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"Wenn Mama lesbisch oder Papa schwul ist". Kinder aus Regenbogenfamilien berichten in einem Buchprojekt

Am 09. Oktober 2004 hatte die Vortragsreihe Stephanie Gerlach und Uli Streib-Brzic zu Gast. Stephanie Gerlach ist freiberufliche Referentin zu "gleichgeschlechtlichen Lebensweisen" und Mitautorin von Veröffentlichungen zum Thema Regenbogenfamilien. Uli Streib- Brzic ist Soziologin und Autorin des ersten deutschen Ratgebers zu Kinderwunsch und Elternschaft bei lesbischen Müttern und schwu-en Vätern, dem "lesbisch-schwulen Babybuch" sowie weiterer Veröffentlichungen.

Im Rahmen einer „Lesung und mehr“ berichteten die beiden Autorinnen in Köln von ihrem neusten Buchprojekt, in dem Kinder aus Regenbogenfamilien selbst zu Wort kommen. Sie schilderten dem Auditorium sehr anschaulich den Entstehungsprozess des Buches, gaben erste Leseproben und stellten sich Fragen und Anregungen.

Dieses erste deutschsprachige Buch über Kinder aus Regenbogenfamilien ist unter dem Titel „Und was sagen die Kinder dazu? Gespräche mit Töchtern und Söhnen lesbischer und schwuler Eltern“(1) im September 2005 erschienen.

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Zu uns als Autorinnen

Uli Streib-Brzic: Ich bin Uli Streib-Brzic: von meiner Ausgangsprofession bin ich Diplom-Soziologin. Ich bin in der Erwachsenenbil-dung und der Jugendbildungsarbeit tätig. Zurzeit mit dem Schwerpunkt Gewaltprävention und systemische Therapeutin demnächst in eigener Praxis.

Ich beschäftige mich schon einige Jahre mit dem Thema lesbisch-schwule Elternschaft, habe zwei Bücher zum Thema veröffentlicht, 1991 das erste im deutschsprachigen Raum mit dem Titel ‚Von nun an nannten sie sich Mütter – Lesben und Kinder’, veröffentlicht beim Orlanda-Verlag und 1996 ‚Das lesbisch-schwule Babybuch- ein Rechtsratgeber’, erschienen beim Querverlag.

Ich habe außerdem Seminare und Vorträge zum Thema lesbisch-schwule Elternschaft veranstaltet und hier mit vielen unterschiedlichen Teilnehmer/innen Fragen zu Kinderwunsch und dessen Realisierung, Fragen des Coming-Outs, gegenüber den Kindern und der Umwelt diskutiert und besprochen.

Ich bin selbst Mutter einer mittlerweile 23-jährigen Tochter, die aus einer heterosexuellen Verbindung stammt, d.h. sozusagen konventionell gezeugt wurde, und die knapp 2 Jahre alt war – so alt wie Stephanies Tochter jetzt – als ich mich in eine Frau verliebte und feststellte, dass ich Frauen als Liebes- und Lebenspartnerinnen den Vorzug gebe. Ich bin seit zwei Jahren mit einer Frau verheiratet und habe damit eine nunmehr 9-jährige Partnerinnenschaft mit dem seit drei Jahren gültigen Gesetz legalisiert bzw. egalisiert. 

Egalisiert, weil unsere Hochzeit nicht nur eine sehr schöne Gelegenheit war, unsere Beziehung, unsere Verbindung zueinander zu feiern, sondern weil sie meiner Frau, die Slowenin ist, den Status einer unbeschränkten Aufenthaltserlaubnis verbunden mit einer Arbeitserlaubnis ermöglichte und damit den Status der Ungleichheit zwischen uns, wenn nicht aufhob, so doch abmilderte.

Ich lebe und arbeite in Berlin.

Stephanie Gerlach: Ich heiße Stephanie Gerlach und lebe und arbeite in München. Ich bin Diplom-Sozialpädagogin und habe eine Zusatzausbildung in Erwachsenenpädagogik. Nach Jahren in der Mädchen- und Frauenarbeit und einem Lehrauftrag an der Fachhochschule bin ich nun freiberuflich als Referentin zu gleichgeschlechtlichen Lebensweisen tätig. Ich habe vor 10 Jahren ein so genanntes Anti-Homophobie-Training entwickelt, was ich regelmäßig mit einem schwulen Kollegen in der Münchner Stadtverwaltung durchführe. Dieses Training soll Fach- und Führungskräfte befähi-gen, mit Lesben und Schwulen in der Arbeitswelt (als Kolleg(inn)en, Mitarbeiter/innen, Kund/innen) angemessen umzugehen. In der Behördensprache heißt es allerdings “Training zum konstruktiven Umgang mit gleichgeschlechtlichen Lebensweisen”. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt ist der Bereich “Lesbische/schwule Elternschaft”. Dazu halte ich Vorträge und biete Fortbildungen an.

Seit 2002 bin ich mit meiner Partnerin verheiratet und im gleichen Jahr kam auch unsere gemeinsame Tochter zur Welt.

Kennen gelernt haben Uli und ich uns während eines Seminars zu “Lesben und Kinderwunsch” im Frauenbildungshaus in Altenbrücken, das Uli im Januar 1994 anbot. Seither sind wir in freundschaftlichem und beruflichem Kontakt.

Aufgewachsen sind wir beide in Stuttgart, begegnet sind wir uns dort allerdings nie.

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Zum Ablauf unserer Veranstaltung

Heute Abend wollen wir darstellen, wie wir zu der Idee kamen, dieses Buch zu machen, welche Ziele wir verfolgen, für wen es gedacht ist, d.h. wen wir ansprechen wollen. In diesem Zusammenhang können wir auch kurz über unsere Erfahrungen auf der Suche nach einem Verlag berichten. Dann werden wir unsere Vorgehensweise erläutern, d.h. unser Erkenntnisinteresse transparent machen und den Prozess unseres Vorgehen veranschaulichen - angefangen mit der Suche nach Interviewpartner/innen, über die Durchführung der Interviews bis hin zur Verarbeitung der Interviews zu Portraits und der Reaktionen und Rückmeldungen der Eltern und Kinder, mit denen wir Gespräche geführt haben, – und schließlich wollen wir noch drei fertig gestellte Texte vorlesen: Wir werden Ihnen Noemi vorstellen, die mit zwei lesbischen Müttern in einem kleinen italienischen Dorf aufgewachsen ist, in Berlin Kulturwissenschaften und Italienisch studiert und heute 28 Jahre alt ist. Dann den 17-jährigen Georg, der bei seinem Vater lebt und mit großer Leidenschaft Friseur ist und schließlich den 11-jährigen Robin, der zwei schwule Väter hat und bisher unser jüngstes Kind ist, mit dem wir ein Interview geführt haben.

Danach haben wir auf jeden Fall noch ausreichend Zeit für Ihre Fragen eingeplant. Wir freuen uns über Rückmeldungen und eine anregende Diskussion!

Das Buchprojekt – Was wir vorhaben

Unser Buch trägt den Arbeitstitel ‚Und was sagen die Kinder dazu? Interviews mit Töchtern und Söhnen lesbischer oder schwuler El-tern’, es wird im Herbst 2005, also in einem Jahr, beim Querverlag in Berlin erscheinen.

In diesem Buch werden wir ca. 20 Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die mit lesbischen und schwulen Eltern aufwachsen oder aufgewachsen sind, zu Wort kommen lassen. Das Alter der Interview-partner/innen liegt zwischen 8 und ca. 40 Jahren, wobei der Schwerpunkt die Altersspanne zwischen 11 und 19 Jahren sein soll. Die Texte - oder: kleinen Erzählungen - werden auf der Grundlage von Interviews erarbeitet, die wir mit den Kindern und Jugendlichen bzw. Erwachsenen führen. Im Zentrum der Gespräche, die wir aufzeichnen und anschließend transkribieren, steht die Frage, wie sie es erleben bzw. erlebt haben, in einer Regenbogenfamilie aufzuwachsen.

