Queerness in der Kinder- und Jugendliteratur
Wie Fachkräfte queere Kinder- und Jugendliteratur für ihre Arbeit nutzen können

In diesem Beitrag geht es um Queerness in der Kinder- und Jugendliteratur. Die Inhalte dieses Artikels stammen aus dem achten "Queer Papier", das im Rahmen des LSVD⁺-Projektes im Bundesprogramm "Demokratie leben!" entstanden ist. Die Papiere richten sich an Fachkräfte und Aktive in der Kinder- und Jugendarbeit sowie in Wohlfahrtsorganisationen.
Alle "Queer-Papiere" können Sie sowohl online als PDF herunterladen als auch in gedruckter Form kostenfrei bestellen unter: koordinierungsstelle@lsvd.de.
Inhaltsverzeichnis
- Warum ist die Sichtbarkeit von Queerness in der Kinder- und Jugendliteratur so wichtig?
- Scheinargumente und Ängste schürende Rhetorik
- Queerness in der (erzählenden) Kinder- und Jugendliteratur – Gut gemacht oder nur gut gemeint?
- Binarität (Norm und Abweichung) oder deren Überwindung
- Was bei der Literaturauswahl beachtet werden sollte
- Weitere Tipps
In diesem Queer-Papier wird die Relevanz von Darstellungen von Queerness in der Kinder- und Jugendliteratur erläutert. Das Papier legt dar, wie ein gelungener diversitätssensibler Umgang mit diesen Texten aussehen kann. Es beschreibt, welche Potentiale für die Vermittlung eines Vielfalt wertschätzenden Umgangs miteinander in den Texten angelegt sind – aber auch welche Gefahren bestehen bzw. was beachtet werden sollte. Neben grundsätzlichen Überlegungen zu Struktur und Aufbau der Texte, die begleitet werden von konkreten Literaturempfehlungen, werden Vorurteile und Scheinargumente gegen Queerness verhandelnder Kinder- und Jugendliteratur adressiert und konkrete Tipps aufgeführt. Im Ausblick gibt es Empfehlungen für die Auswahl gelungener Kinder- und Jugendbücher sowie für eine konkrete pädagogische Umsetzung.

1. Warum ist die Sichtbarkeit von Queerness in der Kinder- und Jugendliteratur so wichtig?
Der Umgang mit literarischen Texten ermöglicht Kindern und Jugendlichen Zugänge zu Welten, in denen sie sowohl ihre eigenen Erfahrungen wiederfinden als auch neue Sichtweisen kennenlernen können. Dies gilt unabhängig von ihrer Lesekompetenz: Literarische (und somit auch persönlichkeitsbezogene) Lern- und Entwicklungsprozesse werden nicht nur durch eine eigenständige Romanlektüre angeregt, sondern auch beim Zuhören vorgelesener Geschichten oder der Teilnahme an Vorlesegesprächen. Mit einem weiten Textverständnis gilt dies auch für die Auseinandersetzung mit anderen Medien, also beispielsweise Filmen, Serien usw. – in diesem Queer-Papier stehen allerdings Kinder- und Jugendbücher im Fokus. Kinder- und Jugendliteratur ist seit ihrer Herausbildung stets stark von Geschlechternormen geprägt gewesen, sie kann sogar als „Schlachtfeld der Geschlechternormen“[1] verstanden werden. Auf dem wird spätestens seit der Reformpädagogik um „Durchsetzung [von] und Kritik“[2] an diesen Normen gerungen. Auch wenn heute bekannt ist, dass die Kategorie Geschlecht – wie andere miteinander in Wechselbeziehung stehende Merkmale der menschlichen Identität auch – nicht binär, sondern differenzierter verhandelt werden muss, machen heteronormativ konzeptionierte Weltentwürfe einen Großteil der Texte für Kinder- und Jugendliche aus. Noch immer dominieren tradierte Vorstellungen von Familienkonstellationen und Rollenverteilungen[3]. Das führt vor allem auch dazu, dass andere Lebens-, Liebesformen bzw. Identitätsentwürfe marginalisiert und ausgeblendet werden – auch in der Kinder- und Jugendliteratur.
