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- Bericht aus einer laufenden Forschungsarbeit -

Dr. Dorett Funcke

„Familie – was ist das? Jeder weiß es, außer man fragt ihn.“
(Nadolny 2004: 12)

1. Familie – Ein Experimentierfeld für neue Formen des Zusammenlebens

In matrizentrischen Gesellschaften wie die der Nayar in Indien, der Ashanti im afrikanischen Ghana, der Minangkabau auf Sumatra, der Nuer im Sudan, der Lo-vedu im Transvaal oder der Trobriander auf den Trobriand-Inseln wird der ehelichen Beziehung wenig Bedeutung beigemessen, die Vaterrolle tendenziell geleugnet und der Ehemann als „Fremder“, als „angeheirateter Verwandter“ aus der Mutter-Kind-Einheit ausgeschlossen. Die sudanesischen Nuer praktizieren auch die Ehe zwischen zwei Frauen. Eine Frau kann den Eltern einer anderen Frau einen Brautpreis zahlen und sie heiraten: Sie hat dann ein uneingeschränktes Bestim-mungsrecht über diese Frau und deren Kinder und kann die Zeugungspflichten an einen Mann abtreten. Soweit kommt es bei den Nuer aber nur, wenn die Frau unfruchtbar ist. Diese „Mann-Frau“ herrscht in ihrem eigenen Haus, in dem ihre Gattinnen leben, die nachts von ihrem Liebhaber besucht werden; sie besitzt eine eigene Herde, wird von ihren Ehefrauen als Mann behandelt und von den Kindern, denen gegenüber sie sich wie ein männlicher Vater verhält, mit „Vater“ angespro-chen. Die afrikanischen Kikuyu treiben das Spiel mit der Ehe noch ein Stück weiter: Eine Witwe, die zu alt ist, um mit einem Liebhaber ein Kind zu haben, das ihren verstorbenen Mann beerben könnte, kann mit dem Geld des Verstorbenen eine Frau kaufen und von ihr das Gebären von Nachwuchs verlangen. Die Frau wird dann als Gattin des Toten betrachtet, und die Kinder sind erstrangige Erben, weil ihre Mutter mit dem Geld des Toten gekauft worden ist (vgl. Zonabend 1986/1994: 78f.).

Diese kulturspezifischen Erscheinungsformen, in denen der Vater eine blasse, randseitige Figur darstellt, legen nicht gerade ein Zeugnis von der evolutionären Errungenschaft der Kernfamilie ab, so wie sie sich menschheitsgeschichtlich betrachtet im Zuge des Zivilisationsprozesses herausgebildet hat1). Sie provozieren geradezu, Zweifel an der theoretischen Annahme anzumelden, so wie sie in der Sozialisationstheorie (vgl. Oevermann 2001, Hildenbrand 2003), der Entwicklungspsychologie (Fthenakis et al. 1988, Butollo 1993) und der psychoanalytischen Theorie (Dolto 1973, Buchholz 1993) vertreten wird, dass es sich bei der Kernfamilie um eine universelle Konstante, um ein Basismodell handelt, das „rund um den Globus“ Geltung hat. Wenden wir jetzt nach dem flüchtigen Blick auf familiale Lebensformen in anderen Kulturen uns der gegenwärtigen Familienlandschaft der Bundesrepublik zu, so sehen wir auch da Varianten des familialen Zusammenlebens, die mit der klassischen Kernfamilie wenig gemein haben. In der Stiefelternfamilie, der Adoptionsfamilie, der Pflegefamilie, in der alternativen Wohngemeinschaft, in der unehelichen Paar-familie, in der reproduktionstechnisch artifiziellen Familie2) und in der gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft mit Kindern wird Familie in einem Rahmen gelebt, der vom Normalmodell der bürgerlichen Kleinfamilie abweicht. Wir haben es hier mit Neuarrangements des familialen Zusammenlebens zu tun, in denen die Ehe nicht mehr die privilegierte Sexualbeziehung für die physische Fundierung sozialer Elternschaft bildet. Biologische und soziale Elternschaft, Reproduktionstriade und erziehende Familie fallen auseinander. Innerhalb dieses Spektrums von „Sonderformen des Familialen“ (Lipp 2003) unterscheidet sich die weiblich gleichgeschlechtliche Paarfamilie3), in der sich ein Frauenpaar, um Eltern zu werden, für die Praxisform der heterologen Insemination entschieden hat – und die im Zentrum meines Forschungsprojektes steht – dadurch, dass

