Keynote im Namen des LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt bei der Regenbogenfamilienkonferenz 2026
Christian Gladel (Bundesvorstand) und Kerstin Thost (Pressesprecher*in)

Liebe Kolleg*innen, liebe Regenbogenfamilien, liebe queere Familie, und vor allem liebe Kinder,
wir freuen uns sehr, euch heute im Namen des Bundesvorstandes des LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt bei der Regenbogenfamilienkonferenz 2026 begrüßen zu dürfen.
Wir freuen uns zusammen mit euch auf eine verbindende, empowernde und schöne Konferenz. Es ist etwas ganz Besonderes, dass wir als Regenbogenfamilien ein Wochenende in einem geschützten Raum zusammen verbringen können.
Das allerdings zu politischen Zeiten, die für lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und intergeschlechtliche, a_spec sowie weitere queere Menschen gerade alles anders als rosig erscheinen.
Und bevor wir darauf etwas mehr eingehen, vielleicht noch kurz ein Wort an alle Kinder hier im Saal: Es kann sein, dass manche Dinge, die wir heute benennen, heftig klingen und vielleicht auch ein bisschen Angst machen. Ihr dürft euch aber sicher sein, dass wir hier in einem sicheren Raum für uns alle sind und dass eure Eltern wir alles dafür tun, dass wir uns alle als Regenbogenfamilien in Zukunft weiterhin sicher und geborgenen in Deutschland und Europa fühlen können. Dass wir heute alle hier zusammengekommen sind,ist ein tolles Signal, dass wir zusammen stark sind!
Die politische Situation für LSBTIAQ* in Deutschland macht bestimmt vielen von euch, auch uns, an manchen Tagen Angst. In den letzten Jahren haben sich die offiziellen Zahlen queerfeindlicher Hasskriminalität verzehnfacht! Dabei gehen wir davon aus, dass die Dunkelziffer noch deutlich höher ist.
Die tägliche Gewalt gegen queeres Leben reicht von Beleidigungen gegen händchenhaltende Paare und Mobbing in der Schule, über gezielte Übergriffe über Dating-Apps bis hin zu dem erschütternden islamistischen Anschlag auf unsere CSD-Demonstration für die Gleichberechtigung von LSBITAQ* in Berlin. Die Tat wurde instrumentalisiert, es ging sehr viel um den Täter, und sehr wenig um die betroffene queere Community. Ein weiteres Mal wurden wir uns unsere Anliegen unsichtbar gemacht. Dabei war dieser Anschlag die Spitze queerfeindlicher Gewalt.
Fundamentalismus bedroht queeres Leben: Im letzten Jahr war mehr als jede dritte Christopher-Street-Day-Demonstration sogenannten Gegendemonstrationen durch Rechtsaußen ausgesetzt, queere Gedenkstätten und Community-Orte werden immer öfter verunstaltet. Das ist für uns nicht weniger als ein sicherheitspolitisches Staatsversagen.
Die aktuelle Queerpolitik der Bundesregierung bringt bis jetzt beispielsweise mit der Beendigung des Aktionsplans „Queer leben“ oder maßgeblichen Veränderungen bei „Demokratie leben!“ eher Rück- als Fortschritte mit sich. Die Forderungen der Community, wie die einer nachhaltigen finanziellen Förderung von Aufklärungsprojekten, werden seit Jahren nicht gehört, nicht mal nach dem Anschlag in Berlin.
Dabei gäbe es so viel zu tun: Wir setzen uns u.a. ein für einen zielgerichteten Kampf gegen Queerfeindlichkeit der politischen Verantwortlichen zusammen mit der Zivilgesellschaft, den Schutz für queere Geflüchtete, eine wirksame Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes, sowie die Ergänzung von Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes explizit um den Schutz von allen LSBTIAQ*. Gerade die Absicherung unserer Rechte im Grundgesetz erscheint uns angesichts des akuten Rechtsrucks wichtiger denn je. Zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik stellt eine vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte und queerfeindliche Landespartei den Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt.
Besonders seit der öffentlichen Debatte um das Selbstbestimmungsgesetz für trans*, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen im Jahr 2022, haben wir gesehen, dass queeres Leben auch immer öfter durch Desinformationen in seiner Existenz grundsätzlich infrage gestellt wird. TIN* sind von der eskalierenden queerfeindlichen Gewalt ganz besonders betroffen. In Baden-Württemberg steht uns eine diskriminierende neue Melde-Verordnung ins Haus, die Daten über TIN* Personen in nicht verfassungsmäßiger Weise weitergeben soll. Das kritisieren wir und unser Landesverband in einem breiten Bündnis und versuchen weiterhin, diese in den Communitys Verunsicherung stiftende Rechtsänderung nicht in Kraft treten zu lassen. Ich hoffe, ihr habt die Petition dagegen unterschrieben, das ist auch möglich, wenn ihr nicht in Baden-Württemberg lebt.
Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, queeres Leben und Hoffnung weiterhin laut und sichtbar sein zu lassen, auch wenn es bei dem uns entgegenkommenden Hass und Gegenwind nicht leichter wird. Denn es gibt auch noch positive Zeichen in dieser Zeit: Der europäische Gerichtshof hat erst in diesem Jahr die Rechte von trans* Menschen massiv gestärkt: Die in einem Mitgliedstaat geänderten Vornamen und der Geschlechtseintrag müssen in allen Mitgliedsstaaten anerkannt werden! 2026 finden mehr CSDs in Deutschland stattg als je zuvor. Queere Menschen und ihre Verbündeten erringen wichtige Ämter wie das Bürgermeisteramt in mehreren Städten. Queere Communitys weltweit schaffen tagtäglich hoffnungsvolle Zeichen des Zusammenhalts besonders in Krisenzeiten. Und wir schließen uns auch erfolgreich mit anderen diskriminierten Gruppen in breiten Bündnissen zusammen, wie zum Beispiel bei „Zusammen für Demokratie“.