Warum ist das so problematisch? Kinder- und Jugendliteratur kann einerseits ein hohes identifikatorisches Potential mit den Inhalten bieten. Daher ist relevant, dass sich Kinder in den Geschichten jenseits heteronormativer Weltentwürfe wiederfinden können und diese Lebensentwürfe überhaupt sichtbar gemacht werden. Doch nicht nur mit Blick auf das mögliche
Identifikationspotential ist eine Sichtbarmachung wichtig, sondern auch unter einem weiteren Gesichtspunkt: Leser*innen, die mit den unterschiedlichen Themen noch wenig in Berührung gekommen sind, können durch queersensible Kinder- und Jugendliteratur an ein Weltbild herangeführt werden, das Vielfalt schätzt und unterschiedliche Lebensentwürfe und
Identitäten als gleichwertig akzeptiert. Dabei können die Lesenden lernen, Stereotype als solche zu erkennen und sie zu „entlarven“. Wie wenig Wissen aktuell über Queerness – beispielsweise Intergeschlechtlichkeit und Transidentität – in pädagogischen Einrichtungen vorhanden ist, belegt eine 2017 erschienene Studie der Interministeriellen Arbeitsgruppe „Inter- und Transsexualität“ (IMAG) des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)[4]: „Fachkräfte in Kitas, Schulen, Jugendämtern […] haben oftmals nur ein unzureichendes Wissen in Fragen der geschlechtlichen Identität. Hier bedarf es der Aufklärung und Sensibilisierung.“[5]
Es wird zu diesem Zweck explizit die „Anschaffung inklusiver Kinderbücher“[6] empfohlen, also von Literatur, in der Diversität/Queerness verhandelt wird. Das ist wichtig, weil es unserem Demokratieverständnis und Menschenbild entspricht, Selbstbestimmung und Diversität wertschätzend zu akzeptieren und Kinder und Jugendliche sowohl bei ihrer „Identitätsfindung“ als auch in ihrer kulturellen Bildung zu unterstützen. Es gilt das im Grundgesetz festgeschriebene Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit.

2. Scheinargumente und Ängste schürende Rhetorik
Zur diversitätssensiblen pädagogischen Arbeit mit Kinder- und Jugendliteratur gehört es auch, mögliche Unsicherheiten des Umfelds (Eltern, Sorgeberechtigte oder Kolleg*innen) wahrzunehmen und entsprechend zu reagieren. Dies kann zum Beispiel durch den Verweis
auf qualitativ hochwertige Informationsmaterialien, die im Internet als PDF leicht zugänglich sind, erfolgen.[7] Aus rechtskonservativen oder religiös-fundamentalistischen Milieus wird die queere Literatur als Instrument der sogenannten „Indoktrinierung“, „Frühsexualisierung“
der Kinder und „Verwirrung“ der Geschlechtsidentität der Jugendlichen diskreditiert. Diese Rhetorik schürt Ängste, dass Kinder und Jugendliche durch diese Literatur gefährdet würden. Sie geht allerdings von Prämissen aus, die einem demokratischen Werteverständnis
widersprechen. Denn ihnen liegt ein heteronormatives Verständnis zugrunde, das die gesellschaftliche Zuschreibungsmacht über die identitäts- oder auch gefühlsbezogene Eigenwahrnehmung der Kinder- und Jugendlichen setzt und bei einem Widerspruch mit
Angst, Scham und Entwertung operiert. Dies führt nicht nur zu empfundener Scham, wenn man den als natürlich proklamierten Normen nicht entspricht, sondern auch zu Intoleranz anderen gegenüber, die ebenfalls den Normen nicht entsprechen.
