Queer und sicher im Netz

Fachforum auf dem 3. Regenbogenparlament "Akzeptanz für LSBTI* in Jugendarbeit und Bildung"

Welche Erfahrungen machen LSBTIQ im Netz und den sozialen Medien? Was tun bei Cybermobbing und Hate Speech? Was können Schule und Jugendarbeit tun, um digitale Kompetenz zu stärken? Was können Eltern tun und wo ist die Politik in der Verantwortung?

Beim dritten bundesweiten Regenbogenparlament „Akzeptanz von LSBTI* in Jugendarbeit und Bildung“ diskutierten Lehr- und Fachkräfte aus den Bereichen Bildung, Kinder- und Jugendhilfe, Verwaltung und Jugendverbandsarbeit sowie Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen aus dem Inland und Ausland darüber, wie Regenbogenkompetenz in der Kinder- und Jugendarbeit, in Schule und Medien erhöht werden kann. Regenbogenkompetenz meint dabei die Fähigkeit von Fachkräften, mit den Themen der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität professionell und möglichst diskriminierungsfrei umzugehen. Hier dokumentieren wir die Ergebnisse des Fachforums "Queer und sicher im Netz" mit Dr. Claudia Krell (Deutsches Jugendinstitut), Sarah Bast (Gorizi, Bundesweites Portal für junge Lesben, Frauenzentrum Mainz), Pavlo Hrosul (Kampagne #NoHateMe, Stoppt digitales Mobbing). Moderiert wurde das Fachforum von Markus Ulrich (LSVD-Pressesprecher). Die Broschüre mit den Ergebnissen und Handlungsempfehlungen des 3. Regenbogenparlaments "Akzeptanz für LSBTI* in Jugendarbeit und Bildung" kann hier heruntergeladen werden oder aber so lange der Vorrat reicht per Mail an presse@lsvd.de kostenfrei bestellt werden.

Internet und soziale Medien mit riesigem Stellenwert für Jugendliche, gerade im Coming-out

Nach Ergebnissen der DJI-Studie „Queere Freizeit“ verbringen 99,4 % der LSBT*Q-Jugendlichen ihre Freizeit im Internet. Damit ist das Netz der zentrale Ort für die Freizeitgestaltung. Soziale Dienste und Plattformen wie Facebook und WhatsApp spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die Community-Plattformen Planetromeo oder Gorizi. Das Netz bietet die Chance, sich anonym zu informieren, sich auszutauschen und auch zu vernetzen. Die DJI-Studie stellte jedoch ebenfalls fest, dass das Netz der Ort ist, an dem Jugendliche am häufigsten Diskriminierung erfahren. Die Mehrzahl der jungen Menschen wurde schon mehr als einmal im Netz diskriminiert. Trans* und gender-diverse Jugendliche sind hierbei häufiger als lesbisch, schwule, bisexuelle und orientierungs*diverse Jugendliche eine Zielscheibe von Beleidigungen und Anfeindungen.

Das Fachforum griff die Ergebnisse der DJI-Studie auf und fragte, was die Betreiber*innen und Nutzer*innen sozialer Plattformen tun können, um für Respekt und Vielfalt im Netz einzutreten.

studie-queere-freizeit-deutsches-jugendinstitut.jpgOnline – das sind alle Jugendlichen in Deutschland. Für sie hat das Netz einen riesigen Stellenwert. Das gilt auch und gerade für LSBT*Q-Jugendliche, wie Dr. Claudia Krell vom Deutschen Jugendinstitut zu Beginn des Fachforums unterstrich. So kommt die Studie über „Inklusions- und Exklusionserfahrungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und *diversen Jugendlichen in Freizeit und Sport“ sogar zu dem Ergebnis, dass LSBT*Q-Jugendliche durchschnittlich ca. 45 Minuten länger online sind als ihre cisgeschlechtlichen, heterosexuellen Peers. Sie sind aktiver in Foren, stellen häufiger selbst Inhalte ins Netz, bloggen und twittern mehr. Die Mehrheit verbringt zwischen zwei und fünf Stunden täglich aktiv im Netz.

Besonders während des inneren Coming-outs spielt das Netz eine große Rolle. Dort finden sie Infos zu sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Zugehörigkeit, die in ihrem Umfeld vielleicht wenig oder gar nicht verfügbar sind bzw. sie können sich informieren, ohne dass es jemand erfährt. Oftmals ist es der Ort, an dem sie mit anderen queeren Jugendlichen überhaupt in Kontakt treten können und Bestätigung, Verständnis und Ermutigung finden. Viele können im Netz offener sein als im analogen Umfeld.

