser Weg war leidvoll, doch er hatte auch etwas Gutes: Lesbische Frauen und schwule Männer wurden in diesen heterosexuellen Bezügen recht unkompliziert zu Eltern. Noch heute stammt die Mehrheit der Kinder lesbischer Mütter und schwuler Väter aus vorangegangenen heterosexuellen Beziehungen.

   Zunehmend entscheiden sich Lesben und Schwule jedoch für eigene Kinder nach ihrem Coming Out. Umfragen zufolge will heute jede zweite lesbische Frau und jeder dritte schwule Mann gerne mit Kindern zusammenleben.

   Wie realisieren lesbische Frauen und schwule Männer heute nach Ihrem Coming Out ihren Elternwunsch? Lesben oder Schwule werden derzeit im Paar oder alleine zu Eltern auf dem Wege der Insemination, Adoption und Pflegschaft.

   Ein Weg, den gerade auch schwule Paare gehen, wenn sie ihr Leben mit Kindern teilen möchten, ist die Adoption. Hier gibt es prominente Beispiele wie Patrick Lindner.

Adoption

   Lesbische oder schwule Paare können in Deutschland derzeit nicht gemeinschaftlich Kinder adoptieren. Lesben oder Schwulen ist es aber rechtlich möglich, als Einzelperson zu adoptieren. Aufgrund der hohen Nachfrage nach Adoptivkindern von (Ehe)paaren sind Inlandsadoptionen für Lesben und Schwule eher im verwandtschaftlichen Kontext bekannt (z. B. Neffen oder Nichten). In der Regel wird der Weg der Auslandsadoption gewählt.

   Der prototypische Weg einer Auslandsadoption führt von der Eignungsprüfung durch ein deutsches Jugendamt zur Adoptionserlaubnis (wenn alles läuft, wie erhofft) und über die internationale Adoptionsvermittlungsstelle zur Adoptionsfamilie.

Eignungsprüfung

   Eine Adoption ist die Konsequenz des Rechtes eines Kindes auf eine Familie, die seine Versorgung langfristig auf verschiedenen Ebenen sicherstellt, d.h. dem Kind gibt, was es für eine gute Entwicklung braucht. So sucht das Jugendamt geeignete Eltern für Kinder, nicht umgekehrt. Dementsprechend müssen sich alle Adoptionswilligen einer umfassenden Eignungsprüfung unterziehen. Passende Adoptiveltern, seien sie homo- oder heterosexuell, müssen vielfältige persönliche und familiäre Voraussetzungen erfüllen, um die Versorgung der Kinder sicherstellen und ihnen eine langfristige Perspektive bieten zu können.

   Zu diesen Voraussetzungen zählen z.B. eine gute Gesundheit, gesicherte wirtschaftliche Verhältnisse oder eine Form der Berufstätigkeit, die mit der Betreuung des Kindes in Einklang zu bringen ist, sowie ausreichender Wohnraum und eine stabile (groß-)familiäre Situation. Auch pädagogische „soft skills“ werden erwartet wie z.B. Verantwor-tungsbewusstsein, Geduld & Toleranz im Umgang mit Kindern oder die Fähigkeit zur emotionalen Zuwendung.

   Bei der Eignungsprüfung müssen die potentiellen Adoptiveltern bereit sein, sich selbst und ihre Verhältnisse vollständig transparent zu machen. Es ist gut, hier auch in der Zusammenarbeit mit den deutschen Anlauf- und Vermittlungsstellen mit der homosexuellen Orientierung vollkommen offen umzugehen.

Auslandsadoption

   Auslandsadoptionen gestalteten sich längere Zeit für Schwule und Lesben, die dort in der Regel eher als Einzelperson in Erscheinung traten, als durchaus machbar. Seit ca. 1 ½ Jahren ist es erneut sehr schwierig. Nicht, das ehemals homofreundliche Länder jetzt plötzlich feindlich gestimmt wären. Es ist eher so, dass bislang offene Länder aus der „Unschuld“ gefallen sind. Sie haben wohl begriffen, dass eine Adoption durch einen einzelnen deutschen Bürger oder eine Bürgerin eine Adoption durch eine deutsche Lesbe oder einen deutschen Schwulen bedeuten kann. Es ist zu hoffen, dass sich im „Länderkarussell“ bald eine neue Öffnung ergeben wird, denn es gibt mehr als genug Kinder, die ein gutes neues Zuhause von lesbischen Müttern, dringend benötigen. Auch wenn es derzeit Vermittlungsschwierigkeiten gibt, ist es ratsam auf international anerkannte Adoptionsvermittlungsstellen zurückzugreifen, damit im Kontext von Auslandsadoptionen der eigene Wunsch mit einem Kind zu leben, nicht den Blick verstellt für möglichen Kinderhandel. Hier ist bei allen potentiellen Adoptiveltern, ob homooder heterosexuell, große Achtsamkeit geboten.