Unser Anliegen ist es, ein möglichst breites Spektrum von Kindern und Jugendlichen schwul-lesbischer Eltern zu repräsentieren,


deshalb haben wir in unserer Auswahl der Interviewpartner/innen darauf geachtet, dass sie in verschiedenen Teilen Deutschlands leben, d.h. in Groß- und Kleinstädten in Ost-, West-, Süd- und Norddeutschland, dass sie aus unterschiedlichen Familienkonstellationen stammen, also entweder mit zwei Müttern bzw. zwei Vätern, alleine mit einem Elternteil oder auch in erweiterten Familienkonstellation, in der mehrere Personen an der Erziehung beteiligt sind, heranwachsen. Wichtig bei der Auswahl der Interviewpartner/innen ist uns des Weiteren, dass sie unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft sind und beziehen ebenfalls Kinder und Jugendliche ein, die Adoptiv- oder Pflegekind sind, einer heterosexuellen Verbindung entstammen oder per Insemination gezeugt sind.

Zur Entstehung unserer Buch-Idee

Wie kamen wir auf die Idee, dieses Buch zu machen?

Eine Frage, die mir auf allen meinen Vorträgen und Seminaren am häufigsten begegnet ist, war die, wie denn eigentlich meine Tochter damit umgeht, was sie eigentlich dazu sagt, dass sie eine lesbische Mutter hat. Eine Frage, aus der ich die Sorge hörte, wie kann ich meinem Sohn/meiner Tochter genügend Rückhalt bieten, sie oder ihn schützen, was kann ich ihm/ihr zumuten, aber auch, wie kann ich denen, die meine Erziehungsfähigkeit aufgrund meiner Lebensweise in Frage stellen, beweisen, dass ich dennoch eine gute Mut-ter, ein guter Vater bin?

Ich habe diese Frage immer sehr gut verstanden, natürlich, weil ich sie kannte

     

  • aus der Zeit des Prozesses meines Coming-Outs - meine Tochter war damals knapp 2 J. alt - , und die Vorstellung, welche Konsequenzen dies für sie als Tochter haben würde, welchen Reaktionen sie in ihrem sozialen Umfeld ausgesetzt sein würde, und wie ich dem angemessen begegnen könnte, hat mich schlaflose Nächte gekostet.
  • Und übrigens nicht nur während meines Coming-Outs.

Für mich war damals hilfreich, mit Frauen zu sprechen, die in derselben Situation waren und noch wichtiger war für mich, ihre Kinder zu erleben und zu hören, was sie zu sagen hatten. Zwei Statements haben mich besonders begleitet und ermutigt. Das eine war von Audre Lordes Sohn Jonathan, der sagte, dass er am meisten darunter leidet, dass er in der Schule Spott ertragen muss “aber nicht von denen aus meiner eigenen Klasse, denn die wissen es besser”.

Das andere Zitat stammt von Carl, dem Sohn der kalifornischen Photographin Cathy Cade, der feststellte, das größte Problem, das er mit seinen Müttern habe, sei, dass sie ihm nie erlaubten, Hamburger zu essen. Sie kochten nämlich vegetarisch.

Die Aussagen zeigten für mich zum einen, wie viel Kinder, die in Lebensverhältnissen jenseits des Mainstream aufwachsen, über Toleranz und respektvollem Umgang lernen, und auch darüber, mit Provokationen umzugehen; zum anderen, dass das Verhältnis zu ihren Eltern von weit mehr Faktoren beeinflusst ist, als dem, ob sie Lebenspartner/innen des eigenen oder des anderen Geschlechts wählen.

Die Erfahrung zum einen, wie wohltuend und stärkend diese Zitate auf mich gewirkt haben, und zum anderen die Erfahrung aus meiner Seminararbeit, wie wichtig es anderen lesbischen Müttern und schwulen Vätern war, zu hören, wie Kinder aus Regenbogenfamilien ihre Familiensituation erleben, wie sie Konflikte, die für sie daraus entstehen, falls sie überhaupt entstehen, bewältigen, waren für mich die wichtigsten Ideengeber für dieses Buchprojekt.


Und es gab noch einen weiteren Beweggrund für dieses Buch: den immer noch existierenden Vorurteilen, Meinungen, Behauptungen, die über Kinder aus schwul-lesbischen Familien existieren, Aussagen dieser Kinder selbst entgegen zu setzen.

Ich denke, Sie kennen die Argumente und Behauptungen hinreichend. Dennoch seien Sie hier kurz skizziert. Kinder lesbischer oder schwuler Eltern

     

  1. hätten ein besonders schweres Schicksal, da sie aufgrund ihrer Familiensituation von ihrer sozialen Umwelt und besonders innerhalb ihrer Peergroup eine Außenseiterposition zugewiesen bekämen,
  2. würden zu “Homosexualität erzogen”, bzw. würden sich - aufgrund des ‚falschen’ Vorbilds - eher homosexuell als heterosexuell identifizieren,
  3. nähmen in ihrer psychosexuellen Entwicklung Schaden, weil ihre Eltern beide dasselbe Geschlecht haben/bzw. weil sie den gegengeschlechtlichen Elternteil “entbehren”.

Diesen immer wieder reproduzierten Meinungen wollte ich Aussagen von Kindern selbst entgegen stellen.

Das war vor 9 oder 10 Jahren. Dass die Idee nicht umgesetzt wurde, war immer wieder ein Zeitproblem, es fand sich nie der richtige Zeitpunkt, das Projekt zu starten. Als meine Tochter 17 oder 18 war, aus der gemeinsamen Wohnung auszog und mich damit ein weiteres Stück aus der Mutterrolle entließ, befand ich außerdem, dass ich mich auch von dem Thema Mutter-Sein langsam verabschieden und es anderen mit jüngeren Kindern überlassen könnte. Damit rückte auch dieses Buch weiter weg. Ich war im Übrigen auch überzeugt, dass ein solch spannendes Projekt sicher bald von einer anderen Autorin/Autor aufgegriffen und umgesetzt würde. Was aber nicht passierte.

Wie es dann weiter ging, war ein bisschen wie in einem Märchen, wie bei Sterntaler vielleicht, Sterntaler, die ja gar nicht damit rechnet, dass Sterne vom Himmel direkt in ihren Schoß fallen können. Es war ein Oktoberabend 2003, Stephanie weilte gerade in Berlin (als Referentin auf der Regenbogenfamilienfachtagung des LSVD) und wir hatten uns zum Essen verabredet. Bei einem Glas Wein konkretisierte sich diese alte ursprüngliche Idee plötzlich wieder und gewann Formen. Stephanie und ich waren an diesem Abend eher zufällig darauf gestoßen.

Stephanie erzählte begeistert von einem aufwändig gestalteten Fotoband über lesbische Familien, eine Publikation aus den USA, und dass sie davon träume, so ein Buch hier in Deutschland zu veröffentlichen “denn so was fehlt!”.(2) “Darf’s auch eine Nummer kleiner sein?” habe ich sie gefragt, “und wir machen erst mal ein Buch mit Interviews mit Kindern lesbisch-schwuler Eltern?”


