"Er fehlt mir unsagbar!"

Rede von Bundesvorstand Günter Dworek zur Trauerfeier für Manfred Bruns

Ich habe Manfred vor fast 35 Jahren kennengelernt, 25 Jahre waren wir gemeinsam im Bundesvorstand des LSVD. Er hat unseren Verband mit aufgebaut und geführt. Noch im September hat er vom Krankenbett aus für den LSVD die letzte Stellungnahme zu einem Gesetzentwurf verfasst. Am 22. Oktober ist er gestorben.

Liebe Gäste, liebe Freundinnen und Freunde,

2012 haben wir eine Festschrift zu Ehren von Manfred Bruns veröffentlicht. In Ihrem Grußwort haben Sie, liebe Christine Lüders, als Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes damals geschrieben: „Manfred Bruns verwirklicht Tag für Tag, was … in Sonntagsreden gern gefordert … wird“.

So ist es. So war er. Mit seinem jahrzehntelangen Engagement, seiner Hartnäckigkeit, seinem juristischen Scharfsinn und seiner Integrität hat er unsere Gesellschaft freier, gerechter und lebenswerter gemacht. Und er tat das im Großen wie im Kleinen. Und mit dem nur scheinbar „Kleinen“ will ich anfangen, mit seiner unendlichen Hilfsbereitschaft. Von früh bis spät saß er am Computer und am Telefon, hat Menschen beraten und gegen Diskriminierung unterstützt. Das ging von kleinteiligen Themen bis zu existenziellen Fragen: Wie ist es mit der Absicherung meines Partners im Alter? Darf die katholische Kita mich kündigen, weil ich mit einer Frau zusammenlebe? Werde ich als Verfolgter anerkannt oder muss ich in das Land zurück, wo mir Gefängnis, Folter und Tod drohen?

Manfred Bruns hat Geflüchtete gerettet durch seine Interventionen, er hat zahllosen Menschen geholfen durch fachlichen Rat auch in den entlegensten und schwierigsten Rechtsfragen - aber oft einfach auch durch menschlichen Zuspruch, durch die Ermutigung, sich eben nicht entmutigen zu lassen, wenn man bei Behörden ignoriert oder bei Gericht abgewimmelt wurde. Gerade auch aus dieser Arbeit für hilfesuchende Menschen speiste sich sein rechts- und gesellschaftspolitisches Engagement.

Manfred war einer der wichtigsten Wegbereiter einer liberalen AIDS-Politik in der Bundesrepublik. Man kann kaum ermessen, wieviel unnötiges Leid vermieden wurde, wie viele Leben dadurch gerettet wurden, dass damals in den 1980er Jahren eine Politik der Prävention statt Repression durchgesetzt werden konnte. Als Sachverständiger in der AIDS-Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags hat Manfred Bruns hierfür zentrale Leitlinien formuliert, Mehrheiten organisiert und diesen zum Durchbruch verholfen.

Ich habe Manfred vor fast 35 Jahren kennengelernt, 25 Jahre waren wir gemeinsam im Bundesvorstand des LSVD. Er hat unseren Verband mit aufgebaut und geführt. Noch im September hat er vom Krankenbett aus für den LSVD die letzte Stellungnahme zu einem Gesetzentwurf verfasst. Am 22. Oktober ist er gestorben. Es für mich nach wie vor unfassbar, dass ich nicht mehr einfach zum Hörer greifen kann, um mit Manfred Dinge zu besprechen und gemeinsam durchzudenken. Er fehlt mir unsagbar.

Für sein Engagement erhielt Manfred bedeutende Auszeichnungen: das Bundesverdienstkreuzes, den Preis der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und viele Ehrungen aus der Community. Bei allen diesen Ehrungen hat er immer betont, dass er die Erfolge, die gesellschaftlichen Fortschritte nicht alleine bewirkt habe, sondern immer Mitstreiterinnen und Mitstreiter hatte. Das stimmt, aber stimmt eben doch nicht ganz. Von all den Mitstreiterinnen und Mitstreitern der ganzen Jahrzehnte hätte niemand wirklich Manfreds Rolle einnehmen können. Damit meine ich gar nicht zu allererst dieses unfassbare und einzigartige Arbeitspensum, mit dem er Rat und Hilfe leistete, unzählige Gesetzentwürfe, Stellungnahmen und Fachaufsätze verfasste und eine juristische Datensammlung anlegte, aus der sich bis heute die ganze Fachwelt bedient. Ich meine vor allem: Es gab niemand sonst, der dieses soziale Kapital als erfolgreicher Jurist und hoher Beamter mitbrachte, und der die Bereitschaft und Fähigkeit hatte, dieses Kapital auch einzusetzen für die Anliegen von Menschen, die viele seiner Berufs- und Standesgenossen geradezu als abseitig empfanden.

Es gab nur einen Manfred Bruns. Er hat durch sein Beispiel verkörpert, dass die Verhältnisse eben doch nicht so fest gemauert sind, dass im demokratisch verfassten Rechtsstaat gerade das Recht ein Mittel der Veränderung sein kann und dass es kein Schicksal ist, dass die einen sozusagen gottgegeben drinnen den Ton angeben und andere für immer draußen bleiben müssen.