Queerness verhandelnde Literatur kann dem aktiv entgegenwirken. Kinder und Jugendliche sollen darin bestärkt werden, ihre Gefühle wahrzunehmen und sich selbst und anderen wertschätzend zu begegnen. Und wenn Akzeptanz und Vielfalt bereits im Bilderbuch verhandelt werden, ist dies keine Gefahr für Kinder und Jugendliche, sondern stärkt sie im Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt: Wenn in Kinder- bzw. Bilderbüchern eine liebevolle Familienkonstellation mit einander wertschätzenden Figuren dargestellt oder in Jugendbüchern die erste Verliebtheit ausgeleuchtet wird, geht es bei der Repräsentation von Queerness nicht um eine sexuelle Dimension, sondern grundlegend um die wichtige Botschaft, dass es ok ist. Es darf so sein, dass Menschen sich liebhaben und wertgeschätzt werden, unabhängig von ihren Identitätsentwürfen, ihrer sexuellen Orientierung, ihren Körpern oder etwa ihrer Geschlechtlichkeit. Bei wem durch die Darstellung beispielsweise zweier kochender, verheirateter Mütter in einer Küche im Bilderbuch (z. B. in Mama und Mami und ich: Die große Vermissung) oder bei einer Geschichte um zwei männliche Pinguine im New Yorker Zoo (Zwei
Papas für Tango) ein sexuelles Register aufspringt, der nimmt selbst eine Sexualisierung vor. Diese ist den Büchern nicht inhärent und ist der eigenen heteronormativen Wahrnehmung geschuldet – das sollte reflektiert werden. In den Kinderbüchern geht es also nicht um die explizite oder implizite Schilderung sexueller Praktiken oder um eine „verfrühte“ sexuelle
Aufklärung, sondern um die nicht sexuell konnotierte altersgerechte Darstellung von queeren Lebensentwürfen sowie um eine empowernde Botschaft.
Das Scheinargument der Frühsexualisierung findet sich mitunter auch im schulischen Kontext wieder. Hier sei auf die Lehrpläne des Sachunterrichts an Grundschulen verwiesen, die nun auch die Thematisierung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt vorsehen. Allerdings hat sich nichts an den Klassenstufen geändert, in denen diese Aufklärung erfolgt. Das Thema der sexuellen Aufklärung wurde nicht auf frühere Schuljahre vorgezogen, sondern lediglich um die Aussage „erweitert“, dass es sexuelle und geschlechtliche Vielfalt gibt – und dies ok ist und sein darf. Sucht man explizit nach kinder- und jugendliterarischen Sachbüchern zur sexuellen Aufklärung, so gibt es mittlerweile erfreulicherweise einige Titel, die diversitätssensibel sind und dem Anspruch anatomischer Korrektheit nachkommen können. In vielen Biologiebüchern der Schulbuchverlage werden derweil noch weiblich konnotierte Geschlechtsorgane unvollständig und fehlerhaft dargestellt: So ist die korrekte Darstellung der Vulva – mit Klitoriseichel, Schwellkörpern etc. – erst seit 2022 in (einigen) Schulbüchern zu finden.

3. Queerness in der (erzählenden) Kinder- und Jugendliteratur – Gut gemacht oder nur gut gemeint?
So begrüßenswert es ist, dass Queerness mittlerweile vermehrt auch in der Kinder- und Jugendliteratur thematisiert wird, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass die Texte deshalb automatisch empfehlenswert für die diversitätssensible Arbeit sind. Bei aktuellen kinder- und jugendliterarischen Texten lässt sich zum Beispiel häufig ein Spannungsverhältnis zwischen den Aussagen auf dem Buchrücken und den Normen und Werten der eigentlichen Geschichte ausmachen. So lassen sich einerseits auf dem Cover Vielfalt markierende Symbole wie Regenbögen oder Aussagen wie „Sei, wer Du bist!“ etc. finden – was kaufentscheidend sein kann – andererseits finden sich diese Aussagen aber eben nicht mehr in der Geschichte wieder. Da dieses Spannungsverhältnis gar nicht immer so leicht zu decodieren ist, werden hier Merkmale für „gelungene“ Literatur vorgestellt.