Da war es geboren, das Projekt, trotz unser beider gegenseitigen Versicherung, dass wir eigentlich “überhaupt keine Zeit für ein Buch” haben. Trotzdem fingen wir an, daran zu arbeiten. Und interessanterweise stellten wir fest, dass die Zeit plötzlich da war und dass ich - zumindest kann ich das für mich so sagen – die Arbeit an dem Buch nicht Energie raubend sondern äußerst energiegeladen, energetisierend und inspirierend erlebe.

Aber das Märchen ging natürlich so weiter wie alle Märchen weiter gehen, es gibt eine Prüfung, die der oder die Held/in bestehen muss – und das war in unserem Fall die Suche nach einem Verlag. “Von zweien die auszogen das Fürchten zu lernen” hieß somit der nächste Abschnitt. Bester Hoffnung sozusagen und stolz verschickten wir unser wohl formuliertes, ausgefeiltes Exposé, Inhaltsverzeichnis, zwei ausgearbeitete Portraits an ausgewählte Verlage – und warteten. Wir erhielten Reaktionen und Rückmeldungen, mit denen wir tatsächlich nicht gerechnet hätten, nicht im Jahre 2004 und nicht von Verlagen bzw. Literaturagent/innen, die durchaus einen kritischen Anspruch haben/nicht nur Mainstream-Literatur fokussieren.

Hier ein paar Auszüge: Das, was die Kinder und Jugendlichen sagten, verriete nichts über die spezifischen Probleme, es seien zu wenig Konflikte enthalten und wenn dies tatsächlich so wie von uns dargestellt der Wirklichkeit entspräche, sei es nicht interessant.” Das war Position 1.

Position 2 lautete schlicht, der Titel sei ökonomisch uninteressant und Position 3 argumentierte, wir seien ja offenbar gar nicht daran interessiert, “Für und Wider” abzuwägen, sondern bezögen klar Stellung. Das zeigten auch die Beispiele, die wir beigelegt hätten, diese seien sicher nicht zufällig ausgewählt worden. Von daher sei uns doch eher anzuraten, einen Verlag auszuwählen, “bei dem man die-se Thematik und die Propagierung der lesbischen und schwulen Lebensform erwartet”. Kein Kommentar.


Wir hätten selbstverständlich gleich den Querverlag anfragen können, mit dem ich bereits gut bei der Veröffentlichung meines zweiten Buches zusammengearbeitet habe. Unsere Bemühungen, Verlage jenseits der Community für unser Thema zu begeistern, waren jedoch lehrreich, zugegebenermaßen auch etwas zum Fürchten, aber natürlich auch von der Hoffnung getragen, die Realität, dass Lesben und Schwule Eltern sind, sei schon etwas mehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Wir fühlen uns natürlich wunderbar aufgehoben und betreut beim Querverlag, diese Wahl bedeutet für uns eine sehr angenehme Zusammenarbeit und ein Lektorat ohne ideologische Kämpfe, aber es bedeutet eben auch in gewisser Weise “unter uns” zu bleiben. Denn genau das möchten wir natürlich nicht. Selbstverständlich ist es unser Wunsch, dass neben Lesben und Schwulen, die Eltern sind oder sich Kinder wünschen, und den Kindern aus Regenbogenfamilien selbst, auch diejenigen, die beruflich mit Kindern zu tun haben, und sehr viel dafür tun können, homophoben Einstellungen (und damit den vorher erwähnten immer wieder neu gesprochenen Vorurteilen in Bezug auf das Aufwachsen in schwul-lesbische Familiensituationen) entgegen zu wirken, dieses Buch lesen: Erzieher/innen, Lehrer/innen, Mitarbeiter/innen von Jugendämtern, Mitarbeiter/innen von Adoptions- und Pflegevermittlungsdiensten, Therapeut(inn)en, Kinderärztinnen und Kinderärzte etc..

Unser Anliegen ist es, die Kinder, über die sehr viel gesprochen und debattiert wird, selbst zu Wort kommen zu lassen.


Dieses Sprechen über "diese Kinder" – ist jetzt gerade wieder verstärkt in der aktuellen Debatte über die Einführung des Adoptionsrechts (eingeschränkt als Stiefkindadoption [SPD, Bündnis 90/Die Grüne] oder volles Adoptionsrecht [FDP]) im Zusammenhang mit der Novelle des Lebenspartnerschaftsgesetzes – zu beobachten. Insbesondere die CDU/CSU-Politiker/innen vertreten da ja ganz fest gefügte Meinungen, zum Beispiel diese, dass es unbestreitbar sei, dass Kinder aus gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften Diskriminierungserfahrungen machen” – wie z.B. Uta Granold von der CDU/CSU zu wissen behauptet.

Was wollen wir mit dem Buch?

Was heißt es, den Kindern eine Stimme zu geben?

Die Gespräche, die wir mit den Kindern und Jugendlichen führen, kreisen um die Fragestellung, wie sie ihre Familie erleben, was es für sie bedeutet, dass ihre Mutter Frauen oder ihr Vater Männer liebt, oder wie es für sie ist, mit zwei Müttern bzw. zwei Vätern aufzuwachsen. Spannend finden wir hier, wie, in welchen Situationen ihnen bewusst ist, dass sie bzw. ihre Eltern “anders” sind, wann haben sie diesen Unterschied zum ersten Mal festgestellt, wie haben sie darauf reagiert und welchen Prozess haben sie darin für sich erlebt. D.h. in welcher Phase ihres Lebens hatte die Auseinandersetzung mit ihrer Familiensituation welche Bedeutung für sie. Gab es Konflikte für sie dabei und welcher Art waren sie und – besonders wichtig für uns – wie haben sie die Konflikte bewältigt? Welche Hilfestellungen hatten sie, von wem fühlten sie sich in welcher Weise unterstützt und gestärkt bzw. welche hätten sie sich gewünscht, welche Tipps haben sie für andere Kinder und Jugendliche, die sich mit ähnlichen Fragen auseinandersetzen.

Jedoch ist uns wichtig, das Interview nicht ausschließlich auf das Problem/Nichtproblem zu beziehen, sondern es offener zu gestalten und weiter zu fassen. D.h. wir wollen darüber hinaus wissen, wer sind diese Kinder und Jugendlichen, welche Themen beschäftigen sie, was sind ihre Träume und Visionen.

Zu unserem Vorgehen:

Unsere Interviewpartner/innen haben wir bisher durch persönliche Vermittlung sowie über Internetaufrufe gefunden. Dabei stellte sich heraus, dass die persönliche Vermittlung sehr viel leichter zu einem Kontakt geführt hat.

Die Interviews selbst finden in der Regel bei den Jugendlichen zuhause statt. Ein Leitfaden führt uns durch die ansonsten offenen Interviews. Die Gespräche (zwischen 30 und 120 Minuten) werden aufgezeichnet und transkribiert.

Danach wird daraus ein Text entwickelt, der hoffentlich(!) die Originalität und Einzigartigkeit dieser Jugendlichen abbildet. Jede Tochter und jeder Sohn hat zwar lesbische oder schwule Eltern, aber jede Lebensgeschichte ist anders.


Ursprünglich haben wir gehofft, dass unsere Interviewpartner/innen alle ausnahmslos dazu bereit sind, mit ihrem realen Namen zu erscheinen, sozusagen als Aussage “es gibt nichts zu verbergen”. Einzelne Gesprächspartner/innen wünschen jedoch, anonym zu bleiben. Auch dies geschieht aus unterschiedlichen Beweggründen, jedoch ist jeder natürlich der Tatsache geschuldet, dass Diskriminierung nach wie vor erlebt bzw. befürchtet wird. Ein Zeichen dafür, dass Lesbisch- bzw. Schwulsein immer noch, trotz aller vermeintlichen Offenheit, mit Vorurteilen belegt ist.

