Menu
Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

Wir sind weder beeinträchtigt noch überfordert, Herr Bischof Oster

Offener Brief des LSVD Bayern

Pressemitteilung vom 04.01.2021

München, 04. Januar 2021. Die Predigt des Passauer Bischofs Stefan Oster, welche dieser am 27.12.2020 zum Fest der Heiligen Familie im Passauer Dom unter dem Motto „Ist die klassische Familie heute noch das Normale?“ hielt, hat in den vergangenen Tagen für Empörung und Unverständnis gesorgt.

Wir vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD) Bayern wollen und können die Aussagen der Predigt von Bischof Oster nicht einfach unwidersprochen hinnehmen. Für uns als Bürger*innenrechtsorganisation, die sich seit Jahrzehnten für die Rechte von queeren Menschen einsetzt, sind die wiederholten Aussagen von Bischof Oster in seiner Predigt zu Intergeschlechtlichkeit, trans* Menschen und Homosexualität klar zu verurteilen. Sie verletzen viele queere Menschen in ihrem Recht und Bedürfnis auf Akzeptanz und Freiheit. In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass Bischof Oster bereits in der Vergangenheit mit diversen Aussagen lesbische, schwule, bi- und trans* und inter* und queere Menschen (LSBTIQ) öffentlich aufgefallen ist.

Nun aber zu seiner Predigt vom 27.12.2020:

Als LSVD widersprechen wir in aller Deutlichkeit und Konsequenz den Ausführungen von Bischof Oster u.a., das Intergeschlechtlichtkeit eine Krankheit wie ein „Herzfehler“ sei und eine „Beeinträchtigung“ für die Betroffenen darstelle, denen etwas fehle. Auch dass eine „völlige“ Transition von trans* Menschen von ihm infrage gestellt wird, obwohl er nach eigenen Angaben „nur ganz geringe persönliche Erfahrung mit solchen Menschen habe“ und er nicht über trans* Menschen urteilen möchte. Im weiteren Verlauf seiner Predigt äußerte Bischof Oster auch noch, dass es sich bei Homosexualität um eine „Neigung“ handle, die man normalerweise zwar „nicht gewählt“ hätte, aber bei der man spüre, „dass bei diesem Akt […] etwas nicht passt“ und das Ausleben dieser Neigung eine Sünde ist. Auch diese Position ist zu verurteilen. Denn gerade Homosexuelle katholischen Glaubens, werden hier in einen schier ausweglosen persönlichen Konflikt zwischen Glauben und persönlicher Freiheit gezwungen.

Dass die katholische Kirche in ihrer Lehre und als Institution, und insbesondere Bischof Oster, sich mit der Akzeptanz und Freiheit queerer Menschen grundsätzlich schwer tut, ist ein offenes Geheimnis. Als LSVD Bayern werden wir es aber nicht stillschweigend hinnehmen, dass Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer geschlechtlichen Identität ausgegrenzt, herabgewürdigt oder verletzt werden. Wir kritisieren daher auch die Aussage von Bischof Oster, dass Homosexuelle, die seiner Ansicht nach „weder verstehen können, noch wollen;“ aus seiner Sicht lediglich „mit der Forderung der Lehre schlicht überfordert“ seien, denn dies führe zu einer Schuldzuweisung in Richtung der Homosexuellen, und nicht zu denen, die sie ganz offen diskriminieren und ihnen Anerkennung verwehren.

Der LSVD widerspricht an dieser Stelle auch ganz deutlich dem Vorwurf Bischof Osters, dass Kritik an seinen Thesen und der Haltung der Kirche inzwischen „von solchen politischen Kräften vereinnahmt sei, die andererseits nicht automatisch mit christlicher Menschenfreundlichkeit gegenüber jedem Menschen glänzen.“. Damit bringt sich Bischof Oster, und alle, die seine Ansichten teilen, in eine Opferrolle, die ihnen nicht zusteht, denn die Menschen, die sich für die Rechte von queeren Menschen einsetzen, wollen ganz sicher nicht, dass Personen „ins Abseits geraten, wenn sie einfach nur an ihrem katholischen Glauben festhalten wollen – mit dem auch vom Glauben her gewohnten und uns überlieferten Blick auf Familie…“. Sie wollen aber, dass queeren Menschen seitens der Katholischen Kirche und ihrer Vertreter ebenso Anerkennung und Respekt entgegengebracht wird, auch wenn man es selbst vielleicht nicht versteht oder nachvollziehen kann.

Nächstenliebe und Respekt sind gerade in diesen Zeiten keine Einbahnstraße, sondern müssen von allen, die es für sich einfordern oder predigen, auch gelebt werden.

Für den LSVD Bayern

Irene Löffler Alexander Irmisch Herbert Lohmeyer

Hintergrund

LSVD Bayern

Pressekontakt

Pressesprecher*in Markus Apel

LSVD Bayern e.V.
c/o Sub e.V.
Müllerstraße 14
80469 München

E-Mail: bayern@lsvd.de