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- Systemdynamik, Krisen und Lösungen -
Peter Ebel

Zu diesem Thema war ich gebeten worden, jeweils am Vor- und Nachmittag einen Workshop am ersten Tag des Familienseminars anzubieten. Die Inhalte waren fast gleich, das Engagement der Teilnehmenden und mein eigenes sehr unterschiedlich, in beiden Gruppen gab es eine ganz eigene Atmosphäre. War sie aus meiner Sicht in der einen Gruppe tendenziell eher getragen von Aufmerksamkeit und Spannung, war in der anderen Gruppe eher eine gewisse Lässigkeit spürbar. Für mich hat es einen interessanten Unterschied gemacht. Was genau diesen ausgemacht hat – bleibt offen! In der gebotenen Seminarzeit und dem hier zu begrenzenden Text habe ich aus der Komplexität des Themas nur einige wenige, mir besonders bedeutsame Aspekte ausgewählt.

„Love makes the family“. Mit diesem Motto fokussiert die Internationale Koalition schwuler und lesbischer Eltern das Phänomen der Liebe als beziehungsbewirkenden und familienbegründenden Aspekt. Eigentlich nichts Neues – und doch! Zunehmend werden lesbische und schwule Paare in Deutschland und anderen Ländern als Eltern sichtbar, haben als Regenbogenfamilie ihr coming out oder formulieren als Paar öffentlich ihren Kinderwunsch und ihre Familienplanung. Sie stellen Avantgarde dar, eine soziale Bewegung vielfältiger Lebensweisen.

Liebe kann nicht bewiesen werden! Weder von homosexuellen noch von heterosexuellen Paaren. Liebe wird offenbar gefühlt, sie fällt jemandem zu, sie wird geschenkt, ihm und ihr wird geglaubt, manchmal wird sie vermutet, dann wieder von ihr erzählt und über sie gesprochen und. Für manche Männer und Frauen bedeutet sie Schicksal. Liebe ist Kommunikation und wird vielfältig zum Ausdruck gebracht. Naturwissenschaftliche Parameter für den Nachweis und den Beweis von Liebe gibt es hingegen nicht! Der Gegenstand der Liebe sind Geschichten, Liebesgeschichten und/oder Mythen. Sie sind aktuell, traditionell und scheinbar konstant. Liebe hat eine Tradition in der Menschheitsgeschichte. Die „love-story“, die Geschichte des sich Verliebens, der Verliebtheit, die quasi einem halluzinatorischen Zustand ähnelt ist eine Ressource für das Paar. Offen bleibt, was genau das Geheimnis der Liebe ist:

„Nur mal angenommen du wüsstest es: Was schätzt du, was könnte es am ehesten sein?“

Eventuell wird keine zufrieden stellende Antwort entwickelt, der mögliche Zau-ber der Frage könnte erhalten bleiben. Das Geheimnis geht nur das Paar etwas an! Mit dieser Haltung wird eine Grenze zwischen dem Paar, das Eltern ist, und seinem Kind/seinen Kindern und anderen bewirkt. Schwule und lesbische Partnerschaften sind analog traditionellen heterosexuellen Partnerschaften auf die Lebenszeit visioniert – ob`s klappt bleibt in jedem System offen. Sie sind durch ihre Unterscheidung von traditionellen Familien offenbar häufiger aufgefordert ihre Systemdynamik zu reflektieren, was durchaus die Zufriedenheit im Zusammenleben erhöhen kann. Ihre Positionen als Außenstehende innerhalb einer heteronormativen Dominanzgesellschaft bewirken mitunter auch den Effekt von Vorzeigepaaren, die den Umstand abwesender Modelle für ihre Lebensweise als Freiraum für die Entwicklung kreativer Lösungen nutzen können. Eine besondere psychische Anforderung stellen nach wie vor gesellschaftliche Entwertungen dar. Indem Lesben und Schwule andere und neue Formen des Zusammenlebens erproben und realisieren, zeigen sie einerseits sich selbst und ihren Partnerinnen und Partnern gegenüber Respekt, Wertschätzung, Loyalität und Mut, Möglichkeiten vielfältiger Lebensweisen zu leben. Andererseits irritieren sie innerhalb einer heteronormativen Gesellschaft, tangieren psychische Grenzen. Die Reaktionen sind mitunter Neid, Aggression, Ablehnung und auch heute noch verbale und körperliche Gewalt. Die Effekte, die mitunter Einzug in das Selbstbild von Lesben und Schwulen finden, reduzierend auf das Selbstwertgefühl und dekonstruktiv auf der Paarebene wirken können, gilt es wahrzunehmen. Achtsam zu sein im Umgang mit der „heterosexuellen Folie“, die eigenen Werte wahrzunehmen und zu schätzen. Entwertungen als Informationen über diejenigen anzuerkennen, die in dieser Weise kommunizieren, und umzudeuten in eigene Kompetenzen und Qualitäten. Die oft als bewertend wirkende und von den Empfängerinnen so erlebte Zuschreibung wie „lesbische Paare leben symbiotisch“ hat in ihrer möglichen Umdeutung zu „lesbische Paare haben die Fähigkeit ein hohes Maß an Harmonie zu leben“ sehr wahrscheinlich den Effekt eines selbstbewussten und stärkeren Blicks auf sich selbst. Ebenso die Fähigkeit, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse bspw. nach sexuellen Außenkontakten dem Partner mitzuteilen, achtet ihn, sorgt für Respekt und Transparenz anstatt sie zu verheimlichen und im Verborgenen zu agieren.