Er hat Türen aufgestoßen, gegen die wir ohne ihn noch viel länger hätten anrennen müssen. Besser gesagt, er hat Türen aufgestemmt – denn es gab ständig, zu jeder Zeit und zu jedem LSBTI-Thema hinhaltende Widerstände. Die hat er beharrlich überwunden - scharf in der Sache aber fast immer entwaffnend freundlich im Ton und mit trockenem rheinischem Humor. Nur wenn die Einwände gar zu plump oder zu gehässig waren, konnte er auch mal heiligen Zorn zeigen und laut werden – freilich, um gleich danach einen Einigungsvorschlag auf den Tisch zu legen.

So haben wir ihn erlebt - bei unzähligen Veranstaltungen, auf Podien, auf Verbandstagen oder Kirchentagen, bei Anhörungen im Bundestag und in Landtagen oder bei Verhandlungen vor dem Bundesverfassungsgericht. Er war über Jahrzehnte unsere Stimme. So hat Manfred Bruns gesellschaftliche Veränderungen zustande gebracht, die vor dreißig Jahren buchstäblich unvorstellbar waren: Die endgültige Abschaffung des menschenverachtenden § 175 im Jahr 1994 und schließlich auch die rechtliche Rehabilitierung der Opfer dieses Unrechtsparagraphen. Er hat das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz mit auf die Schiene gesetzt und ebenso die Anerkennung von Regenbogenfamilien im Recht. Er hat intensiv daran gearbeitet, dass auch Trans*- und Inter*-Personen endlich einen anerkannten Platz in unserer Rechtsordnung erhalten.

Und natürlich war da das Thema der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Hier hat er sich auch durch schlimme Rückschläge nicht entmutigen lassen, z.B. als 1993 eine Kammer des Bundesverfassungsgerichts noch meinte, unsere Rechte hätten „keine grundsätzliche verfassungsrechtliche Bedeutung“. Ich sehe Manfred heute noch vor Augen, wie er neun Jahre später in der historischen Verhandlung zum Lebenspartnerschaftsgesetz vor dem Bundesverfassungsgericht ein großartiges Plädoyer hielt. Und wir haben gewonnen. Als Manfred Bruns in den 1980er Jahren diesen Kampf aufnahm, galt gleichgeschlechtliches Zusammenleben der Rechtsordnung noch als „sittenwidrig“. Am Endpunkt steht die Ehe für alle, die der Bundestag schließlich mit 62% Mehrheit beschlossen hat.

Manfred hat im Frühjahr diesen Jahres eine schwere Lungenentzündung bekommen, von der sich nicht mehr richtig erholen konnte. Ende April hatte ich ihn und seinen Mann Axel zum letzten Mal bei ihnen zuhause in Karlsruhe besucht. Wir haben ein sehr langes Gespräch geführt, in dem Manfred immer wieder auf seine Lebensbilanz zu sprechen kam. Das ist uns heute vielleicht ein kleiner Trost: Er hat mit Stolz und großer Befriedigung auf das Erreichte geblickt. Er hat in der Bilanz sich und sein Leben als sehr glücklich beschrieben.

Etwas ist mir aus diesem Gespräch besonders in Erinnerung: Manfred hat sich diebisch darüber gefreut, für trans* Personen einen rechtlichen „Schleichweg“ gefunden zu haben, von dem er glaubte, dass sie darüber zu ihrem Recht kommen könnten - trotz der Blockaden aus dem Bundesinnenministerium. Denn er war kein Lobbyist in eigener Sache. Er hat Anteil angenommen, an den Sorgen, Nöten und Leiden anderer. So ist er vom Bundesanwalt zum Anwalt der Bürgerrechte geworden – ein großer Humanist im breitesten Sinne.

Deshalb war er auch Gründungsstifter der Hirschfeld-Eddy-Stiftung, die sich für LSBTI einsetzt, deren Menschenrechte in vielen Staaten dieser Welt weiterhin mit Füßen getreten werden. Hier in unserem Land hat Manfred Bruns Teilhabe erkämpft, wo zuvor Ausgrenzung die Regel war. Er hat Respekt geschaffen, wo zuvor Missachtung und oft sogar Verachtung herrschte. Er hat Recht geschaffen, wo vorher Rechtlosigkeit war.

Liebe Gäste, liebe Freundinnen und Freunde, wir haben nicht nur einen Mitstreiter, einen Vorkämpfer verloren, sondern vor allem einen engen und lieben Freund. Im Andenken an diesen so großherzigen, so klugen und einfach wunderbaren Menschen sind wir heute zusammen gekommen. Wir verneigen uns in tiefer Dankbarkeit vor seiner unglaublichen Lebensleistung.

Humanität, Respekt, verbriefte Bürgerrechte – das ist Dein Vermächtnis, lieber Manfred. Und wir versprechen Dir: Wir werden dieses Vermächtnis wahren und ausbauen, denn wir haben noch lange nicht fertig. Wir werden uns wehren gegen all diejenigen, die uns wieder in dunkle Ecken der Unsichtbarkeit zurückdrängen, die uns wieder entrechten wollen. Und wir werden auch diesen Kampf gewinnen. Dich, lieber Manfred, Dich vermissen wir unendlich. Du bleibst immer ein Teil von uns.