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Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

Regenbogenkompetenz in Kirchen und Religionsgemeinschaften

Ergebnisse des Fachforums auf dem zweiten Regenbogenparlament "Akzeptanz für LSBTI* weiter gestalten" in Köln

Zum Umgang von katholischer Kirche, evangelischer Kirche und muslimischen Gemeinden mit Homosexualität und Strategien gegen religiös legitimierte Homophobie.

In jahrzehntelangen Kämpfen konnten wesentliche Fortschritte bei der rechtlichen Anerkennung und gesellschaftlichen Akzeptanz von Lesben, Schwulen, bisexuellen, trans* und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTI*) erreicht werden. Aber auch nach der Öffnung der Ehe und dem wegweisenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Dritten Geschlechtseintrag sind Homophobie, Transfeindlichkeit und weitere Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in vielen gesellschaftlichen Bereichen allgegenwärtig. Erfolge in punkto Gleichstellung und Akzeptanz stehen massiv unter Beschuss von Rechtspopulist*innen und Gleichstellungsgegner*innen. Ein aggressives und menschenfeindliches Klima droht wieder salonfähig zu werden. Wie kann vor diesem Hintergrund die „Regenbogenkompetenz“ in der Senior*innenarbeit, in der Bildung, in Religionsgemeinschaften, in den Medien, in der Arbeitswelt und in der internationalen Menschenrechtspolitik erhöht werden? Das wurde beim zweiten bundesweiten Regenbogenparlament in Köln mit über 80 Teilnehmenden diskutiert.

Hier dokumentieren wir die Ergebnisse des Fachforum 2 "Regenbogenkompetenz in Kirchen und Religionsgemeinschaften" mit Dr . Michael Brinkschröder (Regenbogenforum röm.-kathol. Kirche), Eva Burgdorf (Regenbogenforum, protest. Kirche), Günter B. Ginzel (liberales Judentum) und Miyesser Ildem (Liberal-Islamischer Bund). Moderiert wurde es von Henny Engels aus dem LSVD-Bundesvorstand. Die Broschüre mit den Ergebnissen und Handlungsempfehlungen des 2. Regenbogenparlaments "Akzeptanz von LSBTI* weiter gestalten" kann hier heruntergeladen werden oder aber so lange der Vorrat reicht per Mail an presse@lsvd.de kostenfrei bestellt werden.

Über die Vereinbarkeit von Religiosität und Akzeptanz unterschiedlicher Lebensweisen und Identitäten wird oft gestritten. Sowohl in den christlichen Kirchen als auch in muslimischen und jüdischen Glaubensgemeinschaften gibt es ausgeprägte Strömungen von Homosexuellen- und Trans*Feindlichkeit. Es gibt in allen Gemeinschaften auch fortschrittliche Kräfte, die für die Vereinbarkeit von Glauben und Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit eintreten. Im Fachforum wurde unter anderem der Frage nachgegangen, wie sowohl die Situation von LSBTI* innerhalb der Religionen als auch der öffentliche Umgang der Glaubensgemeinschaft mit LSBTI* und ihren Interessen verbessert werden können. Das Fachforum war eine Fortführung aus dem ersten Regenbogenparlament in Berlin.

1. Inputs der Expert*innen

Günter B. Ginzel, Jüdische Perspektive, Köln: Auch in einer säkularen Gesellschaft leben religiöse Vorstellungen weiter, als Nischen und als anonyme Formen das wird oft unterschätzt. In der Vergangenheit (nach Auschwitz) fehlte die Solidarität der Minderheiten untereinander: Lesben und Schwule, Roma und Sinti waren nicht anerkannt. Die Einladung von Sinti und Roma zu Gedenkfeiern ist Ignaz Bubis zu verdanken.

Das Thema Homosexualität ist immer auch mit anderen Vorurteilen und Traumata verknüpft. Das spielte z.B. in der NS-Propaganda eine Rolle. Die Liberalisierung in der Gesamtgesellschaft hat auch die Liberalisierung in Religionsgemeinschaften vorangetrieben. In der liberalen jüdischen Gemeinde in Köln ist Homosexualität kein großes Thema. Das hat sich – ebenso wie das Denken über die Stellung der Frau – inzwischen sehr stark gewandelt aufgrund der Idee einer Solidarität der Minderheiten untereinander. So gibt es mittlerweile einen speziellen Schabbat-Gottesdienst vor dem CSD.

