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Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

„Islamfeindlichkeit, Homosexuellenfeindlichkeit und Rechtspopulismus“

Fachforum auf der LSVD-Regionalkonferenz „Gegensteuern - Rechtspopulismus und Gleichstellungsgegner*innen die Stirn bieten.“

Verbietet der Koran Homosexualität? Sind alle Muslime homophob? Wie umgehen mit religiös legitimierter Homophobie? Wie lässt sie sich abbauen?

Mit Expert*innen: Diana Sherzada, M.A., Institut für Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München; Andreas Ismail Mohr, Islamwissenschaftler.
Leitung: Markus Ulrich, LSVD-Pressesprecher

„Den Islam“ gibt es nicht

Zu Beginn des Fachforums diskutierten die Expert*innen die religiöse Legitimierung von Homosexuellenfeindlichkeit in islamischen Schriften. Auch wurde darüber gesprochen, dass es „den Islam“ ebenso wenig gibt wie „den Muslim/die Muslima“. Orient und Okzident sind durch Migrationen und transnationale Ökonomien, durch elektronische Medien und internationale Beziehungen eng verflochten.

In diesem Zusammenhang merkte Diana Sherzada an, dass es bei der Auseinandersetzung mit den Themen „Muslimfeindlichkeit“ und „Homosexuellenfeindlichkeit“ wichtig sei, sich bewusst zu machen, dass verschiedene Menschengruppen in Deutschland nicht auf die gleiche Weise in der Öffentlichkeit zu Wort kommen wie andere (Wer spricht über wen? Wer wird nicht gehört?).

Was wir über andere wissen und in der Öffentlichkeit hören, kann unsere Meinung aber (unbewusst mit) prägen. Die Frage, wie Normen in der Öffentlichkeit vertreten werden, ist damit eng verknüpft. Daher sollten wir überlegen, von wem diese definiert werden, da somit auch sichtbar wird, was als gegen die Norm beziehungsweise als „unnormal“ gewertet wird.

Wer spricht über wen? Und wer wird nicht gehört?

Wie sich Menschen und Menschengruppen selbst und andere zueinander in diesen Diskursen aber in Bezug setzen und auf-bzw. abwerten, müssen wir nachvollziehen, wenn wir Diskriminierungen als gesamtgesellschaftliches Problem fokussieren und differenzierter verstehen wollen;

Denn Ausgrenzungen und Diskriminierungen bestimmter Menschengruppen gefährden letzt-endlich den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Bei Äußerungen, die Menschen bewusst oder unbewusst ausschließen, müsse sodann auch gefragt werden, welche Rhetorik und Ideologie hinter wahrgenommenen Ausgrenzungsmechanismen stecke bzw. gezielt angewendet werde, so Diana Sherzada.

Bei der anschließenden Diskussion ergänzten die Teilnehmenden, dass es für die Auseinandersetzung mit dem Islam von fundamentaler Bedeutung sei, über den Islam Bescheid zu wissen und in der Argumentation differenziert vorzugehen. Gleichfalls wurde angemerkt, dass es nicht einfach sei, sich mit einer Religion auseinanderzusetzen, die über 1.400 Jahre alt ist. Trotzdem sollte man innerhalb des Diskurses seriös bleiben.

Verbietet der Koran den gleichgeschlechtlichen Akt?

Mit Verweis auf den Islamwissenschaftler und Arabisten Prof. Dr. Thomas Bauer erinnerten die Teilnehmenden daran, dass der Islam in seinen kanonischen Texten fast gar keine Basis er-kennen ließe, um gleichgeschlechtliche Liebe zu verdammen. Die Behauptung „Der Koran verbietet den gleichgeschlechtlichen Akt“ sei aus der Perspektive von einigen Teilnehmenden falsch, da der Koran nur auf Unzucht eingehe und damit Ehebruch (= zinâ) meint. Eine rechtliche oder gar normative Aussage zu homosexuellem Geschlechtsverkehr ließe sich im Koran nicht finden. Auch in der Geschichte des Volkes Lot im Koran wird Homosexualität nicht thematisiert.