Die oft sehr intensiven Gespräche in der Interviewsituation zeugen davon, dass es uns gelingt, eine vertrauensvolle Atmosphäre herzustellen, die es den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ermöglicht, sich zu öffnen und über ihre persönliche Geschichte, ihnen wichtige und zuweilen auch sehr nahe gehende Themen zu sprechen. Dieses so entstandene Vertrauensverhältnis schätzen wir sehr. Daher ist es uns wichtig, dass die von uns befragten Kinder und Jugendlichen die über sie verfassten Texte noch einmal gegenlesen. Es ist unser Anliegen, dass die Interviewpartner/innen sich in “ihrem” Text wieder finden.

Auch für uns selbst sind die Gespräche mit den Kindern und Jugendlichen sehr intensive und oft berührende Begegnungen.

Und am Ende sind sie oft selbst überrascht, wie viel ihnen eingefallen ist, an wie vieles sie sich erinnert haben oder sie stellen fest, dass sie “noch nie” oder “schon ewig nicht mehr” so lange über dieses Thema gesprochen haben, “soviel fragt ja sonst niemand, höchstens der Therapeut”, stellte eine fest und das ist für uns einer der Gründe, warum es eben auch soviel Spaß macht, an diesem Buch zu arbeiten: hier sind die Jugendlichen und die Kinder die Expert(inn)en.


Drei Lese(Kost)-Proben

--- Noemi

Durch die Küche zieht der Duft von Roibusch-Vanille-Tee. André gießt mir gerade eine Tasse heißen Tee ein, als die Tür auf fliegt und Noemi abgehetzt und atemlos vor mir steht: „Entschuldige bitte, normalerweise komm’ ich nie zu spät!“

Aber unterwegs ist sie viel. Nicht nur in Berlin, wo sie seit mehreren Jahren zusammen mit André lebt, in einer Wohnung, gerade groß genug für zwei, im 5. Stock mit Blick über die Dächer von Prenzlauer Berg und wo sie Kulturwissenschaften und Italienisch studiert. Sie arbeitet gerade ehrgeizig daran, ihren Magisterabschluss vorzubereiten.

Überhaupt ist Noemi wohl keine, die sich an einem Ort, in einer Stadt für immer verwurzeln würde. Gerade seit ein paar Wochen ist sie von einer 14-monatigen Weltreise zurückgekehrt, mit André zusammen hat sie Asien, Australien und Neuseeland bereist und nächste Woche wird sie für zwei Monate in London sein „nur für einen Job, eben um Geld zu verdienen“ wie sie erklärt. Sie wird für eine Airline-Catering-Firma die First-Class-Bestellungen koordinieren und dieses Mal nur die Menüs auf Reisen schicken und sie nicht selbst in 10.000 Meter Höhe den Passagieren servieren, wie vor ein paar Jahren, als sie als Flugbegleiterin gearbeitet hat.

Unterwegs sein, auf Reisen sein – dieses Thema zieht sich eigentlich durch Noemis ganzes Leben.

1976 ist Noemi als Tochter einer deutschen Mutter und eines indischen Vaters in München geboren. Die ersten Jahre hat sie alleine mit Shanna, ihrer Mutter, gelebt. Kontakt zu ihrem Vater hatte sie nicht. „Meinen Vater kannte ich nicht, meine Eltern hatten – glaube ich – nie eine Liebesbeziehung. Als Kind habe ich meine Mutter mal sagen hören, dass sie nach einem gut aussehenden Mann für ihr Kind gesucht hat, das heißt, er hatte wohl in erster Linie die Funktion eines Erzeugers“.

Vermisst hatte sie ihren Vater nicht, „er war nie da, von daher gab es kein Verlassenwerden, keinen Schmerz, er war einfach gar nicht wichtig“.


Erst viel später, mit 23, hatte sie den Wunsch, ihn kennen zu lernen, und es gelang ihr auch mit Shannas Hilfe, ihn ausfindig zu machen. „Nur ein regelmäßiger Kontakt ist daraus nicht entstanden, er hat eine Familie und zwei Kinder, die von meiner Existenz nichts wissen sollen“. Noemi bedauert das, nicht zuletzt auch deswegen, weil er ihr Indien. „das Land, das mir so anders erschien wie alle anderen Länder, die ich davor gesehen habe“, vertraut machen könnte.

Als Noemi vier Jahre alt war, lernte Shanna Sandra kennen. Sandra war Italienerin, „eine ganz, ganz dicke Italienerin“, wie Noemi belustigt erzählt, „das war mein allererster Eindruck von ihr“. Sandra und Shanna verliebten sich ineinander, wurden ein Paar, Sandra, Shanna und Noemi eine Familie.


„Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass ich eifersüchtig war“, überlegt Noemi, „wäre ja eigentlich nahe liegend gewesen, weil meine Mutter und ich hatten eigentlich immer eine ganz enge Beziehung zueinander“. Aber das neue Leben war vielleicht einfach zu aufregend: Sandra, Tochter italienischer Migranten, hatte immer wieder mit dem Gedanken gespielt, zurück zu gehen in das Land, in dem sie geboren wurde und das traf sich mit Shannas Wunsch, dem Leben in der Stadt und in Deutschland den Rücken zu kehren, sich in einem wärmeren Teil Europas nieder zu lassen, um naturverbundener zu leben und spirituellen Werten mehr Gewicht, mehr Raum zu geben. Ein Traum, den viele in den frühen 80erJahren träumten. Shanna und Sandra begannen ihren Plan in die Tat umzusetzen. „Mit einem VW-Bulli mit einer Matratze hinten drin“ machten sie sich zu viert auf die Reise - die vierte, das war Diana, die Tochter einer Freundin der Familie, die für eine Zeit bei ihnen lebte. „Wir waren ein Herz und eine Seele“ erinnert sich Noemi, „wie Schwestern“. Sie blieben zunächst für ein paar Monate im Schwarzwald und zogen dann weiter Richtung Süden. In der Toskana fanden sie schließlich einen Ort, ein Haus am Rande eines winzigen Dorfes, an dem ihr Vorhaben wahr werden sollte:

„Wir wohnten in einem uralten Bauernhaus aus dem vorletzten Jahrhundert, absolut idyllisch, oben auf einem Berg, mit einem Zypressenweg, der zum Haus hinaufführte und wir hatten einen riesigen Garten, der immer größer wurde“. Noemi hat sehr schöne Erinnerungen an ihre Kindheit, fand es toll, im Wald zu spielen oder am nahe gelegenen See, sie fuhren ans Meer. Doch die Idylle hatte auch Nachteile und zwei der einschneidendsten hießen Fremd-Sein und materiell sehr eingeschränkt zu leben. Fremd, anders und exotisch, das waren sie. Sie galten als Ausländerinnen, auch wenn Sandra Italienerin war, italienisch sprach und so auch diejenige war, die Kontakte zu den Dorfbewohnern knüpfte und Jobs ausfindig machte, mit denen sie ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten. „Was ja nicht einfach war“, erinnert sich Noemi, „denn weder Shanna noch Sandra hatten anerkannte Abschlüsse, das bedeutete, sie machten erst mal alles, wofür sie gebraucht wurden: Schafe hüten, Wein ernten, alte Leute pflegen.“ Später begannen sie in ihrem Haus, Massagen für die Frauen im Dorf anzubieten. So kamen die Frauen mit Schmerzen in Rücken, Schulter oder im Knie, um sich massieren zu lassen, aber ganz oft war das wichtigste, dass sie sich einfach mal ihre Sorgen von der Seele reden konnten. „Shanna und Sandra waren dabei, ich weiß gar nicht wie ich das nennen soll, so was wie Beichtmütter“ erzählt Noemi. Oder wie Hestia, die griechische Göttin, bei der die Frauen am Herdfeuer saßen, sich wärmten und Rat holten.