Das Wichtigste vorweg: Auch ein nicht durchgehend diversitätssensibler Text kann durch literarische (Vor-) Lesegespräche entsprechend gerahmt werden, in denen verletzendes Potential oder Stereotypisierungen mit den Kindern gemeinsam kritisch reflektiert werden.
4. Binarität (Norm und Abweichung) oder deren Überwindung
Ein Text sollte dahingehend überprüft werden, ob Queerness in der erzählten Welt als eine Ausnahme bzw. Abweichung einer Norm dargestellt wird (und darüber hinaus handlungsleitend ist) oder ob diese Binarität aufgelöst/überwunden wird. In einem utopischen Weltentwurf, der darstellt, wie eine Gesellschaft idealerweise aussehen könnte, in der Queerness nicht als Gegenentwurf zu einer als normal apostrophierten Welt konzipiert dargestellt wird, findet sich häufiger die reiche Bandbreite von Vielfalt: Identität(en), Sexualität(en) werden als fließend und nicht hierarchisch organisiert verstanden (z. B. Kivi und der Monsterhund) und ihnen wird wertschätzend begegnet (z. B. Julian feiert die Liebe). Diesen Geschichten liegt auch nicht unbedingt Queerness als „zu lösendes Problem“ zugrunde, das die Handlung als alleiniges Thema bestimmt; vielmehr können Darstellungen von Queerness „nebenbei“ erfolgen und idealerweise werden dabei nicht nur norm-schöne, nicht-behinderte, weiße Figuren dargestellt. Utopische Weltentwürfe sollten nicht als „unrealistisch“ und deshalb unwichtig abqualifiziert werden, da ihnen ein stark empowerndes Moment innewohnt: An ihnen können Kinder und Jugendliche erfahren, wie ein diversitätssensibler Umgang miteinander aussehen kann.
Findet sich in den Texten jedoch eine klar binäre Struktur in der Art „Norm und deren Abweichung“ vor, kann dies den Schilderungen von diskriminierenden Strukturen geschuldet sein. Das muss nicht per se etwas Schlechtes sein: Vorurteilsbewusste Geschichten, die sich von den utopischen Weltentwürfen unterscheiden, zeichnet gerade aus, dass sie eben keine „ideale“ (d. h. eine diskriminierungsfreie, nicht-binär organisierte) Welt darstellen und so für Diskriminierungserfahrungen marginalisierter Gruppen sensibilisieren können.
Beispiel: In einem Adoleszenzroman erhält eine Figur einen Außenseiterstatus, weil sie als inter*, trans* oder als nicht-heterosexuell begehrend dargestellt wird. Ist dieser Außenseiterfigur nun eine die Norm verkörpernde Figurengruppe gegenübergestellt, lässt sich zunächst feststellen, dass eine binäre Struktur (re-)inszeniert wird. Auf diese Außenseiterfigur und ihr Verhältnis zur erzählten Welt bzw. zu den Figuren, die die Norm verkörpern, muss dann allerdings besonders geachtet werden: Wie wird der Außenseiterstatus dargestellt, wie wird er „begründet“? Finden sich problematische Andeutungen, dass der Außenseiterstatus „berechtigt“ sei, d. h. die diskriminierende Gruppe sich vermeintlich korrekt verhält? Was wird dagegen unternommen? Häufig findet in den Texten mit queeren Außenseiterfiguren nicht nur ein Othering[8] statt, sondern diese Außenseiterfiguren müssen sich verändern oder behaupten oder eine (unfreiwillige) Reise antreten, bis sie von der Gruppe akzeptiert werden. Wenn Mobbing, Diskriminierungen und Exklusionsmechanismen im Laufe der Geschichte nicht problematisiert werden und keine Reflexion bzw. Entwicklung der Täter*innen-Figuren dargestellt wird, ist dies ebenfalls als problematisch zu bewerten: Implizit wird so die Wertung transportiert, dass die Figur, die nicht der Norm entspricht, selbst dafür verantwortlich sei, sich entweder anzupassen oder ihren „Wert“ für die Gemeinschaft zu beweisen.
