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Dokumentation

Pressemeldung von RosaLinde Leipzig

30. Oktober 2005

Regenbogen für Kraków

Das Leipziger Schwulen- und Lesbenzentrum RosaLinde Leipzig e.V. nahm im Oktober an den Leipziger Tagen in Kraków teil und sorgte damit für einen nicht ganz ungewollten politischen Skandal.


Im Juli wurde der Verein zusammen mit zahlreichen weiteren Verbänden und Initiativen zur Präsentation ihrer Arbeit zu den Leipziger Tagen in Kraków eingeladen. Die Partnerstädte fördern seit Jahren den Austausch zwischen Polen und Deutschland, auch um die teils unterschiedliche Entwicklung nach 1989 zu diskutieren. Das auf der östlichen Seite der Oder noch Einiges im Argen liegt, zeigen die Reaktionen auf die Präsenz der RosaLinde.

Die Situation von Lesben und Schwule in Polen ist erschreckend. Weite Teile der Bevölkerung sind stark christlich bis rechtskonservativ geprägt. Die Ergebnisse der Parlaments- und Präsidentschaftswahlen haben diese gesellschaftspolitischen Tendenzen „eindrucksvoll“ bestätigt. Das gesellschaftliche Klima macht es Homosexuelle unmöglich offen zu leben. Lesben und Schwule müssen mit massiven Diskriminierungen und tätlichen Übergriffen rechnen. Im Juni dieses Jahres erreichte die homofeindliche Atmosphäre ihren negativen Höhepunkt. Nach menschenrechtsverachtenden Äußerungen von Lech Kaczynski, dem damaligen Warschauer Bürgermeister und jetzigem polnischen Präsidenten, kam es zu gewalttätigen Protesten gegen den Warschauer Marsch für Toleranz, einer Veranstaltung ähnlich dem Christopher-Street-Day (CSD).

Durch den Leipziger CSD, der im Jahr 2005 das Schwerpunktthema Polen gewählt hatte, existierten bereits gute Kontakte zwischen der RosaLinde und der Krakówer Kampagne gegen Homophobie. Diese polnische NGO macht mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf die massiven Menschenrechtsverletzungen und die bedrückende Situation gesellschaftlicher Minderheiten in Polen aufmerksam. Zusammen mit Adam Rogalewski, einem Mitarbeiter der Kampagne, organisierte die RosaLinde eine Konferenz zur Situation von Schwulen und Lesben, die zeitgleich zu den Leipziger Tagen in Kraków stattfand und bei der zahlreiche BügerInnen Krakóws ins Gespräch kamen.

Die Aktionen von RosaLinde und der Kampagne gegen Homophobie wurde von zahlreichen Parteien, Einzelpersonen und städtischen Einrichtungen finanziell unterstützt, da der finanziell angeschlagene Verein die Kosten nicht selbst tragen konnte. Die Tatsache, dass öffentliche Einrichtungen schwullesbische Aktivitäten unterstützen, sorgte in Kraków für große Verwunderung. Eine staatliche Förderung für Aufklärungsarbeit und Projekte gibt es in Polen nicht.

Durch die große Spendenbereitschaft von Leipziger Seite konnte nicht nur die Konferenz in Kraków organisiert und die Teilnahme von VertreterInnen der RosaLinde gesichert werden. Zusätzlich war es möglich Tausend Regenbogen-Aufkleber zu drucken – mit einem Lesben- und einem Schwulenpärchens und der deutschen und polnischen Aufschrift „Wir gehören dazu“. Diese Aufkleber wurden an die TeilnehmerInnen der Konferenz mit dem Auftrag verteilt, das Krakówer Stadtbild zu verschönern. Die gewaltlose Stadtguerilla-Aktion richtete sich in erster Linie an die Krakówer Bevölkerung und warb für Vielfältigkeit und Toleranz.

Für einen Skandal in der Krakówer Medien- und Behördenlandschaft sorgte jedoch nicht die Aufkleber-Aktion, über die man durchaus geteilter Meinung sein kann. Es war vielmehr die bloße Anwesenheit schwullesbischer Vereine, die für Aufregung sorgte. Durch einen Pressebericht wurde bekannt, dass sich der RosaLinde Leipzig e.V. im Rahmen der Leipziger Tage und damit auf Einladung der Krakówer Stadtverwaltung in der Stadt aufhielt. Dadurch geriet die städtischen VertreterInnen in den Verdacht der Homofreundlichkeit, was in einer Stadt mit hundert Kirchen und einem früheren Bischof namens Karel Woitila einem Rufmord gleichkommt. Daraufhin kam es zu einer Reihe aufgeregter Telefonate zwischen Kraków und Leipzig. Die Krakówer Behörden zeigten sich empört, die Leipziger OrganisatorInnen konnten diese Empörung jedoch nicht nachvollziehen. Sie stellten fest, dass schwullesbische Vereine ein selbstverständlicher Teil der Stadt seien und daher wie andere Vereine an der Fahrt teilnehmen würden. Sowohl das Sächsische Bildungswerk, das diese Fahrt organisierte, als auch das Referat für Europäische und Internationale Zusammenarbeit der Stadt Leipzig stellten sich voll und ganz hinter den RosaLinde Leipzig e.V.

Für Erheiterung und Kopfschütteln sorgte die peinliche Aktion eines Krakówer Stadtvertreters, der den Großteil der Informationsmaterialien der RosaLinde, die während einer Vereinspräsentation auf einem Tisch ausgelegt waren, in seiner Tasche verschinden ließ. Es ist also noch viel zu tun in Sachen Akzeptanz und Toleranz. Durch die positiven Erfahrungen und die große Unterstützung, die die RosaLinde erfahren hat, wird sich der Verein auch zukünftig in Polen engagieren. In Zusammenarbeit mit polnischen NGOs sind weitere Aktionen geplant.

Daniel Gollasch, Susanne Hampe

http://www.rosalinde.de/