Ruanda: Mit der Bibel gegen Hass und Ausgrenzung
Gespräch mit einem Pastor, der sich in Ruanda für queere Menschen einsetzt

Die Hirschfeld-Eddy-Stiftung (HES) arbeite schon seit über 10 Jahre mit Initiativen in Ruanda zusammen und hat mehrfach Hilfen für Maßnahmen vor Ort zur Verfügung gestellt, wie zum Beispiel für Lebensmittel und Hygieneartikel während der Pandemie. Hierüber entstand auch der Kontakt zu einer kirchlichen, inklusiven Organisation. Bereits in einem Webtalk der HES in 2023 berichtete ein Vertreter dieser Organisation ausführlich über die Situation von LSBTIQ* in der Region und über seine Arbeit als Pastor der United Methodist Church (UMC). Aus Gründen der persönlichen Sicherheit verzichten wir auf die Nennung von Namen.
Religion spielt eine große Rolle in Ruanda und der ganzen ostafrikanischen Region. Die Gesellschaft und damit auch viele queere Menschen sind tief religiös. Gerade diese leiden aber unter Ausgrenzung, nicht nur durch ihre Familien, sondern auch durch ihre Gemeinde und deren religiöse Führer.
Unsere Partnerorganisation hat sich zum Ziel gesetzt, diesen Menschen ein Zuhause zu bieten, Räume zu schaffen, in denen sie sich mit ihren Verbündeten ohne Angst versammeln, Erfahrungen austauschen und spirituelle, emotionale sowie praktische Unterstützung erhalten.
Darüber hinaus will der Pastor aber auch den tief verwurzelten Denkweisen und Fehlinterpretationen biblischer Lehren begegnen. Wie er dies macht und welche Pläne er für das Jahr 2026 hat, darüber berichtet er in dem nachfolgenden Interview.
Du bist Pastor in der United Methodist Church (UMC). Im Jahr 2024 verabschiedete die Generalkonferenz der UMC eine bejahende Theologie in Bezug auf die LGBTIQ*-Gemeinschaft. Welche Auswirkungen hat diese Entscheidung auf Ihre Arbeit in Ruanda?
Die Entscheidung der Generalkonferenz der UMC aus dem Jahr 2024, eine bejahende Theologie in Bezug auf LGBTIQ*-Personen zu verabschieden, war ein historischer Moment für die weltweite Kirche. Im Kern bekräftigt diese Entscheidung eine grundlegende christliche Überzeugung: dass alle Menschen nach dem Bild Gottes geschaffen sind und einen heiligen Wert besitzen. Dies ist tief in der Heiligen Schrift verwurzelt, beispielsweise in Genesis 1,27, wo bekräftigt wird, dass jeder Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen ist, und in Galater 3,28, wo die Gleichheit und Würde aller Menschen über alle menschlichen Trennungen hinaus betont wird. Das "Buch der Disziplin" der UMC bekräftigt diesen Grundsatz noch einmal, indem es hervorhebt, dass alle Menschen einen heiligen Wert haben und die Seelsorge, Fürsorge und Gerechtigkeit der Kirche verdienen.
Im ruandischen Kontext bietet diese globale Bekräftigung sowohl theologische Legitimität als auch moralische Ermutigung für eine inklusive, vom Glauben geleitete Fürsprache. Sie stärkt unser Engagement mit Geistlichen und Gemeinden, die bereit sind, zuzuhören, zu lernen und kritisch über Interpretationen der Heiligen Schrift nachzudenken, die historisch gesehen die Stigmatisierung und Marginalisierung von LGBTIQ*-Personen gefördert haben. Die Entscheidung trägt dazu bei, die Botschaft zu bestätigen, dass Inklusion keine fremde Ideologie ist, sondern ein im Glauben verwurzelter Aufruf, der auf Liebe, Gerechtigkeit und pastoraler Verantwortung basiert.
Die Realität vor Ort bleibt jedoch komplex und herausfordernd. Tiefer religiöser Konservatismus, insbesondere unter älteren Pastoren, in Verbindung mit langjährigen kulturellen Normen und Fehlinterpretationen biblischer Lehren zur menschlichen Sexualität, hat einige Kirchenführer dazu veranlasst, sich offen gegen diese inklusive Ausrichtung zu wehren. In einigen Fällen gibt es Stimmen, die aufgrund dieses theologischen Wandels die Trennung von der UMC fordern. Eine solche tief verwurzelte Denkweise lässt sich nicht von heute auf morgen ändern. Es bedarf einer nachhaltigen Fürsprache, einer langfristigen Aufklärung über menschliche Sexualität und Menschenrechte sowie eines geduldigen, kontextbezogenen pastoralen Engagements.