     

  • Sexualität und Fortpflanzung voneinander entkoppelt sind (keine natürliche Zeugung),
  • Elternschaft von Personen des gleichen Geschlechts übernommen wird und
  • die soziale Institution der Vaterschaft nicht ausgefüllt ist4).

Dieser radikale Wandel der Organisationsform des privaten Lebens, wie er sich in diesem neuen Familienmodell zeigt, in dem die Frauen vor der Herausforderung stehen, ohne über allgemein gültige und gesellschaftlich anerkannte Muster zu verfügen, ein Konzept von Elternschaft zu (er)finden und Beziehungsstrukturen zu gestalten, gibt Anlass, die Inseminationsfamilie (vor dem Hintergrund eines spezifischen Forschungsinteresses wie ich gleich zeigen werde) zum Untersuchungsgegenstand zu machen.

2. Ziele des Forschungsprojektes

Zwei Ziele verfolge ich mit meinem Forschungsprojekt, an dem sich neun Frauenpaare mit Kindern beteiligt haben, und mir Gelegenheit gaben zu verstehen, was – um das Motto des Seminars aufzugreifen – so „alltäglich und doch anders“ an ihrer Art des familialen Zusammenseins ist. Im Kern des Projektes geht es um Theoriearbeit. Nicht im Forschungsfokus stehen Fragen wie, welche Auswirkungen hat das Aufwachsen in einer gleichgeschlechtlichen Eltern-Familie auf die psychische und gesundheitliche Entwicklung der Kinder oder worin unterscheiden sich gleichgeschlechtliche von verschiedengeschlechtlichen Eltern-Familien. Diese Art Fragen sind von der anglo-amerikanischen Forschung – wie Melanie Steffens in ihrem Vortrag gezeigt hat – weitgehend beantwortet und führen – lassen Sie mich einmal optimistisch in die Zukunft blicken – vielleicht auch bald in der Bundesrepublik zu dem gesellschaftlichen Wissen, dass ein Großwerden in einer gleichgeschlechtlichen Paarfamilie ohne negative Folgewirkungen ist. Mein Forschungsinteresse zielt auf etwas anderes. Ich möchte prüfen, ob die Inseminationsfamilie als neue familiale Lebenswirklichkeit nicht einen Beleg dafür liefert, uns von so alten Theoriebausteinen zu verabschieden, dass kernfamiliale Strukturen (zwei Eltern verschiedenen Geschlechts leben gemeinsam mit ihren leiblichen, noch unmündigen Kindern zusammen) universelle, allgemeingültige Konstanten sind. Kann mit diesem Familienmodell, in dem auf so ganz unkon-ventionelle Art Familie gelebt wird, nicht der Nachweis erbracht werden, dass es an der Zeit ist, Theorien, die im Kern immer noch an kernfamilialen Strukturen festhal-ten, umzuschreiben? Ich werde an einem Beispiel aus einem Familiengespräch zeigen, in welche Richtung sich die Theorieentwicklung vermutlich bewegen wird.

Des Weiteren möchte ich mit meinem Forschungsprojekt einen Beitrag zur Er-klärung des sozialen Wandels der Familie leisten. Mein Ansatz besteht darin, sowohl gegebene Rahmenbedingungen als auch den einzelnen Akteur, in diesem Forschungszusammenhang die Frauen, die als Träger einer neuen Familienform den sozialen Wandel im Bereich der Familie weiter getragen haben, zu berücksichtigen. Im Rahmen dieses Beitrages werde ich über eine Skizze dieses Forschungsteils nicht hinauskommen, auch wenn meine Arbeit schon wesentlich weiter fortgeschritten ist.

