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Prof. Dr. Melanie Steffens

Das Forschungsthema Regenbogenfamilien ist aus einer defensiven Motivation heraus entstanden. Lesben und Schwule, die mit Kindern leben (wollen), wurden – und werden – aus uninformierten Kreisen immer wieder mit denselben kritischen Fragen konfrontiert. Die beiden Hauptfragen: Erstens, können sich denn die Kinder überhaupt normal entwickeln ohne täglichen engen Bezug zu Vater und Mutter? Zweitens, ist es den unschuldigen Kindern zuzumuten, dass sie unter Homophobie und Diskriminierung der Umwelt leiden müssen, wo sie doch gar nichts dafür können?

Traditionelle psychologische und soziologische Theorien gehen davon aus, dass eine gesunde kindliche Entwicklung durch den engen Kontakt zu zwei he-terosexuellen Erwachsenen unterschiedlichen Geschlechts ermöglicht wird. Das Kind benötigt z. B. die Mutter, um sich mit ihr zu identifizieren, und den Vater, um sich von diesem Gegenpol abzugrenzen, so dass es lernt, wie Frauen sein sollten (d.h.: anders als Männer). Zwar ist ein solcher Kontakt auch bei Alleinerziehenden nicht gewährleistet, das fällt aber nicht weiter auf, wie folgende Anekdote illustriert: Als eine allein erziehende bisexuelle Frau eine lesbische Beziehung begann, hörte sie vielfach als Reaktion der Umwelt: „Dann musst Du jetzt dafür sorgen, dass die Kinder genügend Kontakt zu Männern haben.“ Dabei hatte sich der Kontakt zu Männern ja überhaupt nicht verringert, die Kinder hatten jetzt nur engen Kontakt zu zwei Frauen statt einer. Eine allein erziehende Frau, inklusive ihrer Umwelt, erwartet jedoch, dass der nächste Mann früher oder später ohnehin in ihr Leben tritt. Das kann auch passieren. Bei gleichgeschlechtlichen Elternpaaren ist augenfällig, dass dies nicht zu erwarten ist. So erklärt sich auch ein zunächst unerwarteter Forschungsbefund: Kinder, die bei Lesben aufwuchsen, hatten mehr männliche Bezugspersonen als Kinder von heterosexuellen Alleinerziehenden. Offenbar nahmen auch die lesbischen Mütter an, eine männliche Bezugsperson sei wichtig für ihre Kinder, und sorgten aktiv dafür.

Wenn man einen Schritt zurücktritt, anstatt die Defizitperspektive einzunehmen, stellt man fest: Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern sind eine ideale Konstellation, um traditionelle sozialwissenschaftliche Theorien zu testen. Hier setzt der Beitrag von Dorett Funcke an, die dazu aus soziologischer Perspektive berichtet. Psychologische Untersuchungen haben übereinstimmend keine Ent-wicklungsdefizite bei Kindern in Regenbogenfamilien gefunden. Weder ist die Sorge – oder auch Hoffnung – begründet, dass ein überdurchschnittlich hoher Anteil an Regenbogenkindern später lesbisch oder schwul lebt, noch haben sie Probleme, eine angemessene weibliche oder männliche Geschlechtsidentität zu entwickeln. Leichte „Auffälligkeiten“ finden sich immer wieder bezüglich der Geschlechtsrollen, die bei Regenbogenkindern etwas weniger traditionell ausgeprägt sind als bei Kindern aus traditionellen Familien: Jungen sind feinfühliger als ihre Altersgenossen, Mädchen sind gerne Anführerinnen und wollen Astronautinnen werden. Geschlechtsrollentypisches Verhalten der Kinder lässt sich aber natürlich nicht direkt aus der sexuellen Orientierung der Eltern erklären. Vielmehr hängt es davon ab, welche Geschlechtsrollen die Eltern selbst vorleben (z. B. weibliche Unabhängigkeit, männliche liebevolle emotionale Versorgung) und für ihre Kinder anstreben. Ich möchte aber noch einmal benoten, dass die Zusammenhänge sehr gering sind: Auch lesbischen Müttern wird es meist nicht erspart bleiben, dass ihre Barbie-Allergie mit dem größten Wunsch ihrer Töchter kollidiert oder dass die Kleinen sich weigern, etwas anzuziehen, was nicht rosa ist („Nein, das nicht, das ist keine Mädchenfarbe!“).

Während eindeutig ist, dass der gesunden kindlichen Entwicklung in Regenbogenfamilien grundsätzlich nichts entgegensteht, ist die Frage schwieriger, wie mit der Homophobie der Gesellschaft umzugehen ist. Es gibt durchaus Belege dafür, dass in Regenbogen-Stieffamilien Schwierigkeiten mit dem anderen biologischen Elternteil auftreten können und dass Kinder Angst vor Ausgrenzung haben, weil ihre Familie nicht „Nullachtfuffzehn“ ist. Ältere Kinder von Lesben berichten von gelegentlichen Hänseleien wegen der sexuellen Orientierung der Mutter. Kinder verfügen aber auch oft über angemessene Techniken, hiermit umzugehen, sie üben zum Beispiel Verhaltenskontrolle aus („Knutscht bloß nicht hier rum, wenn der Fußballclub da ist, und ich räume die schwulen Zeitschriften so lange in Euer Arbeitszimmer!“). Und sie nutzen gerne die Kontrolle darüber, wem sie was über ihre Familie mitteilen. Die meisten haben enge Beziehungen sowohl zu Gleichaltrigen als auch zu Erwachsenen, manche Untersuchungen fanden sogar, dass die Regenbogenkinder signifikant beliebter waren als andere Gleichaltrige. Offener Umgang der Eltern wirkte sich förderlich auf den Umgang der Kinder mit ihrer besonderen Lebenssituation aus. Auch die positiven Seiten dieser indirekten Diskriminierung sollen nicht unerwähnt bleiben: So erkennen Kinder früh, dass das Problem bei der Homophobie Gesellschaft liegt, nicht bei ihrer Familie. Insgesamt also berichten internationale Studien von einem hohen Normalitätsbedürfnis der Kinder, aber auch von gelegentlichen Schwierigkeiten. Zu diesem Thema erfolgen die Ausführungen von Marina Rupp.

Zusammenfassend möchte ich festhalten: „Conscious and nurturing adults, whether they are men or women, heterosexual or homosexual, can be excellent parents.“ (Pawelski et al, 2006, Pediatrics), und zum Weiterlesen empfehlen:

Jansen, E., & Steffens, M. C. (2006). Lesbische Mütter, schwule Väter und ihre Kinder im Spiegel psychosozialer Forschung. Verhaltenstherapie und Psychosoziale Praxis (Sonderheft Psychotherapie mit Lesben, Schwulen und Bisexuellen), 38, 643-656.

Zur Autorin:

Melanie Steffens ist Professorin für Psychologie an der Universität Jena und forscht unter anderem zu Einstellungen gegenüber Lesben und Schwulen sowie generell zu Stereotypen von Minderheiten.

Kontakt:
Prof. Dr. Melanie Steffens, Institut für Psychologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena, melanie.steffens@uni-jena.de