Für uns im LSVD⁺ Bundesverband ist klar: Wir sind weiterhin laut und sichtbar für queere Menschenrechte, in der Öffentlichkeit, in den Medien und gegenüber politischen Verteter*innen. Wir stehen Desinformation und Instrumentalisierung unter anderem mit unserer Projektarbeit und als größte politische Interessenvertretung für Queers in Deutschland entgegen.
Und natürlich setzen wir uns dabei für die Situation von Regenbogenfamilien ein – der Grund, warum wir alle heute hier sind.
9 Jahre nach der Eheöffnung ist das Familien- und Abstammungsrecht noch weit davon entfernt, der gelebten Familienvielfalt gerecht zu werden. Wenn ein Kind in eine Ehe zwischen einer Frau und einem cis Mann geboren wird, wird der Ehemann automatisch rechtlicher Elternteil. Das gilt auch, wenn er gar nicht der Erzeuger ist. Wird ein Kind dagegen in eine verheiratete Zwei-Mütter-Familie oder Familien mit nicht-binären Elternteilen geboren, gilt diese automatische Zuordnung nicht. Der nicht gebärende Elternteil muss noch immer den Weg über die Stiefkindadoption gehen – ein Verfahren, das langwierig, stigmatisierend und für die betroffenen Familien schlicht unnötig ist.
Schon vor fünf Jahren haben Gerichte verschiedener Instanzen anerkannt, dass die Beschränkung auf einen „männlichen“ zweiten Elternteil die Grundrechte von Kindern und Eltern verletzt. Es darf nicht vom Geschlecht des Elternteils abhängen, ob ein Kind ab Geburt abgesichert ist oder nicht!
Mittlerweile liegen dem Bundesverfassungsgericht ganze sieben Normenkontrollen und eine Verfassungsbeschwerde vor. Ein Erfolg der „Nodoption“-Familien. Doch das höchste deutsche Gericht entscheidet nicht – und auch politisch steht die Reform still. Wir alle wissen: Dieser Zustand gefährdet das Kindeswohl.
Familien besteht aus Verantwortung, Fürsorge, Bindung und gelebter Elternschaft. Deswegen haben wir uns im Gesetzgebungsverfahren zu sogenannten „missbräuchlichen Vaterschaftsanerkennungen“ immer wieder gegen eine weitere Biologisierung ausgesprochen. Wir fordern stattdessen unter anderem Rechtssicherheit für geplante Familiengründungen und die Möglichkeit, einvernehmliche Mehrelternschaften rechtlich abzusichern. Derzeit entwickeln wir unsere Verbandsposition zum komplexen Thema der Leihschwangerschaft – oft auch „Leihmutterschaft“ – weiter. Wir haben darüber hinaus Stellung zur Reform des Kindschaftsrechts bezogen. Obwohl einzelne Verbesserungen zu begrüßen sind, reicht es nicht, einzelne Symptome zu korrigieren oder sogar zu verschlimmbessern.
Wir brauchen eine umfassende Reform des Abstammungsrechts, welche die vielfältige Realität von Regenbogenfamilien endlich widerspiegelt soll. Deswegen bauen wir gemeinsam mit Bündnispartner*innen immer wieder öffentlichen Druck für die Gleichstellung von Regenbogenfamilien auf – zuletzt mit einer Petition zur Abstammungsrechtsreform, die innerhalb weniger Tage 100.000 Menschen mobilisiert hat. Damit wollen wir Frau Bundesjustizministerin Hubig in ihrer Position zur Abstammungsrechtsreform bestärken und an den Reformbedarf erinnern.Das politische Taktieren zwischen Bundesregierung und Bundesverfassungsgericht muss ein Ende haben.
Ebenso wenig ist die Mehrelternschaft rechtlich abgesichert in Deutschland. Hier hat das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil vom 9. April 2024 zwar rein rechtlich dem Gesetzgeber die Möglichkeit eröffnet, die Mehrelternschaft gesetzlich zu regeln. Allerdings gab es bis jetzt keine politischen Bestrebungen, diese gelebte queere Familienrealität abzusichern.
Es geht um die Familien, die jeden Tag leben, lieben, füreinander Verantwortung übernehmen und füreinander da sind – unabhängig davon, ob das Recht ihre Familienrealität bereits anerkennt. Trotz und gerade wegen der aktuellen politischen Lage ist diese Konferenz als sicherer Raum für Regenbogenfamilien und ihre Verbündeten wichtiger denn je.
Vielen, vielen Dank an den LSVD Baden-Württemberg und das Orga-Team der Regenbogenfamilienkonferenz 2026! Wir wissen und schätzen es, dass hier eine Menge schwere Arbeit in die Vorbereitung der Konferenz geflossen ist! Ohne diese harte Arbeit könnten wir dieses Wochenende nicht gemeinsam verbringen.
In dem Sinne wünschen wir euch eine inspirierende und bereichernde Regenbogenfamilienkonferenz, aus der wir alle gestärkt und motiviert nach Hause gehen. Wir freuen uns auf ein gemeinsames Kennenlernen und regen Austausch, z.B. in unseren Workshops.
Vielen Dank.