Im Anschluss diskutierten die Teilnehmenden Strategien, die Aktivist*innen und Ehrenamtler*innen auf dem Vernetzungstreffen im Dezember 2018 in Mannheim erstellt hatten.

Für die weitere Diskussion waren die folgenden beiden Leitfragen zentral:

  • Wie schätzt ihr die nachfolgenden Strategien ein, um Islamfeindlichkeit/Muslimfeindlichkeit und Homosexuellenfeindlichkeit zu begegnen?
  • Was ist ungenau, kann und muss ergänzt werden? Was sind Stärken bzw. Schwächen dieser Ansätze? Welche Strategien gibt es außerdem noch?

Folgende Strategien wurden diskutiert

  1. Theologische Debatte / Wandel fördern
  2. Vernetzung und Begegnung fördern, um gemeinsame Solidarität zu erreichen
  3. Strafbarkeit von Gewalt betonen / Verurteilung von Gewalt einfordern
  4. Von (geteilten) Diskriminierungserfahrungen ausgehen
  5. Sich auf gemeinsame bzw. islamische Werte berufen

1. Theologische Debatte / Wandel fördern

In der Diskussion mit den Teilnehmenden zeigte sich, dass es schwierig ist, eine Diskussion über die Öffnung von islamischen Religionsgemeinschaften zu führen, ohne den Islam (10) (bspw. Koran, Ahadees (11), Fiqh (12), Seerah (13) mit seinen Interpretationsansätzen zu kennen.

Erschwerend kommt hinzu, dass es fast unmöglich ist, historisch-wissenschaftliche Diskurse und Aussagen auf ihre Validität zu überprüfen. Diese Probleme bei Auslegung und Überprüfung hätten nach Meinung der Teilnehmenden auch Auswirkungen auf theologische Diskurse und ihre Weiterentwicklung.

Darüber hinaus ist der Kreis derjenigen, die sich an theologischen Debatten aktiv beteiligen können, äußerst begrenzt. Viele Menschen haben keinen Zugang zu diesen Diskursen. Um einen Wandel und dementsprechend auch breitere Diskurse zu fördern, müssten nach Meinung der Teilnehmenden diese Foren geöffnet werden, um eine breite Beteiligung überhaupt erst zu ermöglichen.

Dabei seien unterschiedliche Formate für eine Beteiligung (Gespräche, Vorträge bzw.) ebenso wichtig wie die Frage, wer als Zielgruppe diese Diskurse mitgestalten soll. Auch stimmten die Forumsteilnehmenden darin überein, dass es innerhalb einer theologischen Diskussion wichtig sei, Positionen des Islam zu Themen wie „Frauenrechte“ oder „Homosexualität“ transparent und nachvollziehbar zu gestalten.

Welche Aspekte sollten einbezogen werden, wenn über islamische Religion gesprochen oder diskutiert wird?

  • Die Heterogenität und Geschichtlichkeit des Islams sollten einbezogen werden. „The danger of a single story“: d.h. Generalisierung / Stereotypisierung sollten innerhalb der eigenen Argumentation vermieden werden.
  • Muslimische Gesellschaften sollten nicht mit dem „Islam“ und/oder „IS“ gleichgesetzt werden.
  • Es ist sinnvoll, auf sich verändernde Interpretationen der Schriften hinzuweisen.
  • Die eigene Argumentation sollte nachvollziehbar und transparent sein.
  • Es ist zielführend, Parallelen zwischen den Weltreligionen aufzuzeigen und zu benennen. Das betrifft auch Gemeinsamkeiten innerhalb der unterschiedlichen konservativen Strömungen. Es ist aber auch wichtig, über Unterschiede informiert zu sein. Das zeigt Respekt und Interesse.

2. Vernetzung und Begegnung fördern, um gemeinsame Solidarität zu erreichen

Bevor eine Vernetzung und/oder andere Begegnungsformate geschaffen werden können, ist es nach Ansicht der Teilnehmenden grundlegend, zunächst die Zielgruppe(n) zu identifizieren.