3. Das Zusammenspiel von objektiven Bedingungen und lebensgeschichtlicher Wirklichkeit

Um den sozialen Wandel im Bereich der Familie verstehen zu können, knüpfe ich an ein Konzept eines amerikanischen Soziologen an, das der Forscherin bzw. dem Forscher hilft, die umfassenden sozialen Bedingungen zu bedenken, die Bewegung in die Dinge brachte – auf mein Forschungsfeld bezogen –, den Prozess der Umstrukturierung partnerschaftlicher und familialer Lebensformen, wie er seit den 70er Jahren in Gang ist, weiter vorantrieb5). Da mein Forschungsthema sich auf die Inseminationsfamilie bezieht, werden verschiedene Ebenen (international, national, regional, Familie, Biographie) für meine Unter-suchungszwecke relevant werden. Ich kann die Ereignisse, die mit dazu beiget-ragen haben, dass aus der Inseminationsfamilie eine soziale Realität werden konnte, nur andeuten. In der weiteren Forschungsarbeit muss ein angemessenes Konzept dafür entwickelt werden, wie diese Ebenen miteinander verknüpft werden können.

In diesen Erklärungszusammenhang gehören z. B. die reproduktionstechnischen Innovationen im Bereich der Medizintechnik ebenso wie die von den skandinavischen Ländern (Dänemark 1989, Norwegen 1993, Schweden 1995) angestoßene Einführung der registrierten Partnerschaft, die dank der Politik der großen Koalition aus SPD und Bündnis 90/Grünen im Jahr 2001 auch in Deutschland ein eigenständiges Rechtsinstitut bilden konnte. Des Weiteren muss in diesem Kontext die Entschließung des Europäischen Parlamentes 1994 erwähnt werden, nach der die einzelnen Nationalstaaten den gleichgeschlechtlichen Paaren das Recht auf Elternschaft oder Adoption von Kindern ermöglichen sollten6). Daraufhin haben Dänemark 1999, die Niederlande 2000, Island, Schweden 2002 und schließlich Deutschland 2004 ihr Lebenspartnerschaftsgesetz reformiert, um auch gleichgeschlechtlichen Paaren die Stiefkindadoption zu ermöglichen. Platz muss in diesem Zusammenhang auch Ereignissen eingeräumt werden wie dem, dass ein Amtsgericht 1984 zu dem richtungsweisenden Urteil kam, das Sorgerecht für ein Kind einer Frau zuzusprechen, die nach der Trennung von ihrem Ehemann mit einer anderen Frau zusammenlebte7). Hierher gehört auch die Geschichte des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschlands (LSVD) und der Initiative lesbischer und schwuler Eltern (ILSE) und die Gründung des Arbeitskreises für „donogene Insemination“ 1995. Diese Reihe der objektiven Rahmenbedingungen ließe sich noch fortsetzen – doch das wird an anderer Stelle weiter ausgebaut werden.

Damit an solche günstigen Rahmenbedingungen, wie z. B. die durch den medizinischen Fortschritt gegebene Möglichkeit, über heterologe Insemination eine gleichgeschlechtliche Paarfamilie zu gründen, auch angeknüpft werden kann, bedarf es Akteure, die bereit sind, gegebene Chancen zu nutzen und auch Widerstände zu überwinden8). Was mich interessiert ist, auf der Grundlage welches biographischen Gewordenseins die Frauen die Herausforderungen annehmen können, den sozialen Wandel der Familie durch die Erzeugung eines neuen Familienmodells voranzutreiben. Das Anfertigen eines Genogramms (vgl. Hildenbrand 2005) während eines familiengeschichtlichen Gesprächs, zu dem sich alle Frauenpaare bereit erklärt haben, hat sich dabei als ein geeignetes Hilfsmittel erwiesen. Gemeinsam habe ich mit den Frauen Schritt um Schritt lebens- und familiengeschichtliche Daten ihrer Familie zusammengetragen und übersichtlich zusammengestellt. Dieses Schema macht es in einem weiteren Arbeitsschritt dann möglich, unter Anwendung eines analytischen Verfahrens (vgl. Oevermann 1991, Hildenbrand 2005) beim Durchgang durch das Generationsgefüge des Familienaufbaus, zentrale Handlungs- und Orientierungsmuster zu bestimmen, die es den Frauen ermöglichen, an objektiv gegebene Möglichkeiten für die Gestaltung eines neuen Familienmodells anzuknüpfen.

