Menu
Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD⁺)

The Queer Face of War. Portraits and Stories from Ukraine“ by J. Lester Feder:

Veranstaltungsbericht

Lester Feder stellte sein Buch "The Queer Face of War. Portraits and Stories from Ukraine" am 19. Mai 2026 im Rahmen einer Abendveranstaltung von LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt und Queere Nothilfe Ukraine in Berlin vor. Der Bildband ist der erste seiner Art, der die Vielfalt einer queeren Community im Krieg darstellt.

Lester Feder stellte sein Buch "The Queer Face of War. Portraits and Stories from Ukraine" am 19. Mai 2026 im Rahmen einer Abendveranstaltung von LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt und Queere Nothilfe Ukraine in Berlin vor. Der Bildband ist der erste seiner Art, der die Vielfalt einer queeren Community im Krieg darstellt. Das Buch ist letzten Herbst im Verlag Kettler erschienen.  

Lester Feder ist ein preisgekrönter US-amerikanischer Journalist mit familiären Wurzeln im heutigen Gebiet der Ukraine. Zwischen 2013 und 2020 war er Chefkorrespondent von BuzzFeed News für queere Themen. Als seine Arbeit dort begann, galten die Menschenrechte von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und intergeschlechtlichen sowie a_spec und weiteren queeren Menschen (LSBTIAQ*) noch nicht als weltweite Neuigkeiten. J. Lester Feder trug zum Mainstreaming und der Sichtbarkeit queerer Kämpfe weltweit bei und engagiert sich heute bei der globalen LSBTIAQ*-Organisation "Outright International" und der "Human Rights and Gender Justice Clinic" der städtischen Universität New York. Bereits zuvor hat J. Lester Feder immer wieder aus Krisen- und Konfliktzonen berichtet.

Im Gespräch mit LSVD⁺-Bundesvorstand Alva Träbert J. erläuterte Lester Feder, dass ihm als Journalist, als er 2013 über das sogenannte "Anti-LGBT-Propaganda-Gesetz" in Russland und 2014 über die Annexion der Krim berichtete, klar wurde: Die beiden Geschichten ließen sich nicht trennen, denn Russland instrumentalisiere die bestehenden queerfeindlichen Einstellungen, um seinen Krieg gegen die Ukraine zu legitimieren. Die Rechte von Frauen und queeren Menschen, die in der Ukraine mit der Hinwendung zu Europa stärker thematisiert wurden, missbrauchte Russland zur Begründung des Krieges. Um Europa zu disqualifizieren, werden Queerfeindlichkeit und Frauenhass für Kriegspropaganda genutzt. Feminist*innen und queere, insbesondere trans*, Personen werden zu Sündenböcken gemacht, die körperliche Selbstbestimmung eingeschränkt und damit auch der Zugang zu Gesundheitsversorgung verunmöglicht. Russland - als Teil der globalen Anti-Gender-Bewegung - greift LSBTIAQ*-Rechte gezielt an und will queeres Leben eliminieren.

Nachdem die Vollinvasion Russlands in die Ukraine 2022 begann, reiste Lester dorthin, um die Interviews zu führen, die schließlich in seinen Bildband "The Queer Face of War. Portraits and Stories from Ukraine" mündeten. Die Interviews waren Teil seiner Arbeit für eine Menschenrechtsorganisation, und die Idee, Porträtfotos der Interviewpartner*innen zu erstellen, kam erst später auf. In J. Lester Feders vorheriger Arbeit in anderen Konfliktzonen, konnten queere Menschen, die von akuter Verfolgung bedroht waren – etwa in Afghanistan und Uganda – nicht mit Klarnamen und Gesicht vor die Kamera treten.