In diesem schwierigen Umfeld hat uns die Betonung der Inklusivität dennoch ermöglicht, Initiativen zur Mobilisierung der Gemeinschaft auszuweiten, die sich auf das Verständnis von SOGIESC (Sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität und -ausdruck sowie Geschlechtsmerkmale) konzentrieren. Durch interreligiöse Foren und Dialogräume werden Pastoren verschiedener Konfessionen zusammengebracht, um fundierte Diskussionen über Sexualität, Bibelauslegung und Menschenwürde zu führen. Diese Begegnungen, wie die oben beschriebenen Gemeindedialoge, fördern langsam das Bewusstsein, das Einfühlungsvermögen und die theologische Reflexion, selbst dort, wo Widerstand besteht.
Was sind deine Pläne für 2026?
Mit Blick auf das Jahr 2026 wird der Schwerpunkt auf der Vertiefung der Arbeit zur Inklusion, Bildung und Stärkung der Gemeinschaft in ganz Ruanda liegen. Eine wichtige Priorität ist die Ausweitung des interreligiösen und kirchlichen Dialogs, der bewusst dazu beiträgt, die Stigmatisierung im Zusammenhang mit sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität abzubauen. Diese Dialoge zielen darauf ab, mehr Pastoren und Laienführer in respektvolle, fundierte Gespräche einzubeziehen, die eine Brücke zwischen Glauben, Kultur und Menschenrechten schlagen.
Ein weiterer Schwerpunkt sind Schulungs- und Kapazitätsaufbauprogramme für Kirchenführer, die sie dazu befähigen, die Heilige Schrift so zu interpretieren, dass sie die Menschenwürde bekräftigt und gleichzeitig den Grundsätzen der Seelsorge treu bleibt. Diese Schulungen sollen keine Ansichten aufzwingen, sondern zu kritischer Reflexion, mitfühlender Führung und einer verantwortungsvollen Theologie anregen, die auf die gelebte Realität reagiert.
Über das theologische Engagement hinaus wird 2026 auch die Stärkung der Basisgemeinden im Vordergrund stehen, insbesondere für Menschen, die aufgrund ihrer Identität und sozioökonomischen Vulnerabilität mehrfacher Ausgrenzung ausgesetzt sind. Dazu gehören die Unterstützung beim Zugang zu Gesundheitsversorgung und Krankenversicherung, Initiativen zur Sicherung des Lebensunterhalts und psychosoziale Unterstützung, in der Erkenntnis, dass Inklusion sowohl spirituell als auch praktisch sein muss.
Darüber hinaus werden die Bemühungen fortgesetzt, sichere, von der Gemeinschaft geführte Räume zu schaffen und zu stärken, in denen LGBTIQ*-Personen und ihre Verbündeten sich ohne Angst versammeln, Erfahrungen austauschen und spirituelle, emotionale und praktische Unterstützung erhalten können. Diese Räume spielen eine entscheidende Rolle für Heilung, Resilienz und den Zusammenhalt der Gemeinschaft.
Insgesamt soll damit eine Brücke zwischen Glauben und Menschenrechten geschlagen werden, die zu einem langfristigen sozialen Wandel beiträgt und Würde, Respekt und Zugehörigkeit für alle fördert. Um diese Vision zu verwirklichen, ist eine enge Zusammenarbeit erforderlich. Es ist wichtig zu betonen, dass weder die Hirschfeld-Eddy-Stiftung (HES) noch die Inclusive Mission for Health and Hope (IMHH) dies alleine erreichen können. Eine sinnvolle Wirkung hängt von den gemeinsamen Anstrengungen von Glaubensführern, zivilgesellschaftlichen Organisationen, internationalen Partnern, lokalen Behörden und Mitgliedern der Gemeinschaft ab, die zusammenarbeiten.
Inwiefern unterstützt die Zusammenarbeit mit der HES dich und die IMHH bei eurer Arbeit?
Die Zusammenarbeit zwischen der HES und der IMHH hat bereits konkrete Auswirkungen innerhalb der Glaubensgemeinschaften und darüber hinaus gezeigt. Diese Partnerschaft hat maßgeblich zum Kapazitätsaufbau beigetragen, insbesondere in Bereichen wie Projektformulierung, Entwicklung von Advocacy-Strategien und institutioneller Stärkung.