In der Orthodoxie bewegt sich zumindest in Teilen einiges: Kann man Schwule und Lesben akzeptieren, weil sie „krank“ sind? Denn in diesem Fall müsste man nett zu ihnen sein, doch wäre es keine Krankheit, sind sie dann „gefährlich“? Das wird gerade in Israel intensiv diskutiert. Weltweit sind orthodoxe Juden/Jüdinnen aber in der Minderheit.

Miyesser Ildem, Liberal-islamischer Bund (LiB): Als Muslima ist es in diesen Zeiten nicht so einfach, über Homosexualität zu sprechen. In der Öffentlichkeit besteht der Eindruck, dass Homosexuellenfeindlichkeit ein zentrales Kennzeichen vornehmlich des Islam sei. Die meisten muslimischen Länder haben sehr rigide Vorstellungen gegenüber Homosexualität. Auch in Deutschland sind die Verbände sehr konservativ orientiert. Der Liberal-Islamische Bund (LiB) hat ein Positionspapier zu Homosexualität veröffentlicht, das eine neue Theologie zu entwickeln versucht. Das hat dem Verband viel Kritik eingebracht.

Der LiB arbeitet eng mit internationalen Netzwerken zusammen, z.B. mit The Inner Circle, Südafrika (Muhsin Hendricks), der Safe Spaces bildet und LSBTI*-Imame ausbildet. Ein vielversprechender Ansatz scheint zu sein, das Thema zu enttheologisieren. Ziel ist es, LSBTI* eine Heimat zu geben, um ihnen zu ermöglichen, ihre Religion und ihre geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung zusammen leben zu können.

Michael Brinkschröder, Regenbogenforum, röm.-katholische Kirche: Die Ausstellung „Verschaff mir Recht“, die die Kriminalisierung von LSBTI* und die Verantwortung der röm.-kath. Kirche thematisiert, wird derzeit in kath. Erwachsenenbildungsstätten, Akademien oder Einrichtungen der City-Pastoral gezeigt.

Zur diesjährigen weltweiten Jugendsynode wurde das Thema Annahme aller, unabhängig von der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität, im Vorbereitungsdokument aufgenommen. Die Vorsynode hat hier widersprüchliche Haltungen deutlich werden lassen. Überlagert wird das Thema Jugend allerdings durch den weltweit debattierten, sehr häufigen und häufig vertuschten sexuellen Missbrauch durch kath. Kleriker. Der ultrarechte Flügel der Kirche versucht, homosexuelle Priester dafür verantwortlich zu machen. Wir halten dagegen, dass es unter den homosexuell orientierten Priestern reife und unreife Persönlichkeiten gibt. Das Verbot der Homosexualität im Zusammenspiel mit dem Verbot der zwischenmenschlichen Sexualität allgemein (Zölibat) zieht zu viele unreife Charaktere an. Daher müssen beide Regulierungen außer Kraft gesetzt werden. Im Erzbistum München-Freising gibt es eine AG Regenbogenpastoral, die die Strategie für die zukünftige Arbeit in diesem Feld entwickelt. Ein erster Schritt ist ein Workshop „Screening Regenbogenkompetenz“ mit Frau Prof. Schmauch.

Eva Burgdorf, Regenbogenforum, protestantische Kirche: Zu der Frage, in welchen Landeskirchen Trauungen und Segnungsfeiern möglich sind, findet sich der beste Überblick auf der Web-Plattform „Homosexuelle und Kirche“ (HuK) www.huk.org. Die evangelische Nordkirche trägt gleichgeschlechtliche Trauungen in die Kirchenbücher ein. Damit ist völlige Gleichstellung bei der Trauung erreicht. Desgleichen ist inzwischen in einigen evangelischen Landeskirchen der Fall. Ein Überblick findet sich unter: https://www.huk.org/images/pictures/inhalte/kartepartnerschaftssegnung.pdf.

Der Workshop „Mit der Bibel gegen Homofeindlichkeit“ von Eva Burgdorf und Nils Christiansen wird zum 3. Mal beim Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT) 2019 im Kontext des Regenbogenzentrums angeboten. Lesben und Kirche (LuK) textet 17 Kirchenlieder in gendergerechter Sprache um, die in das Liederbuch des DEKT aufgenommen werden und von da aus weiterwirken. Das führte zu Beschimpfungen in Zeitungen im Zusammenhang mit der Verunglimpfung der Diskussion um Geschlechterrollen, hat aber auch viel Publicity beschert.