Eine solche Konstellation findet sich beispielsweise in dem Bilderbuch-Bestseller Irgendwie anders, das mit seiner Darstellung von Toleranz beworben wird und seit Jahren in vielen pädagogischen Einrichtungen zu finden ist – und obwohl hier nicht explizit Queerness, sondern Andersartigkeit thematisiert wird, lässt sich das hochproblematische Schema recht anschaulich nachzeichnen: Die Figur ist in der ersten Hälfte der Geschichte bemüht, von den anderen Figuren als Gruppenmitglied akzeptiert zu werden. Da sie aber „irgendwie anders war“, wird sie – allen Bemühungen zum Trotz – regelrecht fortgejagt und soll fortan in ihrer von der Gemeinschaft weit entfernten Hütte koexistieren. Obgleich die Außenseiterfigur im weiteren
Verlauf mit einer weiteren Außenseiterfigur Freundschaft schließt und dann fortan mit dieser glücklich zusammenlebt, werden die grausamen Exklusionsmechanismen der anderen Figuren nicht problematisiert oder reflektiert. Es scheint fast so, als sei nun die gewünschte Ordnung hergestellt, die die Außenseiterfiguren von der Gruppe trennt.
Geschichten dieser „Bauart“ müssen sehr kritisch betrachtet werden: Sie eignen sich allenfalls dafür, mit Kindern über Exklusionsmechanismen, Mobbing und Diskriminierungen zu sprechen – und zu überlegen, wie ein wertschätzender Umgang mit Betroffenen aussehen könnte.
Mitunter findet man bei den Queerness verhandelnden Kinder- und Jugendbüchern noch andere Variationen dieser hierarchisch organisierten Geschichten: So ist bei Texten, in denen Inter*geschlechtlichkeit verhandelt wird, auffallend, dass die inter* Figur häufig stark exponiert wird und einer Art Erklärungszwang ausgesetzt wird: Erst wenn sie sich überzeugend erklären konnte, wird sie in der Gruppe akzeptiert. So wird in dem Bilderbuch Jill ist anders[9] einerseits Inter*geschlechtlichkeit ganz selbstverständlich und transparent dargestellt, andererseits muss die intergeschlechtliche Figur Jill ihre Geschlechtsorgane vor der Gruppe an die Tafel malen. In dem Bilderbuch Wer ist die Schnecke Sam? wird das ausgrenzende Verhalten der anderen zwar schnell überwunden und die vielfältigen Formen des Zusammenlebens im Tierreich werden erkundet; somit geht es auch nicht mehr ausschließlich um die Legitimierung der intergeschlechtlichen Figur.[10]
Bei Jugendromanen wird Intergeschlechtlichkeit manchmal als eine Art „dunkles Geheimnis“ für die Erzeugung von Spannung missbraucht und ist mit Vorsicht zu genießen (z. B. Liebe macht anders). Bei trans* Identität findet sich häufiger eine andere Art des Legitimationszwangs: Hier müssen die Figuren besonders „männlich“ oder „weiblich“ agieren, damit ihnen ihre Geschlechtsidentität überhaupt zugestanden wird. Diese Strukturen werden mitunter von vermeintlich wertschätzenden Äußerungen anderer Figuren („Jede*r ist wertvoll!“) verdeckt und müssen kritisch reflektiert werden. Daher ist es wichtig, sich nicht alleine auf Empfehlungen oder Preisauszeichnungen zu verlassen, sondern die Texte selbst auf bestimmte Merkmale zu überprüfen.

Literaturverzeichnis:
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.): Zusammenfassung Forschungsergebnisse und Erkenntnisse des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus der Begleitarbeit zu der Interministeriellen Arbeitsgruppe „Inter und Transsexualität“ (IMAG). Begleitmaterial zur Interministeriellen Arbeitsgruppe Inter- und Transsexualität. Band 12, Berlin 2017
Burghardt, Lars/Klenk Florian Cristobal: Geschlechterdarstellungen in Bilderbüchern – eine empirische Analyse. In: Gender. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft: Gemachte Verhältnisse. Forschungsperspektiven auf Kindheit, Jugend und Geschlecht. Heft 3/2016. 8. Jahrgang, S. 61-80
Nieberle, Siegrid: Gender Trouble als wissenschaftliche und literarische Herausforderung. In: kjl&m extra 2016, S. 19-28
