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Dokumentation

Pressemeldung von LSVD Pressestelle

01. Dezember 2005

In Memoriam

Pierre Seel (1923 - 2005)


Die Initiative »Der homosexuellen NS-Opfer gedenken« und der LSVD haben mit großer Bestürzung vom Tod Pierre Seels Kenntnis erhalten. Als einer der letzten Überlebenden der NS-Verbrechen an Homosexuellen hatte er in den letzten 23 Jahren unermüdlich über dieses schreckliche Kapitel berichtet und in Frankreich für die Anerkennung der homosexuellen Deportationsopfer gekämpft.Das Mémorial de la Déportation Homosexuelle hat uns gebeten, den Nachruf in deutscher Übersetzung zu verbreiten. Wir kommen diesem Wunsch gern nach.

 

Pierre Seel (1923 - 2005)

Ein wichtiger Zeitzeuge für die Nazi-Verfolgung von Homosexuellen ist im Alter von 82 Jahren gestorben

Das Mémorial de la Déportation Homosexuelle (MDH), die französische nationale Vereinigung zum Gedenken an die homosexuellen Opfer des Nazi-Regimes, hat den Tod Pierre Seels bekanntgegeben. Seel starb am 25. November 2005 im Alter von 82 Jahren in Toulouse. Rund zweihundert Männer wurden wegen ihrer Homosexualität aus dem annektierten Elsaß-Lothringen in Nazi-Konzentrationslager verschleppt. Pierre Seel war der einzige Überlebende, der öffentlich über sein Schicksal sprach. Sein Buch “Ich, Pierre Seel, deportiert und vergessen" wurde international beachtet und erschien nach der französischen Originalausgabe

(1994) in englischer, spanischer und deutscher Übersetzung (diese 1996 in Köln veröffentlicht).

Auch in dem amerikanischen Dokumentarfilm “Paragraph 175" legte er ein tief bewegendes Zeugnis seines Schicksals ab (Telling Pictures, 2000).

In einer gemeinsamen Erklärung mit drei anderen französischen Organisationen von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgenders betonte Bruno Gachard, der Präsident des Mémorial de la Déportation Homosexuelle: “Pierre Seel starb friedlich im Schlaf. Er hinterließ uns die Erinnerung an seine Leidensgeschichte. Durch sein Vorbild, durch seine Liebenswürdigkeit und durch seine Offenheit ermöglichte er uns, zu wissen, wer wir sind und woher wir kommen."

1941 - Pierre Seel war 17 Jahre alt - verhafteten ihn die Nazis in seinem Heimatort Mulhouse, weil sein Name auf einer Liste von Personen stand, die der Homosexualität verdächtigt wurden. Die Liste hatten die Nazis von der örtlichen französischen Polizei erhalten. Seel wurde von der SS brutal gefoltert und dann in das Konzentrationslager Schirmeck-Vorbruck verbracht. Während seiner Internierung wurde er gezwungen, die Ermordung seines 18 Jahre alten Partners, Jo, mit anzusehen, der von Wachhunden unter der Aufsicht der Lagerverantwortlichen zerfleischt und zerfetzt wurde. Nach sechs Monaten schwerster Not und Brutalität wurde Seel aus dem Lager entlassen, nur um gegen seinen Willen in die deutsche Armee eingezogen und an die russische Front geschickt zu werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Pierre Seel nach Frankreich zurück mit dem festen Wunsch, nun ein sicheres und ruhiges Leben zu beginnen. Wie viele Homosexuelle in dieser Zeit, als die französische Gesellschaft weiterhin Homosexualität scharf ablehnte, heiratete er und gründete eine Familie. Dabei schuf er sich eine Existenz als Ladeninhaber und sorgte für seine Frau und drei Kinder. Peinlich vermied er, über seine Homosexualität und seine traumatischen Erlebnisse während der Verfolgung zu sprechen. In seinen Memoiren bezeichnete er diese Periode als “Jahre der Scham" wegen der unverheilten psychischen und physischen Wunden, die er von den Nazis erlitten hatte.

Nach nahezu vier Jahrzehnten - seine Kinder waren erwachsen und die französische Schwulenbewegung hatte sich in der Gesellschaft Gehör verschafft - entschloss sich Pierre Seel dann, 1982 sein Schweigen zu brechen. Die verbleibenden 23 Jahre seines Lebens widmete er sich als entscheidender Akteur dem Kampf um die Anerkennung, dass auch Franzosen Opfer der antihomosexuellen Politik des Nazi-Regimes wurden. Die französische Regierung sprach diese Anerkennung erst im Jahr 2001 aus, als der damalige französische Premierminister Lionel Jospin auch die homosexuellen Opfer in seiner Rede zum jährlichen nationalen Gedenken an alle französischen Bürger erwähnte, die in die Nazi-Konzentrationslager deportiert wurden.

Historiker schätzen, dass das NS-Regime insgesamt zwischen 5.000 und 15.000 Männer aus Deutschland und den annektierten Gebieten in Konzentrationslager verschleppte wegen deren Homosexualität; die Mehrzahl von ihnen kam um, bevor die Lager 1945 befreit wurden. Mit dem Tod Pierre Seels ist die Zahl bekannter, noch lebender Zeitzeugen, die über ihre Internierung in der Nazi-Zeit öffentlich berichtet haben, auf eine Zahl von weniger als zehn weltweit gesunken.

Pierre Seel hinterläßt seinen Partner, Eric Feliu, in Toulouse, seine Frau und seine drei Kinder. Nach einer Trauerfeier im privaten Kreis in Toulouse wurde er am 28. November 2005 auf dem kommunalen Friedhof in Bram in Frankreich beigesetzt.

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Photographien von Pierre Seel können Sie beim Webmaster der Triangles-Roses-Website erhalten: Wenden Sie sich bitte an Franck Dennis. <mailto:contact@triangles-roses.org>

Für weitere Informationen steht Ihnen in französischer Sprache der Präsident des Mémorial de la Déportation Homosexuelle (MDH), Bruno Gachard <mailto:bgachard@hotmail.com> und in englischer Sprache das Vorstandsmitglied und US-Repräsentant des MDH, Gerard Koskovitch <mailto:dalembert@aol.com> zur Verfügung.

Übersetzung dieses Nachrufs ins Deutsche:

Eberhard Zastrau (LSVD), Tel.: (+49 - 30) 85 75 71 81, <mailto:zastrau@gedenkort.de>

www.lsvd.de