Jugendpolitik queer gedacht

Podiumsdiskussion auf dem 3. Regenbogenparlament "Akzeptanz für LSBTI* in Jugendarbeit und Bildung"

Bericht und Ergebnisse der Podiumsdiskussion mit Hetav Tek (Stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Bundesjugendrings), Caroline Lentz (Stadträtin für Die Linke in Dresden, Linksjugend Sachsen), Timo Hackemann (Jusos Hamburg, SPDqueer Hamburg), Joe Goldyn (Jugendnetzwerk lambda::nord)

Beim dritten bundesweiten Regenbogenparlament „Akzeptanz von LSBTI* in Jugendarbeit und Bildung“ diskutierten Lehr- und Fachkräfte aus den Bereichen Bildung, Kinder- und Jugendhilfe, Verwaltung und Jugendverbandsarbeit sowie Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen aus dem Inland und Ausland darüber, wie Regenbogenkompetenz in der Kinder- und Jugendarbeit, in Schule und Medien erhöht werden kann. Regenbogenkompetenz meint dabei die Fähigkeit von Fachkräften, mit den Themen der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität professionell und möglichst diskriminierungsfrei umzugehen. Unter dem Titel "Jugendpolitik queer gedacht" diskutierten Hetav Tek (Stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Bundesjugendrings), Caroline Lentz (Stadträtin für Die Linke in Dresden, Linksjugend Sachsen), Timo Hackemann (Jusos Hamburg, SPDqueer Hamburg), Joe Goldyn (Jugendnetzwerk lambda::nord). Die Broschüre mit den Ergebnissen und Handlungsempfehlungen des 3. Regenbogenparlaments "Akzeptanz für LSBTI* in Jugendarbeit und Bildung" kann hier heruntergeladen werden oder aber so lange der Vorrat reicht per Mail an presse@lsvd.de kostenfrei bestellt werden.

Hetav Tek stellte als Selbstverständlichkeit des Deutschen Bundesjugendrings heraus, dass die Mitgliedorganisationen und Landesjugendringe „unverzweckte“, d.h. offene Räume und unter anderem wertenormierte Beteiligung ermöglichen. Einen Nachholbedarf in Bezug auf sexuelle und geschlechtliche Vielfalt sah Hetav bei der Satzung und fand im politischen Diskurs Aufklärungsarbeit sowie diskriminierungsfreie Diskurse mit Jugendlichen notwendig. Ferner unterstrich sie, dass es wichtig ist, Strukturen von Kinder- und Jugendverbänden in diesem Bereich strukturell zu stärken.

Timo Hackemann betonte, dass die Jusos und die SPDqueer Hamburg sowohl die Jugendarbeit des MagnusHirschfeld-Zentrums als auch die Aufklärungs- und Bildungsarbeit von „Soorum“ unterstützen. Er beschrieb den Rassismus in Dating-Apps als ein ungelöstes Problem der LSBTI*-Community. Darüber hinaus müssten besonders junge Menschen im Umgang mit menschenfeindlichen Einstellungen gestärkt werden.

Caroline Lentz berichtete für die Linksjugend Sachsen über eine anwachsende Angst vor einem Rollback in der LSBTI*-Community, die sich nicht nur in Dresden zeigt, sondern im gesamten Bundesland Sachsen. „Es weiß noch niemand, was da auf uns zukommen wird“, so die Kommunalpolitiker*in.

Joe Goldyn vom Jugendnetzwerk lambda::nord lobte die Aufklärungsarbeit, die das Zentrum Haki für Schleswig-Holstein leistet. Gleichzeitig machte Joe darauf aufmerksam, dass die Beratungsstelle in Lübeck noch nicht ausreichend ausgestattet ist. Dort sind sowohl mehr finanzielle Unterstützung als auch mehr Personal und Büroräume notwendig. Dementsprechend kann der ländliche Raum in Schleswig-Holstein nicht gut versorgt werden. Joe unterstrich, dass es mehr Strukturförderung von queeren Vereinen geben müsse. Ohne die entsprechende hauptamtliche Unterstützung sei die Arbeit vielerorts gar nicht mehr zu leisten.