1 Nieberle 2016, S. 25.
2 Ebd.
3 Vgl. zum Beispiel die Studie von Burghard/Klenk.
4 https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/zusammenfassung-forschungsergebnisse-und-erkenntnisse-des-bundesministeriums-fuer-familie-senioren-frauen-und-jugend-aus-der-begleitarbeit-zu-der-interministeriellen-arbeitsgruppe-inter-und-transsexualitaet-imag--120646
5 BMFSFJ 2017, S. 10.
6 Ebd.
7 Empfehlenswert sind die weiteren Ausgaben der Queer-Papiere https://www.lsvd.de/de/ct/10896-Neue-Ausgaben-der-quot-Queer-Papier-quot-Reihe- erschienen oder auch die Broschüre „Das Märchen von der Gender-Verschwörung“ der Friedrich-Ebert-Stiftung: https://library.fes.de/pdf-files/dialog/13544.pdf
8 Das Konzept des Otherings stammt aus dem Kontext der postkolonialen Theorie und beschreibt die (entwertende) Distanzierung zu anderen Gruppen, um die
eigene „Normalität“ zu bestätigen.
9 https://www.hugendubel.info/detail/ISBN-9783981795622/Rosen-Ursula/Jill-ist-anders
10 Allerdings bleiben am Ende der Geschichte die binären Geschlechterrollen bei Sam erhalten. Anders wird bei Jill die Intergeschlechtlichkeit vollends akzeptiert.

5. Was bei der Literaturauswahl beachtet werden sollte
- Wird Vielfalt/Diversität/Queerness selbstverständlich und ohne gesonderte Problematisierung dargestellt? Oder wird auf diese Art und Weise eine Figur markiert, die dadurch einen Außenseiterstatus erhält?
- Wie ist die Handlung motiviert? Wie sieht das „Problem“ und wie sieht die „Lösung“ aus? Stellt Queerness das (monothematische) Problem dar, um das sich alles dreht?
- Welche Figuren entwickeln und verändern sich? Wenn eine Struktur „Außenseiterfigur“/„andersartige“ Figur vs. Normen verkörpernde Figurengruppe“ gegeben ist: Wie verhält sich die Gruppe? Wie wird Mobbing und exkludierendes Verhalten verhandelt?
- Welche Machtverhältnisse sind in dem Text erkennbar?
- Aus wessen Sicht wird die Geschichte erzählt?
- Regt der Text zur Reflexion an, werden Gefühle adressiert und können diese erörtert werden?
- Ist der Text empowernd oder werden die Figuren als hilfsbedürftig und schwach dargestellt?

6. Weitere Tipps
- Legen Sie in Ihrer Einrichtung eine Bücherecke an, in der auch Queerness verhandelnde Kinder- und Jugendliteratur zu finden ist. Sie können die hier genannten Titel berücksichtigen oder finden Literaturempfehlungen hier: www.kimi-siegel.de
- Ein gelungenes Materialheft bietet auch die GEW an, das als PDF kostenlos heruntergeladen werden kann: Beyond the binary. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in Kinder- und Jugendmedien
- Sichtbarkeit ist wichtig und hat eine starke Signalfunktion. Hängen Sie deshalb z. B. ein Plakat auf, das wertschätzenden Umgang mit Queerness und Diversität vermittelt. Umfangreiches Material findet sich auch auf der Homepage der Bundeszentrale für politische Bildung, etwa die Wandzeitung „Sexismus begegnen“
- Fragen Sie in Ihrer Einrichtung nach einer entsprechenden Fortbildung zu dem Thema Diversität/Queerness. Führen Sie z. B. Ergebnisse der IMAG an. Durch eine entsprechende Fortbildung werden Unsicherheiten und Befangenheiten abgebaut und es kann Diskriminierungen besser begegnet werden.