Folgende Anknüpfungspunkte für die Vernetzung ergaben sich aus der Diskussion

  • Es gibt das European Queer Muslim Network (der LiB ist beteiligt durch Leyla Jagiella). Aber das globale muslimische Netzwerk funktioniert besser als das europäische Netzwerk.
  • In der alevitischen Jugend gibt es seit sieben Jahren eine queere Jugendgruppe. Außerdem gibt es die Junge Islam-Konferenz (bundesweites Netzwerk).
  • Eine Teilnehmerin weist darauf hin, dass sich aus der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) die Keshet-Bewegung in Deutschland gründen möchte. Damit sollen Jüd*innen, die gleichgeschlechtlich lieben und/oder sich als transgeschlechtlich identifizieren, eine eigene Stimme bekommen und sich gegenseitig stärken.

Folgende Fragen und Anregungen für die strategische Ausrichtung ergaben sich aus der Diskussion

Wie geht der LSVD mit rassistischen Äußerungen in den eigenen Reihen um?

Der LSVD wendet sich gegen Islamfeindlichkeit auch in den eigenen Reihen. Zum Umgang mit dem Spannungsfeld „Islamfeindlichkeit – Homosexuellenfeindlichkeit“ wurden zahlreiche Gespräche mit muslimischen Organisationen und anderen, die mit dem Themenfeld befasst sind, geführt. Zudem gab es mit Unterstützung der Mobilen Beratung Berlin zwei Workshops mit Argumentationstrainings. Das Angebot wird fortgesetzt.

National, kulturell, religiös: Wer ist eigentlich angesprochen als Bündnispartner*in?

Der Liberal-islamische Bund versucht weniger eine politische Organisation als vielmehr eine religiös-rituelle Gemeinschaft zu sein, Beheimatung zu bieten und gemeinsam Rituale zu leben, z.B. bei Eheschließungen oder am Lebensende. Dabei ist die geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung unerheblich.

Konservativ im Kontext „Islam“ ist ein nur scheinbar korrekter Begriff, weil das, was darunter verteidigt wird, gar nicht der Vergangenheit muslimischer Lebensweise entspricht. Stattdessen geht es um ein viktorianisches Familienbild, das islamisiert worden ist. Sich auf das Alte zu berufen, ist im Islam furchtbar wirkmächtig. Daher ist es wichtig, das Label zu entziehen.

Mit Blick auf die römisch-katholische Kirche ist es gut, dass sich der LSVD für die Gleichberechtigung von LSBTI* einsetzt. Aber was ist mit der Gleichberechtigung von Frauen? Hat sich dieses Thema für den LSVD schon erledigt? Ggf. wäre dies auch ein gutes Einstiegsthema mit Blick auf LSBTI*.

In dem Maße, wie eine Religion sich der Frauenfrage stellen muss, brechen alte Strukturen auf: Emanzipatorische Kämpfe von verschiedenen Gruppen sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden, indem Kämpfe, die in den Vordergrund gestellt werden, von anderen kritisiert werden. Und es können nicht alle Probleme gleichzeitig gelöst werden.

Im Dialog mit der Pastoralkommission der kath. Bischofskonferenz ist das nächste Thema die Situation von lesbischen Mitarbeiterinnen der Kirche. In der Vergangenheit standen andere Themen im Vordergrund, die gemeinsam ausgewählt wurden (z.B. Partnerschaftssegnung, Homosexuellenseelsorge, Seelsorge mit/für Trans*).

Es ist ein strategischer Mangel, dass das Regenbogenforum und auch die HuK bisher kaum Kontakt zu katholischen Frauenverbänden hat.

2. Was können wir im Bereich Bildung gemeinsam unternehmen?

  • Miteinander Eintreten für eine Demokratisierung der Religionsgemeinschaften (vor allem röm.-kath. Hintergrund). Hierzu brauchen wir aber einen differenzierten Blick.
  • Liberale Themen und Menschenrechte haben sich ab einem Zeitpunkt nicht gegen, sondern auch in Religionsgemeinschaften entwickelt. Das gilt auch für LSBTI*-Themen. Menschenrechte und Demokratie sind per se nicht identisch und können auch gegeneinander ausgespielt werden. Wir müssen klarmachen, dass beides nicht auseinandergerissen werden darf, um eine menschenrechtsbasierte Demokratie zu erreichen.
  • Die Religionsgemeinschaften haben sehr unterschiedliche Strukturen. In islamischen LSBTI*-Gruppen ist das Problem, eine Balance zu finden zwischen berechtigter Kritik und einer islamfeindlichen Haltung. Hier gibt es wenige Leute, die die Spannung gut aushalten können. Um dies zu überwinden, braucht es Trainings.
  • Ansatzpunkt: Materialien für religiöse Gemeinden / Synagogen- und Moscheevereine, um informiert und zivilisiert über LSBTI*-Fragen und mit LSBTI*-Personen zu sprechen
  • Wie erreiche ich diejenigen, die nicht erreicht werden wollen? Beispielsweise repräsentieren diejenigen, die wir in der muslimischen Community erreichen, nur eine Minderheit. Was sind verbindende Elemente und Gemeinsamkeiten, z.B. gegen Rechtspopulismus? Ein gemeinsames Thema Rechtspopulismus funktioniert vermutlich, aber nicht überall und nicht ausreichend.
  • Im muslimischen Kontext sollte das Thema theologisch angegangen werden. Aber das muss nicht unbedingt in der Moscheegemeinde passieren. Denn hier können unter Umständen nicht alle offen sagen, was sie denken. Toleranz gesellschaftlicher Verhältnisse ist leichter als eine religiöse Stellungnahme.
  • Es braucht eine Unterstützungsstruktur für diejenigen, die sich in queeren Glaubensgemeinschaften engagieren.
  • In interreligiöse Foren sollten LSBTI*-Personen vertreten sein bislang sind sie es nicht. D.h. man müsste bei der Fördermittelvergabe diese Verknüpfung einfordern.