Die Frage, mit wem ich mich vernetzen möchte, muss im Vorfeld geklärt werden, um entsprechende Begegnungsformate zielgruppengerecht gestalten zu können. Dabei sollten inhaltliche Schnittmengen identifiziert werden, um eine gemeinsame Diskussionsbasis zu haben.

Faktoren wie Zeit und Geld bei der Vernetzung dürften nicht aus dem Blickfeld geraten. Die Teilnehmenden merkten an, dass es gut wäre, bei möglichen Projektanträgen ausreichend Zeit und Geld für den Einladungsprozess (z.B. individuelle Ansprachen von potentiellen Part-ner*innen) einzuplanen.

Oft sei es zielführender, persönlich anzurufen und zu erklären, um was es bei der geplanten Veranstaltung geht und weshalb diese wichtig ist. In einem Gespräch kann ebenso auf strategische Gemeinsamkeiten bzw. gegenseitige Solidarität hingewiesen werden. Das schafft neue Bündnisse und motiviert weitere Organisationen zur Teilnahme.

Es ist wichtig, diskriminierungsfreie Räume für Begegnung und Vernetzung zu schaffen. Die Begegnung oder Vernetzung sollte so gestaltet werden, dass Ausgrenzungsmechanismen früh-zeitig erkannt und entfernt werden. Das betrifft beispielsweise die Kommunikation (Sprachmittlung) und den Zugang (Barrierefreiheit).

Im Vorfeld sollte auch geklärt werden, wie mit menschenfeindlichen Äußerungen umzugehen ist. Es kommt darauf an, den Austausch und die Begegnung so zu gestalten, dass alle gleichberechtigt daran teilhaben können.

3. Strafbarkeit von Gewalt betonen / Verurteilung von Gewalt einfordern

Bevor über Möglichkeiten und Herausforderungen im Umgang mit Gewalt diskutiert wird, sollte der Begriff der Gewalt besprochen werden. Was ist konkret mit Gewalt gemeint? Verbale Auseinandersetzungen können beispielsweise auch als gewalttätig und gewaltfördernd empfunden werden.

Neue Öffentlichkeiten sollten mittels kreativer Protestformen politisiert werden, um für eine erlebbare Solidarität zu werben (wie zum Beispiel die #metoo-Bewegung, „black lives mat-ter“ und diverse Trans*-Bewegungen).

Hierzu braucht es jedoch auch geeignete Strategien. Grundlegend muss es also sein, die vielfachen Formen der Gewalt aufzuzeigen, wie sie beispielsweise mit Prekarität und Migration, aber auch mit alltäglichen Erfahrungen von Stigmatisierung, Homosexuellenfeindlichkeit, Rassismus oder Transfeindlichkeit einhergehen.

Daher ist es auch wichtig, aufmerksam zu sein, wenn Feindbilder mobilisiert und neu belebt werden. Wo undifferenziert und wenig konstruktiv mit sozialen Unterschieden umgegangen wird, können normative Ordnungen der Zukunft nicht neu und konstruktiv verhandelt werden.

4. Von (geteilten) Diskriminierungserfahrungen ausgehen

Wenn diskriminierende Handlungen reflektiert und geteilt werden, ist es wichtig, stets die eigene Position zu klären. Aus welcher Rolle heraus wird jeweils gesprochen (Mutter, Vater, Wissenschaftler*in, Aktivist*in, Tochter...)?

Die Reflektion der eigenen Erfahrungen mit Ausgrenzung und Diskriminierung kann in bestimmten Kontexten dazu beitragen, dass Betroffenheit erzeugt und solidarische Anteilnahme erreicht wird. Die eigene Betroffenheit kann so als Bindeglied zwischen der eigenen Erfahrung und der Solidarität Anderer fungieren.