Durch gemeinsame Initiativen hat die Zusammenarbeit auch die Unterstützung von gefährdeten Familien, insbesondere marginalisierten Gruppen wie LGBTIQ*-Personen und Menschen mit HIV, ermöglicht. Darüber hinaus hat die humanitäre Hilfe in Krisen- und Katastrophenzeiten dazu beigetragen, das Vertrauen und die Solidarität auf Gemeindeebene zu stärken.
Die Zusammenarbeit hat wichtige Plattformen für den Dialog darüber geschaffen, wie Religion und kulturelle Interpretationen die öffentliche Haltung gegenüber LGBTIQ*-Personen in einer tief religiösen Gesellschaft prägen. Durch die Kombination internationaler Menschenrechtsperspektiven mit fundierten lokalen Kenntnissen hat die Partnerschaft die Advocacy-Bemühungen gestärkt und Geistliche, Aktivist*innen und Gemeindemitglieder dabei unterstützt, Gespräche über Würde, Zugehörigkeit und Glauben neu zu gestalten.
Darüber hinaus hat die Zusammenarbeit wichtige Bedürfnisse der Gemeinschaft hervorgehoben, darunter einen nachhaltigen Dialog mit Geistlichen, die Schaffung sicherer Treffpunkte und eine erhöhte Sichtbarkeit sexueller Minderheiten.
Die Partnerschaft ist ein Vorbild für einen mitfühlenden Ansatz, der religiöse Überzeugungen respektiert und gleichzeitig die Rechte und das Wohlergehen von LGBTIQ*-Personen entschlossen fördert – ein wichtiges Gleichgewicht in einem Umfeld, in dem Aktivist*innen oft als "gottlos" oder "unafrikanisch" bezeichnet werden.
Mit Blick auf die Zukunft wird die Stärkung und Aufrechterhaltung dieser Zusammenarbeit es sexuellen Minderheiten weiter ermöglichen, ihren Platz in der Gesellschaft einzufordern, nicht nur als Begünstigte, sondern auch als aktive Mitwirkende an der Interessenvertretung, dem sozialen Zusammenhalt und der Unterstützung der Gemeinschaft. Die Fokussierung auf lokale Führung, kontextuelles Verständnis und Menschenwürde wird die Wirkung dieser gemeinsamen Zusammenarbeit weiter verstärken.
Für dieses Jahr planen wir unsere Zusammenarbeit auszubauen, die erhoffte Projektförderung blockiert das Auswärtige Amt aber bisher aus formalen Gründen.
Das Interview führte Guido Schäfer, Hirschfeld-Eddy-Stiftung, im Januar 2026.
Der Text wurde aus dem Englischen übersetzt.


Rwanda: Using the Bible to combat hatred and exclusion
Interview with a pastor who advocates for queer people in Rwanda
The Hirschfeld-Eddy-Foundation (HEF) has been working with initiatives in Rwanda for over 10 years and has provided assistance for local measures on several occasions, such as food and hygiene items during the pandemic. This also led to contact with an inclusive church organization. In a HES web talk in 2023, a representative of this organization reported in detail on the situation of LGBTIQ+ people in the region and on his work as a pastor of the United Methodist Church (UMC). For reasons of personal safety, we will not mention any names.
Religion plays a major role in Rwanda and throughout the East African region. Society, and thus many queer people, are deeply religious. However, it is precisely these people who suffer from exclusion, not only by their families, but also by their communities and religious leaders.
Our partner organization has set itself the goal of offering these people a home, creating spaces where they can gather with their allies without fear, share experiences, and receive spiritual, emotional, and practical support.
In addition, the pastor also wants to counter deeply rooted ways of thinking and misinterpretations of biblical teachings. In the following interview, he talks about how he is doing this and what his plans are for 2026.
You are a pastor in the United Methodist Church (UMC). In 2024, the UMC´s General Conference enacted an affirming theology regarding the LGBTIQ- community. What impact does this decision have on your work in Rwanda?
The 2024 decision of the UMC General Conference to adopt an affirming theology regarding LGBTIQ+ persons marked a historic moment for the global church. At its core, this decision reaffirms a foundational Christian conviction: that all people are created in the image of God and possess sacred worth. This is deeply rooted in Scripture, such as Genesis 1:27, which affirms that every human being is created in God’s image, and Galatians 3:28, which emphasizes equality and dignity beyond human divisions. The Book of Discipline of the UMC further reinforces this principle by affirming that all persons are of sacred worth and deserving of the church’s ministry, care, and justice.
In the Rwandan context, this global affirmation provides both theological legitimacy and moral encouragement for inclusive, faith-led advocacy. It strengthens our engagement with clergy and congregations who are willing to listen, learn, and reflect critically on interpretations of Scripture that have historically fuelled stigma and marginalization of LGBTIQ+ persons. The decision helps validate the message that inclusion is not a foreign ideology, but a faith-rooted call grounded in love, justice, and pastoral responsibility.