Auf eine Weise gelang es also der Familie ganz gut, sich in ein toskanisches Dorf zu integrieren, dennoch blieben sie die Exotinnen, die in ihrem Anders-Sein bestaunt, belächelt, mit Kopfschütteln oder auch mit Mitleid bedacht wurden. „Wir waren einfach in allem anders“ erklärt Noemi, „wie wir uns kleideten, was wir aßen, wie unser Haus eingerichtet war und vor allem, dass wir einfach ganz offensichtlich arm waren, und das Unverständlichste daran für die Italiener war, dass wir das ja freiwillig waren“.


Dazu kam, dass sie nicht in die Kirche gingen, Noemi war weder getauft, noch war sie wie alle anderen Kinder zur Kommunion gegangen und empfing auch nicht die Cresima. Anlass für den Pfarrer, regelmäßig auf dem Berg vorbeizuschauen. „Außerdem wollte er im Frühjahr immer das Haus segnen, wie es in Italien auf dem Land Brauch ist.“ Aber Sandra und Shanna weigerten sich standhaft. „Sie diskutierten und scherzten mit ihm, aber sie ließen ihn nie das Haus betreten, ließen ihn nie über die Schwelle.“

Von daher war es da nur noch ein Tüpfelchen auf dem „i“, dass Shanna und Sandra zwei Frauen waren, jung und gut aussehend, die ganz offensichtlich ohne Männer lebten.  „Auch das war für die Leute im Dorf äußerst merkwürdig, aber sie fanden ganz schnell eine Erklärung dafür, sie sagten: die eine ist „la mamma“, also die Mutter, und die andere ist „la zia“, die Tante. Auch wenn sie genau wussten, dass Sandra nicht meine Tante ist, aber das war ihnen egal.“

Noemi, für die Sandra ihre zweite Mutter war und die mit dem Wissen aufgewachsen war, dass es Frauen gibt, die einander lieben und die wusste, dass ihre beiden Mütter sich lieben, war dennoch froh, dass ihr die öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Thema erspart blieb: “Ich war Sandra und Shanna sehr dankbar dafür, dass sie sich nicht auf dem Dorfplatz geküsst haben und es nicht an die große Glocke gehängt haben, dass sie ein Paar sind“. Und die Lösung, dass Sandra „la zia“ war, fand sie letztendlich ganz praktisch: ich hab’ dann selber gesagt: meine Tante“.

 

Das offensichtliche Anders-Sein war schon anstrengend genug.


“Ich weiß nicht, ob das allen Kinder so geht, aber ich war ein Kind, das lieber so sein wollte wie alle anderen Kinder, ich wollte am liebsten gar nicht auffallen, aber das war schlichtweg unmöglich, weil ich mit allem aufgefallen bin, ich war in nichts so wie die anderen.“ Die Frage nach ihrem Vater war die meist gefürchtetste Frage für Noemi: „Am liebsten hätte ich gesagt, meine Eltern sind geschieden und er ist Busfahrer – im nächsten Dorf oder so“. Zu sagen, dass ihre Mutter und ihr Vater nie zusammengelebt, geschweige denn verheiratet gewesen waren, war für die dörfliche Moralvorstellungen schlichtweg undenkbar. Erwähnte sie, dass ihr Vater Inder ist, machte es das keinesfalls einfacher, denn die italienische Übersetzung für Inder, also „indiano“, ist gleich lautend wie die Bezeichnung für die amerikanischen Ureinwohner. „Die stellten sich meinen Vater dann als einen vor, der wie Winnetou mit Federn auf dem Kopf rum läuft“. Sie zuckt die Schultern und lacht.

Auch wenn es aussichtslos schien, setzte Noemi alles daran, um möglichst wie die anderen zu sein. Von Vorteil war, dass sie mit ihrem dunklen Teint unter den schwarzhaarigen Kindern nicht heraus stach, „ich hätte gut als Süditalienerin durchgehen können“, zum anderen gelang ihr das dadurch, dass sie in kurzer Zeit die Sprache lernte und zwar so perfekt, dass sie lange in Italienisch die Klassenbeste war. Als einen Versuch, sich anzupassen, sieht sie heute auch die Freundschaft zu einem Jungen im Dorf, in den sie sich mit 14 verliebte und mit dem sie mehrere Jahre lang liiert war, „bis ich feststellte, dass mich die Beziehung zu ihm einengt und ich merkte, dass ich mir mein Leben ganz sicher nicht so vorstelle, dass ich ihn heirate und den Rest meines Lebens mit ihm in diesem Dorf verbringen werde“. Zunächst aber bot die Beziehung zu einem Jun-gen, einem jungen Mann, die ersehnte Integration in die Normalität der dörflichen Gemeinschaft und eines italienischen Familienlebens.

Die Pubertät brachte für Noemi schließlich tiefgreifende Veränderungen. Nicht nur erfreuliche. Ihre Eltern trennten sich, Sandra verließ die Familie, ein Einschnitt, ein schmerzhafter Bruch für alle drei.

Shanna gab das Haus auf, suchte sich Arbeit, um den Lebensunterhalt für beide zu finanzieren.

Diese Umbruchsituation hatte jedoch auch eine wunderbare Seite: Noemi konnte in der Kleinstadt, in der sie das Gymnasium besuchte, eine eigene kleine Wohnung beziehen. Sicher hatte das auch praktische Gründe, die langen, zeitraubenden Fahrwege fielen weg, aber vor allem ging es um Noemis Wunsch, selbständig zu sein und eigenständig zu leben. Und den hatten Shanna und Sandra schon immer unterstützt. Vorbehaltlos bis heute, wie Noemi lächelnd erzählt.

Das entscheidendste, wichtigste aber in dieser Zeit war für Noemi, dass sie feststellte, dass sie gar nicht mehr sein wollte „wie all die anderen, dass ich gar keine Lust mehr hatte, mich anzupassen, mich zu geben, wie ich eigentlich gar nicht bin“.

Erleichtert hat ihr dieses Zu-Sich-selbst-Finden, dass sie auf ihrer Schule andere Jugendliche kennen lernte, die mit der katholischen dörflichen Tradition gebrochen hatten, die sich politisch links-alternativ orientierten, die Punks waren, und – wie Noemi erzählt – „wir zum Beispiel sofort, wenn uns in der Schule irgendwas nicht passte, Schulstreiks organisierten“. In den Diskussionen, den Träumen und Visionen dieser Jugendlichen-Gruppe fand sie das wieder, was sie von zuhause her kannte. „Die fanden meine Mutter natürlich dann wahnsinnig toll, die haben mich beneidet darum, wie ich aufgewachsen bin“.


Nach dem Schulabschluss entschloss sich Noemi nach Deutschland zurück zugehen, um zu studieren. „Studieren, das war das einzige, was ich mir vorstellen konnte und die einzige Richtung, auf die dieses Elitegymnasium, auf dem ich mein Abitur gemacht habe, vorbereitet hat. Also tat ich das, was mir als Berufsweg vorgezeichnet war: ich studierte“.

Doch mittlerweile hat sie in viele weitere Richtungen geschaut.

Eins aber ist klar: „auf jeden Fall wollen André und ich weg aus Berlin, und weg aus Deutschland. Ein Traum von uns ist es, einen Ort aufzubauen, ein Haus zu eröffnen, in dem es Wellness und Bildung gibt.“ - Ein bisschen klingt es wie Shannas und Sandras Idee von damals. „Stimmt“, sagt Noemi, „wir haben uns auch schon ein Haus in der Toskana angeschaut, ganz in der Nähe von unserem damals“.

