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- Wie wir als Eltern unsere Kinder stärken können -
Uli Streib-Brzic

Der Titel, „Aber man sagt ja auch nicht du ,Heteropferd’" mit dem ich meinen Workshop überschrieben habe – ist eine Aussage einer 14-jährigen Jugend-lichen, die ich zu ihrer Sicht auf ihre Familie befragt habe – sie lebt bei ihren zwei Müttern und pendelt regelmäßig auch zu ihrem Vater und dessen Fami-lie. Während des Gesprächs erzählte sie, welche Schimpfworte sie auf dem Schulhof höre und dass sie sich über manche doch sehr wundere. „Schwuler Hengst“ meinte sie, das ergäbe doch eigentlich, wenn man sich das genau überlege, gar keinen Sinn – man sage doch auch nicht ‚du Heteropferd’. Wir haben lachten beide über ihre neue Wortkreation.

Für mich ist in dieser Aussage zum einen sichtbar, wie sensibel diese Jugendliche auf homophobe Atmosphären in ihrem Umfeld reagiert. Sie spürt die Abwertung, die die Lebensform ihrer Eltern betrifft, bleibt dabei jedoch nicht stehen, fühlt sich angegriffen oder zieht sich zurück, sondern findet stattdessen eine äußerst kreative Umgangsweise damit. Sie analysiert diese Äußerung, ordnet sie ein und positioniert sich denen gegenüber, die sie benutzen. Und: sie entwickelt eine witzige und möglicherweise äußerst wirkungsvolle Reaktions¬weise, mit der sie andere zum Nachdenken bringen kann, um ihnen die mangelnde Sinnhaftigkeit dieser vermeintlich „coolen“ Sprache bewusst zu machen.

Wie wir als Eltern Kinder stärken können, dass sie selbstbewusst und sicher - vielleicht sogar stolz - ihr ungewöhnliches Familienmodell, in dem sie aufwachsen, nach außen vertreten, wie wir sie vorbereiten können, mit homophoben Reaktionen umzugehen und wie wir dazu beitragen können, dass sich unsere Kinder zu starken, resilienten1) Persönlichkeiten entwickeln – dazu haben wir in dem Workshop Strategien erarbeitet – wohl wissend, dass es immer darum gehen sollte, nicht eine einzige richtige Handlungsweise herauszufiltern, sondern eine Palette zur Verfügung zu haben, aus der wir je nach Situation, der Reaktion des Umfelds, der eigenen emotionalen Tagesverfassung und der Persönlichkeit - und natürlich dem Alter des Kindes - die passende, stimmige und angemessene wählen können.

Wenn wir darüber sprechen, dass Kinder und Jugendliche, die in Regenbogenfamilien aufwachsen, Hänseleien, Anfeindungen und Diskriminierungen aufgrund der Lebensform ihrer Eltern ausgesetzt sind2), sollte vorher ein Blick in die Forschungen zu Gewalt und Mobbing geworfen werden, um zu erfahren, wie viele Kinder und Jugendliche aus welchen Gründen Opfer von Ausgrenzung und Diskriminierung werden. Studien zeigen, dass 7-10% aller Kinder und Jugendlichen von psychischer Vik-timisierung durch Gleichaltrige betroffen sind, d.h. Opfer von Mobbing, Aus-grenzung und massiver verbaler Gewalt werden. Diese Kinder und Jugendlichen werden Opfer, weil sie irgendein Merkmal tragen, das die jeweilige Gruppe der Täter/innen als Abweichung der für sie gültigen Norm erklären.   

Dies kann

     

  • Statussymbole betreffen (z.B. Markenklamotten, teures Handy)
  • eine körperliche Besonderheit des Kindes oder eines Familienangehörigen (Stottern, Sehstörung)
  • die ethnische oder kulturelle Herkunft
  • die religiöse Zugehörigkeit
  • die Familienform, in der es aufwächst (Einelternfamilien, „Heimkind“)
  • die Abweichung von der jeweiligen Geschlechterrolle (Jungen, die mehr ihre sensible Seite zeigen).