In einer Theorie, die versucht, den sozialen Wandel am Beispiel der Inseminations-familie zu erklären, müssen sowohl die Elemente enthalten sein, die auf die objektiv gegebenen Ermöglichungsbedingungen für die Entstehung eine neuen Familienmodells verweisen, als auch die, die das einzelne Individuum mit seiner spezifischen Lebensgeschichte erfassen.

4. Abschied von alten Theoriebausteinen?

Gibt das neue familiale Phänomen nun Anlass, den alten Theoriebestand, dass es sich bei kernfamilialen Strukturen um nicht hintergehbare, elementare, universale Strukturen handelt, über Bord gehen zu lassen? Meine bisherige Arbeit mit den Ge-sprächstexten – Protokolle, die ich nach dem familiengeschichtlichen Gespräch mit den Familien Satz für Satz transkribiert habe – lässt nicht den Schluss zu, dass die Orientierungsbestände der klassischen Kernfamilie nicht mehr am Wirken sind. Auch die neue kulturspezifische Erscheinungsform der Inseminationsfamilie bringt die menschheitsgeschichtlich gewachsenen kernfamilialen Strukturen nicht zum Verschwinden. Ich möchte an einem Textausschnitt demonstrieren, dass trotz so radikaler moderner Umgestaltungsprozesse im Bereich des familialen Zusammenlebens, wie sie sich in der Inseminationsfamilie zeigen, die einmal vor Jahrtausenden im Zuge des Übergangs von Natur zu Kultur entstandene Struktur von Familie erhalten bleibt. Einen ähnlichen Befund habe ich zusammen mit meinen Kollegen an der Universität Jena im Rahmen eines ganz anderen Untersuchungsfeldes machen können. Ich kann an dieser Stelle nur kurz darauf verweisen: Wir haben am Beispiel der Kinder- und Jugendhilfe untersucht, wie die Einführung eines neuen Gesetzes (Kinder- und Jugendhilfegesetz 1990/1991) im Zuge des Institutionentransfers nach der Wende in der Arbeitswelt der Sozialarbeiter Fuss fassen konnte. Wir haben herausgefunden, dass es auch da – ähnlich wie im Bereich des familialen Wandels – von anderen Generationen geschaffene Ordnungsstrukturen gibt, die in der Gegenwart auch dann noch das Handeln der Akteure rahmen, wenn es die Erzeuger dieser Rahmen längst nicht mehr gibt9).

Doch jetzt zum Beispiel. Es handelt sich um einen Ausschnitt aus einem Gespräch mit einem Paar, das sich den biologischen Kinderwunsch durch die Wahl der anonymen Samenspende erfüllt hat. Das Paar hat drei Kinder, die durch den Samen verschiedener Männer gezeugt worden sind.

A:  Was werden Sie den Kindern erzählen?

B: Die Wahrheit. Wir sagen wir wollten Kinder kriegen. Wir haben Männer ge-funden die uns geholfen haben, wir wissen aber nicht wer sie sind.

A:  Ja

B:  Und je nachdem wie (1s) wie alt sie sind,  kann man ihnen dann auch das mal ein bisschen technischer erklären.

A:  Ja, hm

B:  Dass wir ihnen auch nicht sagen können wer die Väter sind.

A:  Ja, ja, hm (1s), hm

B:  (Bloß in eigentlicher Weise?) ist es halt für jedes Kind 'n anderer Vater, obwohl es immer die gleiche Samenbank war, aber es hat nie geklappt, dass dass wir schwanger geworden sind immer mit den gleichen Männern. Das hätte sie enger zusammengebracht.