However, the reality on the ground remains complex and challenging. Deep religious conservatism, especially among older pastors, combined with long-standing cultural norms and misinterpretations of biblical teachings on human sexuality, has led some church leaders to openly resist this inclusive direction. In some cases, there are voices calling for separation from the UMC because of this theological shift. Changing such deeply embedded mindsets cannot happen overnight. It requires sustained advocacy, long-term education on human sexuality and human rights, and patient, contextual pastoral engagement.
Within this challenging environment, the emphasis on inclusiveness has nonetheless enabled us to expand community mobilization initiatives focused on understanding SOGIESC (Sexual Orientation, Gender Identity and Expression, and Sex Characteristics). Through interfaith forums and dialogue spaces, pastors from different denominations are brought together to engage in informed discussions on sexuality, biblical interpretation, and human dignity. These encounters such as the community dialogues illustrated above are slowly fostering awareness, empathy, and theological reflection, even where resistance persists.
What are your plans for 2026?
Looking toward 2026, the focus will be on deepening the work of inclusion, education, and community empowerment across Rwanda. One key priority is the expansion of interfaith and church dialogues that intentionally reduce stigma related to sexual orientation and gender identity. These dialogues aim to engage more pastors and lay leaders in respectful, informed conversations that bridge faith, culture, and human rights.
Another major focus will be training and capacity-building programs for church leaders, equipping them to interpret Scripture in ways that affirm human dignity while remaining faithful to pastoral care principles. These trainings are designed not to impose views, but to encourage critical reflection, compassionate leadership, and responsible theology that responds to lived realities.
Beyond theological engagement, 2026 will also prioritize grassroots community empowerment, particularly for individuals facing multiple layers of exclusion due to their identity and socio-economic vulnerability. This includes support for access to healthcare and health insurance, livelihood initiatives, and psychosocial support recognizing that inclusion must be both spiritual and practical.
In addition, efforts will continue to establish and strengthen safe, community-led spaces where LGBTIQ+ persons and their allies can gather, share experiences, and access spiritual, emotional, and practical support without fear. These spaces play a critical role in healing, resilience, and community cohesion.
Overall, the intended outcome is to bridge faith and human rights in a way that contributes to long-term social transformation, promoting dignity, respect, and belonging for all. Achieving this vision requires strong collaboration. It is important to emphasize that neither Hirschfeld-Eddy-Foundation (HEF) nor the Inclusive Mission for Health and Hope (IMHH) can accomplish this alone. Meaningful impact depends on the combined efforts of faith leaders, civil society organizations, international partners, local authorities, and community members working together.
In what ways does your cooperation with the HEF support you and the IMHH in your work?
The cooperation between the Hirschfeld-Eddy Foundation (HEF) and Inclusive Mission for Health and Hope (IMHH) has already demonstrated tangible impact within faith communities and beyond. This partnership has been instrumental in capacity building, particularly in areas such as project formulation, advocacy strategy development, and institutional strengthening.
Through joint initiatives, the cooperation has also enabled livelihood assistance to vulnerable families, especially marginalized groups such as LGBTIQ+ persons and people living with HIV. In addition, humanitarian support during times of crisis and catastrophe has helped reinforce trust and solidarity at the community level.
The collaboration has created important platforms for dialogue on how religion and cultural interpretations shape public attitudes toward LGBTIQ+ people in a deeply religious society. By combining international human rights perspectives with strong local knowledge, the partnership has strengthened advocacy efforts and supported clergy, activists, and community members in reframing conversations around dignity, belonging, and faith.
Moreover, the cooperation has highlighted critical community-led needs, including sustained dialogue with clergy, the creation of safe meeting spaces, and increased visibility for sexual minorities. The partnership models a compassionate approach that respects religious belief while firmly promoting the rights and wellbeing of LGBTIQ+ individuals, an essential balance in contexts where activists are often labelled as “ungodly” or “un-African.”
Looking ahead, strengthening and sustaining this cooperation will further enable sexual minorities to claim their space within society, not only as beneficiaries, but also as active contributors to advocacy, social cohesion, and community support. Centering local leadership, contextual understanding, and human dignity will continue to amplify the impact of this shared mission.
This year we plan to expand our cooperation and hope for project funding from the Federal Foreign Office, but the funding is being stopped because of formal reasons.
The interview was conducted by Guido Schäfer,
Hirschfeld-Eddy Foundation, in January 2026.

