Menu
Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD⁺)

Rede von Ulrich Keßler (Berlin-Brandenburg) und Alva Träbert (Bundesvorstand) beim Gedenken für die queeren Opfer des NS-Regimes

Ansprache vom 28.01.2026

Anlässlich des Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus gedachte der Deutsche Bundestag am 28. Januar 2026. Im Anschluss an die Gedenkstunde im Deutschen Bundestag luden der LSVD Verband Queere Vielfalt Berlin-Brandenburg e. V. und der LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt e.V. gemeinsam mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas zu einem Gedenken mit Kranzniederlegung am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen im Berliner Tiergarten ein. Es gilt das gesprochene Wort.

Ulrich Keßler (LSVD Berlin-Brandenburg):

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

im Namen der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und des LSVD Verband Queere Vielfalt Berlin-Brandenburg begrüße ich Sie zum heutigen Gedenken an die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus.

Lange Zeit blieb diese Gruppe aus der Gedenkkultur in Deutschland ausgeschlossen – in West wie in Ost. Umso wichtiger ist es, dass wir uns auch heute wieder hier versammelt haben – unter erschwerten Bedingungen. Ich versuche mich witterungsangemessen kurz zu fassen.

Wir gedenken heute zusammen mit Mitgliedern des Deutschen Bundestages, des Berliner Abgeordnetenhauses und des Landtages Brandenburg sowie zahlreichen Vertreter*innen der Community der queeren Opfer des Nationalsozialismus. Ausdrücklich begrüßen möchte ich

– die Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend Karin Prien,

– den Bürgermeister und Senator für Finanzen Stefan Evers,

– den Vizepräsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses Dennis Buchner,

– die stellvertretende Leiterin der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Dr. Andrea Genest,

– die Beauftragte der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt Sophie Koch

– und die Ansprechperson Queeres Berlin Alfonso Pantisano.

Mit diesem Denkmal will die Bundesrepublik Deutschland

– die verfolgten und ermordeten Opfer ehren,

– die Erinnerung an das Unrecht wach halten und

– ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen.

Das ist eine komplexe Aufgabenstellung. Gleichwohl ist es fruchtbar, sich der Herausforderung zu stellen, diese unterschiedlichen Aspekte unter einen Hut zu bringen. Es geht eben nicht nur darum, das vergangene Unrecht zu betrauern, sondern auch und gerade darum, das daraus abgeleitete abstrakte "Nie wieder" zu konkretisieren, mit Leben zu füllen, Forderungen an die Gegenwart und Zukunft abzuleiten.

Zunächst aber zur Vergangenheit: Die Nationalsozialisten hielten Homosexualität für eine "widernatürliche Veranlagung", für eine den so genannten "Volkskörper" schädigende "Seuche", die "auszurotten" sei. Schon kurz nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurden im März 1933 die schwulen und lesbischen Lokale Berlins geschlossen. Die Infrastruktur der ersten deutschen Homosexuellenbewegung, Lokale, Vereine, Verlage sowie Zeitschriften wurden vollständig aufgelöst, verboten, zerschlagen und zerstört. Im Herbst 1934 setzte die systematische Verfolgung homosexueller Männer ein. 1935 folgte die Verschärfung des § 175. Danach waren nicht mehr nur beischlafähnliche Handlungen strafbar, sondern sogar einfache Zärtlichkeiten, Küsse, bis hin zu "unkeuschen" Blicken. Über 100.000 Männer wurden polizeilich erfasst und rund 50.000 verurteilt. Etwa 10.000 schwule Männer wurden in Konzentrationslager verschleppt. Etwa 5.000 Männer überlebten diese Qualen nicht.

Lange wurden die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus in beiden deutschen Staaten verschwiegen. Der Schandparagraf 175 galt in der Bundesrepublik bis 1969 unverändert weiter. Die Verurteilungen während der NS-Zeit wurden erst 2002 aufgehoben, und die Rehabilitierung der nach 1945 Verurteilten erfolgte sogar erst 2017. Umso wichtiger ist, die Erinnerung beständig wach zu halten.