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In der Diskussion wurde problematisiert, weshalb der politische Wille zur langfristigen Förderung der Jugendarbeit auf vielen Ebenen nicht vorhanden zu sein scheint. Ein möglicher Grund könnte darin liegen, dass Kinder und Jugendliche von der Politik teilweise immer noch nicht als wichtige Adressat*innen wahrgenommen werden.

Uneinig war sich das Podium, ob eine Absenkung des Wahlalters oder eine selbstbestimmte Teilnahme an Wahlen für Kinder und Jugendliche diesbezüglich eine Lösung wäre. Einig waren sich die Expert*innen in der Einschätzung, dass sich Kinder und Jugendliche durchaus solidarisieren und tatkräftig einsetzen, wenn sie Interessen vertreten, die sie von den Erwachsenen als nicht angemessen genug bearbeitet sehen, wie die Fridays for Future Bewegung zeigt. Der Wille zur politischen Partizipation sollte in den Augen der Expert*innen nicht mit Verweis auf Schulpflicht und andere Zwänge erstickt werden. „Die Fridays for Future“Bewegung macht uns deutlich, dass wir auf die Straße gehen müssen, wenn etwas schief hängt“, so Hetav Tek.

Als wichtig wurde erachtet, dass die Sichtbarkeit von Vorbildern in der queeren Jugendarbeit sichergestellt wird. Gleichzeitig haben die Jugendverbände die Aufgabe, sowohl die Interessen von Kindern und Jugendlichen zu vertreten als auch ihnen die Möglichkeit zu bieten, für sich selbst die Stimme zu erheben und sich zu beteiligen. Dies sollten sich alle Verbände auch für die Beachtung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt vornehmen. Wenn die Bedarfe und Interessen von LSBTI* öffentlich dargestellt werden, kann man dem gesellschaftlichen Rollback in diesem Themenfeld besser entgegenwirken.

In diesem Sinne sind Maßnahmen wie die lokalen CSD-Veranstaltungen weiterhin notwendig, ebenso wie die Förderung der queeren Jugendarbeit, um die gesellschaftspolitischen Entwicklungen kritisch zu hinterfragen und den Kampf für die Menschenrechte voranzubringen.

Auf die Frage, was wir tun können, um dem gesellschaftlichen Rollback entgegenzuwirken sagte Caroline Lentz: „Wir müssen laut werden und auf die Straße gehen, denn menschenfeindliche Äußerungen gehören schon jetzt zur Tagesordnung. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, diesen Ideologien der Ungleichwertigkeit entge
genzutreten.“ Das beschriebene Engagement ist sinnvoll, um Denkanstöße über sogenannte „Minderheiten“ in die Jugendverbände und in die Parteien hineinzutragen. Damit soll ein Bewusstsein geschaffen werden, dass es darum geht, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt auf allen Ebenen mitzudenken und als Querschnittsthema in den gesellschaftlichen Mainstream zu bringen.

Im Sinne einer umfassenden („intersektionalen“) Sichtweise stellt das Eintreten für Minderheiten kein Randthema dar, sondern entspricht der Etablierung einer umfassenden Menschenrechtspolitik. Da Menschen von mehreren Benachteiligungen betroffen sein können, ist die Beachtung von (Mehrfach-)Diskriminierung hilfreich. So kann sich die politische Jugendbildung auf die neuen Herausforderungen durch
Hass und Mobbing vorbereiten, um weiterhin fundiert die Grundlagen und Herausforderungen der Demokratie zu vermitteln. Eine proaktive Thematisierung von LSBTI* wirkt der LSBTI*Abwertung entgegen.

Bei der Frage, wie die schulische und außerschulische Demokratie- und Menschenrechtsbildung gefördert werden kann, waren sich alle Expert*innen einig: Schule ist ein Teil der Demokratiebildung. Es ist wichtig, dass Demokratie auch im Klassenzimmer und im Schulleben erlebbar und gefördert wird. Der außerschulische Bereich, d.h. das Engagement in Jugendverbänden und Vereinen, ist häufig der Ort, wo sich junge Menschen zu Demokrat*innen weiterentwickeln, wo demokratische Aushandlungsprozesse und Willensbildung praktisch erlebbar und erlernbar sind.

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