Aber vielleicht zieht es die beiden auch nach Australien.

Oder nach Neuseeland.

Ganz sicher ist jedenfalls, dass sie immer wieder Reisen unternehmen wird. Auch nach Indien, in das Land, aus dem ihr Vater stammt und der einzige Ort, an dem die Leute sofort ihre indische Herkunft bemerkten. „In Italien hat mir niemand geglaubt, dass ich Deutsche sein soll, in Deutschland haben mich alle als Ausländerin wahrgenommen, ausnahmslos alle haben mich gefragt, woher ich denn komme, nur in Indien haben sie mich als eine, die von dort stammt, erkannt.“

Vielleicht kommt auch irgendwann der Tag, an dem sie ihre indischen Großeltern besucht.

--- Georg

„Morgen ziehe ich aus!“ verkündet Georg, als er mich zwischen den Umzugskartons, die sich im Flur stapeln, ins Wohnzimmer führt.

Kurz vor seinem 18. Geburtstag, findet er, wird es höchste Zeit, dass sein Vater Geerd und er sich räumlich voneinander trennen. Wenn auch nicht allzu weit – im gleichen Haus im Berliner Bezirk Charlottenburg werden sie weiterhin wohnen, Georg im vierten Stock, Geerd im dritten: „Dann kann ich ihm auf dem Kopf rumtanzen“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Die erste eigene Wohnung. Georg freut sich: „Endlich keine Verhandlungen mehr darüber, wer wann mit Staubsaugen dran ist und wer die Spülmaschine ausräumt“ und keine Diskussion mehr darüber, ob sein Zimmer ordentlich oder unordentlich sei. „Meine Unordnung ist meine Ordnung,“ sagt er entschieden, und schließlich sei es ja wichtig, „dass ich alles finde, was ich suche und nicht er.“


Auf eigenen Füssen stehen lernen und für sich selbst verantwortlich sein, das steht jetzt an.

Georg wohnt, seitdem er elf ist und seine Mutter und Geerd sich getrennt haben, mit Geerd zusammen.

Meistens zu zweit, immer wieder einmal auch zu dritt, wenn einer der Freunde des Vaters einzog und sie als Familie zusammenlebten. Manche blieben zu kurz als dass sie wirklich Co-Vater für ihn waren, „aber einer war wirklich wie ein Vater für mich da, hat viel mit mir unternommen, ist mit uns verreist, hat gekocht und hatte wirklich ganz viel Zeit für mich.“

Wenn Georg von seinem Vater spricht, ist die Wertschätzung und Verbundenheit, die er ihm gegenüber empfindet, zu spüren. Seine Entscheidung, mit Männern zu leben, kam ihm als „was ganz Natürliches vor.“ Schließlich, so erzählt er „hatte mein Vater immer auch schon Beziehungen mit Männern – auch bevor er meine Mutter geheiratet hat - nur irgendwann war’s eben für ihn klar, dass er sich mehr zu Männern hingezogen fühlt.“

Aber dennoch weiß Georg, dass Geerd es ablehnt, in eine Schublade gesteckt zu werden: „Er sagt immer, es könnte ihm ja schließlich auch mal ne Frau begegnen, in die er sich verlieben würde.“

Diese Offenheit gefällt Georg, und die hat er ebenfalls als Lebensmotto für sich übernommen, nur eben umgekehrt: Seit eineinhalb Jahren unsterblich-unglücklich in seine Tanzpartnerin verliebt, schaut er durchaus auch Männern hinterher - oder in die Augen. „Mein Tanzlehrer zum Beispiel ... - der strahlt so eine Erotik aus“, schwärmt Georg.

Er grinst. Wie er sich definiere? Oh, ich hatte eine so schöne Bezeichnung gefunden, ‚Tunte mit heterosexueller Orientierung’“ sagt er und erzählt amüsiert, wie er auf dem letzten Christopher-Street-Day in langem pinkfarbenem Kleid und Highheels stolzierte, auf dem Rücken gut sichtbar ein Schild, das warnte „ich bin hetero“ und an seiner Seite Geerd und Geerds bester Freund „als Bodyguards“.


Mittlerweile hat er genügend Selbstbewusstsein für Provokationen dieser Art und einen spielerischen Umgang mit seiner sexuellen Identität. Etwas, das er sich hart erkämpft hat. „Erst in der Berufsschule und im Tanzkurs habe ich es geschafft, mehr aus mir herauszugehen und dort habe ich dann auch meine besten Freunde kennen gelernt.“

Früher, in der Schule, stand Georg eher außerhalb der Jungscliquen, fühlte sich nicht zugehörig und ärgerte sich maßlos, wenn dieselben Jungs, die sich nachmittags bei Georg zuhause mit seinem Vater prächtig verstanden und Georg um diesen „echt coolen Vater“ beneideten, in der Schule in der Gruppe zusammenstanden und mit künstlich hoher Stimme „haititaiti“ riefen, wenn Georg vorbeikam. Georg war nicht schlagfertig genug, um zu kontern oder sich mit ihnen zu streiten: „Aggressiv werden, das lag mir noch nie.“


Stattdessen zog Georg sich zurück, distanzierte sich, fühlte sich einsam, litt. Und war froh, als er nach der zehnten Klasse abging, um seine Ausbildung zu beginnen.

Heute, aus der Distanz heraus betrachtet, glaubt er, dass „die es einfach nicht besser wussten“ und „dass es ihnen anscheinend nur darum ging, dazu zu gehören - obwohl sie Schwule eigentlich gar nicht so blöd fanden wie sie taten.“

Auch Georg hat erst in den letzten Jahren gelernt, jemandem seine Meinung ins Gesicht zu sagen. Mit seiner Power, die er heute besitzt, sagt er, würde er „die ansprechen und fragen, ej, wieso machst du das eigentlich?“ So wie er das sagt, wirkt es, als gäbe er sich nicht mit einer läppischen Antwort zufrieden.

Zeitweilig war sich Georg überhaupt nicht so sicher, ob das so gut war, dass in der Schule alle bescheid wussten, dass sein Vater schwul ist. Zwar sind die Lehrer „eigentlich gar nicht anders“ mit ihm umgegangen, nachdem sie wussten, dass Georgs Vater Beziehungen mit Männern hat. Georg hatte eher den Eindruck, dass „sie auf mich ein Auge mehr geworfen“ haben, und im Blick hatten, dass Georg, einer der Stillen der Klasse, Unterstützung braucht.

Dennoch hätte er sich von den Lehrern gewünscht, dass sie sich eindeutiger positionierten, entschiedener Vorurteilen entgegen gesteuert hätten, „wenn sie zum Beispiel gefragt hätten, was gibt’s denn da zu lachen?“, sobald die Jungs, die sich in der Gruppe immer so cool gaben, lauthals über Schwule lästerten und Witze rissen. Aber stattdessen haben die Lehrer und Lehrerinnen lieber schnell das Thema gewechselt.


