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In Deutschland wachsen Tausende Kinder bei ihren lesbischen Müttern oder schwulen Vätern auf.

Die Mehrheit dieser Kinder stammt heute noch aus vorangegangenen heterosexuellen Beziehungen. Zunehmend entscheiden sich Lesben und Schwule auch für eigene Kinder nach ihrem Comingout. Kinder werden in lesbischen Beziehungen geboren und wachsen in ihnen auf. Schwule oder lesbische Paare geben vermehrt Pflege- und Adoptivkindern ein neues Zuhause oder realisieren ihren Kinderwunsch gemeinsam als sogenannte Queerfamily. Alle diese Mütter und Väter tragen alleine oder in einer Partnerschaft Verantwortung für die Erziehung und das Wohlergehen ihrer Kinder.

Diese Familien nennen sich Regenbogenfamilien. Die mit dem Regenbogen assoziierte homosexuelle „Keim“zelle der Familie liegt in der Elterngeneration. „Regenbogenfamilien“ bilden eine eigene Familienform ebenso wie z.B. Eineltern-Familien oder Patchwork-Familien. Ihre strukturelle Besonderheit liegt, so es sich nicht um Alleinerziehende handelt, im Zusammenleben zweier erwachsener Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung, die Kinder großziehen.

Das Alltagsleben von Regenbogenfamilien ist ebenso wie die Realisation des Kinderwunsches in Deutschland für lesbische Frauen und schwule Männer mit weit mehr Schwierigkeiten verbunden als für heterosexuelle Frauen und Männer oder für homosexuelle Paare z.B. in den Niederlanden, in skandinavischen Ländern oder Spanien.

In früheren Jahren wurde schwulen Männern und lesbischen Frauen z.B. die Aufnahme von Pflegekindern verwehrt. Die Gewährung einer Adoptionserlaubnis war eher unwahrscheinlich. Im Rahmen von Scheidungsprozessen wurde ihnen oft das Sorgerecht für ihre Kinder vorenthalten, wenn ihre sexuelle Orientierung bekannt wurde, weil man ihnen ihre Qualifikation als Eltern absprach. Juristische Begründungen und gesellschaftliche Überzeugungen spiegelten die Annahmen, dass lesbische Mütter und schwule Väter sich von heterosexuellen Eltern in Aspekten unterscheiden, die bedeutsam und schädlich sind für das Wohlbefinden ihrer Kinder.

Psychosoziale Studien zur Lebenswirklichkeit von Regenbogenfamilien attestieren lesbischen Müttern und schwulen Vätern seit langem eine adäquate Erziehungsfähigkeit und ihren Kindern eine gelungene emotionale, soziale oder sexuelle Entwicklung. Dennoch sehen sich auch heute noch Regenbogenfamilien mit einer Fülle von Vorurteilen oder Vorbehalten konfrontiert.

Die Studien weisen hier auf ein breites Spektrum potentieller Störfelder und Belastungsquellen im Familienalltag hin, welches durch rechtliche und gesellschaftliche Diskriminierung ebenso genährt wird wie durch den Informationsmangel und die Verhaltensunsicherheiten von Fachpersonal, dem die Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Familien obliegt.

In Deutschland ist bislang das gesellschaftliche und politische Bewusstsein für einen sach- und zeitgemäßen Umgang mit Regenbogenfamilien kaum vorhanden. Differenzierte Informationen in der Fachwelt über Fragen und Belange von Homosexuellen mit Kindern bzw. Kinderwunsch sind wenig verbreitet. Es gibt hier einen großen und breit gefächerten Handlungsbedarf, dem sich das LSVD-Projekt „Regenbogenfamilien“ seit 2002 widmet.

2004 und 2005 fanden in Köln unter dem Motto "Regenbogenfamilien - Eine Familie ist eine Familie ist eine Familie" Vorträge, Podien und Diskussionen zu unterschiedlichen Aspekten des Themenfeldes „Lesben, Schwule und ihre Kinder“ statt.

Diese LSVD-Vortragsreihe beschäftigte sich mit ausgewählten Brennpunkten der familiären und gesellschaftlichen Wirklichkeit von Regenbogenfamilien, wie z.B. dem Miteinander von Schule und Familie, der Sicht der heranwachsenden Kinder, familiären Besonderheiten und Alltäglichkeiten.

Dr. Martin Ganguly eröffnete die Reihe im September 2004 mit seinem Workshop "Regenbogenfamilien machen Schule". Im Oktober lasen Stephanie Gerlach und Uli Streib-Brzic aus ihrem neuen „Buchprojekt“, in dem Kinder aus Regenbogenfamilien über ihren Familienalltag berichten. Prof. Dr. Udo Rauchfleisch informierte im März 2005 über die familiäre Wirklichkeit und Selbstdefinition lesbischer Mütter, schwuler Väter und ihrer Kinder, die „ganz normal anders“ sind. 2005 fand abschließend eine Podiumsdiskussion unter dem Motto „Regenbogenfamilien im Spiegel der öffentlichen Meinung“ im Rahmen des Kölner CSDs statt. Hier widmeten sich Print- und TV-Journalist(inn)en sowie Vertreter/innen der „Lindenstraße“ der Präsentation von „Homosexualität und Elternschaft“ in den Medien.

Die vorliegende Dokumentation bietet Ihnen die Möglichkeit, alle Beiträge nachzulesen und in Ausschnitten einen Einblick in zentrale Diskussionspunkte des Podiums sowie in die sich an die Vorträge anschließenden Gespräche zu gewinnen. Zentrale Aussagen der Beiträge und pointierte Statements wurden von der Redaktion durch grafische Unterlegung aus dem Textfluss herausgehoben.

Im Anhang finden sich ausführliche Literaturhinweise zum Thema Regenbogenfamilien, Adressverzeichnisse und weiterführendes Informationsmaterial.

Die Vortragsreihe wurde ebenso wie die Dokumentation mit Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im Rahmen des LSVD-Projektes Regenbogenfamilien unter Leitung von Dr. Elke Jansen realisiert.

Wir, der LSVD, hoffen, dazu beitragen zu können, dass sich Informationslücken schließen und Verhaltensunsicherheiten zunehmend zu einer Seltenheit werden, sei es bei lesbischen Müttern und schwulen Vätern selbst, Lesben und Schwulen in der Familienplanung oder Fachpersonal, das sich der Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Familien widmet.

Dr. Elke Jansen