Wie sollte die Kommunikation im Bereich Bildung gestaltet werden?

  • Essentiell ist eine Sprache und Methodik, die Religiöses wertschätzt. Es gibt berechtigte Skepsis bei LSBTI* gegenüber Religionsgemeinschaften – hier gilt es, gegenseitig um Empathie zu werben.
  • Es braucht eine bestimmte Sprache, damit in religiösen Kontexten LSBTI*-Positionen angenommen werden. Auch Menschenrechte werden unterschiedlich ausgelegt, z.B. Religionsfreiheit.
  • Wir brauchen Sprachkurse für Regenbogenkompetenz in religiösen Kontexten und für unterschiedliche Religionsgemeinschaften. Darüber hinaus müssen wir im interreligiösen Dialog miteinander ins Gespräch kommen.
  • Jugendverbände haben sechs Millionen Mitglieder in Deutschland. Wir müssen junge, religiöse LSBTI* empowern, damit sie in ihren Jugendverbänden offen sprechen, z.B. auch in der Feuerwehrjugend. Viele Jugendverbände sind bei dem Thema schon unterwegs und es ist wichtig zu identifizieren, wer etwas macht.

Vorschläge zum Bereich Schule

  • Curricula für den Religionsunterricht für alle Schulformen durchgehen
  • Man muss sich auch die Schulbücher anschauen, denn das ist die Wirklichkeit dessen, was unterrichtet wird und hinkt den Curricula oft um Jahre hinterher.
  • Der LSVD könnte von Landesregierungen eine Stellungnahme verlangen, wie das Thema LSBTI* im Religionsunterricht verankert ist.
  • In Baden-Württemberg gibt es Vorschläge für einen kultursensiblen Umgang mit LSBTI* (Netzwerk LSBTTIQ und türkische Gemeinde), was bei türkischen Schüler*innen sehr wirksam ist.
  • Vorschläge zur Kooperation: Die Schulsozialarbeit ist eine wichtige Partnerin, da sie Projekte in Schulen macht. Die Schüler*innenvertretung sollte als Bündnispartnerin mitberücksichtigt werden. Eine mögliche Zielgruppe können religiöse Frauenverbände sein.
  • Der LSVD könnte auf die Kultusminister*innenkonferenz zugehen, da dies eine passende Ebene ist.

3. Erwartungen an den LSVD

Der LSVD sollte stärker bei der Erinnerungsarbeit Unterstützung leisten. Lesbischen Frauen wurde von den 1950er bis in die 1990er Jahre das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen. Die damit verbundenen Traumatisierungen müssen dringend aufgearbeitet werden.

  • Auch auf der Landesebene sollte der LSVD Sprach- und Argumentationstrainings anbieten: Islamfeindlichkeit & Homosexuellenfeindlichkeit.
  • ein Modul entwickeln, das bei Schulungen eingesetzt werden kann, insbesondere für Jugendleiter*nnen-Card (JuLeiCa) – Ausbildung, Freiwilligendienste, Bufdis, Soldaten etc.
  • Bildungsberater*innen-Ausbildung für Geflüchtete und Integrationskurse bzw. Unterrichtsmaterialien für diese Zielgruppe erstellen
  • Materialien für Kirchengemeinden (menschliche Sexualität und Lebensübergänge)
  • Kritische Überprüfung der eigenen Medienarbeit: Wie kann der LSVD mit Pressearbeit neue Zielgruppen erreichen?

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