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– Ein Metalog von Peter Ebel und Uli Streib-Brzic -

Sie wirkten stolz und selbstbewusst die schwul-lesbischen Familien aus ganz unterschiedlichen Orten Deutschlands, die sich an diesem Wochenende im August in Oberhof im Thüringer Wald getroffen haben. Männer und Frauen, die alleine, zu zweit, zu dritt oder in einer anderen Konstellation Kinder erziehen und auf diese Weise Bewegung in die Familiendefinition gebracht haben. Zumindest soviel, dass konservative Stimmen bei ihrer Betrachtung die heteronormativen Grundfesten unserer Gesellschaft wanken sehen. In der lesbisch-schwulen Community sind Lebensweisenmodelle entstanden, die sich quer zur traditionellen Familie im Alltag beständig neu erfinden. Sie sind gewissermaßen Avantgardist(inn)en in der Kreation und Umsetzung neuer Formen des Zusammenlebens mit Kindern.

Doch da war noch etwas anderes, das nachklang: Ein Vorwurf, der meistens als Frage verpackt wird. „Ist euch eigentlich klar, was ihr eurem Kind damit antut, wenn ihr ihm vorenthaltet, den Mann kennen zu lernen, von dem es abstammt?“ Diesen Satz hören wir als Frauenpaar immer wieder, weil wir uns für einen anonymen Spender entschieden haben“, berichteten mir (P.E.) zwei Frauen am Rande meines Workshops. Sie sind ein Paar und seit kurzem Eltern eines drei Monate alten Jungen.

Diese Begegnung hat uns eingeladen, hier einige Gedanken dazu zu formulieren und der einen und anderen Wirkung nachzugehen. Es gibt eine rege Diskussion um das umstrittene Thema heterologe Insemination und insbesondere die Wahl eines No-Spenders, eines Spenders also, dessen Identität das Kind nicht erfahren wird. Unsere Hoffnung ist es, der Diskussion ein paar Aspekte hinzuzufügen, um sie möglicherweise in eine andere Richtung zu weisen. Sie von der Vorstellung, der Idee zu lösen, in eine Rechtfertigungshaltung zu gehen, womit sie in die Defensive geraten und sich in eine Position der Schwäche begeben

Dabei ist dieser Gedanke, sich als lesbische Frauen und schwule Männer in ihrem Quer-Sein selbstverständlich zu zeigen natürlich nicht neu. Auch die Entscheidung für einen unbekannten Spender kann selbstbewusst vertreten werden: „Wir antworten dann ‚Unser Kind hat zwei Mütter. Und Punkt!’“, berichteten die beiden Frauen weiter.

Und Punkt. Der Punkt markiert zum einen die Grenze, die nicht überschritten werden soll. Jenseits derer nicht mehr nachgefragt, hinterfragt werden darf. Sich vor neugierigen Fragen zu schützen ist ein legitimes Bedürfnis, das zu respektieren ist. Das Bedürfnis nach Schutz der Privatsphäre, nach Schutz dessen, was einem Menschen besonders bedeutsam ist.

“Und Punkt“ könnte auch noch etwas anderes bedeuten. Genau darum könnte es gehen - um diesen Punkt. Wenn der Punkt als etwas erkannt würde, das noch eine weiterreichende Bedeutung hat. Der Punkt als das dritte Element der Elternschaft, das neben den Müttern beteiligt war: Der Beitrag des Mannes, dessen Samenzelle sich mit einer Eizelle vereinigt hat, aus der das Kind entstanden ist. Ein Beitrag, der biologisch notwendig und damit wertvoll und kostbar ist. Die Anerkennung ist vielleicht etwas, das unbedacht in den Hintergrund gerät.

Was wäre, wenn die Mütter diese Wertschätzung hervortreten ließen und ihr Raum gäben? Wenn sie diesem „Punkt“ Aufmerksamkeit und Anerkennung zollten? Und zwar ohne ihre Rolle oder Position als Eltern zu schmälern: Ihre Bedeutsamkeit als Mütter, von denen die eine das Kind ausgetragen und geboren hat und die zweite es vielleicht noch ungeduldiger als die erste erwartete. Der „Punkt“ würde schlichtweg als drittes Element der Elternschaft anerkannt und einbezogen.