An dieser Äußerungseinheit können wir Folgendes erkennen: Die funktionale Angelegenheit der Samenspende bleibt nicht reduziert auf den technisch-instrumentellen Reproduktionsvorgang. Aus dem Spender, also dem Helfer in der Not, der ähnlich wie bei einer Blut- oder Museumsspende eine Gabe unter der Bedingung knapper Ressourcen spendet, wird der biologische Vater. Es erfolgt eine Vernatürlichung bzw. Einkleidung ins lebenspraktisch Übliche, die deutlich wird am Redezug: „Dass wir ihnen nicht sagen können, wer die Väter sind“. Wenn aber der Samenspender sogleich der biologische Vater ist, dann ist er auch der Partner der Mutter mit dem die sexuelle Reproduktion stattgefunden hat. Der Ort aber, wo der Partner der Mutter als Gatte zum Vater gemacht wird und Gatte-Sein und Vater-Sein zusammenschmelzen, ist die biologische Reproduktionstriade.

Interpretieren wir noch eine Gesprächseinheit: „Das hätte sie enger zusammengeb-racht“. Gewünscht ist von den Frauen eine genetische Ähnlichkeit ihrer Kinder. Sie wollen eine Einheit auf der Kindebene. Was wird hier präsupponiert? Es wird hier „phantasiert“, was ihre soziale Realität von vornherein überwunden hat. Nach der Logik der Blutsverwandtschaft wird eine blutsverwandtschaftliche Geschwisterbeziehung zwischen den Kindern konstruiert. Die Illusion ist, dass durch den gleichen Samenspender der Vater, den es in dieser gleichgeschlechtlichen weiblichen Paarfamilie nicht gibt, trotzdem erzeugt wird als ein gemeinsamer biologischer Vater der Kinder.

Halten wir fest: Was wir an diesem Ausschnitt erkennen können, ist, dass die kern-familiale Struktur trotz eines Wandels der Familienform, trotz der von den Frauen in einem innovativen Akt gezeugten neuen Form des familialen Zusammenseins, in ihrer Orientierungsverbindlichkeit erhalten bleibt. Kommen wir an dieser Stelle noch einmal zurück zu den am Anfang skizzierten familialen Beziehungen in den matrili-near organisierten Gesellschaften. Obwohl hier die Väter nur eine marginale Figur darstellen – bei den sudanesischen Nuer eine Art beiläufige, meist in materieller Zuwendung liegende „profane Vaterschaft“ ausüben – markieren sie gleichwohl die Positionen, die in kernfamilialen Systemen mit Vätern besetzt sind. Sowie die vom Samenspender hinterlassene Leerstelle auf die in anderen familialen Zusammenhängen ausgefüllte soziale Vaterschaft verweist, so kommt auch in den sozialen Konstruktionen von Familie der matrizentrischen Gesellschaften die kernfamiliale Struktur nicht zum Verschwinden.

Zur Autorin:

Dorett Funcke, Studium der Soziologie und Germanistischen Literaturwissenschaft in Jena, Dr. phil., Dissertation über Thomas Bernhard ("Der abwesende Vater – Wege aus der Vaterlosigkeit. Der Fall Thomas Bernhard", LIT-Verlag 2007), seit 2002 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie in Jena (Arbeitsbereich: Sozialisationstheorie und Mikrosoziologie), seit 2002 wis-senschaftliche Mitarbeiterin im SFB 580 "Gesellschaftliche Entwicklung nach dem Systemumbruch. Diskontinuität. Tradition. Strukturbildung".