Gleichfalls muss dabei anerkannt werden, dass Menschen vielfältige Zugehörigkeiten haben und auch (Mehrfach-)Diskriminierung in unterschiedlicher Weise erfahren.

Nach Ansicht der Teilnehmenden sei es jedoch wichtig, beim Mitteilen der eigenen Erfahrungen auch die persönlichen Grenzen zu kennen und zu respektieren. Was möchte und kann ich von mir preisgeben? Wie kann ich sicherstellen, dass es mir dabei gut geht (Stichwort: Selbst-fürsorge)?

Darüber hinaus sollte geklärt werden, in welchen Räumen „geteilte Diskriminierungserfahrungen“ überhaupt möglich sind (Stichwort: sichere bzw. diskriminierungsfreie Räume). Was kann und darf gesagt werden und wo ist der persönliche Spielraum? Dazu ist es wichtig zu klären, in welchem Kontext Diskriminierungserfahrungen mitgeteilt werden sollen (Medien, Verbände, Hochschulen).

Diese Fragen müssen Menschen individuell für sich klären, wenn Erfahrungen von Ausgrenzung und Anfeindung mit anderen Menschen geteilt werden sollen. Sichtbarkeit braucht Sicherheit und Selbstbestimmung. Besonders das Recht auf ein selbstbestimmtes Handeln sollte eingefordert werden.

Wie können Vereine und Verbände auf muslim-und homosexuellenfeindliche Angriffe reagieren?

  • Solidarisches Handeln bei Angriffen gegen zivilgesellschaftliche Organisationen: LSBTI*-Community aktivieren, wenn es muslimfeindliche Gewalt oder Übergriffe gibt; Solidarität zeigen; Religiöse Autoritäten ansprechen oder anschreiben; Solidarität einfordern, wenn es homosexuellen- oder transfeindliche Übergriffe gibt.
  • Sensibilisierung von Polizist*innen in Aus-und Fortbildungen zum Thema „Hassgewalt und Gewaltprävention“ einfordern.
  • Polizei und Ordnungskräfte explizit auf Gewalt bzw. hetzerische Anfeindungen aufmerksam machen.

5. Sich auf gemeinsame bzw. islamische Werte berufen

In der Diskussion tauschten die Teilnehmenden sich vor allem über die Frage aus, wie Religionsgemeinschaften mit möglichen menschenfeindlichen Einstellungen in ihren eigenen Communities umgehen können. In einem solchen Kontext ist es sinnvoll, nicht nur die eigenen religiösen Werte zu betonen, sondern auf die Grund- und Menschenrechte zurückzugreifen.

Die Menschenrechte bilden die Basis des menschlichen Zusammenlebens und werden von allen Religionsgemeinschaften akzeptiert. Die darin verbrieften Werte und Normen sind auch für Religionsgemeinschaften von Bedeutung.

Darüber hinaus könnten folgende Maßnahmen sinnvoll sein:

  • gemeinsame Werte und Normen nutzen, um diesen Einstellungen entgegenzuwirken
  • Menschenrechte als übergreifende gemeinsame Basis hervorheben
  • auf Werte wie Nicht-Diskriminierung, Nächstenliebe, Toleranz, Friedfertigkeit, Ehrlichkeit und Solidarität verweisen (14)
  • auf das Selbstbestimmungsrecht verweisen (Wo trifft mein Selbstbestimmungsrecht auf das des anderen?)
  • repressive Sexualmoral hinterfragen

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Fußnoten

10 Darüber hinaus gibt es deutliche Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Glaubensrichtungen im Islam (wie zum Beispiel zwischen Sunnit*innen und Schiit*innen).
11 Bezeichnet die Überlieferungen der Aussprüche und Handlungen des islamischen Propheten Mohammed
12 Bezeichnung für die islamische Normenlehre bzw. islamische Rechtswissenschaft
13 Meint das Leben des Propheten (Biographie)
14 Vgl. Westfälische Wilhelms-Universität Münster: Integration und Religion aus der Sicht von Türkeistämmigen in Deutschland, S. 18