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Kinder, die in Regenbogenfamilien aufwachsen,

     

  • in der Regel gute Beziehungen zu Gleichaltrigen haben (Golombok 1983, 2003, Patterson 1992, Gartrell 2005),
  • teilweise durchaus homophobe Reaktionen erfahren und auch verunsi-chert reagieren, wenn sie feststellen, dass die homosexuelle Lebensform ihrer Eltern die gesellschaftliche Anerkennung vorenthalten wird (Gottman 1990, Gartrell 2005, Wainright 2004)
  • die Hänseleien, die sie von Gleichaltrigen erleben, jedoch nicht zwang-släufig zu einer Beeinträchtigung ihres Selbstbildes führen – dies ist ab-hängig davon wie viel Unterstützung das Kind durch die Eltern und das Umfeld erfährt und wie viel innere Stabilität es besitzt (Fthenakis 2000) 
  • Öfters sensibler für Verschiedenheit sind, d.h. Respekt, Toleranz und eine höhere soziale Kompetenz entwickeln (Bozett 1987, Patterson 1992, O’Connell 1993, Gartrell 2005).

Grundsätzlich bestätigen Studien schwulen und lesbischen Eltern ein hohes Engagement in ihrer Erziehungsrolle. Sie bescheinigen Regenbogeneltern ein über¬durchschnittliches Bemühen, ihren Kindern die möglichst ideale Ausgangsbedingungen zu bieten. Damit reagieren schwule Väter und lesbische Mütter natürlich auch auf den kritischen Blick der heterosexuellen Gesellschaft. Sie erziehen gegen das Vorurteil an, schlechte Eltern zu sein. Das allerdings tun sie mit Erfolg – nämlich mit dem Ergebnis, dass sie – wie Wassilos Fthenakis, Prof. Entwicklungspsychologie an der Universität Bozen, es beschreibt – trotz dieser widrigen Voraussetzungen und trotz bestehender struktureller Ungleichheiten ihre Lebensform betreffend - Resilienz und Stärke beweisen.

Aktuell bleiben die politischen Forderungen, das Thema lesbisch-schwule Le-bensweisen in die Ausbildungscurricula von Fachkräften im pädagogischen und psychosozialen Bereichen, d.h. Lehrer/innen, Erzieher/innen, Sozialarbeiter/innen, Psycholog(inn)en und Therapeut(inn)en als festen Bestandteil zu integrieren.

     

  • Grundsätzlich erleben es Kinder als unterstützend, wenn Eltern für eine vertrauensvolle Beziehung zu ihren Kindern sorgen und die Kinder sich bedingungslos geliebt und unterstützt fühlen, d.h. sie wissen „meine Eltern stehen hinter mir“,
  • offen mit ihrer schwulen bzw. lesbischen Lebensweise umgehen, d.h. sich in der Kindertagesstätte, dem Hort, in der Schule z.B. mit Partner/iIn zusammen als Paar vorstellen und damit Kindern den Weg ebnen, selbst über ihre Familie zu sprechen,
  • Kinder auf homophobe Reaktionen, auf abwertende Äußerungen vorbereiten und mit ihnen zusammen für sie stimmige Reaktionsweisen zu entwickeln und diese z.B. in Rollenspielen zu trainieren.

Zur Autorin:

Uli Streib-Brzic, Dipl. Soziologin, Mediatorin, Systemische Therapeutin und Beraterin(SG), eine erwachsene Tochter lebt und arbeitet in Berlin

Kontakt:
ulistreibbrzic@gmx.de

Endnoten

     

  1. Resilienz bedeutet die Fähigkeit, eine emotional widerstandsfähige und stabile Persönlichkeit auszubilden.
  2. Über diesen Fakt scheint Einigkeit zu bestehen – vor allem im Zuge der Er-weiterung des Lebenspartnerschaftsgesetzes um die Stiefkindadoption war das eines der Hauptargumente, die dagegen angeführt führten, Lesben und Schwule Elternrechte zuzugestehen.