Soviel zur Vergangenheit. Zu den Herausforderungen in Gegenwart und Zukunft darf ich an das Mitglied unseres Bundesvorstandes Alva Träbert übergeben.

Alva Träbert (Bundesvorstand LSVD):

Liebe Anwesende, liebe Freund*innen, 

Danke, dass Sie hier sind, dass Ihr hier seid, trotz der Kälte. Es ist mir eine Ehre hier heute als LSVD Bundesvorstand zu sprechen. Gleichzeitig fällt ist es mir nicht leicht, die richtigen Worte zu finden, und ich glaube, das geht in diesen Wochen und Monaten vielen Menschen so, aus unserer Community und darüber hinaus.

Aber wir müssen reden, wir müssen in Verbindung bleiben, darum will ich es versuchen. Wir beobachten aktuell weltweit, aber auch in Deutschland, wie queere und trans Personen für politische Zwecke instrumentalisiert werden. Dies hier heute ist das Gegenteil davon.

Hier geht es nicht darum, das Gedenken an die queeren Menschen, die im nationalsozialistischen Deutschland ausgegrenzt, denunziert, verfolgt und ermordet wurden, für unsere heutigen Kämpfe zu instrumentalisieren. Das Leid und das Unrecht, das sie erfahren haben, steht für sich.

Vielmehr geht es darum, ihnen gerecht zu werden, uns allen gerecht zu werden und eine Gesellschaft zu gestalten und zu verteidigen, in der unsere unterschiedlichen Biografien und Lebensrealitäten nicht marginalisiert, sondern unsere Vielfalt als gemeinsame Stärke respektiert und wertgeschätzt wird.

Respekt - in Carolin Emckes Worten - ist zumutbar.

Das betrifft weit mehr als nur queere Menschen - ich denke heute vor allem an die Angehörigen und Nachfahren anderer verfolgter Gruppen wie Jüd*innen, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen - und es geht uns alle an.

Queere Menschen - genau wie andere marginalisierte Gruppen haben oft die Funktion eines Kanarienvogels in einem Bergwerk. Sie spüren früh (und bekommen früh zu spüren) wenn die Luft dünner wird, die Stimmung giftiger.

Liebe Anwesende, queere und trans Menschen in Deutschland, Europa und der Welt sprechen laute und deutliche Warnungen aus.

“Nie wieder” beginnt nicht erst bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit. “Nie wieder” erfordert die Verteidigung einer wehrhaften Demokratie, die Verteidigung geschlechtlicher und sexueller Selbstbestimmung, gegen Spaltung und Hass.

Es erfordert wirkliche gesellschaftliche Akzeptanz, und Zivilcourage dort, wo Unrecht geschieht. Und es erfordert, dass wir alle zusammenstehen und nicht nur an die eigene Gruppe denken, nicht nur an diejenigen, die auf den ersten Blick sind wie wir. 

Es erfordert im Zweifelsfall auch über den eigenen Schatten zu springen, und sich für Verantwortung statt parteipolitischer Dogmatik zu entscheiden. Es erfordert eine Verankerung staatlichen Schutzes, etwa durch die Erweiterung von Art 3 GG, damit er allen queeren Menschen mehr Sicherheit garantiert.  

Die anwesenden politischen Entscheidungsträger*innen dürfen sich darauf freuen, in dieser Sache bald (wieder) von uns zu hören.

Ich bin hier, weil ich die Erinnerung an die queeren Menschen wach halten will, die vor uns (und weit vor ihrer Zeit) gegangen sind. Aber auch, weil ich will, dass die Menschen, die ich liebe, trans und queere Communities in Berlin, in Deutschland und überall frei von Angst leben können.

Und zwar so, wie es Art 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verspricht. Gleich nicht nur an Würde, sondern wirklich auch gleich an Rechten.

Also werden wir dem Anlass unseres heutigen Gedenkens gerecht und nehmen diese Verantwortung ernst, gemeinsam.