Ambivalenz: Auch Ort häufiger Diskriminierung

Gleichzeitig ist es aber auch der Ort, an dem sie häufig Diskriminierung, soziale Exklusion und LSBTI*-Feindlichkeit erleben. Darin spüren sie die alltägliche Ambivalenz: Wenn sie die positiven Aspekte des Netzes nutzen möchten, müssen sie gleichzeitig damit rechnen bzw. umgehen, dass sie dort diskriminiert werden. Trans* und genderdiverse Jugendliche sind insgesamt häufiger Diskriminierungen ausgesetzt. Jede*r zweite von ihnen berichtet, dass sie online beleidigt, beschimpft oder lächerlich gemacht wurden. Von den jungen cisgeschlechtlichen Lesben, Schwulen und Bisexuellen sagen das 28 Prozent.

Niedrigschwellige Angebote erleichtern auch Cybermobbing und Stalking

regenbogenparlament2019_hamburg_07-09-2019_00075_foto-caro_kadatz.jpgEines dieser Foren, das sich gezielt an junge Lesben richtet, ist seit knapp 15 Jahren ‚Gorizi‘. Sarah Bast ist dort neben einer technischen Admina die Ansprechpartnerin für die rund 1.600 registrierten Accounts. Um das Angebot möglichst niedrigschwellig zu halten, genügt für ein Profil eine E-MailAdresse und es ist nicht möglich, ein Profilbild hochzuladen. Bislang gibt es für die User*innen keine Blockier-, seit ca. anderthalb Jahren aber eine Meldefunktion. Das heißt, eine User*in kann eine andere User*in melden. Sarah Bast schreibt die gemeldete Person dann an und gibt ihr Gelegenheit, zu den Anschuldigungen Stellung zu beziehen. Gegebenenfalls kann Sarah Bast Accounts auch sperren.

Angeschrieben wird sie vor allem bei Vorfällen von sexualisierter Belästigung und Cyberstalking, weniger aufgrund von Mobbing oder Hate Speech. Sie vermutet, dass hinter den gemeldeten Profilen oftmals keine jungen Frauen* stecken, denn Fake-Profile sind die Kehrseite des sehr einfachen Anmeldeverfahrens.

Sarah Bast ist mitunter verblüfft über die Leichtfertigkeit, mit der User*innen etwa ihre Mobilnummer oder ihre Fotos teilen. Verlagert sich die Kommunikation allerdings in WhatsAppGruppen oder in Chats, hat selbst Sarah Bast keinerlei Handhabe mehr.

Workshops an Schulen gegen digitales Mobbing

Mit seinem ehrenamtlichen Projekt #NoHateMe setzt sich Pavlo Hrosul seit April 2019 gegen digitales Mobbing bzw. Cybermobbing ein. Mit Workshops für Schulen und Jugendzentren sowie Broschüren will er für das Problem sensibilisieren und mögliche Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Auch er ist erstaunt, wie selten digitale Kompetenz und Wissen zum Thema in Unterricht und Jugendarbeit gemacht werden. 

Vor diesem Hintergrund diskutierten die Teilnehmenden im zweiten Teil des Fachforums darüber

  • wie man sich möglichst sicher im Netz und in sozialen Medien bewegen kann,
  • wie man sich verhalten kann, wenn man mit Hasskommentaren konfrontiert wird
  • was man anderen von Hate Speech Betroffenen raten kann.

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#1 Was kann ich persönlich für meine digitale Sicherheit tun? Was gehört alles zu digitaler Kompetenz?

Wissen um Datenschutz

  • sichere Passwörter (Passwortmanager, regelmäßig Passwörter ändern), sichere Browser, Mailprogramme und Messenger Dienste + Cloud-Dienste und Kollaborationsplattformen mit Servern in Deutschland bzw. in der EU + zweistufige Authentifizierung
  • Standort ausschalten
  • Email-Verschlüsselung
  • Privatsphäre-Einstellungen in Apps und Sozialen Medien checken

Bewusstes Teilen von Informationen

  • Faustregel: „Erst denken, dann posten!“ 
  • Welche Informationen teile ich eigentlich? (Profilbiographie, Profilbild, Telefonnummer, E-mail, Geburtstag, Wohnort, sexuelle Orientierung, Aussehen, Fotos vor bzw. nach Transition, Standort, Bewegungsprofile)
  • Mit welchen Infos oute ich mich (ungewollt)? Mit welchen Likes? Was verraten Posts und getaggte Fotos von anderen über mich?
  • Oute ich vielleicht andere durch meine Posts oder Tagging?
  • Welche Bilder teile ich? (Bildrechte, Nacktfotos mit Gesicht?)
  • Wofür stelle ich Push-UpNachrichten ab? Was können andere durch das Format der PushUp-Nachricht erkennen?

#2 Was kann ich als Site-Administrator*in oder Forumsbetreiber*in tun?