Auch der Religionslehrer, selbst schwul, kapitulierte angesichts der Unruhe, die die Diskussion über Homosexualität in der Klasse auslöste.„Danach war dann das Thema Vampire dran.“ Georg zuckt die Achseln. „Aber eigentlich fand ich die Themen in Religion immer ganz okay.“ Wichtig in dieser Zeit war für Georg, dass er sich der Unterstützung durch die Oma, die immer ein offenes Ohr für ihn hatte, eine Frau, die selbst viele Schwule und Lesben im Freundes- und Bekanntenkreis versammelte, immer sicher sein konnte. Und natürlich die von Geerd. Nicht dass er Geerds Exaltierheit niemals peinlich gefunden hätte, wenn Geerd zum Beispiel - so wie neulich als DragQueen Geburtstag feiert „und alle Gäste sich erst mal wundern und fragen, huch, wo ist denn das Geburtstagskind?’, aber dann finden es doch alle ganz witzig.“

Auch Geerds unverblümte Art hätte Georg zuweilen lieber mal leiser gedreht. Denn damals, als er beim Elternabend auf die Wahlliste der Elternvertreter gesetzt wurde, sagte Geerd ganz direkt: „Ihr könnt mich gerne wählen, aber vorher möchte ich, dass Ihr wisst, dass ich homosexuell bin!“ – Er wurde Elternsprecher. Georg lächelt.


Und da ist ja auch noch der Beruf, der beide verbindet. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, sagt Georg belustigt, ja, Friseur das sei er „aus Überzeugung“ – und das glaube ich ihm sofort, denn seine Begeisterung, wenn er davon erzählt, wie er seine Kunden berät, welche Frisur er empfiehlt und zu welcher Farbe er rät, ist zu spüren. Am allermeisten reizt ihn selbstverständlich das Extravagante: „Es macht natürlich umso mehr Spaß, wenn man mit Farbe spielen kann und irgendwas schneidet, wie es einem gerade so aus der Seele rauskommt.“

Und: Er weiß auch durchaus, was einen guten Friseur außer hand-werklichem Können auszeichnet: „Als Friseur bist du eben auch ein Stück weit Therapeut, wenn die Leute kommen, unglücklich, weil die Haare nicht sitzen und sie überhaupt ihr ganzes Leben Scheiße finden und ich ihnen dann eine neue Frisur verpasse und sie gehen mit einem Lächeln raus ... - das find’ ich klasse.“

Im nächsten Jahr erhält Georg seinen Gesellenbrief und er hat ehrgeizige Pläne für seine berufliche Zukunft: „Starfriseur will ich vielleicht nicht gerade werden“ – aber warum eigentlich nicht? Er sprüht vor Ideen, seinen Beruf mit Events zu koppeln und etwas Extraordinäres und Besonderes zu entwickeln. Dennoch: Zeit für seine neue Leidenschaft muss es auf jeden Fall auch noch geben:

Georg ist begeisterter Standard- und Latein-Tänzer – das passt gut zu seiner quecksilbrigen Lebendigkeit und seinem offensichtlichen Spaß, sich mit seinem Körper auszudrücken - ich kann mir gut vorstellen, wie er sich und seine Tanzpartnerin beim Tango oder Paso Doble durch den Raum wirbelt. Auch hier hat Georg durchaus Ambitionen: „Auf jeden Fall wollen wir auf Turniertanz hinaus.“

In seiner Stimme eine Entschiedenheit, die keinen Zweifel zulässt.

Im letzten Herbst hat Georg im Garten einen Mammutbaum gepflanzt. Erst 80 Zentimeter hoch ist das Sequoiabäumchen, und es wird eine Weile dauern bis ein richtig groß gewachsener Baum aus ihm geworden ist. Georg weiß, dass man abwarten können muss. Darauf und auch bis die große Liebe des Lebens vorbeischaut –  auch wenn es einen von den Haar- bis zu den Zehenspitzen vor Ungeduld kribbelt.

--- Robin

Robin, ein aufgeweckter Elfjähriger, isst am liebsten Schnitzel mit Pommes. Und er will Comiczeichner werden, denn er liebt Mangas – japanische Comics. Fußballer wäre auch noch eine Möglichkeit. Sein Motto: Niemals aufgeben und immer weiterprobieren!

Ich besuche Robin in seinem Zuhause: Eine großzügige Altbauwohnung in einer Villa, die er mit seinen beiden Vätern bewohnt. Zwei Väter hatte Robin nicht von Anfang an. Eigentlich hat alles ganz traditionell begonnen. Eine Frau und ein Mann lernen sich kennen und lieben, sie heiraten und nach vielen Jahren kündigt sich plötzlich Robin an. Als er fünf Jahre alt ist, verlässt Robins Vater Eckard die Familie, weil es ihn zu Männern zieht. Das war 1997. Robin bleibt bei seiner Mutter und der großen Schwester, die aus erster Ehe der Mutter stammt. 1998 stirbt Robins Mutter bei einem Unfall. Da kennen sich Eckard und sein Freund Peter gerade mal sechs Wochen.

Bald darauf versuchen Eckard, Robin und Peter, irgendwie zusammenzuwachsen. Eine Familie sind sie da aber noch lange nicht.

„Ja, am Anfang war der Peter noch fremd und so, da wusste er noch nicht mit Kindern richtig umzugehen. Und dann hat er manchmal Fehler gemacht.“

Robin erinnert sich noch daran, wie das war, als Peter in die Familie kam. „Also er hat sich dann bei uns eingewohnt und ich hab’s nicht so verstanden, weil ich war ja noch klein, und dann irgendwann kannte ich ihn halt auch als Papa.“ Die Frage, wie denn sein Verhältnis zu den beiden Papas sei, beantwortet er mit einem Wort: „Eng.“ Er macht auch keinen Unterschied zwischen den beiden.


„Dass ich den Peter auch gern habe, das finde ich schön. Weil, es könnte ja sein, dass ich mich mit ihm streiten würde, dass ich mich dann nicht wohl fühlen würde.“

Robins Großmutter väterlicherseits hatte große Probleme mit der neuen Familiensituation. Da musste erstmal viel Zeit vergehen und geredet wird über das Thema eigentlich nicht. „Ja, vor allen Dingen meine Oma – die konnte es erstmal gar nicht verkraften. Und nach einer Zeit wusste sie es und musste damit einverstanden sein, und dann ging’s.“ Ich frage, ob es für die Großmutter ein unangenehmes Thema ist. „Nein, das glaube ich nicht, aber warum sollte die darüber sprechen? Das weiß ich auch nicht; also die weiß es ja und die erzählt es auch keinem weiter.“

Vor kurzem ist Robin auf eine neue Schule gekommen, eine Ganztagsschule. In dieser Schule weiß noch niemand von seiner ungewöhnlichen Familienkonstellation. In der Grundschule wussten alle Bescheid. Dort hat Robin keine offene Diskriminierung wegen seiner schwulen Väter erlebt. „Da hatte ich auch noch Freunde aus der zweiten bis zur vierten Klasse, und die wussten das ja. Und die hat es aber auch nicht gestört – glaube ich.“

Dennoch zögert er, in der neuen Schule von seiner Familie zu erzählen. „Also ein bisschen habe ich davor Angst, ich weiß es nicht. Ich habe es noch nicht ausprobiert zu sagen......weil manche aus meiner Klasse, die finden das komisch, dann habe ich Angst, dass ich die verliere, wenn ich es denen sage.“ Robin rutscht auf seinem Stuhl hin und her.


Am besten gefallen Robin an seinem Familienleben die vielen geeinsamen Unternehmungen. Die Familie ist oft unterwegs, sehr gerne zum Beispiel im Schwimmbad.

Robin mag Sport. Er skatet und spielt Fußball und außerdem spielt er Schach in der Schule. Die Ganztagsschule mit ihren vielfältigen Angeboten gefällt ihm sehr gut.

Ich frage Robin, ob er meint, dass er mit seinen zwei Vätern irgendwie anders lebt als die anderen Kinder in seiner Klasse. Robin grinst: „Zum Beispiel, dass man immer in andere Restaurants geht und dass viel mehr los ist, auch weil man immer viel feiert.“


Robin findet es gut, dass seine Eltern offen schwul sind. Er kennt alle Erwachsenen aus dem vielfältigen homo- und heterosexuellen Freundeskreis von Eckard und Peter und genießt es, wenn es etwas zu feiern gibt.