Eventuell wird keine zufrieden stellende Antwort entwickelt, der mögliche Zau-ber der Frage könnte erhalten bleiben. Das Geheimnis geht nur das Paar etwas an! Mit dieser Haltung wird eine Grenze zwischen dem Paar, das Eltern ist, und seinem Kind/seinen Kindern und anderen bewirkt. Schwule und lesbische Partnerschaften sind analog traditionellen heterosexuellen Partnerschaften auf die Lebenszeit visioniert – ob`s klappt bleibt in jedem System offen. Sie sind durch ihre Unterscheidung von traditionellen Familien offenbar häufiger aufgefordert ihre Systemdynamik zu reflektieren, was durchaus die Zufriedenheit im Zusammenleben erhöhen kann. Ihre Positionen als Außenstehende innerhalb einer heteronormativen Dominanzgesellschaft bewirken mitunter auch den Effekt von Vorzeigepaaren, die den Umstand abwesender Modelle für ihre Lebensweise als Freiraum für die Entwicklung kreativer Lösungen nutzen können. Eine besondere psychische Anforderung stellen nach wie vor gesellschaftliche Entwertungen dar. Indem Lesben und Schwule andere und neue Formen des Zusammenlebens erproben und realisieren, zeigen sie einerseits sich selbst und ihren Partnerinnen und Partnern gegenüber Respekt, Wertschätzung, Loyalität und Mut, Möglichkeiten vielfältiger Lebensweisen zu leben. Andererseits irritieren sie innerhalb einer heteronormativen Gesellschaft, tangieren psychische Grenzen. Die Reaktionen sind mitunter Neid, Aggression, Ablehnung und auch heute noch verbale und körperliche Gewalt. Die Effekte, die mitunter Einzug in das Selbstbild von Lesben und Schwulen finden, reduzierend auf das Selbstwertgefühl und dekonstruktiv auf der Paarebene wirken können, gilt es wahrzunehmen. Achtsam zu sein im Umgang mit der „heterosexuellen Folie“, die eigenen Werte wahrzunehmen und zu schätzen. Entwertungen als Informationen über diejenigen anzuerkennen, die in dieser Weise kommunizieren, und umzudeuten in eigene Kompetenzen und Qualitäten. Die oft als bewertend wirkende und von den Empfängerinnen so erlebte Zuschreibung wie „lesbische Paare leben symbiotisch“ hat in ihrer möglichen Umdeutung zu „lesbische Paare haben die Fähigkeit ein hohes Maß an Harmonie zu leben“ sehr wahrscheinlich den Effekt eines selbstbewussten und stärkeren Blicks auf sich selbst. Ebenso die Fähigkeit, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse bspw. nach sexuellen Außenkontakten dem Partner mitzuteilen, achtet ihn, sorgt für Respekt und Transparenz anstatt sie zu verheimlichen und im Verborgenen zu agieren.