Nettikette im Team abstimmen

  • respektvoller Umgang miteinander
  • keine Diskriminierung (nicht nur auf LSBTI*-Feindlichkeit abheben, sondern auf alle Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und diese auch explizit benennen)
  • User*innen nicht nur als Opfer von Diskriminierung, sondern auch als möglichen Täter*innen ansprechen
  • Konsequenzen von Verstößen definieren: Wann blockiere ich jemanden, wann lösche ich einen Kommentar?
  • Leitfaden für eventuelle Vorfälle aufstellen

Nettikette deutlich kommunizieren und sichtbar machen

  • z.B. auf der Homepage oder in der Willkommensnachricht

Durchsetzung dieser Nettikette

  • sichtbares Moderieren statt Ignorieren schafft Vertrauen bei User*innen 
  • Ressourcen für aktives CommunityManagement bereitstellen Verstöße konsequent ahnden
  • Ansprechbarkeit signalisieren

#3 Umgang mit Hate Speech

Als Betroffene*r

  • Gibt es Vertrauenspersonen, an die man sich wenden kann?
  • Gibt es jemanden, die den Account für mich übernehmen, Posts löschen und Profile blockieren kann? 
  • rechtssichere Screenshots von Hate Speech veröffentlichen, allerdings nur mit Schwärzung des Bildes bzw. des Namens
  • Seitenbetreiber taggen
  • Anzeigen: z.B. bei den OnlineWachen der Bundesländer
  • rechtliche oder psychologische Beratung suchen (z.B. Hate Aid) 
  • Hassbeiträge / Profile bei den entsprechenden Sozialen Netzwerken melden; laut Netzwerkdurchsetzungsgesetz müssen diese innerhalb von 24 Stunden reagieren und bei erkennbaren Rechtsverstößen den Hassbeitrag löschen.

Als Zeug*in

  • Gegenrede: sich positionieren, ohne sich seinerseits zu Beleidigungen hinreißen zu lassen
  • Verteidigung bzw. Stärkung der Angegriffenen
  • entsprechende Beiträge bzw. Profile bei den Netzwerken melden (müssen laut Netzwerkdurchsetzungsgesetz innerhalb von 24 Stunden reagieren und bei erkennbaren Rechtsverstößen Beitrag löschen)
  • strafbar oder nicht? Siehe dazu: www.internet-beschwerdestelle.de und www.hass-im-netz.info

#4 Was können wir als Eltern tun?

  • Vertrauensperson sein
  • ihr LSBTI*-Kind akzeptieren und stärken 
  • Kinder sensibilisieren und über Internet-Mobbing aufklären
  • sich für die Apps- und Internetnutzung des Kindes interessieren
  • bei digitaler Kompetenz mitlernen und mit gutem Beispiel vorangehen
  • „Sharenting“ vermeiden (d.h. nicht leichtfertig Informationen und Bilder über eigene oder andere Kinder in Sozialen Medien posten, sondern deren Persönlichkeitsrechte beachten)

#5 Was können Schule und Jugendarbeit tun?

Digitale Kompetenz lehren

  • Thematisierung in der Schule (etwa Nutzung von WhatsApp-Gruppen für Klassen)
  • Projekttage, -wochen zu digitaler Kompetenz und Datenschutz
  • klare Regeln zur Handynutzung: Wo und wann keine Nutzung an der Schule?
  • Empathie im digitalen Raum
  • Aufklärung über die Strafbarkeit bestimmter Aussagen
  • Aus- und Fortbildung für Lehrkräfte, Sozial- und Jugendarbeiter*innen

Diskriminierungskritische bzw. diskriminierungssensible Pädagogik

  • LSBTI*-sensible Vertrauenspersonen und klar benannte Anlaufstellen
  • hauptamtliche Ansprechpersonen an Schulen 
  • nicht nur Antidiskriminierung, sondern alle Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit explizit benennen
  • Aus- und Fortbildung für Lehrkräfte, Sozial- und Jugendarbeiter*innen

Digitalisierung von Jugendarbeit, Sozialarbeit und LSBTI*-Arbeit

  • Wissen um Suchmachinenoptimierung (SEO), damit vertrauenswürdige Infos und Angebote besser im Netz gefunden werden (www.feministclickback.org) 
  • Digitalisierung ermöglicht ortsunabhängige Beratung bzw. neue Formen der Beratung und Angebote (Chats, Webinare u.a.)

#6 Was kann die Politik tun?

Die Politik bewegt sich im Spannungsfeld von Datenschutz und Anonymität im Netz auf der einen, Möglichkeiten von Strafverfolgung auf der anderen Seite (Ambivalenz von Klarnamenpflicht):

  • vereinfachte und transparente Meldeverfahren für Hate Speech auf Webseiten, Netzwerken und Apps
  • zusätzliche Stellen und Expertise bei Polizei und Justiz für Prävention und
    Ahndung von Cyberkriminalität, Hate Speech
  • Fortbildung, Expert*innen, Finanzierung zur Verfügung stellen
  • LSBTI*-sensible Anlaufstellen und Unterstützung sichern
  • flächendeckendes Internet gewährleisten 

Links zum Thema „Hass im Netz“ / Hate Speech

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