Als er noch in der Grundschule war, wurden Robins Geburtstage immer zuhause gefeiert. Da kam es schon auch mal vor, dass der eine oder andere Freund ihn um seine beiden Väter beneidet hat. „Bei Euch ist es soo nett“, das hat Robin mehrmals gehört.

Am liebsten übernachtet Robin bei seinem Freund Michi, denn mit den Erwachsenen ist es auf Dauer doch langweilig. Manchmal übernachtet Michi auch bei Robin und dann wird die halbe Nacht geredet und gespielt.

Was Robin am meisten stört? „Überhaupt – finde ich blöd, zum Beispiel von den Ausländern, dass die sagen, dass Schwule und Lesben behinderte Menschen sind, oder blöd. Das stört mich, weil die es gar nicht wissen können. Und das sagen denen wahrscheinlich die Eltern und dann kennen die nichts anderes, das stört mich.....An meinen Eltern richtig groß stören tut mich eigentlich gar nichts.“ Nervig findet er, wenn ihn jemand fragt, ob er wohl auch mal schwul wird. „Na ja, wenn welche meinen, dass sie es sagen müssen, dann sollen sie es sagen, aber ich finde es blöd.“

Robins Wünsche? „Es wäre halt gut, wenn meine Mutter wieder leben würde. Aber so wie es jetzt ist, ist es auch gut. Ich wünsch‘ mir, dass nicht noch irgendwer stirbt.“

Ich frage Robin, ob er eine Botschaft für andere Kinder von lesbischen Müttern oder schwulen Vätern hat. „Ja, dass sie sich nicht schämen sollen und dass sie ihr Leben leben sollen.“

Milchreis ist übrigens Robins zweites Lieblingsessen.

Über dieses Buch(3)

Das Vorurteil, Kinder von homosexuellen Eltern hätten ein schweres Schicksal, sie seien Diskriminierungen in Schule und Peergroup ausgesetzt, und würden überdies zur Homosexualität erzogen, ist immer noch weit verbreitet. Wir finden, dass es höchste Zeit ist, die Kinder, die mit lesbischen Müttern oder schwulen Vätern aufwachsen, selbst einmal zu Wort kommen zu lassen und die Diskussion zum Thema lesbisch-schwule Lebensweisen um die Perspektiven der Kinder zu erweitern.

Die meisten Kinder aus sogenannten Regenbogenfamilien stammen aus vorhergehenden heterosexuellen Beziehungen, doch immer mehr Lesben und Schwule erfüllen sich ihren Kinderwunsch auf vielfältige Weise. Dass sich Kinder von Lesben oder Schwulen in ihrer Entwicklung nicht signifikant von Kindern aus heterosexuellen Familien unterscheiden, ist mittlerweile auch in deutschsprachigen Fachkreisen bekannt.

Bisher liegt im deutschsprachigen Raum jedoch weder eine Forschungsarbeit noch eine Publikation vor, in der die Kinder im Zentrum stehen und selbst mit ihren Erfahrungen zu Wort kommen und darüber berichten, wie sie es erleben, bzw. erfahren haben, bei einer lesbischen Mutter oder einem schwulen Vater aufzuwachsen.

In diesem Band kommen 36 Töchter und Söhne zwischen sechs und 31 Jahren zu Wort. Sie berichten über ihr Verhältnis zu ihren Eltern, wie es ihnen in der Schule geht, ob sie Diskriminierungen erfahren und wie sie darauf reagiert haben, wie es für sie ist, Eltern zu haben, die nicht dem Mainstream entsprechen, welche Einstellung sie zu Toleranz haben, wie sie sich selbst sexuell orientieren und wie sie sich ihre Zukunft wünschen.

Die Kinder, Jugendlichen bzw. Erwachsenen leben in deutschsprachigen Groß- und Kleinstädten oder in ländlicher Umgebung, sie unterscheiden sich in ihrer kulturellen und sozialen Herkunft, sie stammen aus heterosexuellen Verbindungen oder sind in lesbische Paarbeziehungen hineingeboren oder als Pflegekind aufgenommen.

Ihre Geschichten sind so unterschiedlich wie sie selbst. Und sie erzählen davon, dass ihre Familien eigentlich gar nicht so anders sind – oder doch völlig aus dem Rahmen fallen.

Ergänzend zu den Porträts werden außerdem die Ergebnisse der aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen zur psychosozialen und sexuellen Entwicklung Kinder lesbisch-schwuler Eltern kurz zusammengefasst.

Umfassende Literaturtipps sowie Beratungs- und Internetadressen runden das Buch ab.

Literaturliste zum Thema „Homosexuelle Elternschaft“

Ergänzend zu einzelnen Literaturangaben (Berger et al. 2000, de la Camp  2001, Combs 2000, Garner 2004, LSVD 2003, Sasse 1995, senbjs 1997 & 2001, Skutch 1995, Snow 2004, Streib 1991 & 1996), die sich im Anhang der Dokumentation finden, empfiehlt Stephanie Gerlach die nachfolgend aufgelisteten Publikationen:

     

  • Gerlach, S.(1997): Brauchen Kinder „geordnete Verhältnisse“? Kinder im Kontext nicht-traditioneller Lebensweisen. In: Dokumentation zum Hearing der PDS zu „Vielfalt der Lebensformen“ im Deutschen Bundestag. Berlin
  • Gerlach, S. (2000): Lesbische und schwule Elternschaft – (k)ein Thema für die praktische Sozialarbeit? In: Dokumentation zur Anhörung des Niedersächsichen Ministeriums für Frauen, Arbeit und Soziales zur Lebenssituation lesbischer Mütter und schwuler Väter. Hannover
  • Hauschild, M. & Rosier, P. (1999): Get Used to It. Children Of Gay and Lesbian Parents. Canterbury University Press.
  • Hoffman, E. (1999): Best Best Colors/Los Mejores Colores. Redleaf Press.
  • Howey, N. (Hg.) (2000): Out of the Ordinary. Essays on Growing Up with Gay, Lesbian, and Transgender Parents, Stonewall Inn Editions.
  • Rafkin, L. (1990): Different Mothers. Sons and Daughters of Lesbians Talk About Their Lives. Cleis Press.
  • Saffron,  L. (1997): What About the Children: Sons and Daughters of Lesbian and Gay Parents Talk About Their Lives. Continuum International Publ. Group.
  • Streib, U.  & Gerlach, S. (1998): Zur Situation von Kindern, die mit lesbischen Müttern oder schwulen Vätern aufwachsen. In:
  • J. Hartmann, C. Holzkamp u.a. (Hrsg.). Lebensformen und Sexualität. Bielefeld.
  • Sullivan, M. (2004): The Family of Woman. Lesbian Mothers, Their Children, and the Undoing of Gender. University of California Press.

Anmerkungen

     

  1. Streib-Brzic, Uli & Gerlach, Stephanie (2005). Und was sagen die Kinder da-zu? Gespräche mit Töchtern und Söhnen lesbischer und schwuler Eltern. Querverlag. Link: www.undwassagendiekinderdazu.de
  2. Stephanie Gerlach brachte eine Literaturliste zum Thema „Homosexuelle El-ternschaft“ in die Lesung mit, die neben Publikationen der Autorinnen zu dem Thema speziell englischsprachige Bücher von und für Kinder aus Regenbogenfamilien beinhaltete. Diese Liste findet sich am Ende des Kapitels.
  3. Dieser Begleittext findet sich im Internet unter http://www.undwassagen¬diekinderdazu.de/warBuch.html