Eine weitere Anforderung ist aus meiner Sicht sich, als Paar von Vorfahren und Nachfahren abzugrenzen und gleichsam mit Blick auf drei Generationen der jeweiligen Herkunftsfamilien nach Spuren von Ressourcen für vielfältige Lebensweisen zu suchen. Welche Geschichten, die in der Herkunftsfamilie über Mitglieder erzählt werden, weisen Auslassungen auf? Wie könnte die eine oder andere Geschichte auch anders erzählt und welche verdeckten Ressourcen gefunden werden? Wie wurde über Männer gesprochen, die zu Hause blieben, deren Ehefrauen berufstätig waren und das alleinige Einkommen erwirtschafteten? Wie wurde über Frauen gesprochen, die körperlich größer waren als ihre Ehemänner und beim Paartanz geführt haben? Welche Sprache wurde für Erzählungen über Männer und Frauen gewählt? Welche individuelle Bewegungsfreiheit, wie viel Autonomie hatte wer? In alle Paarbeziehungen wirken Beziehungserfahrungen aus den Herkunftsfamilien, aus früheren Paarbeziehungen und aus der aktuellen Paarbeziehung hinein und stellen den Vergangenheitskontext dar. Diese Zusammenhänge führen zu einem Zusammenspiel in der Gegenwart und können Hinweise auf Tendenzen in der Zukunft geben. Zu diesem Zusammenspiel wurde den Teilnehmenden das Angebot gemacht zu zweit/als Paar aufstellend im Raum zu arbeiten: ihre jeweiligen inneren Bilder von ihrer aktuellen Paarbeziehung auf den Zeitdimensionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufzustellen. Dabei beginnt A und gibt B nacheinander Positionen im Raum zu folgenden Fragen und stellt sich selbst in Beziehung: „Welches Bild habe ich heute von uns als Paar zum Zeitpunkt unserer Verliebtheit? Welchen Abstand gab es zwischen uns? Wie waren wir im Kontakt? Wie war die Balance von Zugewandtheit/Abgewandtheit? Wie ist es heute? Welches Bild habe ich für die Zukunft? Danach erfolgt ein Wechsel und B stellt mit A seine inneren Bilder auf. Im Anschluss gibt es Gelegenheit zum Austausch.

Was hat ein Paar bereits und wer braucht was von wem, um sich im Zusam-menleben mit Kindern, mit der Rolle als Eltern und als Paar, als Partnerin, als Partner wertschätzend zu erleben, unter noch unzulänglichen, entwertenden Kontextbedingungen für eine lesbische und schwule Elternschaft? Welche Wirkungen hat bspw. die rechtliche Situation der Adoption auf den sozialen Elternteil und auf ihn als Partner/auf sie als Partnerin? Wie wird das fehlende gemeinsame Sorgerecht emotional kompensiert? Welche Wechselwirkungen werden dabei wahrgenommen zwischen Elternsein und Paarsein?

Im Sinne der Chancengleichheit ist eine Lebensweltenpolitik notwendig, die eine Gleichstellung aller Lebensweisen gewährleistet. In den Medien sind noch mehr konstruktive Bilder über lesbische und schwule Paare und Familien zu transportieren und in den Schulen und Schulbüchern sind vielfältige Lebensweisen selbstverständlich als gesellschaftliche Realität zu vermitteln. In den Aus-, Fort- und Weiterbildungen in Beratung und Psychotherapie sind diese Paar- und Familienthemen selbstverständlich in die Curricula aufzunehmen.

Literatur:

     

  • Ebel, Peter (2004). Prozesse vielfältiger Lebensweisen. Relevanzen im Kontext Systemischer Beratung, Psychotherapie und Supervision. In Jutta Hartmann (Hg.). Grenzverwischungen. Vielfältige Lebensweisen im Gender-, Sexualitäts- und Generationendiskurs (S. 193-206). Innsbruck: Studia Verlag.
  • Hartmann, Jutta (2000). Vielfältige Lebensweisen. Opladen: Leske + Budrich.
  • Schulze, Micha; Scheuss, Christian (2007). Alles, was Familie ist
  • Die neue Vielfalt: Patchwork-, Wahl- und Regenbogenfamilien. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf
  • Rauchfleisch, Udo; Frossard, Jacqueline; Waser, Gottfried; Wiesendanger, Kurt; Roth, Wolfgang (Hrsg.) (2002). Gleich und doch anders. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Symalla, Thomas, Walther, Holger (Hg.)(1997). Beratung schwuler Paare im Kontext von AIDS-Hilfe. Berlin: Eigenverlag (Deutsche AIDS-Hilfe, Dieffen-bachstr.33, 10967 Berlin).

Zum Autor:

Peter Ebel, Psychotherapeut (ECP), Sozialwissenschaftler, approbierter Kin-der- und Jugendlichen Psychotherapeut; Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapie (SG), Klientenzentrierte Psychotherapie (GwG), Traumatherapie mit EMDR, HP Psych, Supervisor (DGSv, SG); Einzel-, Gruppen- und Teamsupervision, Coaching und Organisationsberatung in Berlin und Düsseldorf, niedergelassen in einer Berliner Praxengemeinschaft und Lehrtherapeut, Lehrender Supervisor, Lehrender Coach der Systemischen Gesellschaft (SG) und am IST – Institut für Systemische Therapie, Berlin.

Kontakt:
praxis_p.ebel@t-online.de