Kontakt:
D.Funcke@uni-jena.de

Literatur

     

  • Buchholz, M. B. (1993): Dreiecksgeschichten. Eine klinische Theorie psychoanalyti-scher Familientherapie, Göttingen.
  • Butollo, W. (1993): Die Suche nach dem verlorenen Sohn. Von der Lebendigkeit des Totgeschwiegenen, München.
  • Dolto, F. (1973): Der Fall Dominique, Frankfurt/M.
  • Fthenakis, W. E. et al. (1988): Die Bedeutung des Vaters in geschiedenen und wie-derverheirateten Familien. Heilpädagogische Forschung 14 (3), 180-189.
  • Funcke, D. (2007a): Der abwesende Vater – Wege aus der Vaterlosigkeit. Der Fall Thomas Bernhard. München.
  • Funcke, Dorett (2007b): Akteure der Transformation in: Bohler, K. F., Funcke, D., Hildenbrand B.  (Hg.): Regionen, Akteure, Ereignisse. Die Entwicklung der Erzie-hungshilfen nach der Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes 1990/91, SFB-580-Mitteilungen, Heft 23, Jena/Halle 2007 (im Druck).
  • Hildenbrand, B. (2003): Familie als Ort sozialisatorischer Interaktion – Ein Plädoyer für einen offenen Familienbegriff, in: Erwägen, Wissen, Ethik, Jg. 14, Heft 3, 519-521.
  • Hildenbrand, B. (2005): Einführung in die Genogrammarbeit, Heidelberg.
  • Lähnemann, L. (1991): Dokumente lesbisch-schwuler Emanzipation 16, Berlin.
  • Lipp, Wolfgang (2000): Die Familie: Biologische Grundlagen, frühe kulturelle Entwicklungen, in:  Zeitschrift für Familienforschung, 12. Jg., H. 3: 61-87.
  • Lipp, Wolfgang (2003): „’Zurück zu den Müttern’ oder: Familie im Ursprung ist Väter-sache. Notizen zu  einem substantiellen Familienbegriff“, in: Erwägen, Wissen, Ethik, Jg. 14, H. 3: 531-534.
  • Nadolny, Sten (2004): Ullsteinroman. Berlin.
  • (Muster-)Richtlinie zur Durchführung der assistierten Reproduktion, Novelle 2006  <http://aerzteblatt.Insdata.de/pdf/103/20/a1392.pdf>
  • Oevermann, U. (1991): „Genetischer Strukturalismus und das sozialwissenschaftli-che Problem der Erklärung der Entstehung des Neuen“, in: Müller-Doohm, S. (Hrsg.): Jenseits der Utopie. Theoriekritik der Gegenwart, Frankfurt/M.: 267-336.
  • Oevermann, U. (2001): „Die Soziologie der Generationen¬beziehungen und der historischen Generationen aus strukturalistischer Sicht und ihre Bedeutung für die Schulpädagogik“, in: Kramer, T. S., Helsper, W.,  Busse, S. (Hrsg.): Pädagogische Generationenbeziehungen, Opladen: 78-126.
  • Strauss, A. L., Corbin, J. (1990): Basics of Qualitative Research. Grounded Theory Procedures and Techniques. Newbury Park, London, New Dehli.
  • Strauss, A. L. (1993): Continual Permutations of Action, New York.
  • Zonabend, Françoise (1986/1994): Über die Familie. Verwandtschaft und Familie aus anthropologischer Sicht, in: Burguière, André (Hrsg.) (et al.): Die Geschichte der Fa-milie, Frankfurt/M., New York: 17-90. 

Endnoten

     