Pflegefamilien

   Das Jugendamt stellt im Rahmen der Eignungsprüfung gerne auch die Frage, ob nicht vielleicht ein Pflegekind für das Paar in Frage käme. Pflegefamilien stellen durchaus eine weitere Möglichkeit dar, das Leben mit Kindern zu teilen. Was vor ein paar Jahrzehnten noch undenkbar gewesen wäre, gehört in Städten wie Köln, Berlin oder Aachen zunehmend zum Alltag der Jugendämter: Sie entdecken lesbische und schwule Paare als potentielle Pflegeeltern.

   Das Prozedere, das durchlaufen werden muss, um vom Pflegekinderdienst des zuständigen Jugendamtes in die Datei der Pflegeeltern aufgenommen zu werden, gleicht dem bei der Beantragung einer Adoptionsgenehmigung fast vollständig – von der Eignungsprüfung bis hin zu den bereits genannten Voraussetzungen. Unterschiede zwischen einer Pflegefamilie und einer Adoptivfamilie liegen in der rechtlichen Situation und ihrer Funktion begründet.

Zwei Familien für ein Kind

   Eltern haben in Deutschland einen Anspruch auf staatliche Unterstützung, wenn Sie ihre Kinder nicht mehr adäquat versorgen können. Diese Unterstützung kann kurzfristig oder für eine längere Dauer von Pflegeeltern geleistet werden. Diese Pflegeeltern erbringen somit eine Dienstleistung für die Herkunftsfamilie der Kinder und sind nach § 37 KJHG im Interesse des Kindes zur Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie verpflichtet. Während also ein Adoptivkind formal und gesetzlich alleiniges Kind seiner neuen Eltern wird (Adoptivmutter oder -vater ist sorgeberechtigt und unterhaltspflichtig), bleibt das Pflegekind formal und gesetzlich alleiniges Kind seiner leiblichen Eltern. Die neuen sozialen Eltern haben ein „kleines Sorgerecht“. Das Kind hat also zwei Familien, die mit unterschiedlichen Rechten ausgestattet sind.

   Ein weiterer Unterschied liegt in der Verbleibensperspektive. Eine Adoption ist immer dauerhaft angelegt, wohingegen bei Pflegekindern grundsätzlich eine Rückführung des Kindes in die Ursprungsfamilie angestrebt wird. Die Unterstützung der Ursprungsfamilie kann somit kurzfristig oder für eine längere Dauer von Pflegeeltern geleistet werden.

Förderung und (jugend)amtliche Unterstützung

   In beiden Familienkonstellationen stellen sich erhöhte pädagogische Anforderungen an die Pflege- und Adoptiveltern, da alle Pflegekinder und die meisten Adoptivkinder aufgrund einer belasteten Lebensgeschichte einen hohen Förderbedarf haben. Pflegeeltern haben hier als Vertragspartner/innen des Jugendamtes Anspruch auf fachliche Hilfe und Begleitung, z.B. in Form von Vorbereitungsseminaren, Hilfeplangesprächen und Fortbildungen. Sie erhalten ferner eine finanzielle Unterstützung für die Pflegekinder, da die Unterhaltspflicht für das Kind für die Zeit der Pflege beim Jugendamt liegt.

   Die Ausführungen geben einen Einblick in das breite Spektrum möglicher Vor- und Nachteile, die mit dem jeweiligen Weg der Familienrealisation verbunden sind. Sie reichen von finanziellen Aspekten über rechtliche Unsicherheiten bis hin zu einem Regelbedarf hinsichtlich Erziehungsvorstellungen und -beteiligungen. Es sind viele Entscheidungen zu treffen, an deren gelungenem Ende eine „Regenbogenfamilie“ steht. 

Noch etwas zum Weiterschmökern:

     

  • Burke, Phyllis (1994). Eine Familie ist eine Familie ist eine Familie. Berlin
  • Cordula de la Camp (2001). Zwei Pflegemütter für Bianca. Interviews mit lesbischen und schwulen Pflegeeltern. LIT Verlag, Reihe Sozialpädagogik Bd. 12.
  • Uli Streib-Brzic & Stephanie Gerlach (2005). Und was sagen die Kinder dazu? Gespräche mit Töchtern und Söhnen lesbischer und schwuler Eltern. Querverlag.