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Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

SPD versagt bei Parteinahme für queere Menschen

Fassungslose Farce bei SPD-Grundwertekommission und Kulturforum der Sozialdemokratie: Sandra Kegel zu Gast bei jour fixe

Pressemitteilung vom 19.02.2021

Die Grundwertekommission der SPD und das Kulturforum der Sozialdemokratie hatten bei ihrem gestrigen Jour Fixe „Kultur schafft Demokratie“ die FAZ-Feuilletonchefin Sandra Kegel zu Gast. Dabei wurde deutlich: Die Parteinahme und Verteidigung von queeren Menschen scheinen offensichtlich nicht zu den Grundwerten der SPD zu gehören. Anders lässt sich das, was dann unter der Moderation von Gesine Schwan als Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission geschah, nicht erklären (ab Minute 38).

In ihrem in der FAZ erschienenen Beitrag attackierte Sandra Kegel die Kampagne #actout, bei der sich 185 lesbische, schwule, bisexuelle, trans oder nicht-binäre Schauspieler*innen gemeinsam outeten, um die Situation von queeren Schauspieler*innen auf die Agenda der Branche zu setzen sowie mehr Diversität im Film, Fernsehen und Theater einzufordern. Kegel warf den Beteiligten dabei nicht nur vor, zu lügen und eine überhaupt nicht vorhandene Diskriminierung anzuprangern. Vielmehr bezichtigte Kegel diese auch, mit kalkuliertem Betrug und der Instrumentalisierung von LSBTI-Feindlichkeit nach Aufmerksamkeit zu heischen und zu versuchen, sich einen unverdienten Vorteil zu erschleichen. Ihr Fazit: „Bei einer Rolle übergangen zu werden mag ärgerlich sein und sicherlich auch kränkend, aber lebensgefährlich ist das nicht.“ Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Solange Diskriminierung und Abwertung nicht lebensbedrohlich sind, sollte man sich eher nicht beschweren.

Da Sandra Kegel als Journalistin und Literaturkritikerin seit Jahrzehnten mit Sprache arbeitet, trauen wir ihr zu, ihre Worte mit Bedacht und Präzision zu wählen. Man muss es schon deutlich sagen: Aus diesen Zeilen spricht eine Verachtung und Boshaftigkeit für LSBTI, die fassungslos machen muss.

Trotzdem war man sich innerhalb der SPD-Grundwertekommission und dem Kulturforum der Sozialdemokratie weiterhin nicht zu schade, die Einladung an Kegel aufrechtzuerhalten. Nach tagelangem, hartnäckigem Engagement waren die Verantwortlichen lediglich bereit, diesen Artikel in dem jour fixe zum Thema zu machen. Man gestand Heinrich Horwitz und Bettina Hoppe von #actout sowie dem Autor und Blogger des Nollendorfblogs Johannes Kram zu, den Angriff von Kegel anzusprechen, und lud diese in die Sendung. Was dann geschah war so unverständlich wie schwer auszuhalten.

So wollte Kegel ihren Artikel zu #actout unter anderem als „Ideologiekritik“ verstanden wissen. Zu der Verunglimpfung und dem Betrugsvorwurf gesellte sich nun also noch die Diffamierung der Bemühungen um Gleichstellung als „Ideologie“. Damit bedient sich Kegel nun tatsächlich auch rechtspopulistischen bis rechten Kampfbegriffen, die regelmäßig in AfD-Reden oder den Auseinandersetzungen in Polen verwendet werden, wenn dort vor vermeintlicher „Gender-Ideologie“ oder „LGBT-Ideologien“ gewarnt wird. Die drei Eingeladenen kritisierten die Vorwürfe Kegels deutlich. Eindrucksvoll berichteten sie von ihren Erfahrungen und erzählten von ihrer Wut und ihrem Schmerz angesichts der Negierung ihrer Erfahrungen und der Unterstellung, Diskriminierung zu erfinden, weil sie lediglich Aufmerksamkeit bekommen wollen. Heinrich Horwitz, nicht-binäre Schauspieler*in, wurde dabei von den Verantwortlichen konsequent falsch angekündigt und angesprochen. Schon das erste Indiz dafür, wessen Wünsche in der Veranstaltung respektiert wurden.

Im Verlaufe des Gesprächs war es dann nicht Kegel, die sich für ihre Verleumdung und schwerwiegenden Vorwürfe rechtfertigen musste, sondern die Betroffenen. Sie wurden beschuldigt, Kegel mundtot machen zu wollen. Dabei waren es letztlich sie, die aus dem Talk rausgeworfen wurden.

Ausgerechnet in der SPD-Grundwertekommission haben die Verantwortlichen klargemacht, auf wessen Seite sie stehen und wer mit ihrer Unterstützung rechnen kann: Es sind nicht die Betroffenen. Aber die Verantwortung reicht weiter. Es war eine Veranstaltung der SPD, auf dem Kanal ihrer Zeitschrift „vorwärts“. Viele hochrangige SPD-Politiker*innen wie etwa Generalsekretär Lars Klingbeil waren informiert und nahmen die Sorgen nicht ernst. Gestern Abend wurde klar, dass viele in der SPD Homophobie und Transfeindlichkeit lieber leugnen, kleinreden oder verharmlosen statt diese deutlich zu kritisieren und für die Menschen hinter #actout und queere Menschen Partei zu ergreifen. Die regelmäßigen Beteuerungen auf der Seite der queeren Community zu stehen sind nichts wert. Hier hat die SPD versagt.

Im Endeffekt wiederholten die SPD-Verantwortlichen genau die perfide Argumentation von Sandra Kegel: Queere Menschen sollen sich mal nicht so haben. Der Angriff von Sandra Kegel war zwar in einem der wichtigsten und größten Tageszeitungen Deutschlands. Aber war ja nicht lebensgefährlich.

Als LSVD fordern wir ein glaubwürdiges Aufarbeiten innerhalb der Partei. Wie konnte dieser Talk so stattfinden? Die SPD-Verantwortlichen sollten bei den Redner*innen, bei #actout und der queeren Community, um Entschuldigung bitten, die durch diesen Auftritt entstandenen Wunden anerkennen und sich mit lsbti-feindlicher Diskriminierung ernsthaft auseinandersetzen.

Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) ist ein Bürgerrechtsverband und vertritt Interessen und Belange von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTI). Menschenrechte, Vielfalt und Respekt - wir wollen, dass LSBTI als selbstverständlicher Teil gesellschaftlicher Normalität akzeptiert und anerkannt werden.

LSVD-Bundesverband

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Pressesprecher*in Markus Ulrich

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