In der Ukraine ist das anders: Queere Ukrainer*innen droht durch das eigene Land keine akute Verfolgung. Die Ukraine hat in den letzten Jahren Gesetze gegen Hasskriminalität und die Diskriminierung queerer Menschen am Arbeitsplatz verabschiedet. Es besteht in der Ukraine auch die Möglichkeit, als trans*, intergeschlechtliche und nicht-binäre Person den eigenen Geschlechtseintrag zu ändern. Aber der Schutz von LSBTIAQ* ist noch lange nicht in allen Lebensbereichen vollständig. Beispielsweise ist die gleichgeschlechtliche Ehe noch in weiter Ferne. Auch beim Wehrdienst wird das Geschlecht von trans* Personen noch nicht anerkannt, da die Ukraine noch nicht die neueste Version der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) implementiert hat. Nach dieser Leitlinie wird Trans*geschlechtlichkeit endlich entpathologisiert. Für manche queere Menschen in der Ukraine ist die Verteidigung des eigenen Landes als Soldat*innen auch eine Möglichkeit, Brücken mit vormals ablehnenden Menschen aufzubauen und Vorurteile gegen queeres Leben abzubauen. Queere Soldat*innen haben dadurch eine Vorreiter*innenposition für die Integration und Anerkennung von LSBTIAQ* in der gesamten ukrainischen Gesellschaft.

Im Buch werden die Lebensgeschichten queerer Ukrainer*innen durch die Kombination aus schriftlichen und fotografischen Porträts sichtbar. Während der Buchvorstellung las J. Lester Feder einige dieser Lebensgeschichten beispielhaft vor. So berichtete er von einer trans* Soldatin, die dem Militär ursprünglich beitrat, um ihre geschlechtsaffirmativen Maßnahmen zu finanzieren, die dann aber aus dem Militär gedrängt wurde. Er berichtete auch von Diana, die in Cherson verhaftet wird, nachdem die Soldat*innen bei ihr eine Regenbogenflagge finden. Für manche der Protagonist*innen waren diese biografischen Interviews das erste Mal, dass sie ihre Geschichte erzählen und verarbeiten konnten, was die Interviews teilweise sehr schwer gemacht hat. Wieder andere wollten nicht zu detailliert von ihrem Schicksal im Angriffskrieg erzählen, weil Gerichtsverfahren laufen und sie die Geschichte dadurch schon öfter nacherzählen mussten. Viele Geschichten werden vielleicht auch erst in Zukunft erzählt werden, wenn die Menschen dazu bereit sind.

In der Fragerunde meldeten sich auch einige queere Menschen aus der Ukraine zu Wort. Sie dankten für die Sichtbarkeit für die Lebensgeschichten queerer Ukrainer*innen durch das Buchprojekt und machten deutlich: Die Kämpfe queerer Menschen in der Ukraine sind Kämpfe um Menschenrechte und die Demokratie selbst.

Die Kämpfe queerer Menschen aus der Ukraine gehen uns alle etwas an, meinte J. Lester Feder, denn Autokraten wie Putin und Trump nutzten beide Queerfeindlichkeit, um die Gesellschaft zu spalten. "Putin and Trump use homophobia to scare people away from freedom and democracy." Diese Spaltung ziele darauf ab, Menschen von Werten wie Freiheit und Demokratie fernzuhalten. Für J. Lester Feder ist klar, dass diese Instrumentalisierung von Queerfeindlichkeit für Kriege nichts Neues ist, neu ist nur, dass queere Menschen selbst in Echtzeit darüber berichten. Da immer noch infrage gestellt werde, ob die spezifische Verfolgung von LSBTIAQ* auch spezifischen Schutz durch das Völkerstrafrecht und internationale Abkommen brauche, könnten persönliche Geschichten diese Notwendigkeit verdeutlichen.

In Zeiten von Multikrisen an vielen Orten der Welt darf der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine nicht vergessen werden. Die Queere Nothilfe Ukraine (QNU), in welcher sich auch der LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt engagiert, bittet weiterhin dringend um Spenden. Sören Landmann von der QNU erinnerte in seinen Schlussworten die Anwesenden daran: "We as queer people are not a footnote to history, but actively shaping it." - "Wir als queere Menschen sind nicht nur eine Fußnote der Geschichte, sondern wir prägen sie aktiv mit."

Im Rahmen der europäischen Tour sind noch Ausstellungen in Kyjiw (30. Mai – 13. Juni) und Amsterdam geplant. Um die Tour finanziell zu ermöglichen, brauchen wir weiterhin Unterstützung – hilf mit, "The Queer Face of War" durch ganz Europa zu bringen!

So kannst du unterstützen:

Vielen herzlichen Dank für deine Unterstützung und Solidarität!