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- Die Vermittlung von Pflegekindern an gleichgeschlechtliche Paare -
Angela Greib

Schon in den 90er Jahren empfahl die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter, auch lesbische und schwule Paare für die Aufnahme von Pflegekindern zu gewinnen. In der Praxis wird dies von den Jugendämtern jedoch sehr unterschiedlich gehandhabt.

     

  • Vorgestellt wurde in dieser Arbeitsgruppe beispielhaft der Ablauf des Bewerbungsverfahrens bei der Stadt Hanau anhand der folgenden Fragestellungen:
  • Wie verläuft die Eignungsüberprüfung beim Jugendamt?
  • Welche Eignungskriterien müssen wir erfüllen?
  • Was wird in einer Bewerberschulung vermittelt?
  • Wie finden wir heraus, welches Kind zu uns passt?
  • Wie sieht die anschließende Zusammenarbeit mit dem Jugendamt aus?

Von den Anwesenden hatten einige bereits Pflegekinder aufgenommen, andere das Überprüfungsverfahren schon durchlaufen, wieder andere waren aus Interesse dabei.

Es wurde dann gemeinsam erarbeitet, mit welchen speziellen Fragen Lesben und Schwule rechnen müssen und wie sie sich und die Besonderheit ihrer Lebensform beim Jugendamt einbringen können. Abgerundet wurde das Thema abends mit einem Film, der den Alltag von Pflegefamilien schilderte und der auf großes Interesse auch der übrigen Teilnehmer/innen stieß.

Im Austausch bestätigte sich der Eindruck, dass das Verfahren bundesweit sehr unterschiedlich verläuft. Der Fachdienst Pflegekinder in Hanau hat bereits 2003 die Berücksichtigung gleichgeschlechtlicher Paare im Konzept verankert, überprüft diese mit allen übrigen Interessenten und möchte durch eine intensive Schulung zu einer fundierten Entscheidung verhelfen. Nach Möglichkeit lernen alle Mitarbeiter/innen alle Interessierten kennen und entscheiden später als Team, welches Kind in welche Familie vermittelt wird. Andere Jugendämter beschränken sich auf wenige Einzelkontakte und je nach Einstellung des Sachbearbeiters und Verlauf der Gespräche fühlen sich die Bewerberpaare mitunter von der Entscheidung einzelner Personen abhängig.

Hierzu muss fairer weise erklärt werden, dass einige Jugendämter die spezialisierten Fachdienste abgeschafft haben und die jeweilige Vorgehensweise sehr von der vorhandenen Personalstärke abhängen dürfte.

Grundsätzlich müssen sich alle Bewerber bei ihrem örtlich zuständigen Jugendamt einer „Eignungsüberprüfung“ unterziehen. Lehnt ein Jugendamt jedoch prinzipiell die Überprüfung lesbischer oder schwuler Paare ab, so können sich Interessierte auch an die Nachbarjugendämter wenden.

     

  • Hier nur einige Argumente, die für die Vermittlung zu gleichgeschlechtlichen Paaren sprechen können:
  • hohe Motivation, große Entschiedenheit für ein Leben mit Kindern
  • Erfahrung in der Bewältigung ungewöhnlicher Lebenssituationen
  • Fähigkeit sich in ein Kind einzufühlen, das anders leben muss als andere Kinder
  • Männer-Paare werden von abgebenden Müttern nicht als Konkurrenz erlebt
  • Frauen-Paaren wird zugetraut, Kinder gegen sexuelle Gewalt stark zu machen
  • Gleichgeschlechtliche Paare zeigen häufig flexiblere Rollenverteilung

Persönliches Fazit:

Es gibt keine einheitlichen Standards für die Eignungsüberprüfung von Pflegeeltern, daher kann schon gar keine einheitliche Haltung zur Berücksichtigung von gleichgeschlechtlichen Paaren erwartet werden. Hier besteht Handlungs- und Aufklärungsbedarf.

Keine Angst vor den Jugendämtern! Nicht jede/r Mitarbeiter/in hat Vorbehalte. Doch auch dort sitzen Menschen, die keine (bewusste) Erfahrung im Umgang mit Lesben und Schwulen haben, wie uns das in dem großen Hotelkomplex in Oberhof täglich vor Augen geführt wurde.

Es gilt daher, diese Menschen mit dem Thema vertraut zu machen, sie zu informieren und für sich zu gewinnen. Hierzu können alle beitragen, z.B. indem sie auf den eigenen Sprachgebrauch achten! Begriffe wie „homosexuelles“ oder „gleichgeschlechtliches Paar“ rücken die Sexualität unmittelbar in den Blickpunkt des Gegenübers. Und die Begriffe „schwul“ bzw. „lesbisch“ werden in der Bevölkerung noch häufig als provokant empfunden.

Für die übrigen etwa 1000 Gäste des Hotels hatte ich mir daher die folgende Erklärung zurechtgelegt: „Dies ist eine Tagung für Frauen- und Männerpaare, die mit Kindern leben!“ - doch leider hat mich dann niemand danach gefragt...

Zur Autorin:

Angela Greib ist Diplom-Sozialarbeiterin und Gestalttherapeutin. Seit 12 Jahren arbeitet sie beim Jugendamt und unterrichtet an der Fachhochschule Frankfurt im Rahmen eines Lehrauftrages. Sie steht als Ansprechpartnerin für Betroffene und Mitarbeiter(inne)n der Jugendämter zur Verfügung.

Kontakt:
Angela.Greib@hanau.de