Diesem dritten Element könnte auf vielfältige Weise Anerkennung gezeigt werden. Vielleicht indem der Beitrag, die Gabe des unbekannten Mannes in einer Erzählung über ihn gewürdigt wird. Wenn wertschätzend über ihn ge-sprochen wird. Über den Menschen, der es möglich gemacht hat, dass dieses wunderbare Kind geboren wurde.

Sehr wahrscheinlich wird das Kind nach seiner Abstammung fragen. Und es ist sicherlich weise, ihm früh und auf alters angemessene Weise davon zu erzählen. Die Erzählungen des ‚Woher komme ich?’ begründen ebenso wie das Wissen, bedingungslos geliebt zu werden, den Selbstwert eines Kindes.

Die für mich schönste Entstehungserzählung stammt von einem Jungen, den ich (U.St.-B.) interviewt habe. Er erzählte sehr stolz, dass seine beiden Mütter einen sehr netten Mann gefunden haben, der ihnen seinen Samen gegeben habe und so sei er geboren worden. „Ein sehr netter Mann“ – das ist ein Bild mit einer mächtigen Kraft!

Ganz anders hingegen wirkt die Narration eines anderen Kindes, das berichte-te, es wisse über seine Entstehung nur, dass seine Mutter Samen „bei irgen-deiner Samenbank“ gekauft hätte.

Entscheidend sind hier die Bilder, die solche Geschichten bewirken können. Positive, starke Bilder über den eigenen Ursprung zu entwerfen, trägt nachhal-tig zu einem stabilen Grundgefühl bei. Und dafür sind wir Eltern zuständig.

Und das Kind wird wahrscheinlich nicht nur nach seiner Herkunft fragen, son-dern auch nach dem Grund eben dieser Entscheidung: „Warum wolltest Du, warum wolltet Ihr, dass es ein Mann ist, den wir nicht kennen und auch nie kennen lernen können?“

Die Entscheidung für einen No-Spender ist in der Regel lange überlegt und durchdacht. Und es scheint hilfreich zu sein, sich als Eltern auf mögliche Fra-gen, Kritik und andere Perspektiven des Kindes vorzubereiten.

Vielleicht beginnt das Kind zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens damit, seine Eltern anzuklagen: Sie hätten ihm etwas vorenthalten und in seiner Identitätsentwicklung beeinträchtigt. Dass sie egoistisch und nicht in seinem Sinne gehandelt hätten. Die Eltern könnten die Vorwürfe annehmen und sich schuldig fühlen oder die Kritik vehement zurückzuweisen. Vielleicht argumentieren sie damit, dass in heterosexuellen Familien heterologe Insemination ebenfalls eine gängige Praxis sei. Hier käme nur niemand auf die Idee, die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Vaterschaft zu stellen, weil es einen Mann gibt , der als Vater betrachtet wird.

Die Mütter könnten auch antworten „Ja, so habe ich mich entschieden, weil ich wollte, dass es dich gibt. Ich weiß, dass ich diesen Teil deines Lebens für dich so bestimmt habe und ich habe mich in Liebe für dich entschieden. Ich liebe dich und du hast das Recht, meine Entscheidung zu kritisieren.“

Auch wenn wir an dieser Stelle einen „Punkt“ setzen, ist es weiterhin möglich, mit einer Frage anzuschließen. Dazu laden wir ein!

Zu den Autor(inn)en:

Uli Streib-Brzic, Dipl. Soziologin, Mediatorin, Systemische Therapeutin und Beraterin(SG), eine erwachsene Tochter lebt und arbeitet in Berlin

Peter Ebel, Psychotherapeut (ECP), Sozialwissenschaftler, approbierter Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeut; Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapie (SG), Klientenzentrierte Psychotherapie (GwG), Traumatherapie mit EMDR, HP Psych, Supervisor (DGSv, SG); Einzel-, Gruppen- und Teamsupervision, Coaching und Organisationsberatung in Berlin und Düsseldorf, niedergelassen in einer Berliner Praxengemeinschaft und Lehrtherapeut, Lehrender Supervisor, Lehrender Coach der Systemischen Gesellschaft (SG) und am IST – Institut für Systemische The-rapie, Berlin.

Kontakt:
ulistreibbrzic@gmx.de; praxis_p.ebel@t-online.de