  1. Vgl. dazu auch Wolfgang Lipp (2000: 65f.): „Die Familie stellt für die Um-wandlung naturaler in kulturale Abläufe (...) die entscheidende systemische „Schaltstelle“ dar; sie stieg auf zum Initialzünder, wenn nicht Garanten, von Kulturentwicklung überhaupt; zwischen Natur und Kultur – Natur, die der Mensch durchlief, und Kultur, die er schuf – ist sie das „missing link“, das Drehmoment der Evolution, das evolutionäre Höherstufung erst möglich machte.“
  2. Hier sind Paare gemeint, die zur Behebung der unfreiwilligen Kin-derlosigkeit an Möglichkeiten des medizinischen Fortschritts anknüpfen und sich für eine reproduktionsmedizinische Behandlung entscheiden (z. B. donogene Insemination – DI, In-vitro-Fertilisation – IVF, intrazytoplasmatische Spermieninjektion – ICSI, testikuläre Spermienextraktion – TESE).
  3. Es scheint zur Versachlichung der Diskussion ratsam, statt des historisch belasteten und auch in der aktuellen Auseinandersetzung nicht immer diskriminierungsfrei gebrauchten Begriffs der Homosexualität den Begriff der Gleichgeschlechtlichkeit zu verwenden. Denn im Unterschied zum Begriff der Sexualität, der in Zusammensetzungen von Homo- und Heterosexualität immer und gerade auch die sexuelle Orientierung meint, ist der auch in der Verfassung gebräuchliche Begriff des „Geschlechts“ ausschließlich auf die biologische Differenzierung zwischen Männern und Frauen bezogen. Wie von einer „verschiedengeschlechtlichen“ Beziehung auch dann gesprochen werden kann, wenn die sexuelle Orientierung der Partner unthematisch bleibt, ist auch einer „gleichgeschlechtlichen“ Beziehung die Möglichkeit einzuräumen, die Bedeutung der Sexualität für die konkrete Beziehung so geheim zu halten, wie dies in der „normalen“ Ehe der Fall ist.
  4. Selbst bei den Inseminationskonstellationen, in denen der Samenspender als sozialer Vater in die Zwei-Kern Frauenfamilie integriert ist, fehlt – im Ver-gleich zur klassischen Kernfamilie – aus der Perspektive des Kindes der Vater, der zusammen mit der Mutter in einer ehelichen bzw. eheähnlichen Beziehung lebt. Denn der Platz an der Seite der (biologischen) Mutter ist be-setzt durch eine andere Frau, mit der die Mutter (orientiert am ehelichen Normalmodell) in einer individuierten Beziehung auf Lebenszeit (bis das der Tod euch scheidet) lebt.
  5. Das von Anselm Strauss entwickelte Konzept der conditional matrix (Bedin-gungsrahmen) stellt einen angemessenen methodologischen Rahmen für die Analyse von Prozessen sozialen Wandels dar (vgl. ausführlicher in: Strauss 1990, 1993).
  6. Vgl. in: Lähnemann (1997, Fn. 75, 105).
  7. a.a.O.: Fn. 78.
  8. Nach den Standesrichtlinien der Bundesärztekammer kann die heterologe Insemination nur bei Frauen durchgeführt werden, die in einer ehelichen Lebensgemeinschaft leben. Die Methoden der sogenannten „assistierten Reproduktion“ können aber auch bei einer nicht verheirateten Frau angewendet werden. Dies gilt aber nur, wenn die behandelnde Ärztin/der behandelnde Arzt zu der Einschätzung gelangt ist, dass die Frau mit einem nicht verheirateten Mann in einer festen Partnerschaft zusammenlebt und dieser Mann die Vaterschaft von dem so gezeugten Kind annehmen kann (vgl. (Muster)Richtlinie zur Durchführung der assistierten Reproduktion (Novelle) von 2006, Punkt 3.1.1).
  9. Wir haben herausgefunden, dass sozialgeographische und demographische Spezifika (agrarsoziale Faktoren), die zwar in der Vergangenheit liegen, längstens nach dem Zweiten Weltkrieg verschwunden sind, immer noch einen beachtlichen Einfluss auf die lokalen Mentalitäten und lokalen Praktiken ausüben. So werden z. B. vom Jugendamt auf Rügen, einem Gebiet mit gutswirtschaftlichen Strukturen, die die Entwicklung von heteronomen Handlungs- und Mentalitätsmustern prägen, mehr Fälle vom Jugendamt betreut als z. B. im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt in Thüringen. Diese Gegend mit kleiner Landwirtschaft führt zur Herausbildung von Handlungsmustern mit einem weit aus höherem Grad an Autonomie, was zur Folge hat, dass aufkommende Probleme so lange wie möglich nach außen verschwiegen werden und versucht wird, diese nach innen zu lösen. Entsprechend kommt soziale Hilfe dann oft zu spät, und die ergriffenen Maßnahmen sind massiv (z. B. Vorrang auf stationäre Hilfen – Heim, Pflegefamilie) (dazu ausführlicher in: Funcke 2007).